Dave, der Streetworker

Neuburgs Straßen sind seit dem November-Lockdown wie leergefegt. Keine optimalen Bedingungen für einen Streetworker, der einen Großteil seiner Arbeitszeit genau dort verbringt. David „Dave“ Raffalt (38) ist Ansprechpartner für junge Menschen und steht ihnen bei einer Vielzahl von Themen mit Rat und Tat zur Seite. Im espresso-Interview erzählt er, warum er sich mit Mitte 30 für ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden hat, wie er mit Jugendlichen trotz verwaister Jugendtreffs in Kontakt tritt und wie ihm sein persönlicher Style beim Abbauen von Hemmschwellen hilft.

Am 1. November trat David Raffalt seine Stelle als Streetworker bei der Caritas in Neuburg an. Probleme verschwinden natürlich in der Corona-Zeit nicht einfach so – oft kommen sogar neue hinzu. Daher steht das breitgefächerte Beratungsangebot der Caritas weiterhin allen Hilfesuchenden zur Verfügung. Auch David Raffalt bietet weiterhin Einzelberatungsgespräche „face to face“ für Jugendliche und junge Erwachsene an. Niemand soll mit seinen Problemen alleine gelassen werden. Kontaktmöglichkeiten findet ihr unter dem Interview.

David, du hast dich erst mit Mitte 30 zu einem Studium der Sozialen Arbeit entschieden und deinen Job in der Automobilindustrie an den Nagel gehängt. Wie kam das?
Das hatte mehrere Gründe. Zum einen ging mein damaliger Arbeitgeber insolvent, ich musste mich dadurch also beruflich umorientieren. Seit ich 16 bin, habe ich nebenbei immer wieder als Fußballtrainer mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Ich war auch Trainer im Feriencamp der Audi Schanzer Fußballschule. Meinen Zivildienst leistete ich beim Roten Kreuz ab. Ich spürte also schon immer, dass ich gerne mit Menschen arbeite, habe aber nie den Schritt gewagt, dies auch Vollzeit zu tun und ein Studium anzupacken. Ich habe mir damals gedacht: Wenn nicht jetzt, wann dann? In der Flüchtlingswelle 2016 konnte man außerdem auch ohne einen Abschluss der Sozialen Arbeit Vollzeit arbeiten, was ich dann auch getan habe und ich begann nebenbei ein Fernstudium.

Wie sieht der normale Arbeitstag eines Streetworkers aus?
Ein Arbeitstag beginnt normalerweise im Büro, anschließend ist man aber viel auf der Straße unterwegs. Ich schaue, wo sich Jugendliche aufhalten und versuche, Kontakte zu knüpfen. Aus den Gesprächen versuche ich herauszuhören, ob sie Unterstützung brauchen oder Probleme haben; bei der Berufswahl, in der Schule, mit den Eltern, Freunden oder auch bei Sexualität und Gewalt – also ein sehr breites Feld. Nebenbei sind auch die Sozialen Medien wie Facebook, Instagram und WhatsApp wichtig geworden, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten.

Wie unterscheidet sich der normale Arbeitsalltag in der Corona-Zeit?
Im Lockdown ist es natürlich sehr schwierig, weil zum einen die Schulen, zum anderen das Jugendzentrum und die beiden Bürgerhäuser geschlossen sind. Also all das, wo sich Jugendliche aufhalten und wo ich eigentlich gezielt vor Ort wäre.

Auf den Straßen ist natürlich gerade auch so gut wie nichts los. Sehr viel passiert also gerade über Online-Beratung in den Sozialen Netzwerken.

Du bist Ansprechpartner für Jugendliche – auch bei Themen wie Sexualität und Drogen. Gibt es dabei nicht eine gewisse Hemmschwelle bei den Jugendlichen, sich damit an einen Fremden zu wenden? Wie überwindest du diese Hemmschwelle?
Erstmal mache ich deutlich, dass alles, was wir besprechen, vertraulich behandelt wird. Zum anderen komme ich bei den Jugendlichen durch meine Erscheinung mit Cap, Skaterhose und vielen Tattoos anders rüber als ein “normaler” Beamter von einem Amt oder einer Behörde. Ich denke, dass sie dadurch schon Vertrauen gewinnen. Oft fehlt ihnen ja auch einfach ein Ansprechpartner, der schon im Leben steht und mehr Erfahrung hat. Ich finde die Hemmschwelle gar nicht mal so groß. Jugendliche öffnen sich sehr schnell.

