Die lebenspendende Kraft der Musik

Markus Kreul (49) aus Altomünster ist professioneller Pianist und Dozent am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg | Foto: Konstantin Volkmar

Obwohl seine Eltern gar nichts mit klassischer Musik am Hut hatten, wollte Markus Kreul schon als Kind nichts sehnlicher als Klavier spielen lernen. Mit 11 setzte er sich zum ersten Mal an das Instrument, das sein Leben bis heute prägt. Es folgten Stipendien, ein Klavier-Studium in Köln und München, zahlreiche Live-Auftritte auf der ganzen Welt und eine Tätigkeit als Dozent für Liedgestaltung am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg. Mit espresso spricht Markus Kreul über seinen neuen Podcast, über ein von Disziplin geprägtes Leben und die Momente, in denen ihm die Kraft der Musik das Leben gerettet hat.

Markus Kreul

Pianist und Dozent für Liedgestaltung

Herr Kreul, in Ihrem Podcast gehen Sie der Frage nach, was die Kraft von Musik ausmacht. Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?
In der Corona-Zeit, ohne Auftritte und Konzerte, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe mich gefragt, warum ich dieses Leben als Pianist, das so stark von Disziplin geprägt ist, eigentlich möchte, was mich antreibt. Beeindruckt von den Balkonkonzerten, die wir zum Anfang der Pandemie in Italien beobachten konnten, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es bei Musik im Kern um das gemeinsame Erleben geht. Musik hat die unglaubliche Kraft, Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Epochen über Zeit und Raum miteinander zu verbinden. Ich habe einen Pool an Themen aufs Papier gebracht, die diese Kraft verdeutlichen und bin damit im vergangenen Jahr zwischen den Lockdowns auf die Bühne gegangen. Die positive und emotionale Resonanz, die ich darauf bekommen habe, hat mich angetrieben, daraus einen Podcast zu machen.

In welchen Phasen Ihres Lebens haben Sie die Kraft der Musik selbst gespürt?
Meine Mutter ist gestorben, als ich 24 war. Das war ein sehr existenzieller Einschnitt und ein wichtiger Punkt in meinem Leben, an dem ich das Potenzial von Musik erst wirklich verstanden habe. Durch die Musik hat sich mir eine zweite Welt geöffnet, in die ich flüchten konnte, weil ich die Situation in der realen Welt kaum ertragen habe. Für mich war in dem Moment das Üben am Klavier das, was mich gerettet hat.

„Musik hat die unglaubliche Kraft,
Menschen aus unterschiedlichen
Ländern und Epochen über Zeit und
Raum miteinander zu verbinden.“

Was hat usrsprünglich Ihre Leidenschaft zum Klavierspielen geweckt?
Es gab zwei prägende Erlebnisse, die mich auf den Weg gebracht haben, auf dem ich heute bin. Das erste hatte ich mit 11 Jahren. Es war mein erstes Jahr am Klavier und ich durfte auf einem Seniorennachmittag in meiner Heimatstadt Buschhoven bei Bonn Weihnachtslieder spielen. Auf einmal haben die Leute angefangen mitzusingen. Das war für mich total magisch und hat meine Liebe zum Live-Auftritt entfacht – auch wenn ich bis heute noch jedes Mal vor meinen Auftritten nervös bin (lacht). Das zweite Initial-Erlebnis hatte ich mit ungefähr 13 Jahren, als ich im Fernsehen eine Übertragung aus der Carnegie Hall in New York gesehen habe. Zu sehen war ein Auftritt des chilenischen Pianisten Claudio Arrau, der das Publikum mit seiner Musik so verzaubert hat, dass es Standing Ovations gab, man sah reihenweise Menschen, die vor Ergriffenheit weinten. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, hat der Pianist diese Wirkung bei den Menschen erzeugt. Diesen Moment habe ich bis heute bildlich in meinem Kopf.

Können Sie sich noch daran erinnern, als Sie das erste Mal Kontakt mit einem Klavier hatten?
Mein Onkel war auch musikbegeistert und hatte mehrere Instrumente zuhause. Ich habe ihn zwar leider nie selber kennengelernt, weil er früh gestorben ist, aber er hatte ein Musikzimmer in seinem Hasu, das meine Tante nach seinem Tod unberührt ließ. Dort stand auch ein Klavier. Immer, wenn ich als Kind an dem Zimmer vorbei gegangen bin, habe ich durch den Türschlitz gespäht und war ganz fasziniert von diesem Klavier.

