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„Eric. Prinz Eric.“

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"Eric. Prinz Eric."

Drag King Eric BigCl!t bei der Lesung in Ingolstadt | Fotos: Sebastian Birkl

Drag-Lesung in Ingolstadt

Die Drag-Lesung in Ingolstadt ist vorbei. Während Kinder in der Fronte 79 eine tolle Veranstaltung genießen durften, vergaß der ein oder andere Teilnehmer der Gegendemonstration seine gute Kinderstube.

Kommentar von Sebastian Birkl

BigCl!t – an diesem Künstlernamen entfacht sich seit Monaten die immer gleiche Diskussion. Vor allem in Sozialen Medien. Irgendwie lustig: Weil der Name als Aufreger allein nicht besonders gut funktioniert, übersetzt man ihn in der digitalen Scharfmacherei zusätzlich immer schön ins Deutsche: Große Klitoris. Jetzt wird der Skandal für den durchschnittlichen Facebook-Nutzer schon greifbarer.

Und ja: Es irritiert auf den ersten Blick natürlich, wenn in einer Kinderbuchlesung jemand mit dem Künstlernamen BigCl!t auftritt. Das sieht auch Alice Moe so, die sich für ihre Rolle als Drag King eben jenen Künstlernamen gegeben hat. „Ich kann nachvollziehen, dass man, wenn man den Namen zum ersten Mal hört und die Bilder von mir dazu sieht, denkt: Um Gottes Willen“, sagt sie in einem ZEIT-Interview. Nun ist es so: Alice Moe liest nicht nur Kindern vor, sie hat als Künstlerin auch ein Programm im Angebot, das sich speziell an Erwachsene richtet. Auch davon existieren Fotos im Internet. In Sozialen Medien wird beides gerne vermischt, um zu zeigen: Das können wir unseren Kindern nicht zumuten! Nur: Alice Moe kann unterscheiden. Welche Show ist für Erwachsene, welche für Kinder? Die eine Show ist freizügig, die andere nicht. Erwachsene bekommen sehr aufreizende Kostüme mit viel Haut zu sehen, Kinder ein keinerlei provokantes Prinzenkostüm. Eine Differenzierung, die vielen der Diskutanten nicht gelingt – oder gelingen will. Alice Moe hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum in Linz.

Es war also nicht verwunderlich, dass da heute in der Fronte 79 niemand im großen Klitoriskostüm auf die Bühne trat und sich auch nicht als BigCl!t vorstellte, sondern als: „Eric. Prinz Eric.“ Die heutige „Drag-Lesung für Familien“ fand im Rahmen des Ingolstädter Fem*Festivals statt. Die vorgelesenen Kinderbücher vermitteln im Grunde die gleiche Botschaft: Du bist gut, so wie du bist. Auch dann, wenn du nicht in die Rollen passt, die die Gesellschaft dir vorgibt. An der Seite von Drag King Eric BigCl!t las Drag Queen Vicky Voyage. Die Drag Queen will ihren bürgerlichen Namen lieber aus den Medien heraushalten, studierte aber Maschinenbau und war auch als Ingenieur tätig. „Jetzt habe ich mich ganz der Kunst verschrieben“, sagt sie gegenüber espresso.

Die Demo von "Ingolstadt ist bunt" überzeugte mit tollen Kostümen und bunten Schildern

„Ich bin die Enkelin der Bürgermeisterin“

Zwei dicke Matratzen lagen vor den Stuhlreihen, auf denen es sich die meisten der rund 30 anwesenden Kinder gemütlich machten. Bei der Begrüßung durch Kulturamtsleiter Tobias Klein mit den Worten „Liebe Kinder…“ hakte ein anwesendes blondes Mädchen gleich ein. „Du weißt doch gar nicht, ob ich lieb bin!“. Was Klein dazu bewegte, mit einem Augenzwinkern auch die „bissl grantigen Kinder“ mit in seine Begrüßung einzugliedern. Ein heiterer Start in die Veranstaltung. Wenige Minuten später sorgte das selbe Mädchen für weitere Lacher bei den Erwachsenen. Mit den Worten „Ich bin die Enkelin der Bürgermeisterin“ verlieh sie ihren Forderungen Nachdruck (es war von der Empore schwer zu verstehen, aber es ging mutmaßlich um einen speziellen Lesewunsch).

