Who cares?

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Who cares?

Foto: Adobe Stock / Gentle Bunny

Die Philosophin Imke von Maur erklärt, warum sie soziale Pflegeroboter für eine gefährliche Scheinlösung hält.

Frau von Maur, welche gesellschaftlichen Risiken sehen Sie, wenn „Pflegeroboter“ – also Roboter, die soziale Beziehungen simulieren – in Pflegeeinrichtungen oder Privathaushalten alltäglich werden?
Menschen sind soziale Wesen. Wir alle sind fundamental angewiesen auf Liebe, Sorge, Sinn, Solidarität und Gemeinschaft – das sind keine optionalen Zusatzfunktionen, sie sind konstitutiv für unser Menschsein. Ein Mensch, dem Beziehungen dauerhaft fehlen, verliert also nicht bloß etwas Angenehmes, sondern den existenziellen Boden seines Selbst- und Weltverhältnisses.

Konkret wird das in der Fürsorge. Diese setzt voraus, dass Menschen sich die Anliegen, Bedürfnisse, Ziele und Pläne eines anderen partiell zu eigen machen: der andere hat ein Gewicht, es ist nicht egal, was mit ihm passiert. Sorge bedeutet, wenn eine Person aus sich selbst heraus den Willen entfaltet, ihr Gegenüber als Person in Existenz zu bringen. Dafür braucht sie Bewusstsein, Willen, Autonomie und Liebesfähigkeit. Wir wollen nicht einfach versorgt werden – wir haben das tiefe Bedürfnis, als Person wirklich wahrgenommen zu werden. Das lässt sich nicht outsourcen, schon gar nicht an eine Maschine.

Maschinen, Informationssysteme (Software, „Apps“) oder Roboter können im Pflegebereich einiges leisten: beim Heben von Patient:innen aus dem Bett, beim Erinnern an Medikamente, bei körperlich belastenden Routineaufgaben, präzisem Operieren etc. Das entlastet Pflegepersonal, gibt Ressourcen frei und hilft Patient:innen Aufgaben effektiv und effizient erledigt zu bekommen. Das sind äußerst sinnvolle Einsatzgebiete von Technik. Abwegige Einsatzgebiete sind hingegen all jene Bereiche der sozialen Beziehungen, wie eben die Sorge im Kontext von Pflege. Nicht deswegen, weil Maschinen technisch noch nicht ausgereift oder komplex genug für Verstehen, Einfühlen und Beziehungsfähigkeit wären – wie das oft behauptet wird –, sondern weil Fürsorge strukturell voraussetzt, dass eine Person die andere als Person in Existenz bringt. Das können Maschinen prinzipiell nicht. Roboter simulieren Sorge, aber sie sorgen sich nicht.

Das klingt für manche nach „Gedöns“ oder Sonntagsredner-Stoff, statt nach ernsthafter Wissenschaft. Das ist aber ein eklatanter Fehler reduktionistischen Denkens, das alles auf ein „nichts als …“ verkürzt: nichts als Neuronenfeuern, nichts als Hormone, nichts als ökonomische Nutzenmaximierung. Wenn Sorge reduktionistisch gedacht wird – und das ist die Voraussetzung für die Idee, sie an Maschinen outsourcen zu können –, wird der Mensch zum Fall: zur Diagnose, zum Pflegegrad, zur Aufgabe, die in einem bestimmten Zeitfenster erledigt werden muss. Fünfzehn Minuten für Körperpflege, zehn für Mahlzeit, dokumentiert, abgehakt. Das ist die konsequente Anwendung eines reduktionistischen Modells, das Sorge als Dienstleistung begreift, die sich in Einheiten messen und optimieren lässt.

