Das neue Leben des Herrn L.

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Das neue Leben des Herrn L.

Foto: Christoph Götz

Christian Lösel im Interview

Ex-Oberbürgermeister Christian Lösel spricht im espresso-Interview erstmals ausführlich über die überraschende Wahlniederlage im letzten Jahr und sein neues Leben als Direktor an der Technischen Hochschule in Ingolstadt.

Wenn man mit Christian Lösel durch die Straßen Ingolstadts spaziert, kann man sich sicher sein, dass man von Blicken verfolgt wird. Der Ex-OB ist immer noch bekannt wie ein bunter Hund, er wird freundlich gegrüßt, Menschen tuscheln hinter seinem Rücken und drehen sich überrascht um, wenn sie ihn sehen. Lösel lässt sich davon nicht beirren, er wirkt gelöster und entspannter als noch zu Bürgermeister- Zeiten. Er scheint es sogar zu genießen. Stolz erzählt er von den Errungenschaften, die er für Ingolstadt erreicht hat, von den Projekten, die er angestoßen hat und die bald Früchte tragen werden. Ganz in alter OB-Manier.

Bei einem Rundgang über den Campus seines neuen Arbeitgebers, der Technischen Hochschule Ingolstadt, klärt er uns mit seinem detailverliebten Fachwissen über die Fenstermaße des zukünftigen Kongresshotels auf, das nächstes Jahr vollendet wird. Er schwärmt von dem geplanten Digitalbau, in dem in wenigen Jahren dutzende Professoren an Zukunftsthemen forschen werden. Und er erfreut sich an dem Anblick der Baustelle am Kavalier Dalwigk, in den noch in diesem Jahr das neue Digitale Gründerzentrum samt Makerspace einziehen soll.

Wenn man ihn so erlebt, könnte man meinen, die Wahlniederlage im letzten Jahr hätte ihm nichts ausgemacht. Am 29. März 2020 hat sich Christian Lösels Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt. Einst noch der mächtigste Mann der Stadt, war er im nächsten Moment arbeitslos. Wie ist er damit umgegangen und wie geht es jetzt für ihn weiter? Lange Zeit wollte der Ex-OB keine Interviews geben, sich aus der Öffentlichkeit erst einmal zurückziehen, um dann mit neuem Tatendrang wieder anzupacken. Jetzt erklärte er sich zum Interview bereit und spricht erstmals darüber, wie er mit der Wahlniederlage umgegangen ist, wie sich sein Leben dadurch verändert hat und wie er sich seine Zukunft vorstellt.

ESPRESSO: Herr Lösel, es ist nun fast eineinhalb Jahre her, dass sich ihr Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt hat. Genießen Sie die neugewonnene Freiheit?
LÖSEL: Es ist heute schon anders als noch vor eineinhalb Jahren. Insbesondere die Wochenenden sind privaterer Natur. Das liegt aber natürlich auch daran, dass mit Corona alle öffentlichen Veranstaltungen entfallen sind. Viele Bürgermeister und Stadträte haben ja kaum noch öffentliche Termine.

ESPRESSO: Wie haben Sie den 29. März 2020, den Tag der Stichwahl, in Erinnerung?
LÖSEL: Eigentlich erinnere ich mich nur an den großen Medienrummel. Und den beginnenden Lockdown. Ich habe ja vor der Wahl und nach der Wahl die Corona-Katastrophenschutz-Sitzungen trotz Wahlkampfs täglich persönlich geleitet.

ESPRESSO: Was glauben Sie, warum die Ingolstädter Wähler*innen Ihnen nicht mehr Ihr Vertrauen ausgesprochen haben?
LÖSEL: Diese Frage können nur die Wählerinnen und Wähler beantworten.

ESPRESSO: Was hat Ihnen dabei geholfen, diese überraschende Wahlniederlage  zu verarbeiten?
LÖSEL: Ich habe die gewonnene Zeit mit meinen Kindern und meiner Familie verbringen können. Außerdem habe ich mich recht bald auf meine neuen Aufgaben an der THI konzentriert.

