Marieluise oder Frieda?

Hintere Reihe: Toby (l.) und Kevin Schmutzler (Regisseure) | Vordere Reihe: (v. l.) Caroline Muhl (Produzentin), Michael Croce (Drehbuchautor) und Andreas Betz (1. Vorsitzender der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft)

Sie wäre bestimmt ein rauschendes Fest geworden – die Premiere des Films „Über die deutsche Frau“ der beiden Ingolstädter Regisseure Kevin und Toby Schmutzler, der im Auftrag der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft gedreht wurde. Geplant war sie Mitte März, gemeinsam mit der Wiedereröffnung des neu renovierten Fleißerhauses. Aus beidem wurde nichts, denn wie so oft in diesem Jahr funkte Corona dazwischen und zwang die Organisatoren, die Veranstaltung zu verschieben. Der „Fleißer-Tag“ fand nun rund sieben Monate später und unter strengen Hygienevorschriften statt. Gefeiert wurde der Film trotzdem – wenn auch corona-bedingt ein bisschen leiser.

Nachdem bereits am Nachmittag das Fleißerhaus nach mehrjähriger Renovierung geladenen Gästen mit einem Festakt vorgestellt wurde, präsentierte die Marieluise-Fleißer-Gesellschaft am Sonntagabend den eigens für das neu konzipierte Museum gedrehten Streifen der Schmutzler-Brüder im Ingolstädter Cinestar – ebenfalls ausschließlich für geladenes Publikum. Zwei Kinosäle waren coronakonform mit auf Abstand sitzenden Zuschauern gefüllt, das ausverkaufte Event fand in einem Vorführraum „real“ statt und wurde in den anderen live übertragen.

Andreas Betz, 1. Vorsitzender der Fleißer-Gesellschaft war bei der Begrüßund der Gäste erleichtert, dass die Veranstaltung überhaupt stattfinden konnte und freute sich über das große Interesse: „Wir haben das Gefühl, dass eine neues Kapitel der Rezeption der Fleißer in Ingolstadt stattfindet“, sagte er, bevor er das Wort an Kulturreferent Gabriel Engert übergab: „Während im Fleißerhaus versucht wird, mit musealen Mitteln das Leben, Wirken und Werk Fleißers nachzuzeichnen, ist der Film der Versuch junger Menschen, nämlich der Schmutzler-Brüder und ihrer Crew, sich mit dem Leben der Fleißer zu beschäftigen. Es wird interessant sein zu sehen, wie der junge Blick auf die Fleißer aussieht“, meinte Engert in seiner Rede. Die Themen der Schriftstellerin seien nach wie vor aktuell, beispielsweise die Geschlechterrollen, das damit verbundene Verhältnis zwischen Mann und Frau sowie die subtilen Unterdrückungsmechanismen und die Gewalt, denen Marieluise Fleißer ausgesetzt war. „Jetzt sind wir gespannt auf den Film“, schloss er seine Ansprache.

Premierenfeier im Ingolstädter Cinestar

Gespannt waren auch die Schmutzler-Brüder selbst: „Bei der Premiere von ,Robin‘ war der gleiche Saal mit 500 Gästen randvoll – jetzt mussten nicht nur Plätze zwischen den Leuten, sondern auch jede zweite Reihe leer bleiben, so dass es plötzlich nur noch hundert Besucher waren. Deshalb waren wir nicht sicher, ob das funktioniert. Aber ich hatte das Gefühl, dass die Atmosphäre dennoch cool war und jeder einen verdammt schönen Abend hatte“, sagt Kevin.

Und sein Gefühl täuschte ihn nicht. Der rund 25-minütige, kurzweilige Streifen lässt in stimmungsvollen Bildern Marieluise Fleißer lebendig werden, Kulisse, Kostüme, Oldtimer, Einrichtungsgegenstände und Frisuren lassen das Publikum vollkommen in die stimmige Atmosphäre dieser Zeit eintauchen. Gekonnt haben die Schmutzler-Brüder die Straßen und Gebäude rund um den Taschenturm sowie das Gasthaus Daniel in die 30er-Jahre verwandelt.

Wer erkennt die Straße? Der Fleißer-Film lässt ein längst vergangenes Ingolstadt wieder aufleben | Foto: FilmCrew

Die Ingolstädter Regisseure holen aber in ihrem Film nicht nur die Fleißer zurück in ihre Heimatstadt. Auch die „Mehlreisende Frieda Geier“, die Protagonistin eines ihrer Bücher, erscheint auf der Bildfläche und tritt in Interaktion mit Marieluise. Mit einer cleveren Idee veranschaulichen Toby und Kevin Schmutzler, dass Marieluise – selbst von ihrem Verlobten unterdrückt und nicht ernst genommen – gerne so wäre wie die selbstbewusste Frieda: Marieluise kann nämlich Frieda „steuern“! Alles, was sie über Frieda zu Papier bringt, führt diese genauso aus. So kann Marieluise ihre Gedanken und Wünsche aufschreiben – und sie Frieda verwirklichen lassen. Den Schmutzlers ist es mit diesem kleinen, wunderbaren Stück gelungen, neugierig auf „mehr“ über die Fleißer zu machen.

