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Die mit dem Schaschlickspieß

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Die mit dem Schaschlickspieß

Julia Steves kommt ursprünglich aus dem Rheinland und zog 2007 für ihr Studium nach München | Foto: Hubert Klotzeck

Julia Steves ist Diplom-Restauratorin und seit 2019 am Museum für Konkrete Kunst (MKK) tätig. Sich mit einem Pinsel an alten Gemälden zu schaffen machen… ist es wirklich das, was diesen Beruf ausmacht? Julias Fachgebiet sind moderne Kunstinstallationen und moderne Werkstoffe. Wir haben uns mit ihr in einem Depot des MKK getroffen und viel Interessantes erfahren.

Julia, wie ist bei dir denn der Wunsch gereift, Restauratorin werden zu wollen?
Das Spannende war für mich vor allem die Verbindung zwischen der Naturwissenschaft und einer händischen Tätigkeit. Einerseits kann ich mich mit Chemie und Physik befassen, andererseits eben auch meine Hände einsetzen. Künstlerisch tätig wird man allerdings nicht und kreativ darf man ebenfalls nicht werden. Das ist ganz wichtig für Leute, die dieses Berufsfeld interessiert.

Also ist das Studium sehr naturwissenschaftlich?
Ja, ich habe an der TU München studiert. Der Studiengang für Restaurierung, Konservierung und Kunsttechnologie wurde leider eingestellt. Bei der Kunsttechnologie geht es übrigens nicht um Techniken der Kunst, sondern um die Technologie, mit der man Kunst untersucht – also Röntgen, Infrarot uvm.

Was genau umschließt dein Arbeitsumfeld?
Ich bin in Teilzeit mit 9 Stunden pro Woche für das MKK als Restauratorin tätig. Im Museum arbeite ich selten praktisch, ich würde es als Projektmanagement bezeichnen. Ich kümmere mich z.B. um die Depots, die externe Vergabe von Aufträgen und erstelle Leistungsverzeichnisse. Wir sind extrem auf freiberufliche Restauratoren angewiesen. Den anderen Teil arbeite ich selbst freiberuflich.

Verzeiht deine Arbeit Fehler?
(lacht) Das ist eine gute Frage. Theoretisch würde ich sagen Nein, praktisch ist es natürlich wieder was anderes. Ich denke, jeder Mensch macht Fehler. Das Wichtigste dabei ist eine offene Kommunikation. Wenn etwas schiefgeht, ist es ganz wichtig, dass es kommuniziert und dokumentiert wird, damit man die entsprechenden Schritte einleiten und die Fehler künftig vermeiden kann. Manchmal passieren Fehler auch, weil einem die nötigen Informationen fehlen. Oder wenn etwas schlecht verpackt ist und man es nicht ohne Risiko aus einer Kiste gehoben bekommt. Insofern verzeiht meine Arbeit Fehler, wenn man offen damit umgeht.

Wir schauen zuerst an die Decke, ob dort Wasserleitungen verlaufen

Richtiges Verpacken ist eine eigene Wissenschaft für sich | Foto: Hubert Klotzeck

Was nutzt du für Werkzeuge?
Ich glaube, was jeder Restaurator benutzt, ist ein Wattestäbchen (lacht). Das ist ein ganz klassisches Werkzeug, mit dem man in alle Ecken kommt. Deswegen gehört ein Schaschlickspieß und Watte auf jeden Fall dazu. Hinzu kommen Lupen, Pinzetten, Mikroskope und Feinwerkzeuge wie beim Zahnarzt. Die kunsttechnologischen Untersuchungen wie z.B. Röntgen machen wenige Häuser selbst. Ein paar große Zentren verfügen über eine große Ausstattung, etwa das Doerner Institut in München oder auch das Konvervierungszentrum vom Germanischen Nationalmuseum. Letzteres hat auch eine Stickstoffkammer für schädlingsbelastete Werke.

Auf welche Herausforderungen stößt du bei deiner Arbeit immer wieder?
Zeit ist ein sehr großer Faktor. Eigentlich sollte gar kein Stress entstehen, weil unter Druck zu arbeiten das Risiko für die Kunst erhöht. Man braucht eine sehr ruhige Grundhaltung, um risikofrei zu arbeiten. Sowohl beim Ausstellungsaufbau als auch im allgemeinen Museumsbetrieb ist alles sehr knapp kalkuliert, weil Steuergeld darin steckt. Fast alle Häuser sind latent unterbesetzt, wodurch man oft einen sehr hohen Zeitdruck hat und der eigentlichen Ethik unseres Berufs nicht zu 100 Prozent nachkommen kann. Man muss immer einen Kompromiss finden zwischen dem eigentlich optimalen Weg und dem, was leistbar ist. Der zweite Punkt ist die Ausstattung. Im MKK sind wir hier in den letzten Jahren sehr gut weitergekommen. Aber auch da ist finanziell oft eine Grenze gesetzt, z.B. bei der Lagerung. Eine fachgerechte Lagerung kostet viel Geld.

