Was macht Ihr Leben reicher?

Foto: Adobe Stock / Dmitry Lobanov

Sind es die materiellen Dinge? Oder liegt das wahre Glück doch eher im Zwischenmenschlichen? Manchmal sind es die kleinen Dinge des Alltags, die das Leben bereichern. Ein unerwartetes Kompliment. Die Unbeschwertheit, die einem die eigenen Kinder vorleben. Fünf kleine Alltagsgeschichten haben wir gesammelt.

Veronika Hagn

JU-Stadträtin

Ich bin spät dran und bilde mir eine Butterbreze zum Frühstück ein. Vor der Bäckerei wartet bereits ein Mann. Aufgrund Corona darf nur immer ein Kunde in den kleinen Laden mit dem großem Schaufenster. Die Frau, die gerade bedient wird, trödelt beim „Zucker in ihren Kaffee schütten“, zumindest für meinen Geschmack. Als sie ohne Eile mit ihrem Kaffeebecher in der Hand den Laden verlässt und der Mann vor mir gemächlich den Laden als nächster betritt, platze ich schier vor Ungeduld. Die Frau bleibt vor mir stehen, sieht mich an und sagt: „Das sind tolle Stiefel, sieht echt gut aus“ und mit einem Lächeln – zumindest deute ich ihre Mimik hinter ihrer Maske so – geht sie davon und ich bleibe ebenfalls mit einem Lächeln über ein unerwartetes Kompliment zurück, kaufe meine Butterbreze und gehe irgendwie mit einem besseren Gefühl und weniger gehetzt in
Richtung Büro.

Veronika Peters

SPD-Stadträtin

Es ist ein ganz normaler Donnerstag. Frau B. will mich sprechen. Sie hat schon einige Male im Büro angerufen und will mir etwas überreichen. Sie will es nur mir geben und ich fahre ins Heilig-Geist-Spital. Frau B. wartet schon auf mich. Mit Maske und alle Hygienebestimmungen beachtend dürfen wir uns im Aufenthaltsraum in entsprechender Distanz gegenüber hinsetzen. Die Augen der 96-Jährigen funkeln als sie von Ingolstadt zu erzählen beginnt. Sie war früher Lehrerin und sie ist es immer noch. Ich höre ihr gerne zu. Sie kennt nicht nur Geschichten von früher, sie weiß auch, was jeden Tag in der Zeitung steht. Ihre positive Lebenseinstellung, ihr Kampfgeist und ihre Liebe zu Ingolstadt sind ansteckend. Ich nehme zwei dicke Akten Ordner voller Erinnerungen mit nach Hause.

Celina Litter

Ingolstädter Christkind

Das Schönste und Wertvollste, das mir dieses Jahr in meinem Amt als Ingolstädter Christkind passiert ist, ist folgendes: Ein Mädchen Namens Anna, 6 Jahre alt, glaubt nicht an das Christkind. Anna hat einen vierjährigen Bruder, Timo. Dieser glaubt sehr fest an das Christkind.

Die Eltern schreiben in der Vorweihnachtszeit gemeinsam mit den Kindern Jahr für Jahr einen Wunschzettel an das Christkind. Dieser Wunschzettel wird gemeinsam mit Plätzchen an einem Abend in der Adventszeit vor die Türe gelegt, damit ihn das Christkind abholen und sich mit den Plätzchen vom Flug stärken kann. Seit dem letzten Jahr möchte Anna bei diesem Ritual nicht mehr mitmachen, da sie in der Schule von ihren Mitschülern erfahren hat, dass es das Christkind angeblich nicht gibt.

Den Eltern und Timo gelang es nicht, Anna vom Gegenteil zu überzeugen. Stattdessen versucht Anna ihrem Bruder Timo zu erklären, dass es das Christkind tatsächlich nicht gibt. Natürlich wollten die Eltern den Zauber der Weihnacht und den Glauben an das Christkind weiterhin aufrechterhalten und haben mich um Hilfe gebeten. Wie in den letzten Jahren haben sie also gemeinsam einen Wunschzettel geschrieben und Anna hat wiederwillig mitgemacht. Am Abend wurde dann der besagte Wünsche-Teller mit Plätzchen vor die Tür gestellt.

