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Wo geschliffen wird, fallen Parkplätze

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Wo geschliffen wird, fallen Parkplätze

Ein Kommentar von espresso-Redakteur Sebastian Birkl zur Umgestaltung des Schleifmühlplatzes

Kann ein Parkplatz mehr als Autos zu beherbergen? Diese Frage stellte heute Stadtbaurätin Ulrike Wittmann-Brand auf dem Schleifmühlplatz bei einem Pressetermin. Mit einem zweiwöchigen „Reallabor“ will sie die Antwort darauf geben. Heißt: 40 Parkplätze fallen weg, die Aufenthaltsqualität soll steigen, ein Begegnungsraum entstehen. Verschiedene Sitzmöglichkeiten stehen schon bereit, kleinere Veranstaltungen sind geplant.

Ja, ein Parkplatz kann sicher mehr als Autos zu beherbergen. In diesem Fall aber gilt: der Parkplatz ist dann kein Parkplatz mehr. Autos werden auf dem Schleifmühlplatz in den kommenden zwei Wochen nämlich nicht stehen. Ingolstadt und seine Parkplätze sind ein ewiges Thema. Zu teuer, heißt es oft. Eine „Änderung des Gewohnten zu forcieren“, bringe natürlich große öffentliche Diskussionen mit sich, erklärt die Stadtbaurätin. Dass diese Diskussionen oftmals emotional geführt werden, begrüßt Wittmann-Brand: „Wir wollen Emotionen hervorrufen.“ Ob sie dabei auch an einen ehemaligen CSU-Stadtrat gedacht hat, für den der Platz nun ein „kunterbunter Blödelplatz“ ist?

Sitzgruppe mit Holzelementen und Bepflanzung

„Kunterbunt“?

Das Auffälligste an der Neugestaltung ist sicherlich die bunte Straßenbemalung. Die blauen Wellenlinien symbolisieren den Verlauf der Schutter. Die gelben Linien stünden außerdem für Mobilität, die grünen für Ökologie, erklärt die Stadtbaurätin. Hinter der Umsetzung steckt das Ingolstädter Designstudio Schneller Vorlauf.

Eine Freilegung der Schutter wird öfter diskutiert, Fans der Idee sollten sich aber nicht zu früh freuen. Das Vorhaben erhielt vor nicht allzu langer Zeit erneut eine Absage (Wittmann-Brand: „wirtschaftlich nicht darstellbar“) und auch die neue Visualisierung wird daran nichts ändern. Trotzdem überlege man, wie man das Thema Wasser hier bespielen könne. Das dürfte Willi Heckl vom Ingolstädter Kneippverein gerne hören, doch auch er muss enttäuscht werden. Ein Kneippbecken „bleibt vom Tisch“, so die Stadtbaurätin. Der Stadtrat hatte ein entsprechendes Konzept für diesen Platz bereits abgelehnt. Immerhin: Der Kneippverein wird am 17. Juli ab 14 Uhr mit einer mobilen Kneippanlage vor Ort sein und für Abkühlung sorgen.

Visualisierung der Schutter

„Blödelplatz“?

Was aber ist eigentlich auf dem Schleifmühlplatz geplant? Verschiedene Sitzgruppen, eine Fahrradstation, Pflanzen und ein wenig Rollrasen sind bereits da – zum heutigen Pressetermin war die Umgestaltung noch nicht finalisiert. Kurzgesagt: Ein Ort der Begegnung soll entstehen. Liegestühle kommen noch hinzu. Ohnehin soll der Platz flexibel bleiben, je nach Art der Veranstaltung. Zum Eröffnungsabend spielt das SchutterNeun Jazzorchester, ansonsten sind eher „stille Veranstaltungen“ geplant, erklärt die Stadtbaurätin. Darunter etwa ein Geschichtenabend mit der Eichstätter Autorin Elisabeth Schinagl. Aber auch Mitmachaktionen rund um das (fast) alles bestimmende Thema Klimawandel für Groß und Klein wird es geben (zum gesamten Programm geht es hier). Ähnlich „laut“ wie beim Projekt an der Schloßlände soll es hier nicht werden, die Anwohner dürfte es freuen. Auch der Rollrasen ist an der Schleifmühle längst nicht so üppig verlegt wie damals an der Schloßlände. Bleiben die Temperaturen derart hoch, wird der Rasen wohl aber auch hier die ein oder andere Farbveränderung durchlaufen.

Was sagt Ingolstadt?

Manche hätten sich gefreut, andere seien verärgert gewesen, als sie am „Reallabor“ vorbeigingen, heißt es von einer Mitarbeiterin aus dem Stadtplanungsamt. Wer sich einbringen will: Am Samstag, 22. Juli, findet von 14 bis 18 Uhr eine „Ideenwerkstatt“ statt, in der man sich über die Zukunft des Schleifmühlplatzes austauschen kann.

