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Krisenkids
Zur Geburt der Anschlag auf das World Trade Center. Zur Einschulung der Beginn der Globalen Finanzkrise. Zur Pubertät der Höhepunkt der Flüchtlingswelle. Zur Volljährigkeit der Ausbruch der Coronapandemie. Der Ukrainekrieg im Anschluss – und zwischendurch Klimakrise und Rechtsruck. Eileen Karl ist Teil der krisengebeutelten Generation Z. Mit Herzchen auf den Fingernägeln und antifaschistischem Selbstverständnis kandidiert sie in Ingolstadt für die Linke auf Listenplatz 3. Wie in der Krise nicht entmutigen lassen? Ein Gespräch.
Eine dieser Krisen, die Finanzkrise, brachte Eileen Karl (*2001) nach Ingolstadt. Sie hatte die erste Klasse gerade abgeschlossen, da entschieden sich ihre Eltern für einen Neuanfang. Bayern statt Nordrhein-Westfalen. In der Nähe von Siegen erlebte Eileen die typische Dorfkindheit. Dann ging es mit den Eltern nach Geisenfeld. Seither ist viel passiert. Nicht nur in Eileens Leben, auch auf der Welt. Die Krisen geben sich die Klinke in die Hand. Eileen lebt mittlerweile in Ingolstadt.
Hat die nun 24-Jährige mal darüber nachgedacht, ob all diese Krisen sie oder gar ihre ganze Generation geprägt haben? „Mit Sicherheit“, sagt sie. „Es ist schon viel passiert in kurzer Lebensdauer. Man fühlt sich ein Stück weit machtlos. Das prägt einen.“ Machtlos sein, die Kontrolle verlieren. Das fällt den Menschen schwer. Kafka hat ganze Bücher darüber geschrieben. Die einen gehen daran zugrunde, die anderen blühen auf. Eileen gehört zu letzteren. „Ich kam zum Schluss, dass ich wenigstens in meinem eigenen Umfeld etwas bewirken möchte – nicht mehr nur zuschauen.“ Auch das sollte sie einmal zur Linken führen.
Was gibt ihr Halt in Krisenzeiten? „Man braucht ein starkes Umfeld. Leute, mit denen man reden kann“, sagt sie. Wenige Monate nach ihrem 18. Geburtstag beginnt die Corona-Pandemie. Bald darauf legt der Staat fest, wie viele Personen man treffen darf. „Die Regeln haben ein Stück von diesem Sicherheitsfundament genommen“, sagt Eileen. Heute bereitet ihr etwas anderes Sorgen: der Rechtsruck. Präzise formuliert sie das Erfolgsrezept der AfD. „Statt Lösungen für Probleme zu suchen, sucht die AfD lieber einen Schuldigen. Die AfD hat erkannt, dass die Leute Angst haben. Die Flüchtlingswelle haben sie genutzt, um diese Angst auf etwas zu projizieren. Das Arbeiten mit Angst und Wut und die Suche nach Schuldigen – das hatten wir in unserer Geschichte schon einmal“, sagt sie. Das wiederum mache nun ihr Angst, aber Angst erkennt sie auch als etwas Gutes. Es schützt einen. „Ich will nicht in eine Fluchtreaktion gehen und mich zurückziehen. Ich gehe in Aktion“, erklärt sie. Aufleben statt aufgeben. Und, vielleicht die wichtigste Eigenschaft, um als Linke in einer sich stark nach rechts verschiebenden Gesellschaft nicht den Halt zu verlieren: Eileen ist Optimistin. Auch wenn sie das nur ungern zugibt.
„Ingolstadt sterben die Clubs weg“ titelte espresso kürzlich im Web. Nachdem über die letzten Jahre Maki, Suxul und B1 zusperrten, bleibt in der Innenstadt nur noch der Eiskeller als eine Art Club zurück. Was macht man als frisch 18-Jährige im Lockdown? „Man hängt privat mit Freunden ab“, sagt Eileen. „Ich war zwischen den Lockdowns auf einem Konzert. Es fühlte sich irgendwie verkehrt an, weil man zuvor das Gegenteil eingedrillt bekam.“ Sprich: Abstand halten, Menschenmassen meiden. Die Clubkultur hat sie erst später für sich entdeckt. Aber auch hier der selbe Begleiter: „Es war ein komisches Gefühl, in einen Club zu gehen, in die Menschenmenge hinein.“ Brach Corona der Clubkultur das Genick? Fest steht nur: Selbst in Berlin geht das Clubsterben um.
