Bauhaus in Bayern und in aller Welt

Die Tankstelle Skovshoved liegt nördlich von Kopenhagen; entworfen: 1936 | Fotos: Jean Molitor

Bauhaus-Ausstellung: Kunsthalle Pfaffenhofen, 25.06. – 07.08.2022

bau1haus – nicht nur ein nettes Wortspiel, sondern auch der Name eines beeindruckenden Projekts und der Beginn einer jahrelangen fotografischen Weltreise durch die Klassische Moderne. Der Mann dahinter: Jean Molitor. Seine Fotografien sind aktuell in der Kunsthalle Pfaffenhofen zu sehen.

Jean Molitor kam schon viel herum. Allein für sein Bauhaus-Projekt bereiste der Fotograf über mehrere Jahre hinweg rund 60 Länder. Seine Spurensuche dauert bis heute an. Was er genau sucht? Molitor geht dem architektonischen Grundmuster des Bauhaus nach. Diese berühmte von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule stellte in den Bereichen Architektur, Kunst und Design vieles auf den Kopf und gilt als Heimstätte der Klassischen Moderne. Für die Architektur bedeutete dieser Wandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts v.a. eine neue Ästhetik und den Einsatz neuer Baumaterialien und Technologien: mit Stahl, Beton und Glas wurden neue, moderne Raumkonzepte geschaffen.

Das Bauhaus eroberte die Welt. Gebäude der Klassischen Moderne sind seither überall zu finden. Jean Molitor spürt sie auf, dokumentiert sie und bewahrt sie damit für die Ewigkeit. Viele der fotografierten Gebäude wurden bereits abgerissen.

Die Königliche Anatomie in München, Baujahr: 1904 - 1908. In der Anfangszeit um 1900 bahnte sich die Moderne mit der Wahl des Baumaterials und dem Verzicht auf historische Verspieltheiten erstmals ihren Weg. Das Gebäude gilt als erster großer Stahlbetonbau Deutschlands

Auf Spionagemission?

Nicht immer läuft die Spurensuche reibungslos ab. Sogar festgenommen wurde der Fotograf schon. „Journalisten sind oft nicht gerne gesehen“, sagt Molitor, was aber teilweise auch verständlich sei, denn nicht jeder Journalist leiste auch gute Arbeit. So mancher setze halt eher auf Sensation. Molitor sah sich bei seiner Arbeit hingegen mit dem Vorwurf der Spionage konfrontiert.

Ein Mann, der mit professioneller Ausrüstung in fremden Ländern einzelne Gebäude fotografiert, weckt natürlich erst einmal Misstrauen. Oft stehe die Bevölkerung der Fotografie aber auch einfach nicht offen gegenüber – sei es aus religiösen oder kulturellen Gründen. Besonders schwierig sei es im Kongo, in Marokko und im Libanon gewesen, so Molitor.

Wohnanlage in Augsburg, Baujahr: 1927/28

Jean Molitor

Jean Molitor, *1960 in Berlin Prenzlauer Berg, absolvierte eine Fachausbildung zum Fotografen und Kameraassistenten. Im Anschluss: Studium der künstlerischen Fotografie in Leipzig. Ab 1993 freiberuflicher Fotograf für namhafte Firmen und Institutionen. Er arbeitete lange vorrangig im Bereich der Reportage für Printmedien und Fernsehproduktionen, ist Bildautor mehrerer Buchpublikationen und engagierte sich für zahlreiche internationale soziale Non-Profit-Projekte (u.a. Ukraine, Kuba, Afghanistan). Molitor drehte mehrere Dokumentarfilme für das deutsche und amerikanische Fernsehen (u.a. WDR und CNN). Seit 2004 widmet er sich zunehmend seinem künstlerischen Schaffen. Er gilt heute als Botschafter der sogenannten "Leipziger Schule" | Foto: Florian Schaipp

Doch wie findet er eigentlich die vielen Gebäude auf der ganzen Welt? Klar, da gibt es natürlich klassische Recherchemöglichkeiten. Doch die schönsten Häuser beschert einem oft der Zufall. Wenn Molitor davon berichtet, hört man nach vielen Jahren der Bauhaus-Fotografie immer noch deutlich die Begeisterung aus seiner Stimme heraus. In Guatemala sei er einmal per Taxi mit einem Studienkollegen auf dem Weg zu einem Gebäude gewesen. Eben dieser Kollege witterte schon einen kleinen Abzockversuch (der keiner war), weil das Taxi angeblich in eine ganz andere Richtung unterwegs gewesen sei. „Entspann dich“, entgegnete Molitor.

