Wir werden Genossen!

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Wir werden Genossen!

IWOGE-Vorstand Raimund Köstler und IWOGE-Aufsichtsrätin Christine Olma | Fotos: Sebastian Birkl

Hier wohnt die Idee vom Miteinander

Die Eichhörnchen haben ihr Paradies hier bereits gefunden. Eifrig sammeln sie die Nüsse des riesigen Walnussbaums in der Rankestraße 27 für den nahenden Winter. Hinter dem Baum liegt, nicht weniger imposant, eine große Villa. In ihr schlummert das Potenzial einer großen Idee, der Idee vom genossenschaftlichen Wohnen.

Genossenschaftlich wohnen heißt auch: Gemeinschaftlich wohnen. Wer jetzt an die Kommune 1 um Rainer Langhans denkt, kann beruhigt werden. Privatsphäre gibt es in der Rankestraße genug – aber eben auch viel Platz für Gemeinschaft. Fünf eigenständige Wohnungen und ein Studentenappartement sollen bis kommenden Sommer bezugsfertig sein. Im Zentrum: ein Gemeinschaftsraum für alle. Nur eine Wohnung und das Appartement sind noch frei. Für die anderen Einheiten haben sich bereits Wohngenossen gefunden. Eine von ihnen: die Fotografin Christine Olma.

Abgesehen vom Staub auf dem Boden ist noch nicht viel zu sehen, aber hier wird Christine Olma künftig mit ihrem Mann Josef leben.

Wie stellt sie sich das Zusammenleben in einer Wohngenossenschaft vor? „Alles kann, nichts muss“, sagt sie. Konkrete Ideen hat sie schon. „Wenn ich einen Kuchen backe und etwas davon übrigbleibt, stelle ich ihn in den Gemeinschaftsraum. Oder man trifft sich dort abends bei einem Glas Wein und philosophiert über Gott und die Welt.“ Im Grunde ist es ein Geben und Nehmen. „Gemeinschaft ermöglicht große Freiheit“, so Olma. Heißt: Im Urlaub passt jemand auf den Hund auf, die Blumen werden gegossen, der Briefkasten geleert. Im Krankheitsfall werden die Einkäufe übernommen. Man schaut auf sich. Die Bewohner profitieren voneinander – sei es durch geteilte Ressourcen, gegenseitige Hilfe oder soziale Kontakte im Alltag. „Den Gedanken des gemeinschaftlichen Wohnens trage ich schon lange mit mir herum“, sagt Olma. WG-Erfahrung hat sie zur Genüge, was ihr den Schritt ins Genossenschaftshaus wohl auch erleichtert hat. In Gesprächen stellt sie immer wieder fest, dass viele von der Idee des genossenschaftlichen Wohnens fasziniert sind, aber nur die wenigsten tatsächlich den Schritt wagen. Viele zögern und zaudern.

Das Erscheinungsbild der Ingolstädter Villa wird sich stark verändern. Unter anderem wird in Holzbauweise aufgestockt. Die Genossenschaftsmitglieder zahlen für ihre Wohnung eine Nutzungsgebühr, die die Kosten (Finanzierung, Instandhaltung und Bewirtschaftung) deckt – ohne Renditeansprüche eines Vermieters oder Bauträgers. Das bedeutet auch, dass diese Nutzungsgebühr, sobald die Fremdmittel zurückgezahlt sind, deutlich sinken wird.

Das Zögern und Zaudern will Raimund Köstler ändern. Beim Pilotprojekt soll es nicht bleiben, erklärt der IWOGE-Vorstand. Mehr Häuser, mehr Wohngenossen. Das ist der Plan. Entstanden ist die Idee in Vronis Ratschhaus. „In der High-Noon-Gruppe haben wir viel darüber diskutiert und schließlich den Entschluss gefasst, alternative Wohnformen auch in Ingolstadt voranzubringen“, sagt der ÖDP-Stadtrat. Die Gründung der IWOGE folgte auf dem Fuße. Auch Köstler bezieht voraussichtlich eine der fünf Wohnungen in der Rankestraße. Wenn sich dort alles eingespielt hat, hat Christine Olma einen Tag der offenen Tür im Sinn, um das Projekt der Öffentlichkeit vorzustellen, Barrieren abzubauen und Mut zu machen. Sie selbst sitzt im Aufsichtsrat der IWOGE.

Blick in die Villa. Der riesige runde Kaminofen fällt den Umbauarbeiten zum Opfer

Trotz aller Gemeinschaft: Mit sozialem Wohnungsbau hat das Ganze nichts zu tun. Das nötige Startkapital muss man schon aufbringen können. In Zahlen ausgedrückt (für das Objekt in der Rankestraße): 2.000 € / qm Wohnfläche müssen für den Pflichtanteil direkt hinterlegt werden. Dazu kommt noch ein Nutzungsentgelt, das in der Höhe mit einer gehobenen Kaltmiete vergleichbar ist. Bei der letzten freien Wohnung mit knapp 100 qm kommt man schnell zum Schluss, dass das nicht unbedingt ein Schnäppchen wird. Der Preis ist natürlich auch der Lage geschuldet. Die Immobilie liegt den sprichwörtlichen Steinwurf vom wundervollen Luitpoldpark entfernt. Auch die angestrebte nachhaltige Bauweise ist nicht immer die günstigste Variante, im Gegenzug gibt es hierfür aber staatliche Förderungen.

Während die einzelnen Wohnungen ganz individuell gestaltet werden dürfen, ist der Gemeinschaftsraum und der Garten für alle da. Entscheidungen sollen demokratisch getroffen werden, die Verantwortung für das Zusammenleben geteilt. So entsteht nicht nur Wohnraum, sondern ein lebendiger Ort, an dem Solidarität, Nachhaltigkeit und Mitgestaltung gelebt werden. Wenn allen das Grundstück und das Gebäude gehört, dann wird sich ein jeder auch dafür verantwortlich fühlen, so die Idee. Und wer weiß: Vielleicht finden die Genossen hier ihr ganz persönliches Paradies – so wie die Eichhörnchen, die schon längst wissen, dass man im richtigen Umfeld gut leben kann.

Mehr: iwoge.org

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