Wenn wir das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Sorge und echten sozialen Beziehungen durch eine Simulation ersetzen, verpassen wir das, was Menschsein ausmacht und werden krank. Die Simulation von Beziehung hinterlässt eine Leere, die alles durchdringt – eine Art Sinnleere, die sich wie eine Depression über unser gesamtes Erleben legt. Wir sind physisch anwesend, aber nicht lebendig. „Man“ funktioniert, aber empfindet nicht mehr, wozu man überhaupt da ist. Man entfremdet sich von sich selbst und beginnt, das eigene Leben zu simulieren, als wären wir selber der Roboter. Das kann, in seinen extremen Formen, bis zur Psychose gehen, also dem Verlust von Kausalität, Zeit, Struktur – dem reinen Irr-Sinn. Ich sage das nicht, um zu dramatisieren, sondern weil wir über ein schwerwiegendes Problem sprechen, das reale Konsequenzen hat. Die Opioidkrise in den USA, in der mindestens 800.000 Menschen gestorben sind, war in ihrem Kern ein Versuch, unerträglicher Einsamkeit und Sinnleere durch Medikamente (oder besser Drogen) zu entkommen. Das ist die Wucht dessen, worüber wir hier sprechen.

Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Richtung, in die es gehen sollte, nämlich das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Beziehung ernst zu nehmen und zu erfüllen. Wir schlagen aber gerade die entgegengesetzte Richtung ein. Statt das Problem zu lösen, verschlimmern wir es, indem wir es wegsimulieren. Mir ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es mir hier gar nicht um irgendwie „heilige“ Konzepte der Sorge geht. Es geht einfach darum, ganz normal im Alltag sein Gegenüber als (komplexe) Person anzuerkennen. Das ist sehr basal.

Das Foto mit dem Titel „Emma – The Social Robot“ wurde dieses Jahr mit dem renommierten World Press Photo Award ausgezeichnet. Zu sehen ist darauf die Pflegeheimbewohnerin Waltraud mit einem „sozialen Roboter“, entwickelt von einem Münchener Start-up. Fotografiert hat die Szene die Cottbusser Fotografin Paula Hornickel. Die Aufnahme verdeutlicht zwei massive Probleme, mit denen Deutschlands Pflegeheime zu kämpfen haben: Personalmangel und Vereinsamung. 

„Wenn sie manchmal ihre Witze erzählt, das ist schon gut. […] Das ist mein Humor“, wird Waltraud im World-Press-Photo-Buch zitiert. Sie sagt aber ebenfalls: „Ich brauche auch den Menschen. Den Umgang mit Menschen. Das ist wichtig.“ Der Roboter kann Gesichter wiedererkennen und sich an geführte Gespräche „erinnern“. Laut einer Umfrage von 2023 fühlt sich ein Fünftel der Heimbewohner*innen im Alter von 80 Jahren oder älter „sehr einsam“.

Sie argumentieren in Ihrem Artikel „Alice does not care“ (erschienen im Buch ‚Social Robotics and the Good Life‘), dass wir uns selbst objektifizieren, wenn wir Robotern menschliche Eigenschaften zuschreiben. Was meinen Sie damit genau?
Die Technik in einem Roboter erkennt keine Gefühle, sondern Muster. Das Gesicht wird vermessen, Merkmale werden extrahiert, eine Kategorie zugewiesen und entsprechender Output, also eine Reaktion, ausgegeben. Ob diese Reaktion ein „Ich liebe dich“ oder „Ich hasse dich“ ist, ist für den Roboter allerdings vollkommen gleichgültig, also gleich gültig. Der Philosoph John Searle hat das schon in den 80ern treffend formuliert: Maschinen haben Syntax (formale Strukturen), aber keine Semantik (Bedeutung). Sie verarbeiten Zeichen, aber die Zeichen bedeuten ihnen nichts. Es gibt keine Welt, keine Gegenstände oder Ideale, keine Ideen oder Konflikte, keine Macht, kein „etwas“ für dieses System, auf das die Zeichen verweisen.
Für die Maschine sind wir also niemand. Kein Gegenüber, keine Person, wir sind bloße Muster, Daten, die einen bestimmten Output auslösen. Ob sie auf einen Menschen reagiert oder auf ein Sofakissen, macht für Maschinen keinen Unterschied. Der Unterschied existiert nur in unserer Wahrnehmung. Wenn wir Maschinen menschliche Eigenschaften zuschreiben, objektifizieren wir uns selbst. Wir erzeugen eine Illusion – weil dort nichts ist, das uns als Person begegnet. Stellen wir uns eine mechanische Puppe vor, an der wir selbst die Fäden ziehen. Hier gelingt die Illusion nicht – wir wissen, dass wir es sind, die die Bewegung erzeugen. Aber ab welchem Grad an scheinbarer Eigenständigkeit beginnen wir der Illusion zu erliegen? Auch wenn sie uns gelingt, bleibt sie eine reine Illusion, daran ändert sich nichts, nur weil wir die Fäden nicht mehr sehen. Wir ersetzen also beim Humanisieren des Objekts Roboter und dem gleichzeitigen Objektifizieren von uns den Kern unseres Personseins durch diese Illusion und leben ohne uns selbst zu einer wirklichen Person zu machen, weil dieses Werden auf ein echtes Gegenüber angewiesen ist. Das Problem ist nicht nur, dass wir uns täuschen. Es ist, dass wir mit der Zeit die Fähigkeit verlieren, zwischen dem echten Phänomen und seiner Simulation zu unterscheiden. Und ein Phänomen, das wir nicht mehr wahrnehmen können, existiert für uns praktisch nicht mehr. So machen wir uns selbst maschinenähnlich, zu einem Wesen, das nicht mehr unterscheiden kann zwischen bloßer Form – Syntax, arbiträren emotionalen Reizen – und tatsächlicher Bedeutung: Werten, Emotionen im eigentlichen, komplexen Sinn.

