Echt. Menschlich

Fotos: XX EMPOWERMENT

Die beiden Ingolstädterinnen Julia Frank und Sarah Oppenländer setzen sich mit ihrem Start-up XX EMPOWERMENT für mehr Respekt und Toleranz in der Gesellschaft ein. Im Interview verraten die Gründerinnen, wie man am besten mit Diskriminierung im Alltag umgeht, warum auch sie nicht unfehlbar sind und welches große Ziel sie mit ihrem Start-up verfolgen.

Julia und Sarah

Gründerinnen von XX EMPOWERMENT
Sarah ist Textil- und Grafik Designerin, Julia ist Marketing sowie New Work & New Leadership Expert. Zusammen haben sie mit weiteren regionalen AkteurInnen die FEMALE FUTURE FORCE – ein modernes Frauennetzwerk – in Ingolstadt etabliert, woraus im März 2020 XX EMPOWERMENT wurde.

Sarah und Julia, euer Start-up heißt XX EMPOWERMENT. Was verfolgt ihr damit?

Für uns bedeutet Empowerment Hilfe zur Selbsthilfe – sowohl als Individuum als auch als Gesellschaft. Wir wollen Menschen bestärken, sich weiterzuentwickeln, selbstbestimmter zu leben und sich somit nicht von den Herausforderungen des Alltags – vor allem in Hinblick auf Diskriminierung – unterkriegen zu lassen. Gleichzeitig wollen wir ein besseres Miteinander schaffen und die Menschen da draußen mehr für die Themen anti-diskriminierendes Denken, Gleichstellung und Diversität sensibilisieren.

Wie habt ihr euch kennengelernt und woher kam die Idee ein eigenes Unternehmen aufzubauen?

Wir haben uns vor gut einem Jahr als Arbeitskolleginnen im Digitalen Gründerzentrum brigk kennengelernt – Julia war dort für das Thema Marketing & Communications und Sarah für Communications Design zuständig. Rückblickend betrachtet war es eigentlich vorhersehbar, dass wir irgendwann unser eigenes Unternehmen hochziehen. Im brigk hat man tagtäglich mit inspirierenden Persönlichkeiten zu tun. Da wir beide uns von Tag eins so gut verstanden haben und auch zusammen mit Sabrina Ullmann vom Startup Flowside die FEMALE FUTURE FORCE Community in Ingolstadt etabliert haben, haben wir – Sarah und Julia – beschlossen, unser eigenes Ding zu machen.

Was wir genau machen wollten, stand nicht von Anfang an im Detail fest. Aber in einem Punkt waren wir uns einig: Es muss Impact, also einen Mehrwert erzeugen.

Welche Ziele wollt ihr mit eurem Start-up erreichen?

Unser großes Ziel ist es, eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen, in der jede:r einzeln:e gleich viel wert ist und in der Alltagsdiskriminierung der Vergangenheit angehört. Gleichzeitig möchten wir auch andere tolle Projekte unterstützen, die entweder sozialen oder ökologischen Mehrwert erzeugen.

Was kann man bei euch lernen?

Wir sind sehr vielfältig aufgestellt. Hauptsächlich wollen wir Education Inhalte rund um die Themen Persönlichkeitsentwicklung, Gleichstellung und Diversität anbieten – sowohl für Individuen als auch Unternehmen. In regelmäßigen Abständen veranstalten wir für die Allgemeinheit kostenlose Community-Meetups, aber auch andere Eventformate, z.B. Dinner & Diversity, bei denen wir bewusst Kooperationen mit anderen Institutionen und Unternehmen suchen. Langfristig wollen wir Webinars und andere digitale Formate schaffen, die wir zum Teil auch durch unsere #YOURVOICE Shirts gegenfinanzieren. Ein paar der Webinars wollen wir nämlich kostenlos anbieten, sodass möglichst viele Menschen zu unseren Inhalten Zugang haben und sich weiterbilden können.

Zeichen setzen – mit den #YOURVOICE-Shirts von XX Empowerment

Welche persönlichen Fähigkeiten und Erfahrungen könnt ihr in eure Arbeit bei XX EMPOWERMENT einbringen?