Leben im Moment

„Und plötzlich fahren wir an diesem Goldstück vorbei“, schwärmt der Fotograf, der damals gar nicht begreifen konnte, dass so ein Gebäude in Guatemala steht. Es wäre wohl für immer unentdeckt geblieben, registriert war es nirgends. Diese Eigendynamik aus „loslassen und sich treiben lassen“, wie Molitor es ausdrückt, wurde belohnt. Und genau dieses Gebäude wurde dann auch zum Titelbild seines ersten von aktuell vier Fotobänden des Bauhaus-Projekts.

Molitor holt das Beste aus seinen vielen Reisen heraus, „ohne Druck“. „Es ist Lebenszeit, die man sinnvoll verbringen möchte. Man will da sein, mit den Menschen reden – und es am Ende als Erlebnis abspeichern.“ Der Fotograf macht sich auch gar keine Illusionen darüber, dieses Projekt einmal abschließen zu können. Dafür gibt es einfach viel zu viele Gebäude der Klassischen Moderne.

Städtisches Hochhaus (Altes Technisches Rathaus) in München, Baujahr 1927-29

In einem der bisher erschienenen Bildbände zeigt Molitor übrigens ausschließlich Bauhaus-Fotografien aus Bayern. Warum ausgerechnet Bayern? „Die ursprüngliche Idee war es, jedes Bundesland aufzuarbeiten“, sagt er. Durch die Zusammenarbeit mit der in Bayern lebenden Autorin Kaija Voss war dann schnell unglaublich viel Material für ein eigenes Buch vorhanden. Bildbände über weitere Bundesländer sind durchaus denkbar. Aktuell sitze man an einer Besprechnung über Berlin, verrät Molitor.

Die Ausstellung in Paffenhofen werde „die spannendste, die wir jemals gemacht haben“. Das liegt v.a. an der Größe der Kunsthalle, die eine besondere Herausforderung für die Kuration darstellt. Knapp 150 Bilder werden gezeigt, nie waren es mehr bei einer Bauhaus-Ausstellung von Molitor. Wenn er nach Pfaffenhofen kommt, sind übrigens drei Tage für weitere Fotografien eingeplant. 10 Gebäude stehen aktuell auf der Liste, darunter u.a. das Riemerschmid-Haus. Das Projekt, es wächst und wächst und wächst.

Autogarage in Guatemala, Titelfoto des ersten Bildbands und das im Text angesprochene Goldstück

bau1haus...

...nennt Jean Molitor sein Kunstprojekt. Diesen Titel trägt auch sein erster Bildband. Im vergangenen Jahr erschien der Nachfolger: bau2haus. In der fortgeführten fotografischen Weltreise geht es für Molitor u.a. nach Mosambik, Südafrika, Kenia, Guadelupe und Albanien. Beide Bücher erschienen im Hatje Cantz Verlag. Zwei weitere erschienen im Bebra-Verlag: "Bauhaus: Eine fotografische Weltreise" und "Bauhaus in Bayern: Eine fotografische Reise durch die Klassische Moderne".

Mehr über Jean Molitor online:

AUSSTELLUNG – BAUHAUS IN BAYERN UND IN ALLER WELT

Kunsthalle Pfaffenhofen
25.06. – 07.08.2022
Do-So/Feiertage, 15 – 18 Uhr

Führungen mit der Architekturhistorikerin Dr. Kaija Voss

www.kunstverein-pfaffenhofen.de

Fotos von der Vernissage am 24. Juni 2022 (Fotos: Florian Schaipp):

Dieser Beitrag erschien in der espresso-Ausgabe 07/2022

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