Live Shopping als Corona-Lösung

Lukas Sixt und Moritz Huber – die beiden Tüftler aus der Hallertau wollen mit ihrer App den Einzelhandel digitalisieren

Lukas Sixt und Moritz Huber aus Au in der Hallertau haben mit Lively Shopping eine App entwickelt, die dem Einzelhandel aus der Krise helfen soll. Ihr Rezept: Verkaufsgespräche per Livestreams – könnte so die Digitalisierung des Einzelhandels aussehen?

Wer steckt dahinter?

Lukas Sixt hat als Dualer Student bei Porsche in Stuttgart das betriebswirtschaftliche Handwerk gelernt. Er arbeitete danach von 2018 bis vor kurzem weiter bei Porsche. Jetzt gilt sein ganzer Fokus Lively Shopping. Moritz Huber hat an der THI in Ingolstadt Maschinenbau studiert. Seit 2020 studiert er im Master Automatisiertes Fahren und Fahrzeugsicherheit.

Lukas und Moritz, mit eurer App Lively Shopping haben Einzelhändler*innen die Möglichkeit, ihr Geschäft ins Digitale zu verlagern. Erzählt doch mal, wie die Idee dazu entstanden ist.
Während des ersten Lockdowns wurde deutlich, wie sehr kleinere Händler und Hersteller weiterhin vom Kundenkontakt vor Ort abhängig sind. Gleichzeitig wurde aber auch klar, dass vor allem die großen digitalen Plattformen von der Situation profitieren werden und sich auch das Kaufverhalten der Leute verändern wird. Deshalb haben wir angefangen zu überlegen, wie man den „Kleinen” die Digitalisierung ermöglichen kann. Dabei sind wir auf den Trend Live Shopping aufmerksam geworden, haben jedoch festgestellt, dass dieser bisher einige Hürden für unsere Zielgruppe aufwies. Mit Lively Shopping wollen wir es nicht nur so leicht wie möglich machen, live zu gehen und Produkte zu verkaufen, sondern außerdem einen Marktplatzschaffen, auf dem auch nur solche Anbieter aktiv werden dürfen, die bewussten Konsum fördern.

Corona ist gerade mal ein Jahr alt und eure App ist schon einsatzbereit. Da waren bestimmt einige Nachtschichten im Spiel, oder?
Definitiv. Eine App zu entwickeln ist kein Kindergeburtstag, insbesondere weil unsere App Komponenten aus dem Online Shopping mit Social Media kombiniert. Moritz hat da aber in den letzten Monaten wirklich Bäume ausgerissen und in vielen langen Abenden und Nächten die App programmiert. Das Gute war dabei, dass man ja wegen Corona nichts verpassen konnte und deswegen die Arbeit eine willkommene Aufgabe war.

Wer übernimmt bei euch welche Rolle im Team?
Wie erwähnt haben wir es Moritz zu verdanken, dass innerhalb von einem Jahr die Lively Shopping App in ihrer jetzigen Form existiert. Man kann sagen, dass Moritz der Techie von uns beiden ist. Auf der anderen Seite kümmert sich Lukas darum, dass die App auch vom Markt angenommen wird, Lively Shopping als Marke bekannt und ein solides Unternehmen aufgebaut wird. Außerdem haben wir seit Anfang April drei Werkstudenten bei uns im Team, die als Experten in ihrem Gebiet die Weiterentwicklung von Lively Shopping beschleunigen. Neben einer User Experience Designerin haben wir Experten für die Themen Nachhaltigkeit und Digital Marketing engagiert.

Man könnte es auch als Teleshopping Online beschreiben. Nur ist Lively Shopping eben jünger, persönlicher und nachhaltiger. 

Hier geht’s zur
Lively Shopping App:

Was musstet ihr für die Entwicklung der App neu lernen und welche Hürden gab es zu überwinden?
Ziemlich viel. Wir haben bei der Entwicklung der App auf ein relativ neues Format gesetzt, das so noch nicht weit verbreitet ist, jedoch enorme Vorteile in der Umsetzung bietet. Auch bei den anderen Komponenten der App haben wir die modernsten Ansätze realisiert. Damit geht natürlich auch einher, dass nicht immer alles auf den ersten Wurf funktioniert. Wir sind mutig und probieren gerne neue Dinge aus. Im Dezember haben wir den ersten Livestream in unserer App veranstaltet. Das ist uns jedoch ziemlich um die Ohren geflogen, weil wir dem Ansturm nicht gerecht werden konnten. Bis Anfang März haben wir dann immer weiter an der App gefeilt, bis letztendlich alles so funktioniert hat, wie wir uns das vorstellen.

