„Der Bub wird Barbesitzer oder Politiker“

Politik, Musik, Technik – Quirin Witty ist ein echtes Multitalent. Er spielt als Cellist im Ingolstädter Kammerorchester, macht gerade seinen Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen und zog in diesem Jahr für die SPD in den Stadtrat ein – als jüngster Stadtrat Ingolstadts. Vor allem die Erneuerung des Georgischen Kammerorchesters und das Erblühen der Kultur in Ingolstadt liegen dem engagierten Newcomer am Herzen.

Im espresso-Interview verrät Quirin, welches Ereignis ihn in die Politik gebracht hat, warum mangelnde Erfahrung sehr wertvoll für die Arbeit im Stadtrat sein kann und ob er sich vorstellen kann, eines Tages das Amt des Oberbürgermeisters von Ingolstadt zu bekleiden.

Quirin, du bist mit 22 Jahren Ingolstadts jüngster Stadtrat. Hättest du dir das vor fünf Jahren schon vorstellen können?

Nein, überhaupt nicht. Vor fünf Jahren stand ich knapp vor dem Abitur am Gnadenthal-Gymnasium und wusste wie so viele nicht, was ich eigentlich machen will. Ein Umstand, der schulpolitisch längst verstärkt angegangen werden müsste. Dass ich meiner Begeisterung für Musik nicht beruflich nachgehen will, entschied ich schon frühzeitig. Den Naturwissenschaften konnte ich schon immer viel mehr abgewinnen als Sprachen, deshalb entschied ich mich für ein Maschinenbau-Studium an der TU München – ohne nur im Ansatz an ein parteipolitisches Engagement zu denken. Aber innerhalb von fünf Jahren kann viel passieren.

Warum wusstest du von Anfang an, dass du dein musikalisches Talent nicht zum Beruf machen möchtest?

Ich wollte die Musik immer als Hobby behalten und nicht von ihr abhängig sein müssen. Die Musikbranche ist ein Haifischbecken und es gibt schon unzählige top ausgebildete Musiker, vor allem aus Asien. Unter diesen Umständen dann noch die Freude an der Musik zu behalten, ist schwierig.

Wie lange spielst du schon Cello?

Seit der dritten Klasse. Mein Wunsch als Kind war es eigentlich, Kontrabass spielen zu lernen. Dafür war ich aber einfach zu klein. Zum Cellospielen bin ich durch einen Kontakt ins Georgische Kammerorchester gekommen. Der Cellist des GKO hat mir geraten mit dem Cello anzufangen und später auf Kontrabass umzusteigen. Diesen Umstieg habe ich aber bis heute nicht vollzogen.

Würdest du das gerne irgendwann noch nachholen?

Ja, auf jeden Fall. Weil man dadurch auch ganz andere Musikrichtungen erschließen kann. Zum Beispiel die Volksmusik oder den Jazz. Aktuell ist leider die Zeit dafür noch nicht da.

Kein Wunder, neben deiner Tätigkeit als Stadtrat studierst du Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau und bist Teil des Ingolstädter Kammerorchesters, um nur einige Tätigkeiten zu nennen. Würdest du dich als rastlosen Menschen bezeichnen?

Als rastlosen Menschen würde ich mich nicht bezeichnen, eher als jemanden, der immer wieder viel Ruhe braucht, was auch Energiereserven auffüllt. Habe ich diese Ruhephasen nicht, entstehen leicht Fehler, die sonst nicht passieren.

Wie tankst du deine Energiereserven am liebsten auf?

(Lacht) Mit ausreichend Schlaf. Das ist für mich der wichtigste Punkt. Mit zu wenig Schlaf bin ich zu gar nichts zu gebrauchen.

Wie hast du die ersten Monate als Stadtrat erlebt? Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?

Der Blick auf den Stadtrat von außen ist ein anderer als der von innen. Das war mir im Voraus klar, deshalb hatte ich darauf verzichtet, mir eine explizite Vorstellung zu konstruieren. Die ersten Monate erlebte ich damit, viel zuzuhören, Abläufe und Strukturen kennenzulernen sowie ein Gespür für den zwischenmenschlichen Umgang und die Arbeitsweise zu entwickeln, mit der ich mich zurechtfinde und die auch einen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Ingolstadt darstellt.

