Japan - Land der Yokai

Foto: Adobe Stock / Blue Planet Studio

Fortschrittliche Hochtechnologie auf der einen Seite, jahrtausendealte Kulturgeschichte auf der anderen. Japan ist wahrlich ein Land zwischen Tradition und Moderne. In Japan liebt man aber auch das Mystische, das Unergründliche – ja, sogar ein bisschen das Gruselige. Aus dieser Welt entstammen die sogenannten Yokai. Tausende dieser fantastischen Kreaturen bevölkern seit Jahrhunderten die japanischen Inseln. Was sie genau sind, darüber streiten sich die Gelehrten bis heute – auf jeden Fall sind es übernatürliche Wesen. Marcus Köhler hält Ende August an der VHS Ingolstadt einen Vortrag über die Yokai. Im espresso-Interview nimmt er uns vorab mit in eine Welt voller Mysterien.

Manche scheuen den Menschen, andere halten sich gerne in seiner Nähe auf. Manche sehen aus wie der Teufel höchstpersönlich, andere eher wie ein Fuchs. Wieder andere wie ein normaler Alltagsgegenstand. Letztere – die sogenannten Tsukumogami – erwachen, so ist es überliefert, nach 100 Jahren zum Leben. Sofern sie denn zuvor verwahrlost oder achtlos weggeworfen wurden. Die Yokai sind vieles – und doch bleiben sie ein Rätsel.

In der heutigen Popkultur sind sie allgegenwärtig. In Mangas, Animes und Videospielen feiern sie ein Revival. Im berühmten japanischen Zeichentrickfilm Prinzessin Mononoke spielen z.B. viele tierische Yokai eine Rolle, aber auch in westlichen Erzählungen wie Harry Potter wird man sie finden.

KITSUNE vs. HANZOKU

Prinz Hanzoku wird von einem Kitsune heimgesucht - ein Holzschnitt von Utagawa Kuniyoshi aus dem 19. Jahrhundert. Kitsune bedeutet im japanischen schlicht Fuchs. Der Künstler des Werks war einer der drei stilbildenden Meister des japanischen Farbholzschnitts am Ende der sogenannten Edo-Zeit (1603-1868). Viele Holzschnitte entstehen in dieser Epoche, es gibt einen regelrechten Yokai-Boom.

Herr Köhler, in der VHS stellen Sie bald die Yokai vor. Wie sind Sie denn selbst auf dieses Thema gestoßen?
Eigentlich eher durch Zufall. In den letzten Jahren konnte ich mehrmals nach Japan reisen, wobei ich von den Figuren in Tempeln, Schreinen oder anderen Orten beeindruckt war. Also wollte ich irgendwann wissen, um wen es sich dabei handelt, was meine Begeisterung für diese Welt weckte.

Erklären Sie doch bitte kurz, was man sich unter den Yokai vorstellen kann.
Da streiten sich die Gelehrten teilweise noch und ja, an japanischen Universitäten gibt es Professoren und Studiengänge, die sich dem Thema widmen. In der breitesten Definition sind Yokai eine komische oder mysteriöse Kreatur, ein Monster, Geist oder Wicht.

Recherchiert man etwas über die Yokai, stößt man schnell auf den bösartigen Oni (Teufel), den missgünstigen Kitsune (Fuchs) oder die sogenannte Yuki Onna (Schneefrau) – ein Wesen in Gestalt einer Frau im weißen Kimono, das verirrte Bergwanderer ins Schneegestöber lockt und sie dort erfrieren lässt. Sind Yokai denn generell alle schlecht?
Nein, nicht alle Yokai sind generell schlecht. Vielfach werden aber positive Erscheinungen eher als Kami (shintoistische Götter) bezeichnet, negative als Oni (buddhistische Dämonen) oder Yokai. Dabei gibt es aber auch viele harmlose Kobolde, die Menschen teilweise nur necken wollen, in etwa vergleichbar mit dem Pumuckl.