Dafür braucht man eine große Vorausbildung, auch wenn die Konsequenz etwas Banales ist

"Werkzeugkasten" einer Restauratorin

Vor 3 Jahren brannte ein Nachbargebäude eines MKK-Depots. Bei den eingelagerten Werken kam es zu Rußablagerungen. Ein Jahr nach dem Brand bist du als Restauratorin zum Museum gekommen. War da schon alles beseitigt?
Nein, aber die wichtigsten Schritte waren schon eingeleitet. Externe Restauratorenteams waren organisiert und Angebote eingeholt. Als ich angefangen habe, ging die Nacharbeit los. Die Werke wurden ausgepackt, gesichtet, gereinigt und neu verpackt. Die Teams haben die komplette Sammlung einmal in die Hand genommen.

Wie schädlich ist der Ruß denn für die Werke?
Das Problem bei Ruß ist, dass er in alle Ritzen dringt. Eine Restauratorin stellte fest, dass in geschlossenen Schubläden in den hintersten Ecken fast die meiste Rußablagerung zu finden war. Als Laie könnte man annehmen, dass man alles von außen reinigt und es sich damit erledigt hat. Ruß ist ein Schadstoff, der schlimme Schäden anrichten kann. Außerdem verklebt er und bindet andere Schadstoffe, es ist nicht einfach nur aufliegender Staub.

Was war das aufregendste Projekt, bei dem du mitwirken durftest?
Das war definitiv die documenta 13, direkt nach Ende meines Studiums. Eine documenta mitzubetreuen war wirklich spannend. Sehr zeit- und arbeitsintensiv, aber man sieht natürlich auch extrem viel Kunst und ist extrem gefordert. Auch dort war die Kompromissfindung definitiv ein Faktor, weil alles sehr schnell gehen und man sehr vielen Positionen gerecht werden musste. Man arbeitet aber auch sehr eng mit den Künstlern zusammen. Das ist etwas, was mich an der Moderne sehr reizt, der Künstler lebt in den meisten Fällen noch und man kann mit ihm in Austausch treten.

Und im MKK?
Der Alltag ist allgemein spannend. Ich freue mich sehr auf den Neubau, weil dafür sehr viel Grundlagenarbeit zu erledigen ist. Es wird eine Werkstatt geben, die ich mit einrichten werde – und ein kleines Depot. Überhaupt finde ich die Fragestellungen, die mit einem Neubau zusammenhängen, extrem spannend und herausfordernd. Das in einem Team gemeinsam zu machen und etwas Neues aufzubauen, ist toll.

Ab nach Soest

Für ein Werk aus der Stiftung des Künstlers Hartmut Böhm gibt es aktuell eine Leihanfrage aus einem Museum in Soest. Julia Steves schaut dafür zuerst in die Datenbank, wo im Depot das Werk lagert. Anschließend wird eine Sichtung vorgenommen und der Zustand kontrolliert. In einem Zustandsprotokoll wird alles Wichtige vermerkt, u.U. sogar die Information, wieviel Licht es bei einer Ausstellung abbekommen darf. In diesem Fall wird z.B. die offene Fuge eingetragen (s. Foto oben). Wenn etwas locker ist, wird nachgefestigt. Verschmutzungen werden gereinigt, eine vergilbte Klebung bleibt hingegen. „Ein Werk, das 50 Jahre alt ist, darf auch Alterungsspuren haben“, sagt Julia Steves dazu. Anschließend wird es fachgerecht verpackt und verschickt. Bei Flugreisen mit Überseetransport wird übrigens oft ein eigener Kurier mitgeschickt, meist der Restaurator selbst. Ein Wunsch, der Julia Steves bisher noch verwehrt blieb.

