Stadt der Gegensätze

Ein Wasserbüffel hat die Ruhe weg | alle Fotos: Stefani Korn, IG: @stef_korn

Stefani Korn lebt seit vier Jahren in der Millionenmetropole Hongkong. Bald kehrt sie zurück nach Ingolstadt. Mit espresso spricht sie über ihre Zeit in der Stadt der Gegensätze, über die Pandemie, die Massenproteste und ihre reaktivierte Liebe zur Fotografie.

Frau Korn, erzählen Sie doch mal, wie es Sie nach Hongkong verschlagen hat.
Ich bin – gemeinsam mit meinem Mann und meinem Sohn Luis – seit Herbst 2017 in Hongkong. Der Grund für unseren Umzug war der Job meines Mannes, der hier vor Ort für AUDI arbeitet. Seit 2007 leben wir im schönen Ingolstadt und ich habe, bevor wir nach Hongkong umgezogen sind, für die THI am Institut für Akademische Weiterbildung (IAW) gearbeitet. Im Sommer kehren wir nach Ingolstadt zurück.

Wie erging es Ihnen in Ihrer Anfangszeit?
Die vier Jahre in Hongkong waren sehr intensiv. Für mich war es am Anfang schwer, Fuß zu fassen. Das erste Mal in meinem Leben ohne einen Job fand ich nicht einfach! Ich habe dann viel für mich gemacht: Sport, Yoga, Wandern, Entdeckungstouren durch die Stadt, Weiterbildungen, Mahjong gelernt… Und die Fotografie – meine alte Leidenschaft – wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Stadt Land

Sai Kung Country Park (Fotoslider unten): Auch das ist Hongkong! Sai Kung ist einer der insgesamt 18 Distrikte Hongkongs. Früher galt Sai Kung als „Hinterhofgarten von Hongkong“ und wird immer noch als Naherholungsgebiet geschätzt.

Haben Sie sich einleben können? Oder ist Ihnen das Leben in der Millionenmetropole immer noch fremd? Inwiefern hat Ihnen die Fotografie dabei geholfen?
Ja, das ging nach der ersten Zeit sehr schnell. Die Stadt nimmt einen gefangen und fasziniert in ihrer Vielschichtigkeit und den Gegensätzen. Es haben auch sehr viele Menschen dazu beigetragen, sich hier zuhause fühlen zu können. Die Fotografie hat mir eine andere Sicht auf die Stadt eröffnet, tiefer einzutauchen und Geschichten zu erzählen.

Hongkong gilt nach einer Studie der britischen Unternehmensberatung Mercer als teuerste Stadt der Welt.
Ja, das stimmt. Insbesondere Mieten und Immobilien haben astronomische Preise. Auch das Autofahren ist sehr teuer, mit bis zu 132 Prozent Zulassungssteuer auf den Neuwagenpreis. Es gibt allerdings auch eine Reihe von Dingen, die deutlich günstiger sind als in Deutschland, zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr. Ein Ticket für eine U-Bahnstrecke kostet weniger als einen Euro. Und Hongkong ist einer der wenigen Plätze auf dieser Welt ohne Mehrwertsteuer.

You can leave Hongkong,
but it will never leave you!

Eindrucksvolle Kulisse durch die riesigen Hochhäuser. Gut zu sehen: Maskendisziplin von Jung bis Alt

Wie haben Sie Hongkong erlebt?
Hongkong ist eine Stadt der Gegensätze. Da ist das schnelle und oberflächliche, sehr zielgerichtete und moderne Hongkong. Ein Beispiel möchte ich hierzu nennen: Stehen Sie hier an einem Zebrastreifen und wollen die Straße überqueren, dann hält kein Auto an, denn die haben Vorfahrt. Wenn Sie als Autofahrer anhalten, wird hinter Ihnen gehupt. Jeder will schnell ans Ziel.
Das andere Hongkong ist das traditionelle, das alltägliche. Die kleinen Dinge, die es zu entdecken gibt. Die kleinen Schreine, die sich an fast jedem Haus befinden und gepflegt werden. Die Dumplings, die es an jeder Straßenecke zu kaufen gibt.

Welches Hongkong bevorzugen Sie?
Ich mag beide, denn das macht die Vielfalt aus!

