Push the break

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Push the break

Wenn ein Song nachhallt und wer sich jetzt für die Ingolstädter Kulturszene einsetzt

Lange war Ingolstadt eine Stadt, in der Zukunft vor allem nach Motor klang. Ein vertrautes Brummen aus Werkhallen, Pendlerverkehr – und dazu das beruhigende Gefühl: Hier geht schon nichts schief. Audi lief, also lief die Stadt. Gewerbesteuer reichlich, Haushalt solide, Selbstbewusstsein serienmäßig. Kultur durfte mitfahren, aber meist auf dem Beifahrersitz.

VON STEFANIE HERKER

Die Ingolstädter Band Slut hat dieses Lebensgefühl vor einigen Jahren erstaunlich präzise beschrieben. In ihrem Song Alienation aus 2013 geht es um die Autostadt:

„AS LONG AS THE CARS STAY RUNNING THEY STAY AMUSED.“

Heißt: Solange die Autos laufen, bleiben sie zufrieden.

„I´ve never been in a richer, poorer place“,

singt Chris Neuburger. Mit „reicher, armer Ort“ meint er wohl so etwas wie „Wohlstand vorhanden, reich an Möglichkeiten, arm im Umgang mit ihnen“. Damals wirkte der Song vielleicht wie ein melancholischer Indie-Blick auf die Provinz, aber eigentlich war es eine Einladung, Ingolstadt mehr Bedeutung zu geben.

Denn ja: Der Motor läuft mittlerweile nicht mehr ganz so rund. Kurzarbeit, vorsichtigere Prognosen, Sparkurs bei Audi. Und der Stadt fehlen rund 66 Millionen Euro. Plötzlich wird über Kürzungen von Positionen gesprochen, die früher selbstverständlich nebenher liefen – und zuerst schaut man Richtung Kultur.

Doch was bleibt den Menschen eigentlich noch, wenn man ihnen die kulturellen Ereignisse nimmt? Was hält eine Stadt zusammen, wenn wirtschaftliche Gewissheiten wackeln? Was macht eine Stadt lebenswert?

Interessant ist dabei, wie schnell manche politischen Stimmen Kultur wieder zur moralischen Baustelle erklären. Teile der AfD sowieso, aber auch Freie Wähler und CSU. Rotstift da, wo es nur möglich ist, klingt fürs erste plausibel, aber Einsparungen bei Existenzen und noch dazu in einem Bereich, der in Ingolstadt nie exzessiv befeuert wurde, verspricht möglicherweise nicht den großen Durchbruch.
Als hätte man Angst vor etwas, das hier längst ziemlich bodenständig passiert. Zufrieden mit der konservativen Bewahrung von Status quo im Kulturleben war man hier eigentlich schon immer.

„You’re a bunch of saveaholics in despair.“

So nannte es Slut damals. Menschen, die versuchen, sich an etwas festzuklammern, etwas krampfhaft bewahren wollen – aus Verzweiflung. Und damit sind nicht die Kulturschaffenden gemeint, sondern diejenigen, die Kultur und Stadtleben verwalten und ihre

„NARROW MINDED ATTITUDE“,

ihren engstirnigen Blick, schon damals nicht weiten wollten.

Die Kulturschaffenden aus Ingolstadt reagieren jetzt auf die Sparmaßnahmen der Stadt mit einer Initiative: dem Bündnis ACHTUNG KULTUR. Auf der Website beschreibt man dieses folgendermaßen:

ACHTUNG KULTUR ist ein Zusammenschluss mit dem Ziel zur Achtung der kulturellen Arbeit, die 2018 von Protagonisten der institutionellen und freien Kunst- und Kulturszene Ingolstadt gegründet wurde. Vertreter:innen dieser Interessengemeinschaft sind heute Teil des KULTURBEIRATS Ingolstadt. In diesem artikulieren sich hörbar die Stimmen aus Kultur und Kreativwirtschaft gegenüber der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit und treiben gemeinsam mit Politik und Verwaltung die kulturelle Weiterentwicklung hin zu einer lebenswerten, offenen und vielfältigen Stadt Ingolstadt voran. Wir fördern und fordern ein qualitätsvolles Angebot, sorgen für Sichtbarkeit, realisieren Teilhabe und forcieren Möglichkeitsräume.