TENGU - DER HIMMLISCHE HUND

In Tempeln oder an Schreinen sind oft Yokai-Statuen zu finden. Ursprünglich wurde der Tengu (Foto) gefürchtet - mit Opfergaben versuchte man ihn zu besänftigen. Typisch ist seine lange Nase, es gibt aber auch Darstellungen mit Schnabel. In der Edo-Zeit wurden Europäer gelegentlich als Tengu dargestellt - wegen ihrer, aus japanischer Sicht, langen Nasen.(Foto: Adobe Stock / nicolasdumeige)

Welcher Yokai fasziniert Sie besonders?
Das ist definitiv der Tengu (himmlischer Hund), der eigentlich in allen Gegenden Japans in Geschichten überliefert wird und erstmals im Jahr 637 schriftlich erwähnt wird. Dabei handelt es sich um einen Berg-Kobold mit langer Nase, der in einer seiner zwei unterschiedlichen Arten auch fliegen kann. Tengu sind kämpferisch – einer der bekanntesten Krieger Japans, Minamoto no Yoshitsune, soll seine militärischen Fähigkeiten als Kind in einem Tempel von einem Tengu erlernt haben.

Ähnlich den Halbgöttern in der griechischen oder römischen Mythologie gibt es auch Halb-Yokai – als Ergebnis einer Liebesgeschichte zwischen Mensch und Yokai. Sind das alte japanische Romanzen mit Happy End? Oder gibt es auch hier eine dunkle Seite?
Es gibt tatsächlich viele dieser Verbindungen, wobei einige gut und einige schlecht enden. So ist ja auch die Yuki-Onna, die Sie schon erwähnten, einmal die Lebensretterin von einem von zwei Wanderern in einem Schneesturm. Sie nimmt ihm jedoch das Versprechen ab, nie über diese Nacht zu reden. Ein Jahr später heiratet er eine hübsche Frau namens O-Yuki, sie haben 10 Kinder und leben glücklich zusammen, bis er ihr eines Tages von der Nacht in den Bergen erzählt. Natürlich handelt es sich bei O-Yuki um Yuki-Onna und sie verlässt ihren Mann sofort in Wut. Also kein Happy-End, auch wenn die blutige Rache ausbleibt. Diese Geschichte ist übrigens auch von Lacafadio Hearn aufgeschrieben und 1904 im Buch Kwaidan veröffentlicht worden. Ihm verdanken wir die Bewahrung vieler dieser Geschichten, sozusagen der Grimm Japans.

KARAKASA-OBAKE
DER PAPIERSCHIRMGEIST

Dieser Yokai gehört zur Gruppe der Tsukumogami. An ihrem 100. „Geburtstag“ erwachen diese Alltagsgegenstände zum Leben, wenn sie zuvor nicht genügend Wertschätzung erfahren haben. Karakasa-Obake sieht aus wie ein traditioneller Papierregenschirm mit einem einzelnen, großen Auge und einem Mund mit langer Zunge. In den meisten Darstellungen hat er nur ein Bein und bewegt sich dadurch hüpfend fort – oder aber er spannt sich auf und schwebt umher. Er gilt als freches, aber harmloses Wesen, das seinen (ehemaligen) Besitzern Streiche spielt.

In welche Zeit lässt sich die Entstehung der Yokai einordnen?
Die ersten Erwähnungen von mythischen Kreaturen und Monstern finden sich im 7. und 8. Jahrhundert, beispielsweise in den Chroniken des Kojiki (712) und Nihongi (720). Das Wort Yokai sucht man hier jedoch vergebens. In anderen Schriften und mündlichen Überlieferungen kam es seitdem zu immer mehr Beschreibungen und in der Kunst der Nara-Zeit (710 – 749) wurden erstmals auch Kunstobjekte mit Yokai-Darstellungen geschaffen. Insbesondere in der Edo-Periode gab es dann einen ersten Yokai-Boom, da viele Künstler Holzschnitte mit diesen Motiven schufen und auch die Vorläufer der Mangas oder Spielkarten mit Yokais sich größter Beliebtheit erfreuten. Gerade letztere sind sicher die entfernten Vorläufer von Pokemon.