Quirin Witty bei einer Wahlkampfveranstaltung mit Alt-OB Christian Ude (links) und dem damaligen Kandidaten und heutigen Oberbürgermeister von Ingolstadt Christian Scharpf

Hand aufs Herz, wird man in so jungen Jahren von den erfahreneren Stadträt*Innen ernst genommen?

Wichtig ist, dass jedes Stadtratsmitglied die Meinung eines jeden anderen Stadtratsmitglieds respektiert – denn das ist der Respekt vor den Ingolstädterinnen und Ingolstädtern, die dem Stadtrat als Gremium erst durch die Wahl eine Stimme verleihen! Dazu gehört auch, dass jedes Stadtratsmitglied genau eine Stimme hat, ob jung oder alt. Dies zu respektieren ist der Respekt vor der Demokratie.

Hat man manchmal auch Vorteile als Jungspund gegenüber den Alteingesessenen?

Ein großer Vorteil ist auf jeden Fall die mangelnde Erfahrung. So widersprüchlich es klingt – aber Fragen, die für erfahrene Stadtratsmitglieder banal klingen, helfen, Erklärungen zu finden und Entscheidungen zu fällen, die dazu beitragen, den Kontakt zur breiten Bevölkerung zu wahren.

Gab es ein Thema im Stadtrat, bei dem du dich schon persönlich einbringen konntest?

Neben der Kommunikation mit der Partei und den Bürger*Innen ist es natürlich auch wichtig, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Wir haben beantragt, dass ein hauptamtlicher Fahrradbeauftragter für Ingolstadt tätig wird, der mit dem nötigen Know-How und der nötigen Erfahrungn ausgestattet ist. Andere Städte wie München machen es vor. Es wäre wichtig, jemanden zu haben, der dieses Thema in Ingolstadt voranbringt.

Wichtig für mich ist auch das Thema Musik. Ich bin auch Vorsitzender des Freundeskreises des Georgischen Kammerorchesters. Es gab immer wieder Diskussionen, wie mit diesem Orchester weiter verfahren werden soll.

Was wünscht du dir für das Georgische Kammerorchester?

Das Georgische Kammerorchester Ingolstadt, einst als Weltklasseorchester international gefeiert, ist das Orchester dieser Stadt mit einem ganz spezifischen Klangcharakter und unglaublicher Vielseitigkeit. Dieses Kammerorchester könnte breite Bevölkerungsschichten in Ingolstadt in unterschiedlichen Formaten noch viel stärker begeistern. Dafür müssten aber die Rahmenbedingungen den Qualitäten der Musiker entsprechen, was bedeutet, dass Gehälter angepasst werden, das Orchestermanagement kreativ, erfahren, top ausgebildet, kooperativ und vernetzt ist, die Probenbedingungen verbessert werden.

All das würde ich sofort ändern, wenn ich es könnte, denn dadurch würde das Musikleben und auch das Kulturleben in Ingolstadt viel mehr Feuer entfachen. Dieses große Potential – auch gegenüber Sponsoren – darf nicht ungenutzt bleiben!

Quirin Witty bei einem Soloauftritt mit seinem Cello

Wie erlebst du als Teil der Kulturszene die Kulturlandschaft jetzt in Zeiten von Corona?

Ohne die Kultur fehlt einfach etwas in der Stadt. Gerade in schwierigen Zeiten ist die Kultur unverzichtbar. Sowohl für die Zuschauer*Innen und Zuhörer*Innen ist es schwierig, aber noch viel schwieriger ist es natürlich für diejenigen, die davon leben. Freiberufler*Innen hängen fast komplett in der Luft, alle Rettungsschirme in allen Ehren, aber das ist keine dauerhafte Sicherung. Die festangestellten Künstler*Innen haben es natürlich leichter, aber auch sie würden gerne wieder auftreten und spielen, um das Publikum zu begeistern. Darum ist es für mich ein Anliegen, dass das Potential, das wir durch das GKO haben, gestärkt wird.

Wird von der Stadt noch zu wenig für die Kulturförderung getan?

Ja, aber ich bin guter Dinge, dass jetzt durch den sogenannten politischen Wechsel die Kultur in Ingolstadt erblühen wird. Auch wenn es in Ingolstadt finanziell gerade nicht so rosig aussieht, ist gerade jetzt die Kultur wichtig. Gerade dann muss man auch in die Kultur investieren.