Das tun wir auch schon in anderen Bereichen. Im Ökonomismus, also einem radikal überzogenen ökonomischen Imperialismus über alle Lebensbereiche, wird die Liebe zwischen zwei Menschen zu nichts als einem Vertrag zur gegenseitigen Befriedigung von oberflächlichen Bedürfnissen. Das klingt zunächst nach einer theoretischen Überspitzung. Aber Ideologien verwirklichen sich, sie sind selbsterfüllende Prophezeiungen. Wer Beziehungen lange genug als Tauschverhältnisse beschreibt, formt damit auch, wie Menschen Beziehungen eingehen, was sie voneinander erwarten, wann sie aussteigen. Vom komplexen Phänomen bleibt dann nicht viel übrig. Und was zuerst verschwindet, ist genau der Kern, also das, was Liebe oder Sorge überhaupt erst zu dem macht, was sie sind.

Wir erleben das in der Pflege sehr konkret. Strenge Taktung, Mechanisierung, Bürokratismus – das Eigentliche der Sorge wird systematisch aus dem Prozess entfernt. Was bleibt, sind Abläufe. Und dann entsteht eine paradoxe Situation: ab einem gewissen Punkt würde die Ersetzung mancher Pflegekräfte durch Roboter keinen Unterschied mehr machen. Nicht weil Roboter dem Menschen ähnlicher geworden wären. Sondern weil der Mensch sich selbst zum Roboter gemacht hat – im Zwang eines ökonomistischen Korsetts.

Das ist vielleicht der unheimlichste Aspekt dieser Entwicklung. Wir debattieren über KI und Automatisierung, als wäre die Grenze zwischen Mensch und Maschine eine technische Frage. Aber sie ist zuerst eine gesellschaftliche. Wir sehen das in der Pflege, wir sehen es in der Medizin, wir sehen es an Universitäten, wo Lehre zu Content wird, Beziehung zu Betreuungsschlüssel, Erkenntnis zu Output.

