Ingolstadt, Bier und Meuterei

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Ingolstadt, Bier und Meuterei

Von Stefanie Herker

Wenn Fastenprediger Johannes Langer neue politische Skandale aufdeckt

Mit den Worten „Sehr verehrte Trauergemeinde“,
eröffnete Johannes Langer seine diesjährige Predigt beim Starkbierfest von Herrnbräu im festlich geschmückten Saal im Wirtshaus am Auwaldsee – und gab damit die Richtung für einen Abend vor, der bewusst als politisches Begräbnis inszeniert war. Nachdem die Gäste den feinen „Leichenschmaus“ und einige Biere zu sich genommen hatten, machte Langer deutlich, dass ein Begräbnis nicht nur Anlass zur Trauer sei, sondern auch zur Selbstreflexion diene. Seine erste symbolische Botschaft vermittelte er demonstrativ mit Umschlägen, versehen mit dem Namen der jeweiligen Partei. Statt eines Testaments enthielt jeder Umschlag ein farbiges Blatt: rot für die SPD, gelb für die FDP usw.. Für Aufmerksamkeit sorgte jedoch ein Detail: blau für die CSU.

Brandmauer-Skandal
Dass Langer an diesem Abend auf den sogenannten „Brandmauer-Skandal“ in den Reihen der Ingolstädter CSU anspielen würde, war klar. Die Geschichte schaffte es schließlich bis in die Süddeutsche Zeitung. Zum Verständnis: Auslöser war eine Sprachnachricht des stellvertretenden Ortsvorsitzenden der CSU Friedrichshofen, Florian Wäckerle („Und dann wird es so sein, dass die CSU marschiert und die AfD stimmt mit ab, (…) dann ist die Brandmauer gefallen!“). Zuerst wurde diese Nachricht vom CSU-Kreisvorsitzenden Stefan Huber noch verharmlost, dass Wäckerle ja „kein Entscheidungsträger“ sei und dass er selbst sich klar an Söders Brandmauer-Linie orientieren würde, doch dann verteidigte Huber öffentlich auf Social Media die rechtsradikalen Äußerungen seines Parteikollegen Wäckerle und nahm ihn in Schutz: „(…) Florian Wäckerle ist ein Freund, ein Kämpfer für die Gerechtigkeit und dafür danke ich ihm!“ Ein Kämpfer für die Gerechtigkeit also?
Wäckerle entschuldigte sich in der SZ sinngemäß für seine Sprachnachricht mit „der Wein war schuld“. Doch Wäckerles Wortwahl war kein Ausrutscher. Immer wieder hört man von ihm Sätze wie „die Brandmauer muss fallen, damit die linksgrüne Scheiße rausfliegt.“ Langer zitiert ihn mehrmals. Spätestens hier hätte man sich – selbst an einem gemütlichen Starkbierabend – als CSU-Mitglied der Mitte hinstellen dürfen, sich klar gegen diese rechte Position abgrenzen können. Was wäre das für ein Statement gewesen? – Vor großem Publikum und Presse! Natürlich ist ein schwammig formulierter Social-Media-Post von Alfred Grob, Christina Hofmann und Dr. Dorothea Deneke-Stoll „gegen jede Art von Extremismus“ ein Anfang, aber eigentlich auch einfach nur täglicher CSU-Jargon. Der „vernünftige Teil“ der CSU darf doch hier nicht schweigen. Aber bis zur Wahl hat man sich wohl darauf geeinigt, den Schlamassel lieber auszusitzen. Und danach? Wird es Konsequenzen geben? Eines muss man der CSU dann doch lassen. Sie halten zusammen. Oder?

Meuterei
Meuterei passiert im Hinterzimmer. Langer stattete Oberbürgermeister Michael Kern symbolisch mit einer schusssicheren Weste aus – eine satirische Anspielung auf das politische Klima. „Ich kann den König spielen, wie ich will, wenn meine Kollegen auf der Bühne nicht spielen, dass ich der König bin, dann habe ich keine Chance.“ Gemeint waren die politischen Lager innerhalb der CSU im Stadtrat, die ihr Oberhaupt Kern scheinbar nicht gleichermaßen respektieren.
Langer spricht von einem „ehemals hochrangiger Politiker dieser Partei“ (der CSU), der vor der Haushaltssitzung andere Fraktionen gebeten haben soll, gegen den Haushalt zu stimmen. Selbst könne er das nicht tun, da er Mitglied der CSU sei.“ Wie bitte? Für Langer ein „Affront“ – und ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Huber nannte den „Verrat“ an Wäckerle auf Facebook „(…) feige das Messer in den Rücken rammen“. Welche Worte findet Huber wohl für den Verrat am Rathauschef?

Theater, Theater
Besondere Aufmerksamkeit widmete Langer dem „größten Fan des Ingolstädter Theaters“, Albert Wittmann. Dieser habe erst kürzlich im Ausschuss erklärt, er sei ein „großer Fan des Hämerbaus“ und das Gebäude dürfe nicht leer stehen. Langer stellte dem eine persönliche Erinnerung gegenüber: Vor rund 15 Jahren habe er in einer Bäckerei in der Innenstadt hinter einem hochrangigen Kommunalpolitiker gestanden, der angesichts der Kosten der Theatersanierung geäußert habe, man müsse das Gebäude eigentlich zusperren und so lange verrotten lassen, bis es nicht mehr zu retten sei. An die Person könne er sich nicht mehr erinnern, sagte Langer – „aber der Albert Wittmann kann’s ja nicht gewesen sein.“ Gleichzeitig erinnerte Langer daran, dass Wittmann auch eine andere Position vertreten habe: Wenn die Stadt dem Betreiber des Kongresszentrums jährlich über eine Million Euro Zuschuss gewähre, müsse zumindest vereinbart werden, dass der Veranstaltungssaal bis zu 20 Mal im Jahr zum Selbstkostenpreis genutzt werden könne – etwa für Veranstaltungen des Konzertvereins oder Schulbälle. Wer eins und eins zusammenzählen kann, ist klar im Vorteil.

Die Fastenpredigt von Johannes Langer hatte es – neben seinen wirklich starken Gesangseinlagen – in sich. Mal ernst, mal humoristisch, pointiert, wahrhaftig. In konservativen Kreisen wurde die kritische Wahrheit mit einem Bild in Tracht und ein paar netten Zeilen als übliches „Derbleck’n“ abgetan – als satirische Tradition, die man einmal im Jahr über sich ergehen lässt, weil Herrnbräu einen gemütlichen Abend serviert. Doch jenseits dieses Abends bleibt die Frage, ob man eine ernsthafte politische Aufarbeitung als notwendig sieht oder ob Sabotage und rechtsextremistische Tendenzen in der Stadt bald einen offiziellen Platz bekommen.

FOTOGALERIE

Fotos: Markus Banai

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