Und dann haben Sie Ihre Eltern überredet, auch ein Klavier zu kaufen?
Meine Eltern haben ein Klavier angeschafft, als sie merkten, dass das mein größter Wunsch war. Am Anfang haben sie sich noch über mich gewundert, weil ich mein Hobby mit solch einer Intensität betrieben habe. Ich habe damals oft acht, neun Stunden am Tag geübt, um die Nervosität zu mindern, die ich vor Auftritten hatte. Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht, ob das denn gesund sei, wenn ich mich diesem ständigen Druck aussetze. Und natürlich gab es auch die Sorge, ob ich denn später einmal damit mein Leben finanzieren könnte. Wir haben ganz offen darüber gesprochen, sie haben diese Fragen gestellt und es dann auch akzeptiert, dass ich das machen möchte. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar, es war genau richtig so. Bei meinen Schülern, die ich als Dozent begleite, erlebe ich leider viel zu häufig Eltern, die ihre Kinder zu sehr beeinflussen wollen und ihnen keine Freiheiten geben.

Leistungsdruck: Schon als Kind hat Markus Kreul stundenlang am Tag Klavier geübt – völlig ohne Druck der Eltern, den machte er sich ganz alleine. Seine Arbeit vergleicht er gerne mit der eines Leistungssportlers, der sich regelmäßig zu Höchstleistungen antreiben muss.

Machen Sie sich diesen Druck, von dem Sie sprechen, auch heute noch?
Mein Leben ist sehr stark auf meine Arbeit als Pianist ausgerichtet. Ich habe – in Zeiten ohne Corona – 40 bis 50 Auftritte im Jahr. Ähnlich wie bei einem Leistungssportler, der sich gezielt auf einen wichtigen Wettkampf vorbereitet, gehört dazu ein verhältnismäßig gigantischer Berg an Vorbereitung, die ich für jedes Konzert investieren muss. Wie ein Sportler stoße ich immer wieder an meine Grenzen, habe Momente, in denen ich nicht weiterkomme. Da geht man oft durch emotionale Täler. Manchmal vor wichtigen Auftritten wünsche ich mir auch, beruflich etwas zu machen, was ich besser kontrollieren kann. Wo ich nicht so im freien Fall bin. Aber dieses Aufregende ist einfach auch toll. Das ist es, was dieser Beruf mit sich bringt und ich liebe es sehr.

Wie fühlen Sie sich nach einem Auftritt, wenn die ganze Last abfällt?
Wenn der Adrenalinspiegel sinkt, habe ich meistens so zwei Tage nach dem Konzert ein kurzes Down, eine kleine Krise. Damit weiß ich aber mittlerweile umzugehen. Ich weiß, dass ich mich dann ganz viel bewegen muss. Ich mache viel Sport oder gehe eine extra große Runde mit meinen zwei Hunden, einfach, damit ich wieder in den Alltags-Flow komme, der natürlich stark abweicht von dem Hochgefühl, das man während eines Auftritts verspürt. Ich versuche etwas zu machen, was mich körperlich fordert. Damit ich auch die anderen tollen Seiten des Lebens bewusst wahrnehme. Ich finde es immer eine Gefahr bei einem Beruf wie meinem, bei dem man sich von Höhepunkt zu Höhepunkt hangelt, dass man nur noch glücklich ist, wenn man auf der Bühne steht und ein Publikum vor sich hat.

Making Of: Als Kulisse für den Videopodcast diente das Verstärkeramt in Pfaffenhofen.

Lassen Sie uns zu Ihrem Podcast zurückkommen. Was möchten Sie mit dem Podcast erreichen?
Ich möchte mit meinem Podcast und dem Programm das Publikum direkt ansprechen. Diese Form der Interaktion vermisse ich in der klassischen Musik. Mir persönlich ist aufgefallen, dass ich oft auch gerne etwas Persönliches von den Künstlern auf der Bühne erfahren würde, nicht nur intellektualisierte Informationen zu den Stücken. Wenn jemand ein Konzert gibt, stellt sich mir die Frage, warum der Künstler gerade dieses Programm so zusammengestellt hat und was es ihm persönlich bedeutet. Wenn es mehr persönliche Interaktion gäbe, würde das vielen Menschen die Scheu davor nehmen, in ein klassisches Konzert zu gehen. Diese Nähe zum Publikum haben wir in anderen Musikarten längst. Ich finde, die klassische Musik muss endlich ihren Dünkel ablegen.

