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Chillen, chatten, Zeit totschlagen

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Chillen, chatten, Zeit totschlagen

Fotos: Sabine Knörr Photography

Sandra Lindermeier weiß als Pubertätsexpertin, wie Jugendliche ticken

Kinder durch die Pubertät zu begleiten, kann für die ganze Familie eine harte Belastungsprobe sein. Kann, muss aber nicht. Sandra Lindermeier begleitet Eltern in dieser Phase der Entwicklung auf dem Weg durch die Pubertät. Im Interview verrät sie mehr über ihren Job.

Hallo Sandra, du bist Pubertätsexpertin und Elternmotivatorin. Das klingt spannend. Wie kamst du dazu?
Mit Eltern und Familien arbeite ich schon seit über 20 Jahren. In meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen habe ich oft gespürt, dass Eltern mit den Herausforderungen der Pubertät überfordert waren. Denn dann funktioniert Erziehung nicht mehr. Damit die Eltern in dieser Phase die Verbindung zu ihrem Kind nicht verlieren, habe ich mich auf den Weg gemacht, Eltern dabei zu unterstützen, aus Erziehung wieder Beziehung werden zu lassen und sie zu motivieren, ihre Erziehungsverantwortung wieder mit Freude wahrzunehmen.

Hast du selbst Kinder im Teenager-Alter?
Ja, meine Tochter ist mit 23 schon in der „postpubertären Phase“. Mein Sohn ist mit 16 Jahren mittendrin statt nur dabei.

Du versprichst Eltern ihre Familien-Magie wiederzufinden, bevor Zuhause die Funken fliegen. Wie schaffst du das in deinem Alltag?
Mit viel Wertschätzung und Gelassenheit. Das musste ich auch erst lernen. Umso gelassener man reagiert, desto entspannter können Gespräche in der Familie stattfinden. Dazu gehört vor allem, dass jeder in der Familie um seine Bedürfnisse weiß, also, was einem gut tut, was man braucht. Gelingt es, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ernstgenommen und erfüllt werden können, dann ist das fast ein bisschen wie Magie. Da gibt es den schönen Spruch: „Wenn Du deine Bedürfnisse kennst, dann küsst Dich das Leben“. Das finde ich eine ganz wunderbare Vorstellung.

Die 3 wichtigsten Regeln für Sandra Lindermeier: Hinhören-Zuhören-Verstehen

Was würdest du deiner Tochter sagen, wenn sie mit 17 Jahren mit blauen Haaren und Zungenpiercing nach Hause kommen würde?
Jugendliche wollen und müssen sich abgrenzen von den Eltern. Das geht hervorragend über Äußerlichkeiten, wie gefärbte Haare oder einen besonderen Klamottenstyle. Wenn man weiß, dass dieses Verhalten von Teenies zum Entwicklungsprozess dazugehört und oft nur eine Phase ist, kann man sich viel Aufregung sparen. Ich würde zu meiner Tochter sagen: „Coole Haarfarbe“. Und zum Zungenpiercing muss ich zugeben, dass ich selbst eins hatte. Da wäre ich nicht schockiert. Meine Mama fand’s blöd. Aber das war mir egal. Eigene Erfahrungen helfen uns dabei, unsere Kinder besser zu verstehen. Allerdings sollten wir sie nicht mit uns vergleichen. Das funktioniert nicht.

Haben Eltern in punkto Kleidungsstil und Haare überhaupt etwas zu melden?
Kleidung und Haare bieten die Chance, sich auszuprobieren, wer man sein will, wie man gesehen werden will und wie man auf andere wirkt. Das brauchen Jugendliche, um sich selbst besser wahrzunehmen. In punkto Kleidungsstil und Haare kann es auf jeden Fall Absprachen geben. Die sollten allerdings nicht in Form von Verboten erfolgen, da dies eher kontraproduktiv ist. Besser wäre es, ins Gespräch zu kommen, um zu verstehen, warum der Teenie jetzt blaue Haare haben will. Jedes Verhalten hat auch einen guten Grund. Diesen gilt es herauszufinden.

Als Pubertätsexpertin weißt du sicher mehr über Verhaltensmuster und Vorgänge, die sich bei Jugendlichen so abspielen. Gibt es da etwas, das Eltern unbedingt wissen sollten?
Auf jeden Fall ist es wichtig zu wissen, dass sich das Gehirn bei Teenies während der Pubertät im Umbau befindet, quasi eine Art Baustelle. Dies führt zu den bekannten Stimmungsschwankungen oder oftmals zu geringer Motivation und riskantem Verhalten. Hier sollten Eltern nachsichtig sein und ihren Kindern Fehler zugestehen. Denn auch Scheitern will gelernt sein.

Chillen. Chatten. Zeit totschlagen war das Motto einer deiner Teenie Talks auf Instagram. Wie schafft man es, die jungen Heranwachsenden zu mehr zu motivieren?
Motivation ist nicht gerade die Kernkompetenz von Jugendlichen. Die Teenies zu motivieren gelingt fast nur, wenn sie es aus eigenem Antrieb tun oder wollen. Hier helfen vor allem Rituale und das Definieren von Pflichten. Jeder, der mit im Haushalt lebt, sollte auch Aufgaben übernehmen. Wenn Kinder eingebunden werden, zeigt man ihnen, dass man sie ernst nimmt, aber auch, dass zu Rechten auch Pflichten gehören. Am besten stellt man die Familienregeln gemeinsam auf, um nicht jedes Mal in die Diskussion gehen zu müssen.