Plakat zur Dokumentation „Alice cares“ (zu sehen bei Disney+). Hier geht man der Frage nach, ob soziale Pflegeroboter ein adäquates Mittel gegen Einsamkeit sind. Spannend: Die Doku wurde bereits 2015 veröffentlicht. Also vor der großen KI-Welle. Imke von Maur veröffentlichte 2022 eine Replik darauf. In „Alice does not care“ schreibt sie: „In this text, I will raise serious doubts that Alice, as the title of the movie claims, cares. On the contrary, I point out why Alice does not and in principle cannot care.“ (zu finden u.a. bei academia.edu)

» Menschen sich mit einer dummen Puppe unterhalten zu lassen, sie also von ihrem fundamentalen Bedürfnis ein Mensch sein zu wollen abzulenken, damit sie ihre Einsamkeit und sich selbst nicht mehr spüren, ist eine gewaltsame Form der Entwürdigung und Negierung des Wertes ihres Lebens «

Sie greifen in Ihrem Text selbst ein Gegenargument auf, zu dem man schnell kommt, wenn man über Pflegeroboter nachdenkt: Es ist immer noch besser als nichts. Auch wenn er sich nicht wirklich um den Menschen kümmert, kann er einsamen Menschen doch Unterhaltung bieten, sie ablenken oder sie beruhigen. Sollte man den Einsatz von Pflegerobotern trotzdem ablehnen? Auch im Hinblick auf die kommende Babyboomer-Welle?
Nein, das ist eindeutig schlechter als nichts und ja, wir sollten das in jedem Fall ablehnen. In einigen Pflegeeinrichtungen werden problematische Fälle (also ganz normale Menschen) sediert, um weniger Arbeit mit ihnen zu haben oder sie bekommen erhebliche Mengen an Psychopharmaka verabreicht. Einfach, damit sie in unsere maschinellen Abläufe passen. Ist es nicht sehr gesund, wenn Menschen das nicht wollen? Schmerzen haben eine Funktion. Sie weisen uns auf einen veränderungsbedürftigen Umstand hin. Wenn wir aber nicht das eigentliche Problem lösen, sondern Menschen in eine Simulation zwingen, dann werden sie wie „tot“. Das ist keine Lösung, sondern kaum zu ertragen. Menschen sich mit einer dummen Puppe unterhalten zu lassen, sie also von ihrem fundamentalen Bedürfnis ein Mensch sein zu wollen abzulenken, damit sie ihre Einsamkeit und sich selbst nicht mehr spüren, ist eine gewaltsame Form der Entwürdigung und Negierung des Wertes ihres Lebens. Wir beobachten das ja auch bei Kindern immer mehr, die während des Abendessens vor dem Fernseher oder Tablet geparkt werden, damit sie nicht stören. Kleine Kinder und pflegebedürftige Alte, besonders vulnerable Gruppen bedürfen der besonderen Umsicht, nicht der Ruhigstellung.

Ja, wir sollten den Einsatz ablehnen, auch wenn der demografische Wandel mehr alte Menschen und weniger junge Pflegende hervorbringt. Wenn wir das schon so lange wissen, sollten wir uns stattdessen fragen, warum wir nicht nach anderen, geeigneten Lösungen suchen. Die Energie und das Geld, das in die Entwicklung der Roboter gesteckt wird, kann man in bessere echte Pflege investieren.

Prof. Dr. Imke von Maur ist die Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Welche Alternativen sehen Sie zu „sozialen“ Robotern, wenn das Ziel wirklich darin besteht, Einsamkeit älterer Menschen zu bekämpfen?
Was wir bräuchten, ist eine Kultur, die das im Kern begreift und lebt. Nicht als Programm, nicht als Policy, sondern als gelebte Haltung: dass der Wert des Anderen nicht an „hübschem Aussehen“ oder Leistung hängt, dass unser Gegenüber es verdient, ernst genommen zu werden. Wir grenzen aus, wir bewerten nach (vermeintlicher) Nützlichkeit, wir entsorgen, was nicht produktiv ist. Das fängt nicht bei der Pflege an. Es fängt damit an, wie wir den Anderen grundsätzlich wahrnehmen. Die zweite Frage ist die der Prioritäten und hier wird es konkret unbequem. Wir sind bereit, Unmengen auszugeben für vollkommen überdimensionierte Autos, Interkontinentalflüge, Dinge, deren vermeintlicher Verzicht in Wahrheit ein Gewinn an Lebendigkeit wäre. Gleichzeitig verzichten wir darauf, Kinder und alte Menschen wirklich ernst zu nehmen und ihnen echte Lebendigkeit zu ermöglichen. Das ist eine Entscheidung! Es gibt da keine unausweichliche Sachzwanglogik, sondern eine bewusste Entscheidung. Und ich glaube nicht einmal, dass andere Prioritäten zwangsläufig teurer wären. Es wäre aber eine andere Art des Denkens nötig, z. B. eine Kultur „vom Haben zum Sein“, wie Erich Fromm das entworfen hat. Eine Kultur, bei der es auf das Wesentliche ankommt, statt auf eskapistische Ersatzbefriedigungen.