Was sollten unsere Leser*innen noch über deinen Beruf wissen?
Wie groß der wissenschaftliche Aspekt ist. Man sieht uns mit Wattestäbchen, mit Pinsel oder eine Vergoldung in einer Kirche festigen. Wir arbeiten allerdings sehr planerisch, ein sehr wichtiger Bereich dabei ist die präventive Konservierung. Hier im Depot (dort sind wir zum Interview verabredet, Anm.) ist das die Hauptaufgabe. Man muss das Klima messen und kontrollieren und sich überlegen, wie man es verbessern kann. Man kümmert sich um das Schädlingsmonitoring, die richtige Lagerung, um das Risikomanagement und Notfallpläne… Im Studium wurde uns beigebracht, in einem neuen Depot zuerst an die Decke zu schauen, ob dort Wasserleitungen verlaufen.

Alles Dinge, an die man nicht denkt.
Wir hatten in der Ausbildung zudem sehr viele Inhalte zum Thema Gebäude- und Bautechnik. Das hilft nicht nur beim Depot, sondern auch im Museum. Das MKK hat keine Klimaanlage, es ist also wichtig, einmal das große Ganze verstanden zu haben und die Stellschrauben zu kennen, z.B. den Luftaustausch. Ist es gut oder schlecht, wenn ich lüfte? Was passiert, wenn ich lüfte? Wo sammelt sich Feuchte? Wo ist die kälteste Wand? Dafür braucht man eine große Vorausbildung, auch wenn dann die eigentliche Konsequenz etwas Banales ist, wie die Türen zu schließen.

Die Charta von Venedig...

Foto: Adobe Stock / okalinichenko

…legt die zentralen Werte und Vorgehensweisen bei der Konservierung und Restaurierung von Denkmalen fest. Sie wurde 1964 unterzeichnet und gilt mit ihrer Präambel und ihren 16 Artikeln als zentrale und international anerkannte Richtlinie in der Denkmalpflege. Im Interview bezieht sich Julia Steves an mehreren Stellen auf Artikel 9, wir wollen ihn daher hier einmal vollständig zitieren:

Die Restaurierung ist eine Maßnahme, die Ausnahmecharakter behalten sollte. Ihr Ziel ist es, die ästhetischen und historischen Werte des Denkmals zu bewahren und zu erschließen. Sie gründet sich auf die Respektierung des überlieferten Bestandes und auf authentische Dokumente. Sie findet dort ihre Grenze, wo die Hypothese beginnt. Wenn es aus ästhetischen oder technischen Gründen notwendig ist, etwas wiederherzustellen, von dem man nicht weiß, wie es ausgesehen hat, wird sich das ergänzende Werk vom baulichen Kontext abheben und den Stempel unserer Zeit tragen. Zu einer Restaurierung gehören vorbereitende und begleitende archäologische, kunst- und geschichtswissenschaftliche Untersuchungen.

In unserer Ethik ist alles, was suggestiv ist, verboten.

Viele haben sicher den Eindruck, das Studium zur Restauratorin ähnelt einer Kunstausbildung.
In Dresden gibt es einen sehr starken Gemälde-Schwerpunkt. Dort muss man reproduzieren können. An der Technischen Uni war das nicht der Fall, da ging es eher um Chemie, Bauphysik, präventive Konservierung und Kunsttechnologie – das ist ein ganz anderer Bereich. Es ist uns übrigens verboten, einfach frei zu reproduzieren. In unserer Ethik ist alles, was suggestiv ist, verboten. Die Positionierung der Finger in alten Gemälden hat oft eine sehr ausufernde Bedeutung – wenn Finger fehlen, darf man nicht einfach frei entscheiden und frei rekonstruieren. Das lässt man eher blank, dafür gibt es eine Neutralretusche in einem neutralen Farbton. Aber einfach ohne Vorlage, ohne klare Angabe etwas zu erfinden, ist absolut verboten.

Klingt logisch.
Klingt logisch, musste man aber auch erstmal in der Charta von Venedig festschreiben. Wir haben einen Code of Ethics, in dem alles steht, was uns erlaubt ist und was nicht. Es ist auch etwas, was uns moderne Restauratoren von der älteren Riege trennt, weil die Restaurierung natürlich eigentlich aus dem Handwerk kam. Viele alte Kollegen haben unglaubliche Fähigkeiten, aber der Beruf hat sich einfach ins Wissenschaftliche weiterentwickelt. In der Zusamenarbeit mit der Kunsthistorik entstehen so auch Probleme. Wenn der Kunsthistoriker nicht mehr weiß, ob ein Restaurator 1920 etwas frei erfunden hat, wie kann er es dann interpretieren? Auf der wissenschaftlichen Basis ist das problematisch. So hat sich das in den letzten Jahrzehnten extrem weiterentwickelt.

Julia, vielen Dank für diesen interessanten Einblick in deine Arbeit.

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