„Wir müssen über die Globalität der Probleme nachdenken“

Steffen Kopetzky: Sein neuester Roman „Monschau“ steht aktuell auf Platz 6 der Spiegel-Bestsellerliste | Foto: Marc Reimann

Wie sind die Menschen früher mit Seuchen umgegangen und was können wir daraus lernen? Der Pfaffenhofener Schriftsteller Steffen Kopetzky erzählt in seinem neuesten Roman Monschau von einem der letzte Pockenausbrüche in Deutschland. Und malt dabei ein lebhaftes Bild von den 60er-Jahren in Deutschland, einer Zeit zwischen Aufbruchstimmung, Wirtschaftswachstum und Vergangenheitsbewältigung.

Es ist das Jahr 1962, als im malerischen Örtchen Monschau in der Eifel die Pocken ausbrechen. Ein Ingenieur hat die Krankheit von einer Geschäftsreise aus Indien eingeschleppt. Jetzt muss es schnell gehen, um eine Epidemie zu verhindern. Der Arzt Günter Stüttgen wird zur Hilfe gerufen, er soll als Experte die Bekämpfung der Krankheit organisieren. Mit dabei: Sein Assistenzarzt Nikos, der an vorderster Front gegen die Pocken kämpft, eine reiche Firmenerbin und ein durchtriebener Firmendirektor. Steffen Kopetzky hat mit Monschau nicht nur einen Roman geschrieben, der unsere aktuelle Situation widerspiegelt, er hat sich außerdem darum bemüht, eine Studie über die 60er-Jahre vorzulegen. Im Interview verrät der Pfaffenhofener Schriftsteller, wie er auf die Idee zu seinem Roman kam, was wir aus der Corona-Krise lernen können und wie eine funktionierende globalisierte Welt aussehen könnte.

Herr Kopetzky, Ihr neuer Roman beschäftigt sich mit einer der letzten Pockenepidemien in Deutschland. Wie wurden Sie auf dieses Ereignis aufmerksam?
Zum ersten Mal von dem Ausbruch gehört hatte ich während meiner Recherchen zu meinem letzen Roman Propaganda, in dem der Arzt Günter Stüttgen auch schon eine Rolle spielte, als Lazarett-Arzt in der Schlacht im Hürtgenwald. Die Witwe von Günter Stüttgen hatte mich damals darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Mann nach seinem Einsatz in Zweiten Weltkrieg noch einmal in der Eifel war, um die Pocken zu bekämpfen. Als ich diese Information bekommen habe, das war im Juni 2019, da habe ich der Geschichte keine größere Bedeutung zugemessen. Dann kam Corona und plötzlich stellte sich jeder die Frage, wie man mit einer Epidemie umgeht, wie man so etwas managt. Als in Deutschland die ersten Fälle bekannt wurden, habe ich mich wieder an die Erzählungen der Witwe erinnert und begonnen zu recherchieren. Aufgrund der Berichte der Zeitzeugen habe ich dann festgestellt, dass es sich um einen hervorragenden Romanstoff handelt.

„In Monschau scheint die Vergangenheit
nie aufgehört zu haben“

Warum hatten Sie das Gefühl, dass sich dieses Ereignis für einen Roman eignet?
Zum einen ist da die Landschaft. Monschau liegt wie eine Welt für sich ganz verwunschen hinter den sieben Bergen. Es ist eine sehr alte Stadt, in der man Blicke in eine Vergangenheit bekommt, die dort nie aufgehört zu haben scheint. Außerdem hat mich fasziniert, dass die Krankheit über ein Industrieunternehmen über Lieferwege aus Indien eingeschleppt wurde. Normalerweise verortet man die Globalisierung und eine globalisierte Geschäftswelt bei uns in der Gegenwart. Aber angefangen hat das eben schon in den 50er- und 60er-Jahren.

Hinzu kommen die Schilderungen der Zeitzeugen, wie etwa des jungen Arztes, der beim Pockenausbruch mit dabei war. Als er mir von damals erzählt hat, zeichnete er kein dramatisches oder abschreckendes Bild von den Geschehnissen. Er erzählte mir, dass er das Ganze eher mit einem sportlichen Ehrgeiz angegangen war, als Aufgabe, die es zu bewältigen galt und der er sich gerne gestellt hatte. Diese Haltung, dieses Kämpferische, fast schon Ritterliche hielt ich für eine gute Voraussetzung für einen Roman.

