Vom Öffnen einer Blackbox

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Vom Öffnen einer Blackbox

Simone Schimpf im Artist Talk mit Fotografin Laura Michèle Kniesel | Fotos: Sebastian Birkl

Die Künstlerin schafft ein Werk und stellt es dann irgendwo aus. Was jedoch passiert dazwischen? Hier erstreckt sich ein großer unbekannter Raum. Eine Blackbox. Nicht nur für Kunstinteressierte, sondern auch für die Künstler:innen selbst. Die Ingolstädter Fotografin Laura Michèle Kniesel blickt mit ihrer Fotoserie „Mit freundlichen Grüßen“ hinter die mitunter bürokratischen Kulissen des Kunstbetriebs. Die Ausstellung ist noch bis Mitte Juni in der Galerie im Stadttheater zu sehen. Vergangene Woche kam die ehemalige MKK-Direktorin Dr. Simone Schimpf zum Artist Talk vorbei.

„Auf Antrag“ heißt die Diplomarbeit der Fotografin Laura Michèle Kniesel. Für Ingolstadt hat sie ihre Fotoserie erweitert, daraus wurde die Ausstellung „Mit freundlichen Grüßen“. Darin blickt sie mit dokumentarischer Präzision auf Orte, in denen Kunst gelehrt, produziert und ausgestellt wird. Aber vor allem auch: Wo über Förderanträge und Stipendien entschieden wird. Denn ohne kommt kaum ein Künstler über die Runden. Ist Kunst also nur noch „auf Antrag“ möglich, will espresso vor der Talkrunde von der Fotografin wissen.

„Nicht nur, aber unter anderem schon“, antwortet Kniesel. „‘Auf Antrag‘ heißt die Arbeit auch, weil sie diese ganzen Orte verbindet. Die Anträge flattern zwischen den Orten umher“, erklärt sie. Diese Orte, das sind unter anderem das Ingolstädter Kulturamt, der Berufsverband Bildender Künstler:innen in Berlin, das Bundeskanzleramt oder das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. „Man stellt als Künstlerin extrem viele Anträge“, sagt Kniesel. Gefühlt 60 Prozent stecke sie in „verwalterische Bürotätigkeiten“. Wo gibt es Ausschreibungen oder Stipendien? Wo kann man sich bewerben? Wie und wo reiche ich Nachweise bei der Künstlersozialkasse ein? „Oft ist es so, dass der Antrag in einer Art Blackbox verschwindet. Ich habe versucht, diese Blackbox ein bisschen zu öffnen und ein Bild dazu abzuliefern“, erklärt sie zu ihrer aktuellen Fotoserie.

Rund 50 Gäste kamen zum Artist Talk zwischen Dr. Simone Schimpf (Direktorin Neues Museum Nürnberg) und der Fotografin Laura Michèle Kniesel am 28. Mai in die Galerie im Stadttheater. Geladen hatte der Kunstverein Ingolstadt. Im vergangenen Jahr machte Kniesel ihren Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Und jetzt? Absolviert sie ein Erasmus-Graduiertenpraktikum bei der Künstlerin Claudia Holzinger in Wien. Und wie könnte es anders sein, ist sie parallel dazu auf der Suche nach Förderungen und Stipendien. Nur ein geringer Prozentsatz aller Künstler:innen kann allein von der Kunst leben. So geht es auch Kniesel, sie arbeitet daher in einem Nebenjob im Marketing in Nürnberg, wo sie auch lebt.

Die Fotografin studierte Design an der Hochschule Nürnberg und Freie Kunst an der AdBK Nürnberg

Im Talk erfuhren die Gäste allerlei aus Kniesels Leben und Schaffen. Als Kind sei sie noch nicht mit der Kamera in der Hand herumgelaufen, erklärt sie etwa. Und auch nach der Schule probierte sie sich erst einmal im Studiengang Soziale Arbeit aus. Spannenderweise, weil sie gut mit Menschen könne. Das merkt man im Gespräch mit der Fotografin, sie ist äußerst nahbar und erklärt die Ideen hinter ihrer Arbeit mit klaren Botschaften, statt in unnötig komplizierte Erklärungen zu verfallen.

Dazu muss man wissen: „Auf Antrag“ zeigt keinen einzigen Menschen. Nur Architektur. Und trotzdem: Um an diese Orte zu gelangen, war die Zusammenarbeit mit Menschen unabdingbar. Und natürlich menschelt es an den Orten – trotz der unwirtlichen Umgebung. Wenn man denn genau hinschaut. Und manchmal ist es auch schlicht witzig. Etwa, wenn das Porträt einer Dame im altmeisterlichen Stil in einem farblosen Sitzungszimmer der AdBK Nürnberg neben einem Pin-Board steht. Es wirkt mehr achtlos abgestellt als alles andere. Ohnehin sucht man Kunstwerke auf den meisten Fotos vergeblich. Verwunderlich, führt man sich vor Augen, dass an all diesen Orten doch über Kunst entschieden wird.

Ein individuelles Versagen der Künstler:innen sei es nicht, wenn nur die wenigsten von ihnen von der Kunst leben können, findet Kniesel. Sie sieht darin ein strukturelles Problem, das sie mit ihrer Arbeit offenlegen möchte. Für „Auf Antrag“ hat sie sich daher Orte ausgesucht, die sich nach drei Dimensionen unterteilen lassen: die ökonomische, die sozio-kulturelle und die politisch-institutionelle. Das war der Anker ihrer Diplomarbeit.

Ergänzt wird die Fotoserie „Auf Antrag“ um „So hard for it honey“. Dafür wurde Kniesels PKW im Eingangsbereich geparkt. Der Mini ist Dienstwagen und Transportmittel zugleich; als Künstlerin wird viel gependelt. Drumherum drapiert: allerlei Utensilien, die ebenfalls einen Blick hinter die Kulissen ihrer Arbeit geben. Etwa alles Nötige, um die Galerie vor Ausstellungsbeginn zu streichen. Das erledigte Kniesel gemeinsam mit ihrer Schwester selbst. 

Spannend wird es dann auch, als Simone Schimpf zur Auswahl der Motive fragt. Vor Ort war die Fotografin meist nicht alleine und das birgt eine Gefahr: Den Blick des dort Arbeitenden zu übernehmen. Aber genau das wollte Kniesel nicht. „Es ist die hohe Kunst, meinen eigenen Blick zu behalten“, sagt sie. „Um was geht es mir? Was will ich von diesem Ort? Was ist mein Gefühl? Und wer entscheidet hier? Und was wird hier verhandelt?“. Alles zentrale Fragen bei ihrer Herangehensweise an ein Foto.

Ebenfalls Teil der Ausstellung: Beikraut | Fine Art Prints hinter Glas

Noch bis 14. Juni haben Sie die Möglichkeit, die Ausstellung „Mit freundlichen Grüßen“ in der Galerie im Stadttheater Ingolstadt zu besuchen.

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