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„Kein Klischee-Kitsch“
Interview mit Heidemarie Brosche zu ihrem Debütroman
Heidemarie Brosche schreibt für ihr Leben gern. Die Neuburgerin war bisher eher in der Sachbuchecke zuhause, ein paar Jugend- und Kinderbücher hatte sie auch schon veröffentlicht. Jetzt hat sie ihren ersten Erwachsenenroman herausgebracht. Im espresso-Interview verrät die pensionierte Lehrerin, wie es dazu kam, an welchen Orten sie am liebsten schreibt und warum es den Roman ohne die Neuburger Schuhboutick in der Form nicht geben würde.

Heidemarie Brosche
Frau Brosche, woher kam nach all der Zeit als Sachbuchautorin der Wunsch, einen Roman zu schreiben?
In mir war auf einmal der Gedanke: Jetzt hast du so viele erzählende Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben und so viele Sachbücher für Erwachsene, warum sollte nicht auch umgekehrt ein Schuh draus werden: erzählend, aber für Erwachsene. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt. Es war aber von Anfang an klar, dass ich nicht irgendeinen Klischee-Kitsch schreiben wollte, sondern dass das, was mir im Leben wichtig ist, seinen Platz finden sollte.
Wissen Sie noch, wie das mit dem Schreiben bei Ihnen angefangen hat?
Früher habe ich die Frage so beantwortet: Als mein erstes Kind ein gutes Jahr alt war, fiel mir plötzlich eine Geschichte ein, die ich unbedingt aufschreiben musste. Ab diesem Moment habe ich nie mehr aufgehört.
Irgendwann musste ich die Antwort erweitern. Ich hatte nämlich, als ich bei meinen Eltern zu Besuch war, etwas sehr Interessantes gefunden: ein Büchlein mit dem schönen Titel „Selbstgedichtedes“ – mit meiner Kinderhandschrift geschrieben, auch der Rechtschreibfehler ist original. Im Büchlein fanden sich lauter Geschichten und Gedichte, die ich als Grundschulkind geschrieben hatte. Seither weiß ich: Eigentlich habe ich damals schon angefangen. Aber leider hat mir die Schulzeit das dann erst mal wieder ausgetrieben. Was macht für Sie einen guten Roman aus? Er darf auf keinen Fall langweilig sein, er darf keine abgedroschenen Klischees bedienen, er muss eine gewisse Originalität aufweisen und durchaus auch Denkanstöße liefern. Jetzt hoffe ich natürlich sehr, dass mir das nicht um die Ohren fliegt, wenn die Leute meinen Schuhhimmel gelesen haben.
Wie bei „Friends“
Im fiktiven Schuhgeschäft treffen verschiedene Schicksale aufeinander. Inspiritation und Vorbild für den Schuhhimmel war die Schuhboutick Neuburg, die von Heidemarie Brosches Neffin geführt wird. Die Atmosphäre gefiel der Autorin so gut, dass sie ihre Geschichte darum strickte.
Was macht für Sie einen guten Roman aus?
Er darf auf keinen Fall langweilig sein, er darf keine abgedroschenen Klischees bedienen, er muss eine gewisse Originalität aufweisen und durchaus auch Denkanstöße liefern. Jetzt hoffe ich natürlich sehr, dass mir das nicht um die Ohren fliegt, wenn die Leute meinen Schuhhimmel gelesen haben.
Welche Bücher haben Sie besonders geprägt in Ihrem Leben?
Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich als Kind zunächst Märchen sehr geliebt. Dann kamen Geschichten wie die von Enid Blyton, die übrigens in meinem Kopf damals immer Enid Blühton war. Und schließlich habe ich mich mit Astrid Lindgrens Geschichten sehr wohlgefühlt.
An welchem Ort schreiben Sie am liebsten?
Es gibt genau zwei Orte, an denen es am besten läuft: Da ist einmal mein eigenes kleines Arbeitszimmerchen, und da ist zum anderen die Bahn. Ich habe auf Bahnfahrten zu Lesungen und Vorträgen schon halbe Bücher getippt. Ich weiß nicht, ob es die Bewegung ist, die mich so in den Flow kommen lässt, auf jeden Fall liebe ich das Schreiben auf Zugfahrten.