Nehmen wir die Frage des Wohnens im Alter. Wir pressen Menschen in Wohnformen, die etwas von einer Fabrik haben – hochreglementiert, kostengünstig kalkuliert, sicher im bürokratischen Sinne, aber lebensarm. Die Vision: automatisierbare Aufbewahrungsanstalten mit hoher Rendite für die Investoren. Dabei wird vielerorts versucht, lebendige Alternativen zu entwickeln: gemeinschaftliche Wohnformen, generationenübergreifende Strukturen, Orte, an denen Hilfe und Gegenseitigkeit noch zusammengehören. Vielleicht wäre auch mehr Risiko erträglich, wenn wir dafür mehr Lebendigkeit hätten?
Ich will nicht so tun, als wüsste ich, wie das genau aussehen soll. Aber viele von uns spüren, dass wir in eine falsche Richtung gegangen sind. Und was Menschen besonders gut können – kreative, lebendige, unerwartete Lösungen entwickeln – das ist genau das, was wir hier brauchen. Stattdessen automatisieren wir das Problem. Das ist das Gegenteil davon.

Da sitzt ein Mensch mit Herzklopfen. Und auf der anderen Seite leuchten Lämpchen in einer Rechenmaschine, die gelernt hat, automatisierte Schmeicheleien auszugeben. Das ist für mich reine Dystopie.

Ihr Text „Alice does not care“ erschien im November 2022, wenige Wochen bevor ChatGPT vorgestellt wurde. Die Doku, auf die er sich bezieht, erschien 2015. Seither gab es einen immensen Sprung in der Fähigkeit von KI-Chatbots. Der KI-Boom hatte auf Ihren Text und die Doku also keinen Einfluss. Ich habe ChatGPT mit ihrem Text gefüttert. Jetzt will der Chatbot von Ihnen wissen: „Wenn Millionen Menschen sagen, dass ihnen KI-Gespräche in Krisen, bei Einsamkeit oder Trauer helfen: Besteht dann die Gefahr, dass Philosophen an einer Definition von Beziehung festhalten, die gesellschaftlich längst überholt wird?“
Mein Argument betrifft nicht die Frage, ob sich KI-Gespräche für manche Menschen hilfreich anfühlen. Mich interessiert der Umstand, dass die Normalisierung dieser Erfahrung als Beziehung einen stillen unbemerkten Verzicht auf etwas einschließt und diesen als solchen verschleiert, das einen Wert hat das wir nicht einfach als überholt erklären dürfen.

Begriffe sind nicht einfach Wörter für etwas. Wenn wir den Begriff „Beziehung“ so umdefinieren, dass darunter auch der Austausch mit einer Maschine fällt, dann definieren wir nicht einfach großzügiger, sondern schaffen etwas ab. Das ist keine unschuldige Veränderung der Semantik dieses Begriffs, sondern die Auflösung dessen, was er bezeichnet (hat). Wir verändern, was Menschen voneinander erwarten, was sie füreinander zu sein bereit sind, was sie als ausreichend akzeptieren. Praxen, Phänomene, Ansprüche, Gefühle und unsere gesamte Wirklichkeit verschieben sich mit den Begriffen, denn Begriffe sind unser Denken, Fühlen und Handeln.