Welche Rolle spielen die Yokai heute noch im Alltag der Japaner?
Yokai spielen eine große Rolle im japanischen Alltag, zumindest eine viel stärkere als Zwerge oder Kobolde bei uns. In ganz Japan wird am 3. Februar das Frühlingsfest setsubun gefeiert. Dort werden die Dämonen des Winters mit Bohnenwürfen auf Bildnisse oder Figuren verjagt. Einen bestimmten Yokai, den Tanuki, findet man als Figur in vielen Restaurants und Bars, oft mit einer Sake-Flasche in der Hand. Er soll dafür sorgen, dass Gäste die Zeit vergessen und viel konsumieren, weshalb sie von den Besitzern als Glücksbringer für gute Geschäfte aufgestellt werden. Auch im traditionellen No-Theater und im Kabuki finden sich Yokai als Figuren in den Aufführungen. Viele Städte oder Regionen nutzen Yokai auch als Maskottchen, um den Tourismus anzukurbeln.

KAPPA
DAS FLUSSKIND

Der Kappa ist ein froschähnliches Wesen, das in Gewässern lebt. An Land ist es für den Menschen keine besonders große Gefahr – mal abgesehen davon, dass es auf den Feldern Gurken, Auberginen und Kürbisse stiehlt. Im Wasser sieht die Sache allerdings anders aus. In einigen Regionen Japans glaubte man, dass man von einem Kappa angegriffen und ertränkt werde, wenn man vor dem Schwimmengehen Gurken gegessen hatte.

Illustrationen: Adobe Stock / G.rena

In der Pop-Kultur leben die Yokai wieder besonders auf. Wo trifft man die Wesen überall an?
Die zunehmende Bekanntheit und Beliebtheit von Yokai – auch in Nordamerika und Europa – ist der Verbreitung in Mangas, Animes und Computerspielen zuzurechnen. Auch Pokemon-Go verwendet einige Kreaturen, die auf Yokai basieren. Es gibt auch schon mehrere Filme wie Krieg der Dämonen von Takashi Miike. Zu all diesen Artikeln gehört natürlich auch das passende Merchandising, von Figuren über Kleidung bis hin zu Rucksäcken und Schlüsselanhängern.

In den 90ern setzte in Japan der Trend zum Mystizismus bzw. zu Okkultem verstärkt ein. Als Schlagwort ist hier u.a. der Begriff „ikai“ zu nennen – bedeutet übersetzt in etwa „Jenseits“. Das Wort ist aber auch eng mit Kritik am „modernen Japan“ verwoben. Wo liegt Ihrer Meinung nach der Grund, dass sich das Übersinnliche auch heute noch großer Beliebtheit erfreut? Hat der Mensch in einer Zeit, in der immer mehr wissenschaftlich erklärt werden kann, den Drang zur Unerklärbarkeit?
Yokai dienten gerade anfänglich dazu, nicht erklärbare Phänomene beschreiben zu können. Während in Europa im Zuge der Aufklärung alles immer nur wissenschaftlich gesehen wurde, gab und gibt es in Japan einerseits ein Nebeneinander von Wissenschaft und Unerklärlichem. Der Shintoismus ist ja eine Naturreligion und Flüsse, Steine oder auch Bäume können dort Kami (Götter) sein und verehrt werden. Japan trachtet danach, alte Handwerke und Traditionen am Leben zu erhalten, was das Land zu einem faszinierenden Mix aus Hochtechnologie und Tradition macht.

Herr Köhler, vielen Dank für diese Einblicke.

Marcus Köhler

Marcus Köhler (46) ist geboren und aufgewachsen in Haan in der Nähe von Düsseldorf | 1994 - 2006: Offizier in der Bundeswehr, Studium der Pädagogik | 2006 - 2008: MBA Studium in Deutschland und Spanien | 2008 - 2017: Sprachlehrer für Deutsch und Englisch in Lima, Peru | Seit September 2017: wohnhaft in Ingolstadt, Tätigkeit als selbständiger Sprachlehrer, u.a. an der VHS Ingolstadt
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