"Fünf Tore und fünf Assists"

Interview: Sabine Kaczynski | Foto: privat

FCI-Verteidiger Marcel Costly hat mit den Schanzern ehrgeizige Ziele

Mit viel Zweit- und Drittligaerfahrung im Gepäck wechselte FCI-Neuzugang Marcel Costly zu Beginn der Saison vom Ligakonkurrenten Waldhof Mannheim zu den Schanzern. Der 26-Jährige verstärkt nicht nur die Ingolstädter Defensive, auch offensiv hat er zuletzt aufhorchen lassen. Im espresso-Interview spricht der Deutsch-Amerikaner über seine Laufbahn, seinen neuen Verein, seine Familie und das schwierige Thema Rassismus.

Nach 13 Spieltagen steht ihr derzeit mit 7 Siegen, 4 Unentschieden und 2 Niederlagen auf Rang 3 der Tabelle – zufrieden?
Nach dem großen Umbruch mit vielen neuen Spielern – ich bin ja auch neu – haben wir schon einen guten Start hingelegt. Wir haben eine große Qualität in der Mannschaft und das Gefüge passt – deshalb möchte ich immer das Maximum und den größtmöglichen Erfolg aus dem Team und mir selbst herausholen. Ich bin sehr selbstkritisch und spreche auch nach Siegen die noch offenen Baustellen an, um im ganzen Team noch besser zu werden. Ganz zufrieden bin ich daher im Moment noch nicht, weil jeder Sportler natürlich am liebsten immer ganz oben stehen möchte. 

Du warst bei allen Partien in der Startelf, hast zuletzt zwei Tore (davon ein Traumtor gegen 1860) geschossen, warst Spieler des Tages beim Kicker – läuft grade bei dir, oder?
Ja, ich habe tatsächlich gerade einen richtig guten Flow, steigere mich von Woche zu Woche und komme immer besser klar. So kann es sehr gerne weiter gehen!

Mit Calvin Brackelmann und dir stehen nicht nur zwei „Neue“ in der Defensive, auch Keeper Marius Funk kam erst im Sommer zu den Schanzern – trotzdem habt ihr mit bisher nur 9 Gegentreffern die beste Abwehr der Liga. Matcht ihr einfach so gut?
(Lacht) Ich würde auf jeden Fall sagen, dass wir gut „matchen“. Visar ist ein absoluter Leader und unser Chef in der Abwehr, der uns sozusagen die Koordinaten vorgibt. Calvin Brackelmann, mit dem ich mich auch abseits des Platzes super verstehe, hat sich trotz großer Konkurrenz in der Innenverteidigung durchgesetzt. „Funki“ und Dominik Franke bilden die perfekte Ergänzung, so dass wir mit Schnelligkeit über außen, Robustheit und Zweikampfstärke in der Defensive und einem Torwart, der nicht nur am Ball, sondern auch auf der Linie richtig gut ist, punkten können. Es weiß einfach jeder bei uns genau, was er zu tun hat.

In deiner Laufbahn hast du bislang nicht nur rechter Verteidiger gespielt, sondern wurdest auch links und im Offensivbereich eingesetzt. Was ist deine Lieblingsposition?
Die Spielweise, die wir momentan auf den Platz bringen, ist für mich optimal, weil ich mich jederzeit offensiv mit einschalten kann. Am liebsten spiele ich eine „schwimmende Position“, also keinen reinen Rechtsverteidiger und kein reines rechtes Mittelfeld, sondern genau dazwischen, weil ich meine Stärken so am besten einbringen kann.

Foto: Sabine Kaczynski

Vor der WM-Pause habt ihr mit Oldenburg, Viktoria Köln, Verl, Halle und Duisburg noch fünf Spiele zu absolvieren, bei denen möglichst viele Punkte gesammelt werden sollten, um oben dran zu bleiben. Worauf wird es beim Restprogramm ankommen?
Uns ist bewusst, dass wir noch fünf schwierige Partien vor der Brust haben, bevor wir in die ungewöhnlich frühe Winterpause gehen. Wir dürfen nicht an das Gesamtpaket denken, sondern müssen uns jeweils konzentriert unter der Woche auf den kommenden Gegner vorbereiten. Dabei muss uns bewusst sein, dass etwa unser nächster Kontrahent Oldenburg als Aufsteiger sehr unangenehm sein kann. Deshalb müssen wir unsere starken Attribute, wie die Galligkeit im Spiel gegen den TSV 1860 München, wieder an den Tag legen – dann werden wir auch weiterhin punkten.

Du bist in Niedersachsen geboren und dann mit deinen Vereinswechseln immer weiter in den Süden bis nach Ingolstadt – deiner ersten bayerischen Station – gewandert. Was hat dich am meisten geprägt?
Alle meine Stationen waren aufregend, aber am intensivsten erinnere ich mich an die Zeit in Mainz. Das war für mich der Schritt aus dem Kinderzimmer ins eigene Leben: eigene Wohnung, neue Leute, keine Familie, die mir schnell unter die Arme greifen konnte. Da muss man erstmal reinwachsen. Für Dinge wie kochen, Wäsche waschen, Versicherungen abschließen oder ein Bankkonto eröffnen, ist man auf einmal selbst verantwortlich. Das war schon spannend, aber daran wächst man als junger Mensch auch.