Allerdings haben mir die Eltern den Original-Wunschzettel und die Plätzchen zukommen lassen (natürlich ohne Wissen der Kinder). Die Idee dahinter war, den Kindern eine Videobotschaft zukommen zu lassen. Also habe ich mich als Christkind eingekleidet, mit dem Wunschzettel in der linken Hand, einem Plätzchen in der rechten Hand und habe ein Video aufgenommen. Ein Video, in dem ich den Wunschzettel vorlese, die Plätzchen währenddessen esse und mich bei den Kindern namentlich für ihre Wünsche und die Leckereien bedanke. Diese Videobotschaft habe ich dann den Eltern gesendet. Nachdem Anna und Timo das Video mit ihrem Plätzchen und dem Wunschzettel in der Hand gesehen haben, waren sie total baff. Wie kann es sein, dass das Christkind tatsächlich unsere Wünsche und Namen kennt und unsere Plätzchen isst?

Nun musste auch Anna zugeben: Das Christkind gibt es tatsächlich. Seitdem kann es Anna kaum noch erwarten, dass es bald Heiligabend ist und das Christkind ihr hoffentlich die Wünsche von ihrem Wunschzettel erfüllt. Das Geschenk, dass ein Kind wieder an den Weihnachtszauber und an das Christkind glaubt, hat mir definitiv mein Leben bereichert. Genauso ein Erlebnis wie dieses macht das Amt als Ingolstädter Christkind für mich zu etwas ganz besonderem.

Christian Scharpf

Ingolstädter Oberbürgermeister

Was mein Leben reicher macht? Ein kleiner Ausschnitt spontaner Einfälle: Wenn ich in die glücklichen Augen meiner Kinder schaue, der erste Kaffee an einem sonnigen Morgen, der Blick aufs Kreuztor und Münster, wenn ich über die Friedhofstraße Richtung Rathaus ins Büro fahre, ein unverhofftes Zeitfenster im eng getakteten Terminkalender, das Zusammentreffen mit entspannten Menschen, die mit sich im Reinen sind und noch vieles mehr…

Maria Frölich

Komm. Vorsitzende BGI

Meine Kinder: leben im Jetzt, vergessen schnell oder hören gar nicht erst zu und setzen meist völlig andere Prioritäten als ich. Sie leben und lieben das Chaos, leben schwerelos und übermütig, voller Tatendrang in den Tag hinein. Sie tun, was ihnen Freude macht, forschen und sind begeistert bei Spiel, Spaß und Sport. Sie lassen sich oft treiben.

Nicht selten treiben sie mich damit in den Wahnsinn. Mit ihren Projekten, bei denen sie alle möglichen Utensilien von mir ungefragt ausleihen und dann nie wieder zurückbringen. Ich dagegen: versuche zu strukturieren, zu funktionieren, organisiere, erledige, räume auf und lebe oft ein pflichtbewusstes Leben. Oftmals ist es das komplette Gegenteil von dem, was meine Kinder tun. Und während ich das so schreibe, fühlt es sich auch ein wenig trostlos an. Ich bin z.B. die, die Werkzeug und Gartengeräte nach dem ersten Schneefall im Garten sucht oder nie den Tesafilm oder Scheren, von denen wir wirklich massenhaft haben müssten, dort findet, wo sie sie hingeräumt hat.

Ab und zu vergesse ich dabei mich selbst – das Leben mit seinen vielen ToDo-Listen und Aufgaben engt mich ein, lässt manchmal im wahrsten Wortsinn keinen Spielraum mehr. Doch genau dann bereichert mich die Leichtigkeit meiner Kinder, die nicht in ToDo-Listen denken. Sie spielen einfach, lehren mich innezuhalten, zu reflektieren, nicht nur der Pflicht nachzugehen, sondern auch bewusst drauf zu hören, was mein Herz sich wünscht.

Sie lehren mich Unbeschwertheit, spontan zu sein, das zu tun, was wesentlich ist – ganz im Moment zu sein und nicht schon drei Aufgaben im Voraus zu planen. Sie haben entwaffnenden Humor und bringen mich zum Lachen. So wie kürzlich, als ich mit K2 einen Disput hatte, weil mal wieder nicht erledigt war, was es gestern versprochen hatte. Ich sagte zu ihm „Dein ‚gleich‘ und mein ‚gleich‘ hat nicht dieselbe Zeitspanne.“ K2 antwortete mir mit einem Känguru-Zitat: „Ach mein – dein, das sind doch bürgerliche Kategorien.“ Und wenn ich ehrlich bin, so sind es nicht die abgearbeiteten ToDo-Listen, sondern die Erinnerungen an solche herausragenden Momente des Zusammen-Seins, die mich oft auch Jahre später noch grinsen lassen.

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