Carinas Traum

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Carinas Traum

Carina Kaltenecker ist der heimliche Rockstar der Lebenshilfe Ingolstadt | Fotos: Stefanie Herker

Wer Carina unterschätzt, macht meist nur einmal diesen Fehler. Die 37-Jährige häkelt, malt, liebt Delfine und lustige Kinofilme. Klingt erst einmal nach einem ruhigen Leben – bis man sie auf dem Laufsteg sieht. Da blüht sie auf.

VON STEFANIE HERKER

Es gibt Menschen, die machen aus jeder Frage eine Wissenschaft. Carina gehört nicht dazu. Sie bevorzugt die kurze Version. Lieblingsessen? „Alles.“ Lieblingsurlaub? „Griechenland.“ Wo genau? „Egal.“ Traumjob? „Model.“ Und das zieht sie auch durch. Diese Direktheit hat den Vorteil, dass man ziemlich schnell erfährt, wer Carina ist: ehrlich, unerschrocken und mit einer beneidenswerten Fähigkeit, das Leben nicht unnötig kompliziert zu machen. Die junge Frau, die man mit Spitznamen eigentlich „Catwalk-Carina“ nennen sollte, wurde mit Trisomie21 geboren. Sie ist gerade einmal 1,45 Meter groß, ihre Persönlichkeit braucht allerdings deutlich mehr Platz. Und den nimmt sie sich. Was sie sich von anderen Menschen wünscht, ist eigentlich ganz einfach: Offenheit. Kein Mitleid. Keine Berührungsängste und keine Vorurteile.

Carina lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe Bayern Mitte in Ingolstadt- mit fünf weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern in Ingolstadt. Auf ihre Wohnung ist sie stolz. Ihr Zimmer ist geschmückt mit Delfinposter und -bettwäsche, Stifte wie Sand am Meer in zwei XXL-Boxen und ein akribisch sauber ausgemaltes Mandala liegen auf ihrem Schreibtisch. Die WG bedeutet für sie Selbstständigkeit und Gemeinschaft zugleich. Hier wird gemeinsam gelebt, gelacht und manchmal auch diskutiert. Jeder hat seinen Zuständigkeitsbereich in der WG, wie auch seinen eigenen Rückzugsraum. Carina ist für die Ordnung in der Küche zuständig. Einmal pro Woche kommt zudem eine Putzfrau, die zur Unterstützung anpackt. Menschen spielen in Carinas Leben eine große Rolle. Sie hat zwei sehr gute Freundinnen und auch einen festen Freund. „Carina ist ein Familienmensch“, sagt ihre Mutter Karin. „Eine, die immer möchte, dass es anderen gut geht. Sozial, aufmerksam und liebevoll, aber manchmal auch bockig“, ergänzt sie lachend. Sie kann stur sein, aber sie kann auch zuhören. „Mit Carina kann man ein Geheimnis teilen. Sie freut sich ehrlich für andere Menschen und nimmt Anteil, wenn jemand Sorgen hat“, erzählt ihre Mama stolz.

Wenn man Carina nach ihren Talenten fragt, kommt prompt „Mandalas malen“ und „Topflappen häkeln“. Das macht sie zur Entspannung. Ihr wahres Talent ist es aber wohl, Menschen zu begeistern. Wenn Carina den roten Teppich bei einer der Xaver Mayr Modenschauen in der Ingolstädter Fußgängerzone betritt, wird schnell klar, dass in ihr weit mehr steckt als eine begeisterte Handarbeiterin. Mit einer Selbstverständlichkeit bewegt sie sich über den Laufsteg, überrascht die Gäste mit einer derartigen Präsenz und Performance, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Auf Instagram gingen ihre Videos viral. Lange Zeit war sie in einer Bauchtanzgruppe. Dort lernte sie, vor Menschen aufzutreten, sich zu präsentieren und gewöhnte sich an die Aufmerksamkeit. Heute liebt sie genau das: Die Bühne. Die Musik. Die Show. Und vor allem den Applaus. „Ich merke, dass ich gut bei den Zuschauern ankomme“, sagt Carina.

Carinas Traumberuf ist Model. Wir haben sie deshalb in der Harderbastei in Szene gesetzt. Im Hintergrund sind die Werke der Künstlerin Amelie Meyer zu sehen. Mit dem Make-Up, das ihr die Visagistin Kia Solis gezaubert hat, sieht sie selbst aus wie ein Kunstwerk. Neben dem Spaß beim Modeln ist ihr noch eins ganz besonders wichtig: Carina möchte anderen Menschen mit Trisomie 21 oder einer Behinderung Mut machen, sich zu zeigen. Sich etwas zuzutrauen. „Du musst dich nicht verstecken“, sagt sie. Dabei wirkt Carina nicht, als wolle sie jemandem etwas beweisen. Sie macht einfach ihr Ding.

Wenn Carina Urlaub hat, nimmt sie die Gelegenheit auch gerne wahr, zu verreisen. In diesem Jahr hat sie sich einen langjährigen Traum erfüllt. Gemeinsam mit ihrer Mutter machte sie eine Karibik-Kreuzfahrt. Noch heute erzählt sie begeistert von den vielen Eindrücken, dem Meer und den exotischen Orten. Reisen bedeutet für sie Freiheit. Eine Reiseerinnerung trägt sie dabei besonders im Herzen. In Ägypten schwamm Carina mit Delfinen. Sie hat es geliebt. Und wenn man sie fragt, was sie unbedingt noch einmal machen möchte, kommt die Antwort sofort: „Mit Delfinen schwimmen.“

Ansonsten gönnt sie sich einmal im Jahr einen Aufenthalt in Griechenland. Mit ihrer Betreuerin, die auch in ihrer WG lebt. Ohne ihren Freund Daniel. Den hat sie zwar seit zwei Jahren, doch als die Frage aufkommt, ob er sie begleitet, kommt die Antwort gewohnt trocken: „Nein, alleine.“ Im Griechenland-Urlaub entstand auch zufällig der Kontakt zu einer Mitarbeiterin von Xaver Mayr. „Die Sybille war das!“, schmunzelt Carina und ist dankbar für diese schicksalshafte Begegnung, die sie zum Modeln brachte.