Sarah: XX EMPOWERMENT ist für mich eine Herzensangelegenheit. Einerseits kann ich als Textildesignerin meine Kreativität ausleben und andererseits meine Stärken als empathische, hilfsbereite und harmoniebedürftige Persönlichkeit zum Einsatz bringen. Julia: Ich denke, es ist die Mischung, die mich ausmacht und die ich bei XX EMPOWERMENT einbringen kann. Neben meiner Leidenschaft anderen zu helfen, bringe ich jede Menge Erfahrungen rund um die Themen Empowerment, Community-Management, Consulting und Entrepreneurship mit.

Empowerment klingt radikal. Versteht ihr euch als radikale Bewegung?

Wir sehen uns nicht als radikale Bewegung. Wir setzen auf das Miteinander, das einander zuhören, das voneinander lernen. Deswegen ist uns auch der Austausch mit unserer Community – ganz unabhängig von jeglichen Persönlichkeitsmerkmalen – so wichtig. Wir verstehen uns als friedliche Bewegung, daher ist auch gewaltfreie Kommunikation so ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Wir möchten auf Missstände aufmerksam machen, aber sind mindestens genauso daran interessiert, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten – Fingerpointing alleine hat noch niemanden weitergebracht.

Ihr habt ein Doppel-X im Namen. Sind auch Männer bei euch willkommen oder richtet sich euer Angebot ausschließlich an Frauen?

Die DNA unseres Startups ist weiblich, daher haben wir das Doppel-X für das weibliche Chromosom verwendet. Frauen sind in der deutschen Startup-Szene noch immer zu wenig vertreten und wir wollten einfach ein Zeichen nach außen setzen. Wir zählen zu dieser Minderheit. Zudem hat die gesamte Empowerment-Thematik seinen Ursprung im intersektionalen Feminismus, den wir beide auch leben und zu dem wir uns auch bekennen. 

Leider wird noch viel zu oft das Wort Feminist:in als etwas radikales gesehen und oftmals sogar mit „Emanze“ gleichgesetzt. Das finden wir sehr schade, denn wir sind der Meinung Feminismus ist eine Mindset-Einstellung und wir kennen auch tolle Männer, die bekennende Feministen sind und sich für mehr Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft einsetzen.

Deswegen möchten wir nochmals betonen, dass sich unser Angebot an alle – ganz unabhängig von jeglichen Persönlichkeitsmerkmalen – richtet, die an sich und ihrem Mindset arbeiten wollen sowie gemeinsam mit uns die Themen Gleichberechtigung und Diversität in die Mitte der Gesellschaft bringen wollen, denn nur gemeinsam können wir etwas bewegen.

Warum spielen die Werte Respekt und Toleranz für euch eine so große Rolle?

Werte sind etwas, die sich bereits in frühester Kindheit ausbilden und uns ein Leben lang begleiten. Klar können sich Werte über die Jahre auch verändern, aber der Grundstock bleibt meistens. Zu Beginn unserer Unternehmung haben wir uns gefragt, was uns ausmacht und wofür wir – also Sarah und Julia – stehen, was unsere Unternehmens-DNA ist. Viel zu oft kommt es nämlich vor, dass sich Unternehmen gewisse Werte auf die Fahne schreiben, die sie eigentlich nicht wirklich leben, es sich aber nach außen gut anhört. Das wollten wir bei unserem eigenem Startup vermeiden. Deshalb haben wir – noch bevor wir genau wussten, wie die konkrete Business Idee aussehen wird – uns einen Wertebogen ausgedruckt, den man überall im Internet findet, und einzeln ausgefüllt. Dabei wurde schnell klar, dass gerade Toleranz und Respekt für uns beide sehr wichtig sind und dass wir bei allem, was wir so tun wollen, genau darauf achten wollen. Das fängt an bei der Produktion unserer #YOURVOICE Shirts, die 100% nachhaltig und fair sind, und hört auf bei der Wahl unserer Bank. Man muss nämlich wissen, dass viele Banken sehr viel Geld in die Rüstungsindustrie investieren – ein Gedanke, der mit unseren Werten einfach nicht konform ist.

Wo hört eure Toleranz auf?