In Ihrem Roman spielt eine Schuhboutique eine zentrale Rolle. Wieso haben Sie sich gerade für diesen Ort als Schauplatz entschieden?
Die Neuburger Schuhboutick hat mich seit Jahren inspiriert.
Die Besitzerin ist meine Nichte, und ich besuche sie alle paar Wochen. Auch wenn wir danach etwas anderes unternehmen, schaue ich grundsätzlich erst im Schuhgeschäft vorbei. Und was ich da so sehe und mitbekomme, hat in meinem Kopf zu einer Fülle von Ideen geführt. Sehr gerne habe ich früher (und vor kurzem noch einmal) die Serie „Friends“ angeschaut. So, wie dort das Café Central Perk ein Dreh- und Angelpunkt ist, so dachte ich, könnte es bei mir doch ein Schuhgeschäft sein.
Warum sind Einzelhandelsgeschäfte wie der Schuhhimmel so wichtig für die Gesellschaft?
Na ja, Städte sehen halt gar nicht mehr schön aus, wenn ein Geschäft nach dem anderen schließt. Das kann man derzeit ja beobachten. Außerdem tut es uns Menschen halt auch gut, wenn wir mit echten Menschen und nicht nur mit Online-Formularen in Kontakt treten. Ein Gespräch, ein guter Espresso, der Anblick von schönen Dingen, die ansprechend arrangiert sind – das alles ist für viele Menschen wertvoll, wird aber verschwinden, wenn jede/r nur noch bestellt. Außerdem ist es einfach so, dass viele Einzelhändler sehr viel Geld und Herzblut in ihre Geschäfte gesteckt haben und stecken, da möchte ich nicht, dass die – für die anderen sang- und klanglos, für sie selbst aber äußerst schmerzhaft – kaputtgehen.
Welche Figur ist Ihnen beim Schreiben am meisten ans Herz gewachsen?
Meine Güte, ich war ihnen im Laufe des Schreibprozesses so nah,
ich habe oft mitten in der Nacht im Halbschlaf an meine Figuren gedacht und ihre Geschichte weitergesponnen.
Als der Roman fertig war, haben sie mir gefehlt. Um endlich Ihre Frage zu beantworten: Ich käme mir geradezu treulos vor, wenn ich eine Figur herausgreifen würde.
Wer wird am meisten Spaß mit dem Buch haben?
Ursprünglich dachte ich an Frauen ab 40. Inzwischen habe ich die Zielgruppe in Gedanken erweitert, da ich auch schon von Männern positive Rückmeldungen bekommen habe. Das könnte daran liegen, dass ich das Buch ja aus drei Perspektiven geschrieben habe, aus der der Lehrerin um die 60, aus der der 40-jährigen Schuhgeschäft-Besitzerin und aus der des gut 20-jährigen Studenten. Mir ist der Perspektivenwechsel grundsätzlich sehr wichtig im Leben, und so hat sich dies angeboten. Vielleicht fühlen sich sogar Jüngere angesprochen.
Werden Sie jetzt weiter Romane schreiben oder war das ein einmaliges Experiment?
Soeben ist ja mein neues Bilderbuch „Und trotzdem hab ich dich immer lieb“ auf den Markt gekommen, das mir sehr wichtig ist. Das Sachbuch „Hätte ich netter schimpfen sollen?“, das im Mai 2020 erschienen ist, habe ich auch mit großem Engagement geschrieben, ich halte mit Freude Vorträge zu meinen Sachbüchern. Und auch einen Kinderroman habe ich gerade wieder entwickelt. Ach, und trotzdem würde ich sehr gerne einen neuen Erwachsenenroman schreiben, wenn ich Zeit habe. Am liebsten zunächst mal die Fortsetzung von „Schuhhimmel mit Turbulenzen“, da habe ich schon einiges im Kopf.
Frau Brosche, vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Infos zu Heidemarie Brosche und ihren Büchern gibt es auf ihrer Homepage www.h-brosche.de.

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