Schauen wir uns die App genauer an. Wie läuft ein solcher Verkaufs- oder Beratungs-Livestream üblicherweise ab?
Bevor man etwas kauft, kann man als Kunde auch Fragen stellen und sich mit dem Anbieter direkt im Livestream austauschen. Gleichzeitig bekommt man natürlich auch mit, was die anderen Zuschauer beitragen, sodass es keine starre, anonyme Verkaufsshow ist, sondern vielmehr ein Austausch zwischen Leuten. Man könnte es auch als Teleshopping Online beschreiben. Nur ist Lively Shopping eben jünger, persönlicher und nachhaltiger. Wenn ich mein Wunschprodukt gefunden habe, wähle ich es ganz einfach im Livestream aus und kann es – insofern ich bereits angemeldet bin – direkt mit einem Klick kaufen. Danach läuft es wie beim klassischen Online Shopping, der Anbieter macht die Bestellung fertig und entweder kann man sie direkt per Click & Collect abholen oder die Produkte kommen nach ein paar Tagen mit der Post.

Wie ist das Feedback der Händler*innen, die die App schon genutzt haben?
Wir merken, dass anfänglich das Thema Live Shopping noch eher skeptisch beäugt wird, da es für viele Anbieter ein neues Thema ist. Nach den ersten ein, zwei Livestreams sagen aber alle, dass es ihnen wirklich Spaß macht und sie immer mehr Selbstvertrauen gewinnen. Um diese Skepsis zu reduzieren, haben wir einen Onboarding-Prozess aufgebaut, wo wir neue Anbieter an die Hand nehmen und bei den ersten Schritten begleiten. Auch unsere Nutzer sagen, dass die App super intuitiv und leicht zu benutzen ist, jedoch die Inhalte der bisherigen Livestreams ausbaufähig waren. Dies haben wir auch in unserem Onboarding-Prozess beachtet und sind nun auf einem guten Weg, den Austausch und das Interesse auf Seiten der Nutzer stärker zu wecken.

Wir sehen auch die digitale Welt in der Verantwortung, sich auf nachhaltige und regionale Produkte zu besinnen.

Wenn ich Lively Shopping als Verkäufer*in nutzen möchte, muss ich erst für die Nutzung zahlen, wenn ich den ersten Umsatz damit mache. Warum habt ihr euch für dieses Modell entschieden?
Als wir Lively Shopping gegründet haben, war uns klar, dass wir ein strukturelles Problem in der Gesellschaft adressieren. Viele Händler haben in der Vergangenheit große Versprechungen erhalten, wie die Digitalisierung ihr Geschäft weiterentwickeln wird. Ganz oft ist dies aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen, da auf dem Weg ins digitale Zeitalter die Persönlichkeit der „Kleinen” verloren geht. Deshalb war es für uns klar, dass wir nur gemeinsam gewinnen können. Das bedeutet, dass wir die Plattform grundsätzlich kostenfrei zugänglich machen, um sich dem Thema Live Shopping zu nähern. Erst wenn unsere Anbieter Umsätze erzielen und die Plattform mehr und mehr für sich nutzen wollen, entstehen den Herstellern und Händlern Umsatz-abhängige Kosten. Wir sehen uns als der Partner der „Kleinen”, deren Zukunftsfähigkeit wir fördern, indem wir ihnen den Fokus auf ihre Produkte und Kunden ermöglichen. Und weil man in einer guten Partnerschaft auf Augenhöhe unterwegs ist, haben wir uns für dieses variable Modell entschieden.

Ihr werbt mit dem Versprechen, nachhaltig zu sein. Warum ist euch Nachhaltigkeit wichtig und wie sorgt ihr dafür, dieses Versprechen einzuhalten?
Nachhaltigkeit ist für uns das Resultat aus bewusstem Konsum. Bewusster Konsum ist eigentlich das Thema, was wir in den Vordergrund heben wollen. Das digitale Zeitalter hat unsere Gesellschaft enorm weiterentwickelt, aber gleichzeitig auch viele Dinge sehr schnelllebig werden lassen. Wie man auch jetzt schon merkt, ist es bereits heute gut jedem Dritten von uns wichtig, nachhaltig einzukaufen. Dieser Anteil wird in den kommenden Jahren noch wesentlich größer werden. Wir sehen deshalb auch die digitale Welt in der Verantwortung nicht durch noch mehr Werbung oder Trends, wie Fast Fashion, immer mehr Konsum zu fördern, sondern sich eher auf nachhaltige und regionale Produkte zu besinnen. Auch sind viele kleine Manufakturen, Hersteller und Händler in Bayern schon heute darauf bedacht, bewusst mit den Ressourcen umzugehen. Wir wollen das belohnen und ihnen eine Plattform geben. Deshalb haben wir einen Prüfungsprozess etabliert, der den Beitrag des jeweiligen Händlers zum bewussten Konsum beleuchtet und damit sicherstellt, dass im ersten Schritt die Werte und das Management an der Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Durch die persönliche Beziehung, die wir in diesem Verlauf zu den Händlern aufbauen, schaffen wir so die Basis, dass auch nur nachhaltige Produkte auf Lively Shopping angeboten werden. Dies kontrollieren wir ebenfalls in regelmäßigen Abständen. Allen anderen bieten wir ein Beratungsangebot, das sie in ihrer Transformation zu einem nachhaltigen Geschäft begleiten wird. Der Trend der Nachhaltigkeit wird schon in wenigen Jahren Voraussetzung sein, dass Produkte gekauft werden. Und damit die „Kleinen” diesen Trend nicht verpassen, unterstützen und fördern wir ein Anpassung an zukünftige Gegebenheiten.