ESPRESSO: Wofür konnten Sie sich endlich die Zeit nehmen, die Sie jahrelang nicht hatten?
LÖSEL: Ich habe Freunde besucht, die ich jahrelang nicht mehr treffen konnte. Auch Unternehmungen oder Zelten mit den Kindern waren – nach dem Lockdown – mal wieder möglich. Und ich habe – mit Kollegen – eines meiner Steuer-Lehrbücher für die akademische Ausbildung in neuer Auflage veröffentlicht.

ESPRESSO: Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie an Ihre Zeit als OB zurückdenken?
LÖSEL: Es gibt sehr viele schöne Erinnerungen, sie alle aufzuzählen wäre an dieser Stelle nicht möglich.

ESPRESSO: Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres Nachfolgers Christian Scharpf, insbesondere sein Krisenmanagement in der Corona-Pandemie?
LÖSEL: Hierzu werden sich die Ingolstädter nach und nach selbst ein Bild machen. Ich freue mich aber, dass alle von mir begonnenen Maßnahmen weiter umgesetzt werden: das Sonderbauprogramm für Wohnungen, das Schulbau- und -sanierungsprogramm, die Sanierungen des Georgianums, des Kavalier Dalwigks oder der Fußgängerzone und die Aufwertung der Innenstadt, das 100-Türme-Programm, die Entwicklung des IN-Campus und des Rieter-Geländes. Die Landesgartenschau wurde ja nun endlich eröffnet und der Max-Emanuel-Park bei Etting wird auch weiter umgesetzt. All das sind Initiativen, bei denen ich mich freue, dass sie weitergeführt werden.

Zum Vergleich – unser Interview mit Christian Lösel kurz vor der Kommunalwahl im März 2020:

Meine neue Tätigkeit macht
mir sehr viel Spaß!

ESPRESSO: Wie blicken Sie heute mit dem nötigen Abstand auf Ihre Zeit als Oberbürgermeister zurück? Würden Sie wieder alles genau so machen oder würden Sie manche Sachen anders angehen?
LÖSEL: Sicher gibt es – im Nachhinein – immer die eine oder andere Sache, die man anders machen würde. Jeder Mensch kennt das ja aus seinem eigenen Leben. Nachher ist man immer schlauer. Andere Dinge würde ich aber wieder so machen, vorausgesetzt die gleichen Umstände würden herrschen.

ESPRESSO: Seit Oktober letzten Jahres sind Sie Direktor für die Koordinierung der KI-Forschung an der Technischen Hochschule in Ingolstadt. Wie ist es dazu gekommen?
LÖSEL: Ich habe mich stets für die Arbeitsplätze und Unternehmen in Ingolstadt sowie der Mobilität der Zukunft eingesetzt. Ziel war es, auch im nächsten Jahrzehnt noch ein starker Wirtschaftsstandort mit modernen Mobilitätsformen zu sein. Hierzu gehört die Entwicklung neuer Technologien. Künstliche Intelligenz ist eine solche Technologie. Ein Standort, der sie nicht aufgreift, verliert im Vergleich zu anderen Standorten Arbeitsplätze. Als eine Stelle ausgeschrieben war, habe ich mich daher sehr gefreut, dieses Ansinnen – natürlich in anderer Art – für Ingolstadt auch an der Technischen Hochschule weiter unterstützen zu können.

ESPRESSO: Welche Aufgaben dürfen Sie in Ihrem neuen Job übernehmen?
LÖSEL: Die THI ist deutschlandweit eine der forschungsstärksten Hochschulen. Sie baut derzeit ihre Kompetenzen insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz weiter aus. Ziel ist es, bis 2025 insgesamt 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in verschiedenen Teildisziplinen der Künstlichen Intelligenz zu schaffen. Damit sollen insbesondere in den Bereichen autonomes Fahren, unbemanntes Fliegen, digitale (Automobil-)Produktion, KI-gestützte Medizintechnik oder Text- und Sprachverstehen Forschungsergebnisse für die Zukunft erarbeitet werden. Bei diesem Aufbau dieser Forschungsfelder wirke ich als Direktor des Institutes mit.