Hast du dich hier schon ein bisschen eingelebt?
Ich wohne in Kösching, wo ich mich sehr wohl fühle und sehr liebe Nachbarn habe. Von Ingolstadt habe ich außer einigen Cafés und Restaurants leider noch nicht viel gesehen – dafür hat mir bislang schlicht die Zeit gefehlt.

Vermisst du deine „alte Heimat“ ganz im Norden, die jetzt über 600 km entfernt liegt?
Auf jeden Fall. Es ist schade, dass man die Familie nicht täglich bei sich haben kann. Aber meine Eltern besuchen mich, so oft es geht – meine Mam war vergangenes Wochenende hier, mein Dad kommt dann nächstes. Auch mein Patenkind habe ich schon einige Male gesehen. Und wenn es nicht anders geht, muss man eben auf FaceTime umsteigen. Die Heimat mit meiner Familie und meinen Freunden ist schon enorm wichtig für mich und wird es immer bleiben. Ich weiß einfach, wo ich herkomme.

Marcel Costly mit Hund Milky | Foto: privat

Wohnst du noch allein in Kösching?
Nein, meine Freundin, mit der ich auch schon in Mannheim zusammengelebt habe, ist mit umgezogen und mein Hund Milky gehört auch zu uns.

Milky hat sogar einen eigenen Insta-Account – was bedeutet sie für dich?
Milky ist mein Ein und Alles (lacht). Früher hatte ich eine Katze, aber inzwischen bin ich durch Freunde auf den Hund gekommen. Milky ist auch ein schöner Ausgleich zum Sport, ich kann abschalten, mal ohne Handy und ganz für mich sein. Ich genieße das umso mehr, da ich ohnehin gerne spazieren gehe.

Ich kann nicht nachvollziehen, dass man einen Menschen auf seine Hautfarbe reduziert

Dein Papa ist US-Amerikaner, daher hast auch du die amerikanische Staatsbürgerschaft . Welchen Bezug hast du zu den USA?
Mein Vater war früher bei der Army und wir waren als Kinder alle paar Jahre in Amerika und haben die Familie meines Vaters besucht. Natürlich ist der Bezug nicht so eng wie zu meiner „deutschen Heimat“ Visselhövede, weil die Entfernung mit zwölf Stunden Flugzeit einfach zu groß ist. Aber Kontakt besteht immer.

In einem Interview hast du erzählt, dass du als Kind rassistische Anfeindungen ertragen musstest – wie war das für dich und hast du als Fußballer schon ähnliche Erfahrungen machen müssen?
Tatsächlich wurde ich in der Schule oftmals ungern in ein Team gewählt oder man wollte nicht mit mir in einer Gruppe sein. Man muss lernen, damit umzugehen, das macht einen auch stärker. Auf der Welt gibt es viele Jungs und Mädels, die noch viel schlimmeres Leid erfahren mussten. Auch in der Vergangenheit gibt es Beispiele für noch schrecklichere Erlebnisse – etwa meine Großeltern, die noch Sklaven waren. Oft wird – beispielsweise beim
Fußball – ein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe angegriffen, aber der eigentliche Hintergrund für den Unmut ist, dass er schneller oder besser war als sein Gegenspieler oder ein Tor geschossen hat. Trotzdem hat man es eher auf ihn abgesehen, weil er eben eine andere Hautfarbe hat. Das ist sehr schade und ich kann nicht nachvollziehen, dass man einen Menschen auf seine Hautfarbe reduziert. Das bleibt für mich ein schwieriges Thema, bei dem ich sehr empfindlich bin. Social Media macht das Ganze dabei keineswegs einfacher, weil es auf diesen Kanälen noch leichter ist, jemanden rassistisch zu beleidigen. Man sollte sich aber entsprechende Äußerungen nicht gefallen lassen. Ich kann mir gut vorstellen, mich nach meiner aktiven Karriere noch intensiver mit dieser Materie zu befassen und betroffenen Menschen Hilfestellung zu bieten.

Bist du generell ein politischer Mensch?
Natürlich berührt mich die Rassismus-Thematik emotional stärker als andere Bereiche. Ich befasse mich nicht mit jedem politischen Thema, aber wenn mich etwas interessiert oder ich meinen Teil dazu beitragen kann, vertrete ich schon meine Meinung.

Ich bin Fußballer durch und durch und werde die WM auf jeden Fall schauen

Foto: urbanlifestyle.photography

In rund einem Monat findet die WM in Katar statt, die wegen Menschenrechtsverletzungen und aus Umweltgesichtspunkten kontrovers diskutiert wird: Wirst du die Spiele anschauen oder boykottieren?
Da bin ich ehrlich: Ich bin Fußballer durch und durch und werde die WM auf jeden Fall anschauen. Natürlich ist es ein No-Go, wie die Arbeiter dort behandelt wurden. Es mussten Menschen sterben, um diese WM stattfinden lassen zu können – das ist schon Wahnsinn und das darf man keinesfalls vergessen.

Kommen wir zurück zum FCI: Welche Ziele hast du dir für die Saison gesetzt – persönlich und mit dem Team?
Ich habe mir viele Ziele gesetzt und aufgeschrieben, werde aber nicht alle verraten. Soviel kann ich aber sagen: Mit dem Team will ich den größtmöglichen Erfolg erreichen und am Ende der Saison auf einem der ersten drei Tabellenplätzen stehen. Persönlich möchte ich gerne fünf Vorlagen und fünf Tore auf meinem Scorer-Konto sammeln!

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