Dann Auftritt Prinz Eric: im blauen Kostüm mit hohen Plateuschuhen, einem großen Plüsch-Fuchs um den Oberkörper geschlungen, einem roten Samthandschuh und Vollbart. Vicky Voyage im rosa Hosenanzug mit hohen Stöckelschuhen und dicker Perlenkette um den Hals. Berührungsängste unter den Kindern: Fehlanzeige. Nachdem festgestellt wurde, dass „die coolen Kids von Ingolstadt“ anwesend waren, begann die Lesung mit dem ersten Buch. Die Kinder lauschten gespannt. Beim zweiten Buch angekommen – Der Junge im Rock – wurde es dann mucksmäuschenstill, als Prinz Eric folgende Worte liest: Felix weint. Dieser trug nämlich einen Rock und wurde dafür von den anderen Kindergartenkindern gehänselt. Das kollektive Mitgefühl der Kinder war sicherlich die einprägsamste Szene der Lesung.

Die meiste Zeit aber ging es durchaus lustig zu. Ohnehin sorgten Eric und Vicky dafür, dass die Kinder immer ins Geschehen eingebunden waren. Was ist euer Lieblingsspielzeug? Was das Lieblingstier? Was zieht ihr gerne an? Bei einem kleinen „Quak“-Konzert wurde der Saal zum Froschchor. Im Hintergrund per Beamer an der Wand: Die Buch-lllustrationen, passend zur Lesung.

Nach den fünf geplanten Büchern folgte eine Zugabe: Echte Jungs wie du und ich. In der Geschichte geht es um die berühmte Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“. Muss er hart sein und Furcht erregen? Oder steht ein echter Mann den Schwachen bei? Sagt er Entschuldigung, wenn er einen Fehler gemacht hat? Gestalten echte Männer sich selbst ihre wunderschöne Welt? Ein letzter Applaus, dann war die Lesung zu Ende und die Kinder durften Fotos mit Eric und Vicky machen, was sie gerne annahmen.

Weitere Eindrücke von der Demo von "Ingolstadt ist bunt"

Da das Medieninteresse hoch war, entschloss sich das Kulturamt, ein „allgemeines Fotografier-, Film- und Tonaufnahmeverbot während der Lesung auszusprechen, um vor allem den Kindern eine schöne und ungestörte Veranstaltung zu ermöglichen.“

Im Hintergrund auf dem Parkplatz die Gegendemonstranten

Aus diesen Kinderbüchern wurde vorgelesen:

Buchbeschreibung: In diesem Buch erzählt Marlon Bundo von einem Tag aus seinem Leben. Marlon ist ein Kaninchen, das bei seinem Großvater Mike Pence, dem Vizepräsidenten der USA, lebt. Und Marlon war immer sehr einsam – bis zu diesem einen Tag, an dem sich sein Leben für immer verändern sollte ...

Ein Buch, das die Themen Toleranz und Gerechtigkeit kindgerecht aufbereitet und sich für Vielfalt, Demokratie und die gleichgeschlechtliche Ehe einsetzt. Niedlich, witzig und liebevoll illustriert richtet es sich an jeden kleinen und großen Leser, der sich schon einmal "anders" gefühlt hat.

Buchbeschreibung: „Du siehst aus wie ein Mädchen."; „Das ist falsch, was du anhast", rufen ihm die Kinder in der neuen Kita zu. Sie grenzen ihn aus, hänseln ihn. Jungs tragen keine Röcke. Jungs tragen dunkle Farben, Power-Ranger-T-Shirts und spielen mit Baggern. Röcke sind für Mädchen, genau wie Rosa und Prinzessin Lillifee. So vermittelt es zumindest unsere Gesellschaft und ist damit äußerst erfolgreich: Es gibt klare Vorstellungen davon, was männlich und was weiblich ist und wer was anziehen soll.
Buchbeschreibung: Die Blume, insbesondere die Blüte, ist seit jeher ein Symbol für Weiblichkeit, deswegen bekommt die Protagonistin den Namen Flora. Der Geschichte liegt das altbekannte Märchen des Froschkönigs zu Grunde, aus dem hervorgeht, dass der Frosch ein verwunschener Prinz ist. Im Volksmund wird daher oft gesagt, als Frau müsse man einige Frösche küssen, um einen richtigen Prinzen zu finden. Flora ist eine junge Frau, die aber weder einen Frosch küssen, noch einen Prinzen finden möchte. Die jeweiligen Frösche in der Geschichte sind zum einen den jeweils echten geografischen Verbreitungsgebieten zugeordnet, zum anderen weisen sie typische männliche Stereotypen auf, die allesamt etwas amüsantes und ulkiges haben. Die Figur der Bienenkönigin, die als weibliches Wesen autark einen ganzen Stamm leitet, bietet Interpretation zur starken weiblichen Führungspersönlichkeit. Ihre Tochter, die Figur Mila, ist somit ein Mitglied der Bienenfamilie. Folglich ist es logisch, dass wenn sich Blumen (Flora) und Bienen (Mila) küssen, süßer Honig entsteht. Daher der Titel "Flora und der Honigkuss"