"Zeig ihnen ein düsteres Zahlenbild und sie verlieren den Kopf!" | Fotos: Stefanie Herker

Sprecherin von Achtung Kultur ist Steffi Wanzl-Lawrence.
Mit offenen Briefen, Gesprächen mit Stadträten und Parteien, Veranstaltungen, wollen sie sichtbar machen, dass Kultur hier kein dekoratives Extra ist, sondern ein existenzieller Teil der städtischen Infrastruktur mit Arbeitsplätzen und Verantwortung. Ihr Argument ist simpel: Wer jetzt Kultur kürzt, spart kurzfristig Geld, verliert aber langfristig Attraktivität, Lebensqualität, zerstört Strukturen und letztlich auch wirtschaftliche Anziehungskraft.

„Städte bestehen nicht nur aus Autos und Arbeitsplätzen, sondern auch aus Ideen, Begegnungen, Gesprächen, Musik, Bühnen, Bildern – wir Kulturschaffenden bieten das der Stadt und den Bürger:innen. Die Kulturschaffenden sind dabei das Spiegelbild der Kultur einer Stadt“, sagt Steffi Wanzl-Lawrence. Besonders stark betroffen von den Kürzungen sei die Kunst- und Kulturbastei. „Dieser Verein fängt sehr vieles in der Jugendarbeit auf und ist deshalb besonders wichtig.“ Steffi Wanzl-Lawrence stellt klar, dass sie keine Ausnahmeregel will, aber sie wünscht sich gleichwertige Behandlung. Vier Millionen Euro Einsparungen in der Kulturszene würde die Szene kaputt machen. „Es gibt viele wohlhabende Menschen hier. Man muss auch überlegen, was Unternehmen und Privatpersonen beisteuern könnten.“

Sie denkt dabei auch an Leerstände, die für Ausstellungsräume zur Verfügung gestellt werden könnten. Wie damals das ehemalige Salamanderhaus, das für drei Monate als Kunstkaufhaus regen Zulauf fand. Der Name Kellerhals fällt. „Er könnte doch… Es darf halt nichts kosten“, ergänzt sie und erinnert sich an die horrende Heizkostenrechnung von rund 12.000 Euro für drei Monate. „Da blieb natürlich nicht viel vom Umsatz für uns Künstlerinnen und Künstler übrig. Auch der Name Lösel fällt. „Er ist halt kein Kulturfan“. Die Künstlerin hofft, dass bald ein Umdenken bei den Leuten stattfinden wird.
Vielleicht ist dieser Moment deshalb weniger Krise als Übergang.

Ein sagenhaftes Gemälde der Künstlerin Steffi Wanzl-Lawrence www.wanzl-lawrence.de

„Push the break … stop over for a minute“,

heißt es bei Slut. Anhalten, den Kompass neu ausrichten. Das könnte produktiv sein, wenn man wollte – gerade für eine Stadt, die lange vor allem über industrielle Stärke definiert wurde.

Ingolstadt hat dafür eigentlich gute Voraussetzungen: eine kompakte Altstadt, viele junge Menschen durch Hochschule und Betriebe, engagierte Initiativen. „Wir fordern Einsicht, dass wirtschaftliche Stabilität und kulturelle Lebendigkeit keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stützen“, sagt Steffi Wanzl-Lawrence.

INGOLSTADT, DEINE KULTURSZENE (aus dem Song Alienation von Slut)

Wäre es nicht schön, wenn dies rückblickend der Moment wäre, in dem Ingolstadt begonnen hat, sich breiter zu erzählen?

Es geht um Identität. Jahrzehntelang war Ingolstadt Autostadt mit sehr gutem Einkommen. Jetzt muss sie lernen, auch Stadt für alle zu sein, wenn das Einkommen weniger selbstverständlich ist. Deshalb fühlt sich die aktuelle Lage weniger wie ein Schock an, als wie eine verspätete Einsicht. Man wusste es. Viele wussten es. Nur ausgesprochen wurde es selten – solange der Motor zuverlässig lief.
„Der reine Wachstumsgedanke hat ausgedient!“

Mehr Infos: www.achtung-kultur.org

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