Stadtbaurätin Ulrike Wittmann-Brand

Doch nochmal zurück zu den Parkplätzen…

So viel zur Transparenz: Ich bin selbst Altstadtbewohner mit Bewohnerparkausweis und nutze auch des Öfteren den Parkplatz an der Schleifmühle. Wenn 40 Parkplätze wegfallen, merkt man das schon. Unmöglich einen Parkplatz zu finden, wird es aber nicht. Und wenn doch, muss man eben einmal die Stadt subventionieren und im Haltverbot stehen – man spielt quasi Knöllchen-Roulette. Klar ist: Dem Klimawandel und den vor allem in Innenstädten existierenden Hitzeinseln muss Einhalt geboten werden. „Hitzeinseln werden durch parkende Autos noch einmal verstärkt“, erklärt Wittmann-Brand. Es ginge dabei auch um die Frage, welche Qualitäten man in einer Altstadt möchte. Der „Kampf um den Parkplatz“ wird sicher noch länger geführt werden. „Der Diskussion muss man sich stellen“, sagt die Stadtbaurätin. Verkehrserfassungen sollen Aufschluss darüber geben, welche Auswirkungen die temporäre Verkehrsberuhigung hat.

Aber wird in der Diskussion, Parkplätze aus Innenstädten zu entfernen, nicht eine Gruppe vergessen?

Kampf den Hitzeinseln, Frieden den Alten und Kranken

Wenn Sie sich fragen, ob der Zwischentitel nicht noch ein wenig pathetischer hätte ausfallen können: Nein. Eigentlich ist dieser Teil der Wichtigste am ganzen Text. Immer wieder gibt es Anwandlungen, Parkplätze aus Innenstädten zu verbannen. Und es gibt auch gute Gründe dafür. Etwa den bereits erwähnten Effekt auf Hitzeinseln. Aber auch das Mobilitätsverhalten der Menschen wird sich im Zuge des Klimawandels mutmaßlich ändern – Weg vom Indiviudalverkehr, hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Nur kann man schon behaupten, dass man das Pferd von hinten aufzäumt, wenn man zuerst die Parkplätze streicht. Auch stellt sich die Frage: Warum bespielen wir nicht zuerst die „autofreien“ Plätze, wie etwa den Paradeplatz (der Stadturlaub, organisiert von IN-City unter der damaligen Geschäftsführerin Teresa Treittinger war doch quasi – Achtung Wortspiel – ein Paradebeispiel dafür, wie es gehen könnte). Oder Gott bewahre: Wir machen mal mehr auf dem Rathausplatz.

Zugegeben: So ganz eignet sich dieser Punkt nicht, um dieses Fass aufzumachen. Schließlich dürfen an der Schleifmühle nur Anwohner mit speziellem Parkausweis parken, „Auswärtige“ schauen in die Röhre. Nun aber zum erwähnten wichtigen Punkt: 

Verbannen wir alte und (fuß)kranke Menschen nicht aus der Innenstadt, wenn wir Parkplätze streichen?

Als Argument wird hier oft ins Feld geführt, dafür gebe es Behindertenparkplätze. Nur: Das Alter ist meines Wissens nach keine Behinderung und nur weil Sie – aus welchen Gründen auch immer – schlecht zu Fuß sind, haben Sie noch lange kein Recht auf einen Schwerbehindertenausweis. Und selbst wenn Sie einen Schwerbehindertenausweis besitzen, haben Sie noch lange nicht automatisch ein Recht auf einen Behindertenparkplatz. Für kranke Menschen entscheidet ein naher Parkplatz nunmal oft darüber, ob man seine Besorgungen erledigen kann oder nicht.

Das kommt mir persönlich in diesen Diskussionen viel zu kurz. Eine Innenstadt gehört allen. Den Gesunden und den Kranken. Daher sei es hier nun einmal erwähnt.

Le fin

Ja, der Text war lang. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, bescheinige ich Ihnen einfach mal ein enormes Durchhaltevermögen. Kaufen können Sie sich davon nichts. Oder Sie arbeiten beim Presseamt der Stadt und mussten soweit lesen. Wie die Neugestaltung des Schleifmühlplatzes ankommt, werden die nächsten zwei Wochen zeigen. Unter den großen, schattenspendenden Bäumen lässt es sich sicherlich gut aushalten. Am besten Sie verschaffen sich einmal selbst einen Überblick, Gelegenheit gibt es vom 13. bis 26. Juli. Nur parken müssen Sie woanders.

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