Kommen wir nochmal zurück zur Fotografie. Auf Ihrem Instagram-Account zeigen Sie ein vielfältiges Hongkong.
Hongkong hat viele Gesichter und viele Geschichten – diese möchte ich mit meinen Bildern erzählen. Die Stadtteile sind sehr unterschiedlich, so gibt es Central und Admiralty, wo das moderne Hongkong zu finden ist. Sham Shui Po ist ein traditionelles Viertel, wo es noch viele der alten Häuser und Straßenmärkte gibt. Sai Kung ist hingegen wie eine kleine Stadt am Meer.
Hongkong hat neben der größten Dichte der Hochhäuser auch eine grandiose Natur. 65 Prozent der Landfläche sind Naturparks, in denen Wälder, Berge, Inseln, Strände und Wasserfälle zu finden sind. Es gibt ein gut ausgebautes Wandernetz, unter anderem die vier langen Trails der Stadt, die von Süd nach Nord und von Ost nach West verlaufen. Dieses Jahr bin ich mit einer Freundin den Oxfamtrail in vier Tagen gelaufen – insgesamt 100 km. Wegen COVID19 ist jeder für sich gelaufen und hat das Rennen mit einer speziellen App aufgezeichnet.

2019 kam es in Hongkong zu Massenprotesten gegen die Regionalregierung. Bilder der gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten gingen um die Welt. Wie haben Sie die Proteste erlebt?
Gänsehaut, wenn man erlebt, wie 2 Millionen Menschen friedlich auf die Straße gehen oder ihre eigene Hymne singen, Lichterketten bilden und ihre Forderungen in kreativen Plakaten und Lennonwalls ausdrücken. Die weitere Entwicklung war schwierig und die Gewalt unverständlich, insbesondere das Zerschlagen von U-Bahnen, Universitäten oder Banken und Geschäften. Man wünschte sich so sehr einen Dialog! Die Einführung des Security Laws war hier sehr einschneidend zu fühlen, Resignation trifft es am ehesten. Natürlich wird aber auch viel überlagert durch die Einschränkungen, die die Pandemie mit sich bringt.

Die Pandemie machte auch vor Hongkong nicht halt. Mit Asien verbindet man als Europäer gerne, dass dort das Maskentragen auch vor Corona schon weit verbreitet war. Ist das so? Welche Unterschiede konnten Sie generell beim Handling der Pandemie im Gegensatz zu Deutschland ausmachen?
Während der Grippewelle sieht man hier schon viele Menschen mit Maske, um die anderen zu schützen, wenn man selbst erkältet ist. Seit dem 01. Februar 2020 gibt es hier eine Maskenpflicht an allen Orten, außer beim Wandern und Joggen. Es gibt durch die Erfahrung mit SARS eine sehr große Angst in der Bevölkerung.
Ziel der Regierung ist es, Infektionsfälle auf null zu senken. Neben den üblichen Restriktionen werden jeden Tag alle Fälle veröffentlicht, enge Kontakte müssen in ein Quarantänecamp, andere müssen sich testen lassen. Einreisen dürfen nur Einwohner, die dann auf eigene Kosten drei Wochen in ein Hotel müssen. Die Regeln waren teilweise strikter und werden befolgt.

Den Geschmack frischer Jackfrucht ordnet Stefani Korn irgendwo zwischen Ananas und Mango ein. Im Westen kommt sie bei Vegetariern gerne als Fleischersatz auf den Teller. Dafür muss sie unreif geerntet werden, da sie dann noch nicht die Süße entwickelt hat.

Bald geht es für Sie zurück nach Ingolstadt. Gibt es etwas, das Sie vermissen werden?
Ich glaube, das wird einem erst bewusst, wenn man es nicht mehr hat! Hier wird man gerne mit folgendem Spruch verabschiedet: You Can Leave Hong Kong, But It Will Never Leave You.

Gibt es etwas, das Sie in Hongkong kennen- oder liebengelernt haben und das Sie auch in Ingolstadt beibehalten werden?
Das Fotostorytelling,

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie wieder zurück in Ingolstadt sind?
Neben unseren Freunden auf eine Joggingrunde durch den Eichenwald und eine Kürbiskernsemmel zum Frühstück!

Frau Korn, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen eine gute Heimreise.

Stefani Korn

stammt ursprünglich aus Velbert bei Wuppertal. Beruflich ist sie im Controlling zuhause. In Ingolstadt kennt man sie vor allem durch ihre Tätigkeit bei der Initiative Regionalmanagement Region Ingolstadt (IRMA) und ihre Arbeit am Institut für Akademische Weiterbildung an der Technischen Hochschule.
Wenn Sie auf das Foto klicken, bringt Sie der Bus zu Stefani Korns Instagram-Account.
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