Ist es nicht dennoch schwierig, mit Jugendlichen auf der Straße ins Gespräch zu kommen? Viele denken vermutlich: Was will der fremde Mann von mir?
Für eine Weihnachtsaktion habe ich kleine Päckchen zusammengestellt mit Schokolade, Obst und meinem Flyer. Ich sprach die Jugendlichen an und stellte mich vor. Anfangs schauten sie natürlich erstmal etwas skeptisch. Als dann geklärt war, dass ich als Neuburger Streetworker als Ansprechpartner für sie da bin, hat man schnell gemerkt, dass die Atmosphäre lockerer wurde und sie sehr offen waren und sich auch angehört haben, was ich zu sagen hatte. Wenn Fragen aufkamen, haben sie sich relativ schnell gemeldet. Im ersten Gespräch kann man das schon gut auflockern. Wichtig ist aber natürlich, dass die Jugendlichen wissen, dass alles freiwillig passiert.

Niemand muss einen Termin machen, aber sie können sich melden, wenn sie ein Problem haben.

Du bist seit November Streetworker in Neuburg. Welche Erfahrungen konntest du bisher sammeln? Was beschäftigt Jugendliche in Neuburg insbesondere?
Aktuell ist natürlich der Lockdown ein ganz großes Thema. Die Jugendlichen fühlen sich sehr eingesperrt und können sich nicht wie gewohnt entfalten.

Gerade wenn Jugendliche Probleme in der Schule haben, ist es mit dem Homeschooling nicht leicht, weil sie keinen Lehrer haben, der es nochmal genauer erklärt.

Sie müssen viel selbst machen und vielen fehlt die Motivation für selbständiges Arbeiten. Das ist in diesem Alter aber auch schon fast selbstverständlich. Ich kenne das selbst von meinem Fernstudium, es braucht einfach sehr viel Eigenmotivation. Außerdem fehlen im Lockdown natürlich die Freizeitalternativen.

Bist du hin und wieder auch mit harten Schicksalen konfrontiert und sind diese für dich belastend?
Ich habe zuvor 3 Jahre in Ingolstadt bei einem privaten Jugendhilfeträger in der Familienhilfe gearbeitet und dabei natürlich auch sehr viele Schicksale miterlebt. Natürlich lässt es mich nicht kalt und ich beschäftige mich damit, aber wenn man das alles mit nach Hause nimmt, wird man auf Dauer in diesem Job nicht glücklich. In der Zeit, in denen ich mit den Familien oder den Jugendlichen arbeite, versuche ich, das Beste zu geben und sie zu unterstützen. 24/7 klappt das aber nicht. Da muss ich mich einfach selbst schützen. Das Nähe-Distanz-Thema lernt man aber auch im Studium vom 1. Semester an.

Wie ziehst du Grenzen?
Viele Klienten erwarten, dass man alles macht und ihnen alles abnimmt. Das halte ich allerdings für den falschen Weg. Ich nehme die Jugendlichen gerne an die Hand, aber ich mache nicht alles für sie. Man kann ihnen Wege zeigen und Türen öffnen – durchgehen müssen sie selbst. Es klingt zwar hart, aber schlussendlich ist es immer noch ihr Problem bzw. ihr Wunsch etwas zu erreichen. Ich helfe also z.B. bei der Ausbildungssuche mit gezielten Fragen und kleinen Aufgaben, die Bewerbung schreibe ich ihnen aber natürlich nicht.

Welche Rolle spielen Soziale Medien in deiner Arbeit. Verschiebt sich dein Arbeitsbereich auch ein Stück weit von der Straße ins Internet?
Definitiv. Ich biete weiterhin persönliche Einzelberatungen an, das ist im Lockdown möglich. Gerade aber weil ich neu angefangen habe und die Jugendlichen mich oft noch nicht kennen, nutzen sie erstmal den „anonymen“ Weg über das Internet. Die Jugend kommuniziert natürlich aber sowieso einfach mehr über Soziale Netzwerke.

Hast du das Gefühl, das Jugendangebot in Neuburg ist ausreichend oder gibt es Verbesserungspotenzial?
Ich finde, Neuburg hat ein sehr großes Angebot. Vor allem im Hinblick auf das tolle Team im Jugendzentrum, das sehr viel für Jugendliche anbietet und die beiden Bürgerhäuser. In Ingolstadt habe ich auch schon in der Trendsporthalle neun gearbeitet. Das finde ich eine ganz tolle Idee und das würde ich mir für Neuburg wünschen, damit Jugendliche einen Ort für den Winter haben, wo sie ihren Sport machen können.

David, vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt zu Streetworker Dave aus Neuburg:

Anruf/Whatsapp: 0176/57641787
Instagram: @streetwork.neuburg
Facebook: @streetwork.justiq
Email: david.raffalt@caritas-neuburg.de

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