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Schein oder Sein?
Christoph Scholter malt Bilder, die auf den ersten Blick nicht von Fotos zu unterscheiden sind. Im espresso-Interview spricht der Schrobenhausener Künstler über die Wahl seiner Motive, verrät, wie viel Arbeit wirklich hinter seinen Werken steckt und warum er sich selbst nicht dem Fotorealismus zuordnen würde.
espresso: Herr Scholter, was macht ein typisches Scholter-Gemälde aus?
Christoph Scholter: Ich denke, typisch daran sind die Bildmotive. Alltagsgegenstände werden gezeigt, die sich zwischen arrangierten Stillleben und scheinbaren Schnappschüssen bewegen. Aber auch die Machart ist wichtig: Häufig könnte man denken, vor einer Fotografie zu stehen. Erst auf den zweiten Blick werden malerische Spuren sichtbar.
Neben Malerei sind für mich auch Fotografie und Objektkunst wichtige Felder und Medien, die zur Umsetzung meiner Bildideen beitragen.
espresso: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie der Kunst Ihr Leben widmen möchten?
C.S.: Ich widme der Kunst nicht mein Leben, aber das Interesse an genauer Beobachtung und an verschiedenen bildnerischen Ausdrucksformen hat sich schon in meiner Kindheit gezeigt. Meine Familie hat mich dabei immer sehr unterstützt.
espresso: Was ist Ihr Antrieb als Künstler?
C.S.: Es ist der Wunsch, meine Bildideen adäquat umzusetzen und zu präsentieren. Natürlich freuen mich Wertschätzungen und Ankäufe.
espresso: Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?
C.S.: In der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst begegnet man natürlich vielen Beispielen, die der eigenen Ausdrucksweise entsprechen. Man ist also nie gänzlich einzigartig.
Vorbilder sind wichtig und helfen, sich zu orientieren, aber ein direktes Vorbild gibt es für mich nicht.
espresso: Ihr absolutes Lieblingsgemälde?
C.S.: Zwar kein Gemälde, aber eine Kinderzeichnung meines Bruders. Diese hat mich stets inspiriert – und tut es noch.
espresso: Können Sie sich noch an Ihr allererstes Kunstwerk erinnern, das Sie mit der Intention Kunst erschaffen zu wollen angefertigt haben?
C.S.: Nein. Den Ausdruck „Kunstwerk“ kann ich für mich so auch nicht teilen. Für mich ist es wichtig, sich stets einfach neu zu versuchen. Die Beurteilung meiner Arbeiten als „Kunstwerke“ überlasse ich anderen. Wenn für mich das Endergebnis klappt, ist das eine schöne Erfahrung.
espresso: Sie sind vor allem für Ihre fotorealistischen Gemälde bekannt. Woher kommt Ihre Faszination für die fotorealistische Kunst?
C.S.: Das weiß ich auch nicht, vermutlich Intuition. Meist habe ich einen persönlichen Bezug zu den dargestellten Motiven. Meine Malerei würde ich stilistisch auch nicht als „fotorealistisch“ bezeichnen. Der Fotorealismus ist Teil der Kunstgeschichte / Pop Art und trifft auf meine Arbeiten nicht immer ganz zu.
Es geht mir nicht um rein malerische Reproduktion als künstlerisches Konzept, sondern vor allem darum, das „Wesen der Dinge“ zu erkunden.
espresso: Wie kann man sich den Entstehungsprozess eines Gemäldes vorstellen?
C.S.: Der Entstehungsprozess meiner Arbeiten ist oft langwierig und kunsthandwerklich aufwendig, doch das sehe ich als eine Herausforderung, um entsprechende Bildergebnisse zu erzielen, nicht nur im Bereich Malerei.

Christoph Scholter
Vermeintlich banale Alltagsgegenstände werden in Christoph Scholters Kunstwerken zu etwas Bedeutsamem erhoben:
espresso: Manch einer wirft dem Fotorealismus vor, keinen Mehrwert zur abgebildeten Realität hinzuzufügen. Was entgegnen Sie? Warum hat der Fotorealismus eine Daseinsberechtigung?
C.S.: Ich bin kein Kunsthistoriker, aber ich meine, der Fotorealismus (etabliert in der Malerei der 60er- bis 80er-Jahre) hat durchaus seine konzeptionelle Berechtigung und zeigt einen reflektierten bildnerisch-praktischen Umgang mit Bild- und Medienwelten. Gerade in Zeiten der Digitalisierung und einem damit verbundenen eher flüchtigen Umgang mit Bildern / Fotos erscheint mir das Konzept von Entschleunigung durch genaue Beobachtung, Reflexion und bildnerischer Darstellung (z.B. mittels Malerei) mehr als aktuell.
espresso: In Ihrer Dissertation haben Sie sich mit Kinderzeichnungen aus den 80er Jahren zu der Spiel- und Medienwelt Masters of the Universe auseinandergesetzt. Warum dieses Thema?
C.S.: Als Kunstpädagoge und Kunsterzieher am Gymnasium erkenne ich, wie Kinder und Jugendliche ihre Umwelt – vor allem auch medial – wahrnehmen und reflektieren. Kinder- und Jugendzeichnungen leisten dazu einen entscheidenden Beitrag.
In historischer Rückschau habe ich versucht, das bildnerische Verhalten von Kindern und Jugendlichen genauer zu beleuchten.
espresso: Warum ist Kunst wichtig in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen?
C.S.: Kunst motiviert Kinder und Jugendliche, sich in der Welt der Bilder zu orientieren und sich selbst Bilder von der Welt zu machen. In der Einheit von Wahrnehmung, Reflexion und bildnerischer Herstellung werden sie befähigt, die Wirklichkeit mit allen Sinnen immer wieder neu zu erleben, zu verstehen und sich aktiv zu ihr in Beziehung zu setzen. Diese grundlegende schöpferische Fähigkeit, mit denen der Mensch sich die Welt erschließt, fördert Kunst in allen Lernbereichen.
espresso: An welchem Kunstwerk arbeiten Sie gerade?
C.S.: Momentan arbeite ich an einem „Corona-Stillleben“ (Malerei). Gerade Alltagsgegenstände zu Hause erscheinen mir derzeit in der Pandemie als stille, verlässliche und treue Begleiter.
espresso: Was erhoffen Sie sich für das Jahr 2021?
C.S.: Ich hoffe, dass die Rückkehr zur bisher bekannten und meinerseits sehr geschätzten Normalität und Freiheit nicht nur ein frommer Wunsch bleibt.
Weitere Infos zu Christoph Scholter und seinen Arbeiten gibt es unter www.scholter.net.

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