Wobei man dazu sagen muss, dass es gegen die Pocken damals schon einen Impfstoff gab, die Ausgangslage also eine andere war als vor Corona.
Ja, die Pocken sind eine Krankheit, mit der sich die Menschen Jahrtausende herumgeschlagen haben und mit der Impfung dann noch einmal 180 Jahre. Ich erzähle in Monschau eine Episode aus den letzten Jahrzehnten, in denen die Pocken überhaupt noch auf der Welt waren, quasi den finalen Kampf der Menschheit gegen diese Krankheit, bevor sie letztendlich ausgerottet wurde.

„Die Pocken sind eine Krankheit, mit der sich die Menschen Jahrtausende herumgeschlagen haben“

Waren Sie selbst in Monschau, um vor Ort zu recherchieren?
Nein, ich war erst dort, als ich mit dem Roman fertig war. Diese Vor-Ort-Recherche wird auch oft überschätzt. Viel wichtiger ist die geistige Reise in die Zeit und die jeweilige Situation. Da ist es manchmal sogar besser, wenn man noch kein Bild im Kopf hat, damit man sich die Imagination nicht durch etwas Vorgegebenes einschränken lässt.

Trotzdem greifen wir alle in der Fantasie auf Erinnerungen zurück. Welche Erinnerungen haben Sie während des Schreibens genutzt?
Genutzt haben mir zum Beispiel ein paar Erinnerungen aus meiner Kindheit. Auch wenn das Geschehen in Monschau noch einmal zehn Jahre früher spielt, waren das die Erinnerungen, die am ehesten an die 60er-Jahre heranreichten. Eine Erinnerung war zum Beispiel die an meinen Vater, der Automechaniker war, wie er früher auf seinem Fahrrad im Winter zur Arbeit gefahren ist. Der typische Werkstattgeruch, den seine Arbeitsklamotten versprühten. Einfach ein paar Stimmungsbilder, die gut zu der Geschichte passten.

Sie zeichnen ein gewisses Bild von den 60er-Jahren, die Hauptfigruen hören Jazz und kennen sich mit Sartre und Camus aus. Was macht die 60er-Jahre für Sie aus?
Die 60er-Jahre waren eine Zeit der Jugendlichen, die eine neue Welt wollten, ein neues Europa. Sie wollten die Schlachtfelder der Vergangenheit hinter sich lassen. Für sie war Europa ein Raum, in dem sie zusammenkommen wollten. Ein Aspekt davon war für sie die Musik, der Jazz, das war die Musik für die Progressiven, für die Studenten und für die Menschen, die sich eine neue Form des Miteinanders wünschten. Der wichtigste Musiker in der Zeit war Miles Davis, der selbst hochpolitisch war und sich mit Themen wie der Rassenproblematik intensiv auseinandersetzte. Deshalb spielt er auch im Buch eine wichtige Rolle als verbindendes Glied zwischen den zwei Hauptfiguren.

„Jetzt in der Krise hat man gesehen, wo wir
unsere Schwächen haben“

In dem Roman behält die Wissenschaft stets die Kontrolle, auch wenn es anfangs so aussieht, als ob die Bevölkerung bzw. einzelne Personen den Pockenausbruch herunterspielen, um keine Einschränkungen hinnehmen zu müssen. War es Ihnen wichtig, ein starkes Bild der Wissenschaft zu zeichnen?
Ich wollte unbedingt den Ärzten und Pflegern, allen Leuten, die ihre Gesundheit letztlich immer wieder aufs Spiel setzen, um anderen Menschen zu helfen, ein Denkmal setzen. Man findet im medizinischen Bereich so viel menschliche Größe, die leider zu selten gewürdigt wird.
Man muss dazu aber auch sagen, dass es bei den Pocken leichter war, die Maßnahmen durchzusetzen, die von der Wissenschaft gefordert wurden. Alle wussten, wie gefährlich diese Krankheit war und dass sie über Jahrhunderte hinweg die Menschen gepeinigt und gequält hatte. Ohne Impfung ist von drei Menschen einer gestorben, die Todesrate lag also bei 30 Prozent. Und das war den Leuten bewusst. Leugner gab es deshalb in dem Sinne damals nicht. Die Radikalität, mit der letztlich die Politik der Wissenschaft das Protokoll übergeben hat, war deshalb auch eine ganz andere als in unserem Fall heute.