Toleranz hört für uns da auf, wo Diskriminierung anfängt, sei es nun im Kleinen oder Großen. Auch wir mussten bereits Diskriminierung im Alltag – sei es nun bzgl. Geschlecht oder Alter – erleben. An dieser Stelle macht es jedoch nochmals einen großen Unterschied, ob die Diskriminierung bewusst oder unbewusst erfolgte. Unser Tipp an dieser Stelle: Sollte man sich mit einer Aussage oder Situation unwohl oder gar diskriminiert fühlen, immer ansprechen und erklären, was das mit einem macht. Die Reaktionen darauf können unterschiedlich sein und erfordern auch ein gewisses Maß an Empathie und Selbstreflexion des Gegenübers. Manche zeigen sich verständnisvoll, manche reagieren beschämt, andere wiederum wiegeln ab und verharmlosen. Egal wie die Reaktion des Gegenübers ausfällt, man sollte sich selbst klar machen, dass es gutes Recht ist, sachlich aber bestimmt darauf hinzuweisen, wenn Grenzen überschritten werden. Wichtig dabei: Sich bewusst machen, dass man nicht selbst das Problem ist, sondern dass das Gegenüber scheinbar ein Problem oder einen Mangel an Wissen hat.

Wie kann Diskriminierung im Alltag aussehen?

Wir hatten vor kurzem ein interessantes Gespräch über Alltags-Rassismus mit unserer Community-Host Sarah Stock, die sich selbst als Person of Color bezeichnet. Das fängt an bei kleinen, vermeintlich „scherzhaften“ Bemerkungen bzgl. der Hautfarbe aus dem privaten Umfeld an und hört bei Farbe von Pflastern, die meist hell sind, auf. Für uns viele Aha-Momente, da wir selbst aufgrund unserer hellen Hautfarbe noch nie Rassismus ausgesetzt waren. Und genau das möchten wir mit der Allgemeinheit teilen, um zu sensibilisieren. Unter anderem hat Sarah ihre Erlebnisse und Erfahrungen in einem Blogbeitrag auf unserer Website festgehalten.

Eure Arbeit erfordert bestimmt ein großes Maß an Selbstreflexion. Was sind eure Schwächen und wie arbeitet ihr daran?

Selbstreflexion ist durchaus ein wichtiges Thema, dem wir uns auch in regelmäßigen Abständen alleine und im Team widmen. Viele gehen davon aus, dass wir automatisch immer alles richtig machen – gerade was Political Correctness angeht. Aber auch wir sind nicht unfehlbar. 

Bei fast allen Menschen – auch bei uns – ist es so, dass sich gewisse gesellschaftliche Denkmuster über die Jahrzehnte eingebrannt haben und dass man in gewissen Situationen schnell zu Schubladendenken neigt, weil es ein einfacher und schneller Automatismus unseres Gehirns ist.

Dadurch entstehen Vorurteile und Diskriminierung. Somit müssen auch wir an der einen oder anderen Stelle noch viel lernen. Umso wichtiger ist für uns der Austausch mit anderen, um Feedback zu erhalten, das einem wiederum weiterbringt. Ähnlich wie in der Nachhaltigkeitsdebatte gilt auch hier: Man darf nicht zu streng mit sich sein und darf nicht davon ausgehen, automatisch alles immer richtig zu machen. Man muss bereit sein, zuzuhören und sich weiterzubilden.

Wie kommt euer Mindset in eurem Umfeld an? Seid ihr Inspirationsquelle oder eckt ihr oft auch an?

Sowohl als auch – für viele sind wir tatsächlich Inspirationsquelle, für viele aber auch im ersten Moment eher befremdlich. Das liegt jedoch oftmals stark daran, dass sich manche einfach nichts Konkretes unter unserer Arbeit vorstellen können. Hier hilft meist schon ein offenes Gespräch, um die Leute doch von uns zu überzeugen. Solche Gespräche können natürlich auch Reibungspotenzial erzeugen, was wir jedoch nicht weiter schlimm finden – jede:r sollte eine eigene Meinung haben dürfen. Wir müssen auch nicht jedem gefallen.

Julia und Sarah, vielen Dank für eure offenen Worte und viel Erfolg auf eurem weiteren Weg.

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