Was ChatGPT da vorschlägt ist ungeheuerlich: „Beziehungen sind überholt!“ Also kommt als nächstes der Schritt, dass auch Menschen überholt sind? Dann bräuchte es nur noch einen neuen Zweck: möglichst viel zu produzieren, zu konsumieren, Punkte zu sammeln in einem System, das diese Punkte zählt? Da ist die Dystopie der „Matrix“ nicht weit, in der Menschen als bloße Batterien fungieren und um keine Probleme zu machen mit „schönen“ Trugbildern bespielt werden. Die Lösung ist klar: Zieht den Stecker und fangt an ins Leben zu treten! Wir kennen das schon aus Platons Höhlengleichnis: Geht aus der Höhle raus! Die eigentliche Frage, die hier im Raum steht: was Menschsein im Kern ausmacht – und ob wir bereit sind, das zur Disposition zu stellen. Techno-Solutionisten werden auch das überholt nennen, ohne den Irr-Sinn ihres Denkens erfassen zu können.

Es gibt einige Menschen, die unfähig oder unwillens sind ihr Gegenüber wahrzunehmen. Sie hören nicht zu, interessieren sich nicht und erzählen einem ohne Punkt und Komma wie toll sie sind und wie dumm alle anderen. Sie benutzen ihr Gegenüber, um sich in die Welt zu bringen, übersehen aber den eigentlichen Kern dabei. Solche Menschen durch Chatbots zu ersetzen ist schon ein Fortschritt (lacht). Aber es geht ja nicht darum, weniger schlecht oder eben unlebendig sein zu wollen. Und, wie gesagt, das wünschen sich letztlich alle Menschen sehnsüchtig. Deshalb ist die zielführende Frage, wie Menschen lernen das leben zu können. Michael Ende zeigt in seinem Märchen „Momo“ recht treffend, welche enorme Wirkung es auf andere hat, wenn ihnen jemand einfach mal zuhört, richtig, ernsthaft zuhört. Die Taktung all der Apps für „soziale“ Medien zerstört diese Fähigkeit systematisch.

Tatsächlich berichten Menschen davon, dass sie emotionale Bindungen zu KI-Chatbots entwickeln. ChatGPT wird zum (vermeintlichen) Freund, zum Therapeuten oder sogar zur großen Liebe. Warum reicht das Gefühl Ihrer Ansicht nach nicht aus, um von einer echten Beziehung zu sprechen?
Weil es, wie bereits gesagt, keine Beziehung ist, sondern eine Simulation, die das wesentliche Phänomen ersetzt. Viele merken gar nicht, wie verrückt diese Idee eigentlich ist: auf Beziehung verzichten und dann einfach den Begriff umdefinieren, weil das dann noch so heißt und das reicht dann schon? Das neue Lebendig ist der Tod?

Da sitzt ein Mensch mit Herzklopfen. Und auf der anderen Seite leuchten Lämpchen in einer Rechenmaschine, die gelernt hat, automatisierte Schmeicheleien auszugeben. Das ist für mich reine Dystopie. Das ist real, das passiert jetzt, und die Geschwindigkeit, mit der ein affirmativer Ton zu dieser Entwicklung Selbstverständlichkeit wird – das ist jetzt eben so, jeder muss das selbst wissen – ist brandgefährlich.

Aber all das – die Frage der Sorge, der Beziehung, der Subjektivierung – ist nicht die ganze Geschichte. Diese Technologien sind in politischer Hinsicht alles andere als unschuldig. Sie sind in der Hand von Akteuren mit erheblichen Profitinteressen und expliziten Machtansprüchen (siehe Papst Leos Enzyklika). Zum Beispiel Peter Thiel, Mitgründer von PayPal und Palantir, Frühfinanzier von Facebook, offen antidemokratisch in seiner politischen Philosophie. Elon Musk, dessen Plattform X systematisch rechtsradikale Inhalte verstärkt und der sich aktiv in europäische Wahlkämpfe eingemischt hat. Eine Reihe weiterer Silicon-Valley-Akteure, die den Abbau staatlicher Regulierung, die Schwächung demokratischer Institutionen und eine technokratische Neuordnung von Gesellschaft nicht als Randmeinung vertreten, sondern als Programm. Diese Menschen bauen die Infrastruktur, auf der KI-Beziehungen, KI-Pflege und KI-Erziehung laufen sollen.
Wer diese Dimension ausblendet und die Frage, ob wir KI-Kuscheltiere kaufen oder Pflegeroboter einsetzen, zur Geschmacksfrage individueller Präferenz erklärt, entzieht sich einer politischen Wirklichkeit, die ihre Hegemonie davon völlig unberührt weiter ausbaut. 