Wie hat es sich angefühlt, die Geschichten von damals zu recherchieren und gleichzeitig in einer ähnlichen Situation zu stecken? Gab es Ihnen Hoffnung auf einen guten Ausgang oder machte es Ihnen Angst, dass wir mit dem Corona-Virus nicht klar kommen könnten?
Ich war einerseits hypersensibel, was die ganzen Corona-Entwicklungen angeht. Ich hatte leichte hypochondrische Anfälle und habe das Virus bei mir selber das ein oder andere Mal ausgebrochen gesehen. Gleichzeitig war es einfach großartig, so einen Roman zu schreiben, der einem hilft, tief in diese Thematik einzusteigen.

Haben Sie durch Ihre intensive Auseinandersetzung eine Erkenntnis mitgenommen, wie wir als Gesellschaft besser mit der Pandemie umgehen könnten?
Je strikter und schärfer die Maßnahmen sind, desto kürzer dauert eine Epidemie. Jeder Mittelweg führt dazu, dass es länger dauert, um ein Virus in den Griff zu bekommen. Aber das weiß vermutlich jeder, schwierig ist es, das auch so umzusetzen. Wir sind eben eine im Grundsatz sozialdemokratisierte Gesellschaft. Bei uns darf jeder mitsprechen. Deshalb sind wir in allem etwas schwerfällig. Den Weg, den China zum Beispiel gegangen ist mit drastischen Einschränkungen, das ist wohl die effizienteste Methode. Aber wir leben in einer Gesellschaft, die auf Kompromissen beruht und das finde ich auch gut. Jetzt in der Krise hat man eben gesehen, wo wir unsere Schwächen haben.

„Wir müssen handeln. Bescheidener leben. Ressourcen schonen. Regional aktiv werden.“

Steffen Kopetzky bei einem Besuch in Monschau | Foto: privat

Krieg wird in Ihrem Roman oft als Fortschrittstreiber dargestellt. Der Kampf gegen den Virus ist auch eine Art Krieg gegen einen unsichtbaren Feind. Was können wir daraus für die Zukunft lernen?
Was man mit Sicherheit lernen kann, ist, global zu denken. Wir merken jetzt, dass es globale Phänomene gibt, die uns weltweit nicht in Ruhe lassen und bei denen man sich nicht ausklinken kann. Ein globales Bewusstsein, das wäre wichtig. Andererseits könnte man auch global denken und dann regional handeln. Das kann man ganz klar daraus lernen. Je kleiner, autonomer die Kreisläufe sind, desto weniger gefährdet ist eben die Gesellschaft. Das könnte man auch als Lösungsansatz für den Kampf gegen den Klimawandel mitnehmen. Wenn alle in kleinen Produktionskreisen vor Ort ihren Strom produzieren, wenn Warenketten regionaler gedacht werden, dann würde uns das wahrscheinlich etwas widerständiger machen und gleichzeitig den Planeten schonen.

Wir müssen endlich unsere Verantwortung in der globalisierten Welt erkennen. In der Hinsicht sind wir leider in ganz vielen Punkten Weltmeister im Verdrängen. Wir betreiben hier Mülltrennung, um unser Gewissen zu beruhigen, aber dann wird unser Dreck nach Südostasien verschifft und dort einfach irgendwo ausgekippt. Wir machen uns Sorgen, um unseren Wald und unsere Bienen. Aber unsere Pharmariesen produzieren riesige Mengen Pestizide für die auf gerodetem Urwaldboden stattfindende, zerstörerische Landwirtschaft, etwa in Brasilien. Da gibt es so viele Bereiche, in denen wir glauben gut dazustehen, wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass wir unsere Probleme einfach nur in einen anderen Teil der Welt verschieben. Wir müssen über die Globalität der Probleme nachdenken und aufhören uns in die Tasche zu lügen. Wir müssen handeln. Bescheidener leben. Ressourcen schonen. Regional aktiv werden.

Ihr Buch endet versöhnlich, das Gute siegt über das Böse, in jeglicher Hinsicht. Wie wichtig war Ihnen ein Happy End, gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation?
Ich habe versucht mir vorzustellen, wie sich unsere Gesellschaft, wie wir uns alle im Frühling 2021 fühlen würden. Ich hatte eigentlich angenommen, dass wir alle ziemlich erschöpft sein würden durch die Pandemie und dass ein bisschen Trost und ein bisschen was fürs Herz ganz in Ordnung sein müsste. Es soll schon ein Buch sein, das tröstet und Hoffnung macht: Es wird enden, wir werden es schaffen und das Leben wird weitergehen!

Herr Kopetzky, vielen Dank für das Gespräch.

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