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Die WM der Tiere
Eine Geschichte über Fußball, Macht und das, was die Tiere des Ingolstädter Donauwaldes fast verloren hätten.
VON STEFANIE HERKER
Am großen Fluss bei Ingolstadt – zwischen alten Bäumen und kleinen Lichtungen – lebten Tiere, die sich mal stritten, mal gemeinsame Sache machten. Alle paar Jahre im Sommer jedoch, da waren sie sich in einer Sache einig: Die Fußball-WM wird zusammen gefeiert – komme, was wolle.
Der Braunbär vom Café Bärenkopf polierte seine Gläser, stellte die Fässer voller Herrnbräu Weißbier kühl und hisste die Nationalflagge der Tiere. Ein Bild davon stellte er auf animalbook ein und alle Braunbären brüllten: „Gefällt mir!“ Der Dachs vom Brauereigasthof zum Dachsbau füllte seine Nordbräu-Vorräte auf und präparierte seinen Biergarten für das Geschäft des Sommers. Der Flamingo bestellte Müllerbräu für seine Regenbogen-Bar und die fleißigen Papageien schmückten die Fassaden mit Girlanden. Die Spatzen pfiffen Fan-Gesänge von den Dächern. Die Waschbären schneiderten im Akkord Fußballtrikots für das Modehaus Biene Mayr. Und alle freuten sich auf die besten Geschäfte des Jahres. Es ging den meisten Tieren nicht vorrangig um den Profit. Natürlich brauchten sie Futter, um den langen Winter zu überstehen, doch in erster Linie bedeutete das große Fußballfest Gemeinschaft und Freude. So war es immer gewesen.
Doch in diesem Jahr war etwas anders. Das Turnier fand im fernen Adlerland statt. Und mit den Zugvögeln kamen Geschichten von Macht, Härte und Tieren in Gefangenschaft und ohne Stimme an den großen Fluss bei Ingolstadt.
Im Adlerland herrschte ein alter Büffel. Laut, gewissenlos, überzeugt von sich selbst. Seine Haut war übersät mit Maden, sein Fell voller Ungeziefer. Er besaß eine Raubtierarmee und beutete andere Tiere aus. Viele Tiere gehorchten ihm – aus Angst vor seinen Entscheidungen. Außer leerer Worthülsen bekamen sie jedoch nichts von ihm. Das Futter verteilte er nur an die bereits gesättigten Büffel und ihm ergebenen Hyänen.
Der Chef des großen Fußballkomitees, selbst eine Hyäne, verlieh dem Büffel sogar einen eigens erfundenen Preis. Einigen Tieren imponierte das, anderen stellte es das Fell auf. Wieder andere hielten einfach ihre Schnauze.
Nachdem sich die Geschichten der Zugvögel herumgesprochen hatten, herrschte bei den Tieren Ingolstadts eine Debatte:
Sollte man die Weltmeisterschaft feiern wie immer? Oder boykottiert man das Fest gar?
Es bildeten sich zwei Lager. Am Flussufer versammelten sich die einen: Igel, Hase, Schmetterling, Kraniche, einige Rehe.
Der Hase sagte: „Wenn wir einfach feiern wie immer, verraten wir unsere Freunde im Adlerland.“
„Ja, wir müssen ein Zeichen gegen Gewalt und Willkür setzen“, sagte der Kranich.
Der Igel weinte – vor Mitgefühl. Er dachte an die vielen unschuldigen Tiere in Gefangenschaft.
Die Tiere am Flussufer wollten verzichten. Sie konnten es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren.
Auf der großen Lichtung standen der Bär, der Dachs, die Waschbären, Händlerhörnchen, die Hunde und viele andere Tiere.
Der Braunbär sagte: „Wir werden uns doch von diesem Büffel nicht unseren Fußball nehmen lassen!“
„Ein Verzicht wäre ehrenhaft, aber wir müssen unsere Arbeiter bezahlen!“, sagten die Waschbären.
„Kriege gibt es überall. Das interessiert sonst auch niemanden!“, sagte der Dachs.
„Mich interessiert es!“, sagte die Maus.
„Mich auch!“, sagte das Frettchen.
