Muss man das Bäumchen biegen, solange es jung ist?

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Muss man das Bäumchen biegen, solange es jung ist?

Manche Weisheiten sollte man lieber prüfen. Foto: Herker / midjourney

„Man muss das Bäumchen biegen, solange es jung ist“ – Ein Zitat, das man gelegentlich auf Hochzeiten heranzieht. Auch auf meiner. Eigentlich ist damit immer die Frau gemeint. Absurderweise ist dieses Zitat aus der Traurede von mir und meinem Mann das Einzige, woran ich mich textlich noch genau erinnere.

VON STEFANIE HERKER 

Andere Paare hätten vielleicht monatelang nach dem oder der perfekten Trauredner:in gesucht und zusammen besprochen, was gesagt werden darf und was nicht. Mein Mann und ich – geradlinig, wie wir beide sind – haben uns damals für das, sagen wir, humorvolle Überraschungspaket eines Trauredners entschieden. Vohburgs ehemaliger Bürgermeister Martin Schmid rockte die Show. Er kennt mich seit meiner Kindheit, mein Mann und er sind Kollegen. Ich habe den Männern an meinem Hochzeitstag diesen kleinen Spaß gerne gegönnt. Nunmal war ich an meinem Hochzeitstag nicht mehr jung, so dass man mich nachweislich hätte verbiegen können. Dachte ich. Nicht, dass das nicht nötig gewesen wäre. Schon am Anfang unserer Beziehung habe ich Schranktüren offen gelassen. Schubladen auch. Dinge durften unfertig sein, Übergänge fließend, Räume nicht vollständig diszipliniert. 

Mein Mann sah darin vor allem eines: Optimierungsbedarf. Für manche Menschen funktioniert die Welt besser, wenn sie strukturiert ist. Für mich leider nicht. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb, hielt ich mich selbst lange für meinen größten Kritiker. Als ich in die Ehe eintrat, stellte ich fest, dass diese Rolle bereits vergeben war. Präzise, ausdauernd und von bemerkenswerter Konsequenz. Mein Mann ist seit 18 Jahren Bürgermeister. Kürzlich wurde er für weitere sechs bestätigt. Und das Amt eines geborenen Entscheiders endet eben nicht an der Haustür. Er weiß es natürlich besser, wie man eine Päckchensoße zubereitet. Die macht man nicht ungefähr, sondern exakt nach Beschreibung. Er weiß, wie ein Tisch abzuwischen ist – nicht irgendwie, sondern systematisch. Ich hingegen koche nach Gefühl. Wische, wenn es nötig erscheint. Er weiß, wer verantwortlich für den verlegten Autoschlüssel ist. Für die Unordnung. Er weiß sogar Dinge über mich, die ich nicht mal selbst über mich weiß. Ich habe lange geglaubt, ich müsse nur ausreichend leisten, mich korrigieren, um irgendwann diesen Zustand zu erreichen, in dem nichts mehr beanstandet wird. Schließlich muss man in jeder Ehe Kompromisse eingehen. Doch eines Tages blitzten die „mahnenden“ Worte von Martin Schmid förmlich vor mir auf. Irgendwann habe ich also aufgehört, diesen für mich unmöglichen Zustand eines verbogenen Bäumchens anzustreben. Nicht aus Trotz, eher aus Erkenntnis. Ich bin wohl kein Bäumchen. Erst recht keins aus Gummi.

Wenn man mich fragt, wie ich das bewältige – Kinder, Beruf, Haushalt, ein Leben mit einem gefragten Mann. Ob es mich nicht störe, dass er so viel arbeitet. Ich lächle dann. Weil die Frage das Wesentliche verfehlt. Wenn ich kritische Kommentare schreibe, wird mir in Leserbriefen erklärt, dass es ja Gründe habe, warum ich so schreiben würde – meinen Mann etwa. Der Klassiker. Nein. Ich habe als Frau im Jahr 2026 tatsächlich meinen eigenen Kompass. Und ich benutze ihn. Ich bin nicht mein Mann, wenn es um gute Eigenschaften geht und auch nicht, wenn es um schlechte geht.

Bei der letzten Bürgermeisterwahl kam es zur Stichwahl. Das Versprechen des CSU-Kandidaten: mehr Parkplätze in Pfaffenhofen. Sein Slogan: „18 Jahre sind genug.“ Ich träumte in diesem Zusammenhang nicht von einem Blechparadies, in dem es nach Abgasen duftet und die Motoren säuseln, sondern sah der Tatsache ins Auge, dass ich mich für ein Leben entschieden habe, das keiner Wahlperiode unterliegt. Ich kneife nicht, ich trete jeden Tag aufs Neue an. Und irgendwo zwischen seinen Einwänden und meinen Widerständen ist etwas entstanden, das ich nicht erwartet hatte: Klarheit. Nicht darüber, wie Dinge zu tun sind. Sondern darüber, wer ich bin. Und ein kleiner Trost an alle, die die Wahlen gegen ihn verloren haben: Gegen meinen Mann kann man quasi nicht gewinnen. Manche Kritik ignoriere ich also, aber gewisse Dinge nehme ich tatsächlich leise, aber mit einem gewissen Ansporn an und werde von Tag zu Tag ein bisschen stärker – mit Herker.

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