Wo seht ihr euch mit eurer App in 5 Jahren? Es wird für uns vor allem darum gehen, ein attraktives Netzwerk aus Händlern und Herstellern aufzubauen. Damit haben wir bereits angefangen und wollen bis Ende des Jahres bayernweit bekannt sein und Anbieter auf unserer Plattform präsentieren können. In 2022 wollen wir dann auch mit interessierten Anbietern aus ganz Deutschland vermehrt zusammenarbeiten. Ebenfalls ist in weiteren Verlauf geplant, international zu expandieren, da es nicht nur ein strukturelles Problem hierzulande ist. Es gibt aktuell circa 240.000 „kleine” Händler in Deutschland. Wir wollen definitiv unseren Beitrag dazu leisten, dass diese Zahl in fünf Jahren konstant bleibt. Das heißt aber auch, dass wir junge Leute und Menschen, die überlegen eine eigenes Gewerbe aufzubauen, dabei unterstützen, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Denn unsere Mission ist „Lebe deine Leidenschaft”.

Lukas und Moritz, vielen Dank für die Einblicke in eure App und alles Gute für euren weiteren Weg.

Weitere Infos zur App Lively Shopping und den beiden Gründern gibt es hier:
Weitere Themen

Die Oberschenkel brennen schon

Aktuell wird der Körper auf Trainingsfahrten immer wieder auf Betriebstemperatur gebracht. Allzu viel Zeit bleibt den acht Athleten nämlich nicht mehr, um für ihr Vorhaben im Juli zu trainieren, das sie nicht nur körperlich, sondern auch mental fordern wird: 24 Stunden, um eine 450 km lange Strecke von Ingolstadt zum Gardasee per Rennrad zu bewältigen – eine echte Mammutaufgabe! Doch dahinter steckt ein Projekt mit Herz.

Weiterlesen »

„Wir haben gemerkt, dass wir mit weniger glücklicher sind“

Marina und Eugen haben dem Plastik den Kampf angesagt. Während der Pandemie gründeten sie deshalb ihren eigenen Onlineshop palmint, wo sie plastikfreie Alternativ-Produkte in erster Linie fürs Badezimmer verkaufen. Im espresso-Interview sprechen sie über den Moment des Umdenkens, den Weg zum eigenen Shop und das Tabuthema Monatshygiene.

Weiterlesen »

Der König der Street-Art

Er ist der berühmteste Street-Art-Künstler unserer Zeit, seine Motive gehen um die Welt und mit ihnen die gesellschaftskritischen Botschaften, mit denen er auf Missstände hinweist. Jetzt kann man sich Banksys Werke noch bis 4. Juli als Nachbildungen im Münchner Isarforum anschauen. Wir verlosen 3×2 Karten für die Ausstellung.

Weiterlesen »

Wien & Wir

Michael, Stefan & Mopsdame Coco brauchten einen Tapetenwechsel – also zogen sie in die Hauptstadt Österreichs. Ihre neue Wohnung strahlt dank vieler alter Möbelstücke in einem ganz besonderen Look. Wie man aus der Corona-Krise das Beste macht? espresso fragte nach.

Weiterlesen »

„Gleichberechtigung ist das Resultat einer gemeinsamen Anstrengung“

In ihrem Podcast Vitamin F sprechen die beiden Ingolstädterinnen Nicoletta Sabov und Sonsoles Perez vorwiegend über feministische Themen. Auch abseits des Podcasts setzen sie Projekte aus feministischer Perspektive um. Mit espresso sprechen die beiden Frauenrechtlerinnen über Sexismus im Alltag, Ingolstadt als Rekordstadt in Sachen Ungleichheit und ungerechte Stadtplanung.

Weiterlesen »

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.

Scroll to Top