Wie stehst du zu den aktuellen Anti-Corona-Maßnahmen, dem sogenannten Lockdown Light?
Gerade in Bezug darauf, dass Theater, Kinos und andere Kulturstätten wieder geschlossen werden mussten.
Ich habe diese pauschalen Regelungen der Staatsregierung nicht verstanden. Als der Inzidenzwert von 100 überschritten wurde, durften in das Stadttheater wie in jedes andere Theater nur noch 50 Menschen hinein, ohne dass dabei die Größe der Räumlichkeiten eine Rolle spielte. Diese Pauschalisierung ergibt für mich keinen Sinn. Natürlich ist es für den Freistaat schwer zu managen. Aber dann hätte man den Gesundheitsämtern vor Ort mehr Spielraum und Verantwortung übergeben müssen, um sie entscheiden zu lassen, welche Regelungen sinnvoll und welche es nicht sind.

Wie lange engagierst du dich schon in der Politik?

Politisch interessiert bin ich schon lange. Ein leider schon verstorbener Bekannter meines Vaters sagte kurz nach meiner Geburt: „Der Bub wird Barbesitzer oder Politiker.“ Ganz Unrecht hatte er ja nicht. Wie er auf Barbetreiber kam, kann ich mir aber beim besten Willen nicht erklären. Als klassischen Politiker mit Ambitionen auf die Landes- oder Bundespolitik sehe ich mich aber genauso wenig.
Das entscheidende Erlebnis war – und damit knüpfe ich an die erste Frage an – die Verärgerung über die Umstände an der Maschinenbau-Fakultät der TU München. Beispielsweise wurden Übungsveranstaltungen an der Uni aus finanziellen Gründen gestrichen oder Klausuren im Vergleich zu früheren Semestern so modifiziert, dass sie möglichst wenig Korrekturaufwand erforderten. Über diese Umstände und die offensichtliche „Ohnmacht“, etwas zu verändern, diskutierte ich auch mit Karl Finkenzeller, ein Ingolstädter SPD-Mitglied und ehemaliger Lehrer am Gnadenthal-Gymnasium. 

Und so kam dann auch die Nähe zur SPD zustande.

Die Gespräche mit Karl Finkenzeller und die daraus entstandene Überzeugung, innerhalb der SPD Ingolstadt die Kommunalpolitik zum Positiven mitgestalten zu können, führten dazu, dass ich mich für die SPD entschied. Rückblickend genau die richtige Entscheidung, da ich immer stärker erkenne, wie wichtig mir die sozialdemokratischen Werte „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ sind und wie wichtig sie auch für die Kommunalpolitik sind.

Was treibt dich an, dein Leben der Politik zu widmen?

Das „Leben der Politik widmen“ klingt verkrampft und „ungesund“. Die Politik ist Teil des Lebens – für alle Menschen. Politik mit einem Mandat ausüben zu dürfen ist ein Privileg und darf keine Belastung sein – für einen selbst und die Gesellschaft. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, dass ich mich aus dem Kreis der aktiven Politik verabschiede, wobei ich dann aber gewiss noch politisch denke. Politik lebt nicht nur von Erfahrung, sondern auch von denjenigen, die mit Begeisterung und frischen Ideen bei der Sache sind. Bei den allerwenigsten dauert diese Begeisterung Jahrzehnte an.

Das klingt, als würdest du dich schon langsam wieder aus der Politik verabschieden wollen.

Nein, überhaupt nicht. Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich 50 Jahre im Stadtrat bin oder eine Landes- oder Bundeskarriere anstrebe. Mir macht es aktuell Spaß. Und so lange es mir Spaß macht, möchte ich weiter Politik machen. Aber sobald es keinen Spaß mehr macht, bringt es nichts, verkrampft weiter politisch tätig zu sein. Das wäre nicht im Sinne der Sache. Wechsel ist immer wichtig in der Politik – ob innerhalb der Partei oder was die Ideen betrifft. Nur so entwickelt sich die Politik auch weiter.

Verfolgst du ein bestimmtes Ziel auf deinem politischen Weg?

Mein Ziel ist, dass ich charakterlich immer ich selbst bleibe.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann Bürgermeister von Ingolstadt zu werden?

Wenn ich so sehe, was der Christian Scharpf jeden Tag arbeitet, wie viele Stunden er tagtäglich investiert, dann muss ich sagen, dass es für mich nicht machbar wäre. Weil ich ja meinen Schlaf brauche (lacht). Aktuell steht es nicht zur Debatte. Aber wenn ich politisch aktiv bleibe, dann in Ingolstadt in der Kommunalpolitik.

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