Während der Pandemie habe sich gesellschaftlich viel verhärtet, ist sich Eileen sicher. „In jeder Krise gibt es Seiten, die diese nutzen. Das ist Futter, mit dem man arbeiten kann.“
Eines hätte man von einer Stadtratskandidatin der Linken wohl nicht gedacht: Sie ist gelernte Bankkauffrau. „Ich war sicherlich die linkeste Person in der Ausbildung“, lacht Eileen rückblickend selbst. Das Bankenwesen ließ sie kurz nach Ende der Ausbildung hinter sich. Jetzt ist sie Schulbegleiterin für ein Grundschulkind. Dass es sie einmal zur Linken verschlagen wird, ist nicht so überraschend. Sie sei schon „mit einem linken Mindset aufgewachsen“. Irgendwann war es dann „der logische Schritt“. Eines haben junge Leute, die sich in der Kommunalpolitik engagieren, parteiunabhängig alle gemeinsam. Sie wollen etwas bewirken. Genauso formuliert es auch Eileen. Es gab aber noch einen ganz konkreten Vorfall, der sie zur Linken brachte. „Das war quasi der letzte Tropfen“, erklärt sie. CDU-Generalsekretär Linnemann forderte Ende 2024 ein Register für psychisch kranke Menschen. „Bis hier hin und nicht weiter“, dachte sie damals. „Das ist so ungerecht so vielen Menschen gegenüber.“ Jetzt muss man nicht besonders links eingestellt sein, um das große Problem mit einem solchen Register zu sehen: Es hält Menschen davon ab, sich Hilfe zu suchen. Das sieht auch die Neue Richter*innenvereinigung so: „Wenn psychisch erkrankte Personen befürchten müssen, dass ihre Daten (…) an Polizeibehörden weitergegeben werden, kann dies dazu führen, dass sinnvolle Unterstützung und Hilfe nicht mehr in Anspruch genommen werden.“




Ob es Eileen Karl in den Stadtrat schafft, ist ungewiss. Zum einen steht sie nur auf Listenplatz 3; im aktuellen Stadtrat hat die Linke zwei Sitze. Zum anderen lauern hinter ihr politische Schwergewichte wie Eva Bulling-Schröter und Ex-SPD-Stadtrat Achim Werner, die sicher auch die ein oder andere Stimme von Nicht-Linken-Wählern bekommen dürften. Für Eileen nicht das große Problem, sie freut sich, wenn’s klappt. Und wenn’s nicht klappt, freut sie sich für die, die es schaffen. Sie geht aber schon davon aus, dass die Linke mehr als zwei Stadträt:innen stellt. Nachdem Friedrich Merz kurz vor der Bundestagswahl ein Gesetz seiner CDU mit Stimmen der AfD durchbrachte, verdreifachte sich die Mitgliederzahl bei den Ingolstädter Linken.
Den Einwurf des espresso-Redakteurs, man hätte Merz eigentlich zum Ehrenparteimitglied machen müssen, schließlich hätten es die Linken ohne seine Hauruck-Aktion gar nicht in den Bundestag geschafft, will man im Linken-Büro Am Bachl nicht gelten lassen. In diese Diskussion schalten sich auch die anwesenden Vorstandsmitglieder Lina Schwarzott und Henrike Theling ein. Am Ende steht: Man hätte es auch ohne Merz geschafft, aber acht Prozent wären es wohl nicht geworden.
Der Name Heidi Reichinnek fällt bei der Frage nach Vorbildern. Aber eine Person herausgreifen, das will Eileen eigentlich nicht. Es sei vielmehr eine „Zusammensetzung aus den Menschen, die irgendwas in meinem Leben bewirkt haben.“ Das Spektrum dafür ist breit und reicht von der eigenen Mutter bis zu Freddie Mercury. „Manchmal ist auch Trotz dabei. Wenn der das kann, kann ich das auch“, gibt sie zu.
Lange überlegen muss Eileen für ihre Antworten nicht. Bei der Frage nach einem aktuellen Lieblingslied ändert sich das. Man einigt sich schließlich auf einen „all-time favorite“. David Bowie – Heroes. Aufgenommen 1977 in West-Berlin, unweit der Berliner Mauer. Der Text beginnt als Liebesgeschichte und wird schließlich zur universalen Aussage über den Sieg der Gefühle und des Zusammenhalts über Repression und Waffen. Ein Kernelement der Linken also. Wie passend.
Eileen hat auch eine künstlerische Ader. Ihre Kunst will sie – ganz im Gegenteil zur Politik – nicht erklären. Jeder müsse sich selbst ein Bild machen. „Entweder jemand schaut es an und versteht es oder man versteht es nicht – dann lebt man vermutlich in einer schöneren Welt und dann ist das auch gut so.“ Das Bild links ist Teil einer Reihe und ab Mai in einer Ausstellung in der Kunst- und Kulturbastei zu sehen.

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