In der neuesten Folge Ihres Podcasts sprechen Sie über die heilende Wirkung von Musik. Welche Beispiele haben Sie dafür?
Musik wird zunehmend als therapeutisches Mittel verwendet. Zum Beispiel wird Musik bei geflüchteten Menschen eingesetzt, um ihnen mithilfe der Musik ihres Landes ein Gefühl von Identität zu vermitteln. Es gibt zum Beispiel den Ansatz, dass man hochgradig traumatisierte Menschen, die kein Identitätsgefühl und keine Selbstwahrnehmung mehr haben, mit eigenen Instrumenten ein eigenes Lied komponieren lässt. Wenn sie das dann oft genug hören und selber spielen, gibt es ihnen ein Gefühl von Identität und Sicherheit. Bei Demenzpatienten werden Musikstücke aus der Jugendzeit eingesetzt, die ganz tief vergrabene Erinnerungen wach rufen können. Es gibt eine bekannte Dokumentation über eine spanische Ballerina, die sehr alt und mittlerweile dement ist. Wenn man ihr die Musik von Schwanensee vorspielt, dann macht sie im Rollstuhl die Performance dazu. Das alles kann Musik.

S T I M M E N  G E S U C H T

Angelehnt an den Podcast plant Markus Kreul gerade ein Buch, in dem es auch um die Kraft der Musik gehen soll. Es soll eine Sammlung aus Geschichten werden, von Menschen, die ein besonderes Erlebnis mit der Kraft der Musik hatten. Das Buch soll zeigen: Musik gehört ins Leben. Sie kann therapeutisch sein, aufbauend, erschütternd.

Wenn Sie eine besondere Geschichte zu erzählen haben, melden Sie sich gerne unter der folgenden Mailadresse:
m.kreul@gmx.de

Gibt es ein Lied, dass bei Ihnen immer wieder bestimmte Erinnerungen weckt?
Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, als ich als Schüler zum ersten Mal eine Sprachreise nach Frankreich gemacht habe. Als Weckruf in allen Schlafsälen wurde immer das Lied „Ella, elle l’a“ gespielt. Das hat sich bei mir so eingebrannt, wenn ich das höre, bin ich sofort im Frankreich-Modus, Freiheit, Ausbrechen, es war eine wilde Zeit. (lacht)

Musik kann auch in größter Not helfen. In einer Folge Ihres Podcasts sprechen Sie über das Dachaulied, das im KZ Dachau von den Häftlingen als Durchhaltemarschlied gesungen wurde. Warum ist Ihnen dieses Lied so wichtig?
Zum einen habe ich einen persönlichen Bezug zu Dachau. Ich lebe hier in Altomünster in einem ehemaligen Pfarrhaus. Der Pfarrer, der hier früher lebte, war ein Überlebender aus dem KZ Dachau, der hier seinen Lebensabend verbrachte. Zum anderen fasziniert mich die Geschichte hinter dem Dachaulied. Es war ein Überlebenslied, das in den Baracken von den Häftlingen gesungen wurde. Durch das gemeinsame Singen gaben sie sich gegenseitig Mut und schafften es, ihre Menschenwürde trotz der unmenschlichen Umstände zu bewahren. Spannend daran ist, dass das Lied ganz geschickt konstruiert ist. Es hat nämlich nach außen hin den Charakter eines Propagandaliedes. Im Text wird sogar der berühmte Slogan „Arbeit macht frei“ aufgegriffen. Auch musikalisch ist das Lied einem typischen Nazi-Propagandalied sehr ähnlich. Nur wenn man sich das Lied ganz genau ansieht, erkennt man den wahren Sinn dahinter.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Was wünschen Sie sich für die Kultur und im Speziellen die Musikszene für die Zeit nach Corona?
Ich glaube und hoffe, dass wir durch die Pandemie noch mehr zu schätzen wissen, welch großen Wert Live-Konzerte für uns haben. Und ich wünsche mir, dass wir getreu dem Motto „kaufe lokal“ auch wieder mehr die Musiker um uns herum wahrnehmen. Vielleicht führt es in der klassischen Musik auch dazu, dass wir uns nicht mehr von diesen perfekt gestylten Klassik-Events blenden lassen, sondern wieder das echte Erleben wollen. Das, was Musik im Kern ausmacht und wo sie herkommt. Wir kommen zusammen in einem Raum, die einen machen Musik, die anderen hören zu und wir erfahren dieses Erlebnis gemeinsam mit all unseren Sinnen.

Herr Kreul, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihren weiteren Weg.

Hier geht’s zur ersten Folge des Video-Podcasts „Die Kraft der Musik“ von Markus Kreul:

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