Was können Eltern in diesen etwas schwierigen Jahren tun, um die Beziehung aufrecht zu erhalten?
Auch hier sind Rituale ganz wichtig für die Familie. Sie fördern den Zusammenhalt und geben dem Leben Struktur. Beim gemeinsamen Familienessen bietet sich die Gelegenheit ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, was das eigene Kind beschäftigt. Eine gemeinsame Mahlzeit am Tag mit der Familie bietet unheimlich viel Gelegenheit in Kontakt zu treten und so die Beziehung zu stärken. Das eigene Kind ernst nehmen gehört auch zu einer guten Beziehung. Auch, wenn der Sohn oder die Tochter scheinbar unsinnige Ansichten hat, so ist es unbedingt notwendig, diese Ansichten ernst zu nehmen, in Diskussion zu gehen und Argumente auszutauschen. Das brauchen die Teenies, um ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln zu können.

Schule und Pubertät – wie kann man die Heranwachsenden hier unterstützen?
Schule und Pubertät ist eine ganz miese Kombination. Während die Hormone Achterbahn fahren, soll man sich konzentrieren und fokussiert sein. Das geht aufgrund der Baustelle im Gehirn nur mit Verzögerung. Diese Phase ist deshalb für alle Beteiligten nicht leicht. Eine erste Maßnahme kann sein, den Druck rauszunehmen. Eltern sollten sich bewusst machen, dass ihr Kind nur dann Verantwortung für die schulischen Leistungen übernehmen kann, wenn es selbst herausfindet, wofür es lernt und was es damit erreichen möchte. Das ist oft nicht leicht auszuhalten.

Erziehen ohne Strafen – ist das deiner Meinung nach in jeder Lebenslage möglich?
Ja, unbedingt. Strafen bringen nichts und Kinder lernen durch Strafen nur, dass Erwachsene die Macht haben, Befehle zu geben. Studien belegen sogar, dass Strafen bei Kindern negative Folgen für die Entwicklung haben. Der Einsatz von Konsequenzen ist etwas anderes. Sie sind aber nur dann sinnvoll, wenn sie auch mit der Handlung des Kindes in Zusammenhang stehen. Die Konsequenzen sollten dem Alter des Kindes angepasst sein. Bei älteren Kindern macht man viel über die Verstandesebene. Drohungen verhallen und belasten auch die Beziehung. Deshalb rate ich immer zu Diskussion mit Herz und Verstand. Und wenn man gerade noch zu aufgebracht ist, sollte man erst durchatmen und seine Emotionen im Griff haben. Selbstkontrolle ist erstmal Aufgabe der Eltern.

Wenn Eltern das Gefühl haben, egal was sie sagen, ist falsch. Hast du in punkto Kommunikation hier ein paar Tipps?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Teenies verstehen sich ja oft selbst nicht, da ist es umso schwieriger für die Eltern, ihr Kind zu verstehen. Das sollte man auf jeden Fall wissen. Ich bin großer Fan von diesen 3 Regeln: „Hinhören-Zuhören-Verstehen“. Zum Hinhören gehört auch oft das Nachfragen, ob man alles richtig verstanden hat. Das ist anstrengend, aber die Teenies müssen merken, dass uns wirklich interessiert, wie es ihnen geht und was sie beschäftigt. Welche Serie sie grad schauen, oder was gerade ihr Lieblingssong ist.

Welche Möglichkeiten haben Eltern bei dir, die sich mit ihren Teenies überfordert fühlen?
Für kleinere Themen, wie Fragen, Impulse oder Tipps biete ich telefonische Beratung an. In meinem SOS-Elternkurs Mini begleite ich Familien 4 Wochen lang zu den Themen Konflikte, Regeln und Grenzen. In meinem 8-wöchigen WOW-Family-Kurs geht es darum, alte Erziehungsmuster aufzulösen, schwierige Situationen zu meistern, eine klare Kommunikation zu finden und die Eltern- Kind-Bindung zu stärken. Gerade habe ich mit der Weiterbildung zur Systemischen Familientherapeutin begonnen und kann somit Familien auch therapeutisch unterstützen, wenn tiefere Themen oder Probleme zu bearbeiten sind.

Kannst du die folgenden Sätze vollenden?

Pubertät ist …
eine Tatsache, keine Krankheit.

Familienkommunikation ist …
wenn man sich ohne Worte versteht.

Ein Teenager will …
wissen, dass er sich auf seine Eltern verlassen kann.

Familienmagie bedeutet …
für mich, dass Liebe und Vertrauen wie ein unsichtbares Band alle miteinander verbindet.

Ambivalente Beziehungen …
sind in der Pubertät ganz normal.

Der Sinn des Elterndaseins …
ist loszulassen.

Ihr wollt mehr über Sandra erfahren? Dann schaut auf www.familienberatung-mit-system.de

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