Buchbeschreibung: Nicos Eltern staunen nicht schlecht, als ihm die schrullige Tante bei ihrem Besuch ausgerechnet eine Puppe mitbringt. »Das ist doch kein Spielzeug für Jungen!«, sind sich die Eltern einig, doch Nico schließt das Geschenk sofort ins Herz. Am liebsten würde er sein neues Lieblingsspielzeug mit in die Schule nehmen, aber da hat Papa ernste Bedenken. »Am Nachmittag gehen wir ins Geschäft und kaufen dir ein super Spielzeug. Ein richtiges Spielzeug für Jungen.« Wird sein Manipulationsversuch gelingen? Bezaubernd von Jean-Luc Englebert illustriert, nimmt Ludovic Flamant charmant und mit viel augenzwinkerndem Humor Geschlechterzuordnungen und gesellschaftliche Normen aufs Korn. Ein Spaß mit Hintergrund für Jungen und Mädchen!

Buchbeschreibung: Als der Berufspilot und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry im Jahr 1943 seinen ‘Kleinen Prinzen’ erfand, konnte er nicht ahnen, welch gewaltiger Welterfolg sein Büchlein werden sollte. Die philosophisch-poetische Geschichte vom kleinen Prinzen, der auf der Suche nach Freunden allerlei seltsame Planeten bereist, übt ungebrochene Faszination aus. Das moderne Märchen berührt mit seinem Plädoyer für Menschlichkeit Leserinnen und Leser jeden Alters.

Pro & Contra: Zwei Demos vor Ort

Im Umfeld der Drag-Lesung wurden zwei Versammlungen abgehalten, einmal direkt vor der Fronte 79 vom Bündnis „Ingolstadt ist bunt“ (Motto: Für Demokratie, Menschenfreundlichkeit, Vielfalt und Selbstbestimmung), einmal eine Veranstaltung auf dem angrenzenden Parkplatz, angemeldet von einer Privatperson, die sich gegen die Drag-Lesung positionierte. Letztere wurde u.a. von den Ingolstädter AfD-Stadträten Oskar Lipp, Lukas Rehm und Günter Schülter besucht (Rehm und Lipp sprachen am Mikrofon). Bei der Demo von „Ingolstadt ist bunt“ waren u.a. die Linken-Stadträtin Eva Bulling-Schröter, die Grünen-Stadträtin Stephanie Kürten, Bürgermeisterin Petra Kleine und Kulturreferent Gabriel Engert auszumachen. Laut Polizei waren auf der Pro-Demo rund 140 Teilnehmer, auf der Contra-Veranstaltung 90.

Im Vorfeld tauchten Flyer zur Gegenveranstaltung auf – ohne Hinweis auf einen Verfasser. Ob der Verfasser sich für den Inhalt schämte? „Frauen mit Pimmel gehören in den Darkroom und nicht in die Nähe von Kindern“, war darauf u.a. zu lesen. Und: „Regenbogenterror zerstört Kinderseelen.“ Sowie: „Nein, zur Frühsexualisierung unserer Kinder!“ Parolen fern abseits der Realität und des guten Geschmacks.

Gegendemonstranten

Vor Ort zeigten sich vereinzelt Teilnehmer der Demo aggressiv. „Pädophiles Schwein!“, rief einer von ihnen in Richtung einer kleinen Gruppe von Journalisten und eines Demoteilnehmers. Eine besonders eifrige Frau rief einer Mutter und ihrem sechsjährigen Sohn in sehr spöttischem bayerisch „Ja Burli, geh nur nei“ hinterher, als diese gerade auf dem Weg zur Lesung waren. Selbige Frau wollte sich kurz darauf ihren Weg zur Demo von „Ingolstadt ist bunt“ bahnen. Sie wurde von der Polizei daran gehindert. Wieder kurz darauf führte eine weitere Frau mit dem gleichen Vorhaben die gleiche Diskussion mit der Polizei. „Großer Kitzler, kleine Kinder“, plärrte ein ergrauter Herr immer wieder. Ganz ehrlich: ein bisschen fremdschämen musste man sich schon.

Teilnehmer der Gegendemonstration fühlten sich offenbar von den Fotografen belästigt und filmten diese im Gegenzug mit ihren Smartphones ab. Einige hitzige Diskussionen wurden geführt – Demoteilnehmer untereinander, Demoteilnehmer mit der Polizei und mindestens ein Fotograf beschwerte sich bei der Polizei, weil ein Demoteilnehmer ihn am Fotografieren hinderte.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wäre diese Redewendung nicht oft so zutreffend, die Gegendemonstranten hätten in der Lesung vieles für ihr weiteres Leben mitnehmen können.

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