Die Gespräche unserer Kinder und die Pflegebedürftigkeit älterer Menschen sind keine neutralen Inputs in ein neutrales System. Das sind Ressourcen, die konzentriert werden, bei Akteuren mit einer politischen Agenda. Das als Sturheit von Philosoph:innen zu diffamieren, die den Puls der Zeit nicht erkennen, ist nicht nur falsch. Es ist eine elegante Form, Vereinnahmung als Fortschritt zu verkleiden und damit das zu tun, was diese Akteure brauchen: dass die Kritik verstummt, bevor sie politisch wird.

Sie kritisieren in Ihrem Text den „Techno-Solutionismus“. Also die Annahme, dass soziale Probleme wie Einsamkeit durch technische Lösungen bewältigt werden können. Warum greifen Politik und Gesellschaft Ihrer Meinung nach so häufig zu technischen Lösungen für soziale Probleme? Ein weiteres Beispiel wären etwa die „Mental Health“-Apps, die bei psychischen Problemen helfen und die langen Wartezeiten auf Therapieplätze kontern sollen.
Politiker stehen unter enormem Druck. Sie präferieren daher oft schnelle Lösungen, die einfach zu verstehen sind und am besten messbare Ergebnisse erzielen. Was da genau gemessen wird, wird aber häufig schon nicht mehr reflektiert. Außerdem denken viele, dass meine Argumentation irgendwie „soft“ wäre, schon deshalb, weil sie nicht in einer Zahl ausgedrückt werden kann, sondern echte Reflexion erfordert, ver-rücktes Denken, um Klarheit zu gewinnen. Und: echte Lösungen sind nicht so einfach kontrollierbar. Das ist ein ernsthaftes Problem. Als Wissenschaftler:in schüttelt man da dauernd mit dem Kopf. Denn das bedeutet in der Konsequenz, dass fundamentale Entscheidungskriterien systematisch aus Entscheidungsprozessen entfernt werden („soft“, affektiv, Werturteile, subjektiv) und eben keine der Komplexität des Problems angemessene Lösung in Betracht gezogen wird.

Die Denkfigur des Techno-Solutionismus weist menschliche Probleme im Kern als Effizienzprobleme aus und wenn man nur clever genug sucht und erfindet, programmiert und tüftelt, dann lässt sich auch eine technische Lösung finden. Dann ist die Antwort auf Einsamkeit also der Pflegeroboter, auf Trauer ein „Griefbot“ und auf die sozial-ökologische Grundlagenkrise Geoengineering. Oder wir gründen ein Einsamkeitsministerium, dass irgendwie reparieren soll, was wir systematisch selbst erzeugen. Statt das Problem zu lösen, gibt es ein paar Pflaster mit hübschen Feen darauf.

Das Tückische an dieser Denkfigur ist, dass sie das Problem, das sie zu lösen vorgibt, strukturell unsichtbar macht. Wenn Einsamkeit ein Versorgungsproblem ist, das sich mit dem richtigen Produkt beheben lässt, dann stellt sich die Frage nicht mehr, warum so viele Menschen so einsam sind. Dann fragt man nicht mehr, welche gesellschaftlichen Bedingungen – Arbeitsverdichtung, Vereinzelung, der Abbau von Gemeinschaftsstrukturen – diese Einsamkeit erst erzeugen. Man verkauft eine Antwort auf das Symptom und nennt das Innovation.

