Wien & Wir

Michael, Stefan & Mopsdame Coco brauchten einen Tapetenwechsel – also zogen sie nach Wien. Ihre neue Wohnung strahlt dank vieler alter Möbelstücke in einem ganz besonderen Look. Wie man aus der Corona-Krise das Beste macht? espresso fragte nach.

Ein Friseur und ein selbständiger Musiker – nicht unbedingt zwei Berufsgruppen, die von Corona übermäßig profitiert haben. „Ob wir jetzt wenig in der Ingolstädter Umgebung verdienen oder wo anders, machte keinen Unterschied. So hatten wir aber zumindest ein Projekt, auf das wir hinfiebern konnten“, sagt Michael. Das Projekt: weg aus der Region, hinaus in die Welt.

Am Ende wurde Wien zur Wahlheimat, doch dieser Entschluss reifte erst mit der Zeit. „Ins Auge gefasst hatten wir auch noch Berlin, Köln, Hannover, Stockholm und Arnheim“, erklärt Michael (übrigens der Bruder unserer Chefredakteurin Steffi). Erst als man länger die Vor- und Nachteile der einzelnen Städte diskutiert hatte, einigte man sich auf die Hauptstadt Österreichs. „Nicht unwesentlich war die Nähe zur Heimat und der Familie.“

So eine Existenzneugründung braucht natürlich Planung. Stefan: „Wir haben für uns erstmal ausgelotet, wo wir für uns die meisten Weiterbildungsmöglichkeiten sehen, wo kulturell viel geboten ist und wo ein homosexuelles Paar nicht unbedingt schräg von der Seite angeschaut wird.“

Ein Trio in Österreich: Michael (hinten), Stefan und Mopsdame Coco
Vintage-Charme in der Altbauwohnung von Michael und Stefan. Viele Möbelstücke fanden hier ein zweites Leben.

Glücksgriff ins Ungewisse

Ab Oktober verschickten die beiden Bewerbungen noch und nöcher. Es wurden Wohnungen angeschaut (natürlich online), ein Auto wurde verkauft und der Umzug geplant. „Mit den Coronaregelungen, die sich zu dem Zeitpunkt wöchentlich änderten, war das gar nicht so leicht.“ Das Ziel aber war klar: im Januar 2021 wollten Michael und Stefan gemeinsam in Wien starten, „und das hat zum Glück geklappt!“

Die beiden fanden eine traumhafte und relativ günstige Wohnung, die sie direkt unbesichtigt genommen haben – und oben drauf gab es auch gleich noch einen Job für Michael. Er hat sich nämlich bei der Immobilienfirma, die die Wohnung vermittelte, in Teilzeit beworben, um das Grundeinkommen zu sichern. Zudem kam noch eine Zusage für den einzigen Studiengang (Gesang am Vienna Music Institute; VMI), der im Sommersemester 2021 startete.

„Zu guter Planung kam also noch eine riesen Portion Glück dazu“,

fasst der Neuwiener es passend zusammen.

Stefan startete in der Hauptstadt Österreichs in einer Teilzeitanstellung bei einem Friseur und machte sich zum 1. Juni mit seinem eigenen Laden selbständig. Dort ist er jetzt bekannt als „Da Bodawaschl„. Den Namen hat er seinem Opa zu verdanken, der ihn – seit sich Stefan für diesen Beruf entschied – scherzhaft „Da Bodawaschl“ nannte.

Traumhafter Blick aus dem Küchenfenster

Liebe auf den zweiten Blick

Im Januar 2019 waren Michael und Stefan nach einem Wellness-Urlaub das erste Mal zusammen in Wien und verbrachten eine Nacht im Boutique Hotel Donauwalzer. „Aus unerfindlichen Gründen haben wir damals den Gürtel nicht wirklich verlassen – die Schönheit Wiens blieb uns verwehrt.“ Erst ein Jahr später – wieder in Wien – funkte es. Beide verliebten sich – trotz Covid-Situation – in die Stadt. So gut wie alle Bezirke schauten sie sich damals an – bis auf den 15.

Wie es das Schicksal so will, sollte die spätere Wohnung genau dort liegen. „Die Lage ist super. Wir erreichen fußläufig das Schloss Schönbrunn, den Naschmarkt und die Mariahilfer Straße – liebevoll MaHü genannt, die Einkaufsstraße für Jedermann.“ Auch zum VMI und zu seiner Arbeitsstelle schafft es Michael zu Fuß.