„Was hilft´s? – fragten die Händlerhörnchen.
„Wir brauchen die Einnahmen dringend für die Stadt“, bellten die Hunde.
Natürlich wussten alle Tiere, die Erlöse aus dem Fußballfest kämen zu einem Teil der Gemeinschaft zu Gute: Futter, Kleintierbetreuung, Schlafplätze. Das wollten sie alle.
„Was, wenn wir einfach ein anderes Fest feiern? Unser eigenes Fußballfest“, schlug das Reh der Gemeinschaft vor.
Der Braunbär hatte genug gehört. Er lud den über die Grenzen Ingolstadts hinaus bekannten Truthahn ein, damit dieser auf der großen Lichtung die Tiere endgültig davon überzeugen würde, dass Ingolstadt das Fußballfest aus dem Adlerland bräuchte.
Der Truthahn war bekannt dafür, populistische Reden zu halten, immer unterwegs mit Kamera, immer am Schnäbeln, immer am Fressen. Er liebte die Aufmerksamkeit, klare Parolen und die Nähe zu mächtigen Tieren. Er stellte sich auf ein Fass Bier und rief:
„Ein Boykott der Fußball-WM? Was soll´n des sein?! Solche Ideen sind völlig absurd. Feiern ist wichtiger als Grübeln!“
„Jawohl!“ Grölten die Bären.
„Bravo!“ Bellten die Hunde.
Viele folgten dem Truthahn.
Seine Worte waren einfach.
Und Einfachheit beruhigte die Tiere.
Die einen sagten abschließend: „Es ist alles gesagt. Wir werden Fußball aus dem Adlerland schauen.“
Die endgültige Meinung der Tiere am Flussufer war: „Wir sollten solidarisch sein. Wir verfolgen die Spiele nicht.“
Das einzige Tier, das sich zwischen den Ingolstädter Lagern aufhielt, war ein Schmetterling. Er bewegte sich frei zwischen Lichtung und Flussufer, hörte allen zu und versuchte zu verstehen.
Er erinnerte die Tiere daran, dass man unterschiedlich denken kann, ohne einander die Freiheit zu nehmen.
Man nahm den Schmetterling oft nicht wahr, weil er klein und unscheinbar war und im Gebrüll der Bären und dem Bellen der Hunde unterging.
Eines Nachts randalierten Unbekannte am Flussufer. Man hörte laute Parolen.
Am darauffolgenden Morgen war der Schmetterling weg. Keine Spur.
„Ihr seid zu weit gegangen!“, sagten die Hunde. Und plötzlich merkten die Tiere, dass sie etwas wichtiges verloren hatten.
Der Dachs suchte mit der Eule. Der Hase mit dem Händlerhörnchen. Der Fuchs mit dem Waschbären. Der Truthahn legte sein Aufnahmegerät weg und zum ersten Mal seit langem sagte er nichts nur um zu gefallen. Er suchte einfach mit.
Sie hatten das verloren, was ihnen erlaubt hatte, verschiedener Ansicht zu sein, merkten die Tiere.
Nach langer Suche fanden sie den Schmetterling schließlich auf einem Zaunpfahl, der das Adlerland markierte.
Erschöpft, aber lebend.
Niemand fragte, wer schuld war. Auch der Truthahn hielt keine großen Reden mehr. Sie baten den Schmetterling einfach, mit zurückzufliegen.
Das Fußballfest lief an. Aber nicht mit dem Selbstverständnis, das der Truthahn gesät hatte. Manche schauten. Manche nicht. Der Donauwald hatte sich verändert. Und der Schmetterling wurde nie wieder übersehen.
„Es gibt Dinge, die man erst bemerkt, wenn sie fehlen“, sagte der Dachs.
„Und wenn sie zurückkehren, weiß man plötzlich, wie behutsam man mit ihnen umgehen muss“, sagte das Frettchen.
Seitdem gilt im Donauwald: Es ist in Ordnung unterschiedlicher Meinung zu sein. Feste dürfen fröhlich sein und gleichzeitig dürfen auch Tränen fließen. Aber das, was das friedliche Zusammenleben zwischen den Tieren möglich macht, müssen sie gemeinsam wieder besser schützen.

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