Natürlich jagt nicht ein Highlight das nächste. An gewöhnlichen Wochenenden in der Heimat ist Carina auch zufrieden, wenn sie Zeit mit ihrem Freund verbringen kann. Die beiden gehen spazieren oder besuchen hin und wieder das Kino. Kennengelernt haben sie sich bei der Lebenshilfe. Dort arbeitet ihr Freund ebenfalls – sogar gleich nebenan. Er ist für die Stoßdämpfer des Q7 zuständig.

Carina blüht auf: Zwischen Blumen der hauseigenen Gärtnerei der Lebenshilfe am Franziskanerwasser in Ingolstadt.

Carina arbeitet seit 20 Jahren in einer der Werkstätten der Lebenshilfe Ingolstadt. Eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass sie erst 37 Jahre alt ist. Ans Aufhören denkt sie trotzdem nicht. Auch wenn sie beruflich noch viel lieber in Vollzeit modeln würde, macht sie ihre Arbeit in der Montage richtig gut. Carinas Koordinationsfähigkeiten sind so gut, dass sie im Lager sogar „die Ameise“ fahren darf. „Sie gehört zu den Besten“, sagt ihre Gruppenleiterin Ramona Spitzer. Carina montiert aktuell Wasserpumpen für E-Autos von Audi – in Teamarbeit. Und ja, die wirtschaftliche Lage hat auch Auswirkungen auf den anerkannten Audi-Zuliefererbetrieb, die Lebenshilfe. Insgesamt rund 900 geistig oder körperlich eingeschränkte Menschen profitieren in der Region 10 (Ingolstadt, Gaimersheim und Neuburg) vom Angebot der Lebenshilfe. Hinzu kommen 500 reguläre Personalstellen. 

Die Mitarbeitenden der Lebenshilfe Bayern Mitte verdienen durchschnittlich 300 Euro. Das klingt zunächst nach sehr wenig, doch diese Entgelder müssen von der Lebenshilfe erwirtschaftet werden. Werkstätten für Menschen mit Behinderung stehen deshalb immer wieder in der öffentlichen Diskussion. Auch das ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann griff das Thema vor einigen Wochen auf und kritisierte die vergleichsweise niedrigen Löhne.

Die Debatte ist wichtig. Gleichzeitig zeigt sie oft nur einen Teil des Bildes. Wir haben mit Verantwortlichen der Lebenshilfe gesprochen. „Im Mittelpunkt steht bei uns, Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen und Selbstständigkeit zu fördern. Wir halten hier sehr viele Ruhepausen ein und unsere Beschäftigten, die in einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis stehen, profitieren von verschiedenen Zusatzleistungen und Kursangeboten während der Arbeitszeit“, erklärt Iris Eberl, Referentin der Lebenshilfe Ingolstadt. „Trotzdem gibt es noch viele Bereiche, die sich in Zukunft weiterentwickeln müssten, z.B. das allgemeine Bewusstsein darüber, wie wichtig Teilhabe am Arbeitsleben und auch Teilhabe am gesellschaftlichen Alltag für Menschen mit Behinderung ist – unabhängig vom Grad der Beeinträchtigung.“

Carina in der Eingangshalle der Lebenshilfe. Sie gehört hier im Haus zu den Besten und ist bei ihren Vorgesetzten angesehen.

Neben dem Arbeitsentgelt zahlt das Land Bayern jeden Monat für die Mitarbeitenden einen Zuschuss zur Altersrente in die Rentenkasse ein. Die Beschäftigten können zudem Sozialleistungen in Anspruch nehmen, z.B. die Grundsicherung bei Erwerbsminderung, und damit das Entgelt aufstocken. Nach nur zwangig Jahren Arbeit bei der Lebenshilfe können sie in Rente gehen. Die Bewohnerinnen und Bewohner kommen für die Miete und Lebenshaltungskosten zwar selbst auf, können jedoch im Bedarfsfall auf Unterstützungsleistungen zurückgreifen und bekommen eine Wohnungsmöglichkeit nahe der Arbeitsstätte plus Shuttle zum Arbeitsplatz. Während viele Kolleginnen und Kollegen von Carina den Fahrdienst nutzen, fährt sie jeden Morgen selbstständig mit dem Linienbus zur Arbeit. Für sie gehört das ganz selbstverständlich zum Alltag. Und wenn man Carina fragt, ist sie mit dem, was sie hat, eigentlich auch ganz zufrieden. Sie geht hin und wieder aus, macht Urlaub, der Kühlschrank ist voll.

Auch Carinas Mutter beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Inklusion. Die 61-Jährige absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zur Inklusionsfachkraft. Ein Angebot, das inzwischen aus Kostengründen eingestellt wurde. Schade, findet sie. Denn Wissen baut Berührungsängste ab. Das sieht auch Carina so. Je mehr Menschen über Trisomie 21 Bescheid wissen, desto selbstverständlicher wird das Miteinander.

Wenn sich Carina noch eines wünschen dürfte, wäre es schlicht, dass Menschen unvoreingenommen auf sie zugehen, mit ihr ganz normal sprechen und sie kennenlernen. Eben so, wie jeder Mensch gerne behandelt werden möchte.

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