Streetart in Wien

Aus Alt mach Neu

„Wir haben uns für gebrauchte Möbel entschieden, weil jedes Stück seine eigene Geschichte erzählt“, sagt Michael. Wichtig war ihnen nur, dass die Gegenstände miteinander harmonieren und sich ergänzen. „Die Epochen, Stile, etc. haben wir völlig außer Acht gelassen, da wir uns damit eh nicht auskennen und ich finde, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann.“

Ein Möbelstück, das eine solche Geschichte erzählt, ist das Küchenbuffet von Michaels Oma. „Sie hat es sich zu ihrer Hochzeit gekauft. Ein wirklich schönes Stück, das leider etwas in die Jahre gekommen war. Eine zerbrochene Glasfront, Kratzer, Flecken, Schrammen… Nachdem ich von Restauration nicht wirklich viel Ahnung hatte, habe ich mir ein paar hilfreiche Tutorials angesehen und einfach losgelegt. Das Wichtigste ist, keine Angst zu haben, etwas falsch zu machen. Ich habe mich entschieden, aus dem guten Stück eine Bar zu bauen.“ Also hat Michael das Küchenbuffet erstmal in seine Einzelteile zerlegt, alles abgeschliffen, mit Sanding-Sealer bearbeitet, wieder geschliffen und ein paar Schichten Schellack aufgetragen. Danach wieder alles zusammengesetzt, neue Beschläge montiert sowie Beleuchtung und Gläserhalter verbaut. Aufwendig? Aber sicher doch. Doch die Arbeit hat sich gelohnt.

Küchenbuffet | Darf's noch ein Gläschen sein? In Wien lebt das ehemalige Küchenbuffet als Bar wieder auf.

Geheimtipp Kombination

„Man kann die Spuren der Zeit immer noch sehen und vor allem fühlen“, sagt Michael. „Die positiven Eigenschaften wurden durch das Lifting hervorgehoben. Jedes dieser gebrauchten Teile gibt dem Raum seinen ganz eigenen Charme. Um diesen besonderen Stücken noch mehr Wärme zu verleihen und sie noch mehr in den Vordergrund zu rücken, ist es wichtig, neue Möbelstücke dazu zu kombinieren. Scheinbar edle Materialien, Samt, Vergoldetes, etc. geben ihnen den nötigen Kontrast, um zu glänzen und runden das Erscheinungsbild ab.“ Abgesehen davon spielt natürlich für Michael und Stefan der Aspekt der Nachhaltigkeit eine Rolle. „Viele Haushalte – auch wir – haben wahrscheinlich ein, zwei günstige Stücke von einer schwedischen Möbelhauskette, die aber längst nicht so langlebig sind und vor allem eine triste Geschichte erzählen.“

Savannen-Sepp & Stampfi

Es grünt so grün

Sich mit vielen Pflanzen aus den eigenen vier Wänden ein grünes Paradies zu zaubern, boomte in der Corona-Zeit richtig. „Stefan hat zum Glück einen grünen Daumen“, lacht Michael. „Wir haben die Pflanzen hauptsächlich nach ihrer Funktionalität ausgesucht. Da wir direkt an einer Hauptstraße wohnen, haben wir uns vorwiegend für Pflanzen mit luftreinigender Wirkung entschieden. Da wir als Neuwiener noch nicht so viele Kontakte hatten und den Pflanzen positive Ansprache bekanntermaßen gut tut, haben wir angefangen, ihnen Namen zu geben. Unsere Neuzugänge sind Savannen-Sepp und Marianne. Zum Glück wohnen wir direkt neben einem Blumenladen, der für ständigen Zuwachs sorgt.“

Die Einrichtung

Michael und Stefan haben versucht, möglichst wenig „Altlast“ mit nach Wien zu nehmen. Fast alle Möbel und Dekostücke haben sie verkauft oder verschenkt und nur erlesene Stücke mitgenommen. Stefan hatte in seiner Wohnung bereits sehr schöne Dinge, wie z.B. einen alten Barber-Stuhl, einen Schellack-Plattenspieler vom Flohmarkt und ein altes Funk-Gerät von seinem Opa.

Michael: „Dann waren wir so frech und haben einfach mal den Keller und Speicher unserer Eltern durchwühlt und einige Schätze gefunden: einen originalen Perser-Teppich, eine Couchgarnitur inkl. Sessel und ein Sideboard, das uns jetzt als Schuhschrank dient.“ Stefans Eltern mussten sogar auf ihren Echtholzkleiderschrank aus den 60ern verzichten und ihre Klamotten zwischenzeitlich in Umzugskarton lagern. „Seine Mama schien aber nicht sehr traurig darüber, sich einen neuen zu bestellen.“

In Wien haben die beiden noch einiges auf Sozial- und Flohmärkten erstanden. Darunter viele Bilderrahmen, Platten, Deko uvm.

„Uns war Atmosphäre wichtiger als die Optik“, erklärt Michael das Potpourri an unterschiedlichen Stilen und Einflüssen. „Zum Glück stimmt – aus unserer Sicht – in unserer Wohnung beides.“ Zu tun gebe es aber natürlich in der Wohnung noch einiges.