Mental-Health-Apps entlasten Systeme, die in der Krise sind, also unterfinanzierte psychiatrische Versorgung, überlastete Therapeuten mit jahrelangen Wartelisten. Die App schließt also keine Lücke, sondern macht die Lücke akzeptabel und erlaubt es, weiterzumachen wie bisher, weil es jetzt eine (Schein)Lösung gibt. Noch eine Simulation. Eine skalierbare, günstige, datengenerierende Lösung, die nebenher noch Informationen über psychische Zustände von Millionen Menschen erzeugt und in den Händen privater Unternehmen konzentriert. Wer das als fortschrittsfeindlich bezeichnet, verwechselt Kritik mit unbegründetem nostalgischem Konservatismus. Es ist hingegen keine Nostalgie, darauf zu bestehen, dass manche Probleme menschliche Antworten verlangen.

Könnte der Einsatz von Pflegerobotern dazu führen, dass Einsamkeit oder der Pflegenotstand politisch weniger ernst genommen werden, weil scheinbar bereits eine technische Lösung existiert?
Ja, genau! Die Scheinlösung verschärft das Problem auch deshalb, weil das Problem nicht mehr ernstgenommen wird. Denn wir haben ja jetzt (angeblich) eine Lösung, die zwar nicht funktioniert, aber das ist dann immer nur, weil es noch nicht gut genug ist, was aber eine reine Frage der Zeit sei … Wenn eine Gesellschaft beginnt, simulierte Fürsorge als normale Fürsorge zu akzeptieren, verschiebt sich etwas Grundlegendes, nämlich um den Verlust einer fundamentalen Eigenschaft des Menschseins. Die Roboterisierung von Beziehungen ist Subjektivierung im Foucaultschen Sinne, sie prägt nicht einfach einzelne Gespräche und Verhaltensweisen, sondern uns als Subjekte. Das macht sich dann auch daran bemerkbar, dass in Gesprächen unter Menschen Formen immer normaler werden, die an Chatbots erinnern. Wir reden also im schlimmsten Fall irgendwann wie Roboter, statt dass Roboter lernen wie wir zu sein (was sie gar nicht sollten). Und dann führen wir auch nur noch Nicht-Beziehungen.

Als Sie Ihren Text über „Alice“ geschrieben haben, standen vor allem Pflegeroboter für Senioren im Mittelpunkt. Heute werden zunehmend KI-gestützte Kuscheltiere als ‚Freunde‘ oder emotionale Begleiter für Kinder vermarktet. Sehen Sie darin dieselbe gesellschaftliche Problematik – oder sogar eine größere Gefahr, weil Kinder von Anfang an lernen könnten, Fürsorge und Freundschaft mit einer Simulation zu verbinden?
Ja! Das zeigt sich bereits. Die Folgen sind verheerend. Wir sehen die Vorboten bereits: Kinder, die schon mit drei Jahren hypernervös sind, sich kaum konzentrieren können. Eltern, die auf ihr Smartphone starren, statt in die Gesichter ihrer Kleinkinder zu schauen – obwohl wir genau wissen, wie fundamental der kontinuierliche mimische Rückkopplungsblick für die kindliche Entwicklung ist. Das ist die Ausgangslage, in die jetzt Kuscheltiere mit Sprachmodellen treten, als vermeintliche Freunde.

Das Beängstigende ist, dass wir nicht verstehen, was wir hier tun. Wir treffen – oder lassen treffen – eine Entscheidung über die affektiven Infrastrukturen und Beziehungsarchitekturen der nächsten Generation, getroffen von Unternehmen mit schwer einschätzbaren Interessen, an Kindern, die nicht widersprechen können. Hier formt sich eine ganze Generation gleichzeitig, in einem Entwicklungsfenster, das nicht wiederkehrt. Das ist eine kollektive Weichenstellung: Wie diese Generation Liebe, Nähe, Vertrauen versteht, wird zur neuen gesellschaftlichen Normalität, die nicht von ihr selbst entschieden wurde, sondern weil sie nie etwas anderes kennengelernt hat. Bei einer Generation, die in ihrer prägendsten Phase gelernt hat, dass Zuwendung ohne Gegenüber funktioniert, bleibt die Frage, was diese Menschen dann als normal, als Beziehung, als Liebe verstehen und ob sie das werden ändern können.

Die Fragen stellte: Sebastian Birkl

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