ESPRESSO: Welche Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz an der THI faszinieren Sie gerade am meisten?
LÖSEL: Die Kolleginnen und Kollegen erbringen täglich Höchstleistungen in vielen faszinierenden KI-Disziplinen. Sei es bei der Frage, wie Autos zukünftig autonom fahren, wie autonome Drohnen Unfallanalysen machen und Rettungskräfte unterstützen, wie KI unsere Ärzte bei der Tumor-Früherkennung unterstützen kann oder wie Städte mittels KI nachhaltiger entwickelt werden können. Sie forschen an der Spracherkennung von Maschinen, die in Zukunft z.B. älteren Menschen helfen soll, ihr Leben besser bewältigen zu können. Oder sie planen hochautomatisierte Produktionsstätten von morgen. Alles Spitzenforschung, die Deutschland, Bayern und Ingolstadt in ein paar Jahren dienen wird.

ESPRESSO: 2018 wurde Ingolstadt zum KI-Mobilitätsknoten der „Hightech Agenda Bayern“ auserkoren. Welche Bedeutung hat das für Ingolstadt?
LÖSEL: Ingolstadt konnte durch die Kompetenzen der THI immer schon überregional punkten. Der KI-Mobilitätsknoten stärkt die Hochschule abermals. Und er ermöglicht es Ingolstadt, bei den Zukunftstechnologie der Künstlichen Intelligenz ganz vorne mit dabei zu sein. Wenn es gelingt, die Forschungsergebnisse in wirtschaftliche Anwendungen der Unternehmen zu überführen, wird es auch gelingen, in 10, 15 Jahren trotz härtester transatlantischer und fernöstlicher Konkurrenz bestbezahlte Arbeitsplätze in der Region Ingolstadt, aber auch in unserem Land zu sichern – sowohl für unsere Facharbeiter als auch für unsere Akademiker.

ESPRESSO: Wie wird sich die Mobilität in Zukunft verändern?
LÖSEL: Mobilität wird zu einem jederzeit und an jedem Ort verfügbaren Service werden. Autos und der gesamte Verkehr werden sicherer werden und die Kosten der Mobilität werden sinken. ÖPNV und private Mobilitäts-Angebote werden auf Buchungsplattformen miteinander verschmelzen und als einheitlicher Dienst – multimodal – angeboten werden. Unsere Mobilitätsbedürfnisse werden noch besser gedeckt werden und neue Mobilitätsformen wie z.B. die urban air mobility kommen hinzu. Und alles wird stärker batterieelektrisch, durch synthetische Kraftstoffe oder wasserstoffbasiert angetrieben werden.

ESPRESSO: Sie galten auch schon als OB als Digitalisierungs- und KI-Experte in den Reihen der CSU. Haben Sie mit der neuen Stelle Ihren Traumjob gefunden?
LÖSEL: Ja, meine neue Tätigkeit macht mir sehr viel Spaß. Und sie wird mit jedem neu hinzukommenden Kollegen immer interessanter, da sich die Vielfalt der Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten erhöht.

ESPRESSO: Bleiben Sie nun im Wissenschaftsmanagement oder haben Sie Ambitionen, noch einmal ein höheres politisches Amt zu bekleiden?
LÖSEL: Ich bleibe selbstverständlich im Wissenschaftsmanagement. Politik mache ich derzeit als Stadtrat und in einzelnen Aufsichtsräten der Stadt.

ESPRESSO: Im September ist Bundestagswahl. Welche Worte möchten Sie Herrn Brandl mit auf den Weg geben?
LÖSEL: Zunächst wünsche ich ihm viel Erfolg. Reinhard Brandl hat sich stets mit aller Kraft für Ingolstadt und die Region eingesetzt. Ein Wort ist bei ihm ein Wort und er hat auch viele persönliche Erfolge vorzuweisen: Seine Unterstützung für die Arbeitsplätze bei AIRBUS, für viele weitere Zugverbindungen von und nach Ingolstadt, die Taktverdichtungen, die millionenschweren Förderungen aus dem Bundeshaushalt für die Sanierung des Georgianum und vieler anderer historischer Bauten in Ingolstadt sind nur einige Beispiele. Reinhard Brandl hat wahrlich persönliche Erfolge zum Nutzen der Region vorzuweisen.

Herr Lösel, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute für die Zukunft.

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