Echter Perserteppich aus dem Keller
Coco fühlt sich wohl

Blick in die Wohnung

Entdeckungsreise

Da Michael und Stefan mitten in der Corona-Zeit umgezogen sind, gibt es in den kommenden Monaten und Jahren natürlich noch viel zu entdecken. Vieles war bisher einfach geschlossen. Heißt aber natürlich nicht, dass euch die beiden nicht schon ein paar Tipps für die nächste Städtetour geben könnten. Die Ringstraße, an der das Rathaus und die Wiener Staatsoper liegen, ist ein Muss für Architekturliebhaber. Den Stephansplatz mit dem Stephansdom muss man fast schon nicht mehr erwähnen – gehört quasi zum Sightseeing-Standardprogramm.

Der Naschmarkt in Wien-Margareten mit seinen unzähligen kleinen Ständen zum Kosten und Verweilen ist ebenfalls einen Besuch wert, erklärt Michael. Dort ist auch das Lokal „Neni“ von der bekannten Köchin Haya Molcho – leckere israelisch-orientalische Küche! Habt ihr vielleicht bei „Kitchen Impossible“ mit Tim Mälzer gesehen.

Zum Shoppen können die beiden den Konzeptstore „Viennese Guy“ empfehlen. Dort sind verschiedene Wiener Designer und ein Café unter einem Dach. Und natürlich das Carla – ein Secondhand-Laden der Caritas. Für weitere schöne Gebrauchtwaren für die Wohnung.

Michael Bergmüller

Als wir uns das letzte Mal mit Michael für das espresso-Magazin unterhalten haben (Thema: die Situation von Kulturschaffenden in der Corona Zeit) war er noch in der Bands Mic Mali und Confusion eingebunden. Was wurde daraus?
"Mit Mic Mali treffen wir uns einmal wöchentlich online für Songwriting und Planungen. Confusion gibt es natürlich auch noch. Hier haben wir bereits ein Repertoire von ca. 70 Songs, sodass regelmäßiges Proben nicht zwingen nötig ist. Bei beiden Bands haben wir uns auf das Modell mit Probewochenenden geeinigt. Das heißt, wir treffen uns 2-3 Mal im Jahr, um neue Sachen zu üben und natürlich miteinander zu spielen. Neben zwei Bands, Job und Studium, starte ich gerade ein zusätzliches (Neo-)Soul-Projekt, also Soul-Musik mit diversen Einflüssen, wie z.B. Jazz."

Weitere Themen

Die Oberschenkel brennen schon

Aktuell wird der Körper auf Trainingsfahrten immer wieder auf Betriebstemperatur gebracht. Allzu viel Zeit bleibt den acht Athleten nämlich nicht mehr, um für ihr Vorhaben im Juli zu trainieren, das sie nicht nur körperlich, sondern auch mental fordern wird: 24 Stunden, um eine 450 km lange Strecke von Ingolstadt zum Gardasee per Rennrad zu bewältigen – eine echte Mammutaufgabe! Doch dahinter steckt ein Projekt mit Herz.

Weiterlesen »

Live Shopping als Corona-Lösung

Lukas Sixt und Moritz Huber aus Au in der Hallertau haben mit Lively Shopping eine App entwickelt, die dem Einzelhandel aus der Krise helfen soll. Ihr Rezept: Verkaufsgespräche per Livestreams. Könnte so die Digitalisierung des Einzelhandels aussehen? Wir haben bei den beiden nachgefragt.

Weiterlesen »

„Wir haben gemerkt, dass wir mit weniger glücklicher sind“

Marina und Eugen haben dem Plastik den Kampf angesagt. Während der Pandemie gründeten sie deshalb ihren eigenen Onlineshop palmint, wo sie plastikfreie Alternativ-Produkte in erster Linie fürs Badezimmer verkaufen. Im espresso-Interview sprechen sie über den Moment des Umdenkens, den Weg zum eigenen Shop und das Tabuthema Monatshygiene.

Weiterlesen »

Der König der Street-Art

Er ist der berühmteste Street-Art-Künstler unserer Zeit, seine Motive gehen um die Welt und mit ihnen die gesellschaftskritischen Botschaften, mit denen er auf Missstände hinweist. Jetzt kann man sich Banksys Werke noch bis 4. Juli als Nachbildungen im Münchner Isarforum anschauen. Wir verlosen 3×2 Karten für die Ausstellung.

Weiterlesen »

„Gleichberechtigung ist das Resultat einer gemeinsamen Anstrengung“

In ihrem Podcast Vitamin F sprechen die beiden Ingolstädterinnen Nicoletta Sabov und Sonsoles Perez vorwiegend über feministische Themen. Auch abseits des Podcasts setzen sie Projekte aus feministischer Perspektive um. Mit espresso sprechen die beiden Frauenrechtlerinnen über Sexismus im Alltag, Ingolstadt als Rekordstadt in Sachen Ungleichheit und ungerechte Stadtplanung.

Weiterlesen »

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.

Scroll to Top