Und wie finden die beiden selbst ihren Streifen? „Wir sind mit dem Ergebnis auf der großen Leinwand echt zufrieden. Unsere größte Sorge war, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln ein authentisches 1930 zu erzielen. Aber dazu haben wir nur positive Rückmeldung bekommen. Schauspieler und Kameramann haben einen super Job gemacht“, freut sich Kevin Schmutzler. „Für uns Ingolstädter Jungs war es cool, die Orte, die man aus der Kindheit kennt, kreativ und visuell umzugestalten.“

Im Anschluss an die Premiere standen die beiden Regisseure, Produzentin Caroline Muhl und Drehbuchautor Michael Croce Moderatorin Leni Brem-Keil Rede und Antwort. Wie denn die Reaktion auf die Anfrage zu dem Filmprojekt ausgesehen habe, will sie wissen: „Das war 2018 und der erste Gedanke war: Cool, mal was in Ingolstadt drehen, was auch in Ingolstadt spielt!“, erzählt Kevin. Und welche Parallelen gibt es zwischen Film und der heutigen Zeit? „Auch wenn manchen das Thema Gleichberechtigung schon zum Hals raushängt, es ist immer noch aktuell. Viele Probleme, die wir in den 20er und 30er Jahren hatten, sind leider immer noch da“, antwortet Caroline Muhl.

Auf die Frage, ob denn die Männer im Film schlecht rüberkämen, sagt Kevin: „Klar kommen die schlechter weg als die Frauen – aber das ist ja so gewollt. Man kann in die Geschichte sehr viel zum Gender-Thema einbauen und es gleichzeitig relativ simpel und filmisch schön darstellen. Vieles ist Fiktion, aber viele kleine Details sind auch genau so passiert.“ Anlass genug für die Filmcrew, auf die – oft immer noch bestehenden Missstände – aufmerksam zu machen. „Außerdem sind die Männer alle Nazis, da darf man ruhig böse rangehen“, ergänzt er mit einem Augenzwinkern.

Von Drehbuchautor Michael Croce wollte Leni Brem-Keil wissen, warum er sich ausgerechnet für die im Film dargestellte Lebensphase von Marieluise Fleißer mit ihrem „Alter Ego“ Frieda Geier entschieden habe. „Die Fleißer hat einfach immer ganz großartige Figuren beschrieben“, erklärt Croce. „Sie hat sich um sie gekümmert, auch wenn sie ihnen immer ganz furchtbare Schicksale angehängt hat. Wir haben dann bemerkt, dass die Probleme von Marieluise sehr verwandt sind mit den Problemen von Frieda Geier. So entstand die Idee, beide gemeinsam an der Lösung arbeiten zu lassen.“

Und was ist nun die Intention des Films? Die „emotionale Ergänzung zu den Informationen, die man sonst so findet“, soll der Film für Kevin Schmutzler sein, „denn Film ist Emotion“. „Mir war es wichtig, gerade Jugendlichen noch einen anderen Blick auf die Autorin zu ermöglichen als nur über ihr Werk“, sagt Caroline Muhl und Michael Croce ergänzt: „Ich hoffe ich sehr, dass Schüler oder junge Erwachsene durch den Film darin bestätigt werden, sich bei dem, was sie machen wollen, nicht reinreden zu lassen, sondern kreativ und hartnäckig ihr Ding durchzuziehen – so wie Marieluise Fleißer.“

Jetzt wünschen sich die Schmutzler-Brüder, mit dem Film „Über die deutsche Frau“ auf Festivals zu kommen, nominiert zu werden oder sogar einen Preis abzuräumen. „Und natürlich soll er der Grund sein, eine halbe Stunde länger im Fleißerhaus zu bleiben!“, sagen die beiden. Dort wird der Film nämlich künftig im Zuge der Dauerausstellung zu sehen sein.

Der Film wird am Samstag, 8. November und am Sonntag, 6. Dezember im Veranstaltungsraum im Fleißerhaus gezeigt. Da die Teilnehmerzahl auf zehn Personen begrenzt ist, wird um telefonische Anmeldung unter 0841 305-1885 gebeten. Der Besuch der Aufführung ist kostenfrei.

Für einen ersten Vorgeschmack gibt es hier den Trailer zum Film:

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