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Zwischen Romantik & Realismus
Steffen Kopetzky begab sich auf die Spuren von Heinrich Heine und erzählt darüber in seinem neuen Buch „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“.
Heinrich Heines „Die Harzreise“ feiert im Mai 2026 ihr zweihundertjähriges Erscheinen. Der bedeutende deutsche Dichter wanderte im September 1824 für eine Woche im Harz, schrieb im darauffolgenden Jahr über seine Eindrücke und brachte das Werk dann im Mai 1826 zusammen mit anderen Texten unter dem Titel „Reisebilder. Erster Theil“ heraus. Der Schriftsteller Steffen Kopetzky nahm dieses Jubiläum zum Anlass sich auf die Spuren von Heine zu begeben und seine eigenen Worte für diese Reiseroute und den dort gemachten Begegnungen zu finden.
Zu Fuß durch den Harz, welchen Weg, welche Städte?
Die Reise beginnt in Göttingen. Wir gehen durchs Leinetal Richtung Norden nach Northeim, von da nach Osterode am Harz, auf die Clausthaler Hochebene nach Clausthal-Zellerfeld und wieder hinab nach Goslar. Von dort führt der Weg in das nahe gelegene Bad Harzburg und danach durch den Nationalpark zur Übernachtung auf dem Brocken. Nach diesem Gipfelerlebnis kommen Wernigerode, der Höhlenort Rübeland und die letzte Etappe durch das wunderschöne Bodetal bis nach Thale.
Es war Ihre erste längere Wanderung. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Ich musste mich erst eingehen, hatte schon mit Schmerzen zu kämpfen. Vor allem musste ich Gepäck loswerden. Die anfängliche Mühsal schildere ich hoffentlich amüsant im Buch. Aber bald bemerkte ich, dass alles, was man über die wohltuende Wirkung des Wanderns erzählt, zutrifft. Es ist ein Wundermittel, um dem Alltag zu entfliehen und auf neue Gedanken zu kommen. Man ist den ganzen Tag an der frischen Luft, genießt innere Ruhe und die tiefe Zufriedenheit, wenn man an einsamen Stellen rastet und sich der Schönheit der Natur hingeben kann. Und natürlich ist es sehr befriedigend, so nachhaltig unterwegs zu sein. Durch seine Einfachheit hat das Wandern etwas Überzeitliches oder auch menschheitlich Zeitloses, man fühlt sich mit einem Mal geborgen.
Sie beziehen sich explizit auf Heinrich Heine, der seine Harzreise vor 200 Jahren veröffentlichte, was war damals anders als heute bzw. vice versa?
Das fängt schon ganz simpel damit an, dass es damals für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung völlig normal war, zu Fuß zu gehen. Heine berichtet, dass er am ersten Tag mehr als vierzig Kilometer marschiert war, das geht nur, wenn man es gewöhnt ist. Da alle zu Fuß unterwegs waren, traf er unterwegs natürlich auch viel mehr Leute auf seinem Weg als ich. Ich hatte meine Begegnungen meist in den Städten und war als Wandernder eher die Ausnahme. Aber es gab auch viele verblüffende Ähnlichkeiten – so glich der Harz von damals an manchen Stellen dem heutigen, denn auch damals waren nicht wenige seiner Gebiete entwaldet, freilich aus anderen Gründen, nicht durch Borkenkäfer und Klimawandel, sondern durch zu intensive Nutzung. Anders als damals freilich sind viele Ortschaften, an denen es früher hoch herging, heute in der Krise. Clausthal, einst eine stolze Bergstadt kämpft mit Leerstand und wirkt mancherorts traurig heruntergekommen. In der alten Kaiserstadt Goslar oder in Wernigerode mit seinem schönen Schloss kann man buchstäblich über dasselbe Pflaster spazieren wie Heine selbst. Man erlebt also Wandel und Kontinuität zur selben Zeit.
Das Buch heißt im Untertitel „Eine Deutschlanderkundung“ – was muss man sich darunter vorstellen?
Ich habe nicht nur eine Wanderung auf den Spuren eines zweihundert Jahre alten, immer noch faszinierenden und auch witzigen Textes gemacht, das auch, aber ich war zum ersten Mal in einem Teil
Deutschlands unterwegs, der mir bis dahin fast völlig unbekannt gewesen ist. Speziell dabei: man beginnt die Wanderung im Westen, Niedersachsen, früherer Zonenrand, teilweise ganz schön runtergekommen, kommt dann in den Osten und hat das Gefühl, in einer anderen, viel wohlhabenderen Welt zu sein. West und Ost sind hier gleichsam umgedreht. Das hatte eine verblüffende und befreiende Wirkung.
Auch wird einem erst beim Wandern klar, wie groß Deutschland eigentlich ist und wie viel Besonderes und Schönes (und weniger Schönes manchmal auch) es gibt. Herrliche Landschaften, tiefe Wälder, alte Wege. Freilich liegen jenseits der Metropolen auch viele unserer Probleme offen zu Tage.
Welche Probleme sind das?
Was man überall merkt, ist der krasse demographische Wandel. „Wegen Personalmangel geschlossen“ liest man sehr oft an den Türen alter, einladend wirkender Gaststätten, die dunkel bleiben. Dass ausgerechnet dort, wo der Mangel an jungen Menschen am stärksten zuschlägt, eine grundsätzlich zuwanderungsfeindliche Politik Triumphe feiert, ist paradox und ein großes Problem für die Zukunft dieser leider finanzschwachen, selbst auf Solidarleistungen angewiesenen Landstriche. Ich verstehe wirklich viele der Sorgen, die man dort hat, aber wie man die Probleme durch völkischraunendes Deutschtum und andererseits eine Annäherung ausgerechnet an das demographisch, politisch und wirtschaftlich desaströs dastehende Russland auflösen will, ist mir beim besten Willen schleierhaft. Das wird mancherorts noch ein schmerzliches Erwachen geben, fürchte ich. Auf diese Widersprüche stößt man im Harz aber durchaus auf harte Weise, das bleibt festzustellen.
Welche Gespräche auf Ihrer Reise haben einen bleibenden Eindruck bei Ihnen hinterlassen?
Ein glücklicher Zufall ganz zu Beginn auf dem Weg nach Clausthal war etwa die Begegnung mit einer Revierleiterin. Früher hätte man gesagt Oberförsterin. Jedenfalls die Chefin im Wald. In dem Moment brach ein enormes Gewitter los, wir setzten uns in einen Unterstand und sie hat mir ein ausführliches Interview gegeben. Ganz großartig!
Drei Bundesländer, Ost und West, viele Mythen – welche Bedeutung hat der Harz?
Also da ist einmal seine Lage – der Harz liegt mit seiner leicht ovalen Form wirklich wie ein Herz in der Mitte Deutschlands. Die Städte an seinem Rand funktionieren wie Wegweiser – von Goslar kommt man nach Braunschweig, Hannover und Hamburg, von Thale nach Berlin, von Göttingen nach Nürnberg und München, von Nordhausen nach Leipzig usw. Und in der Mitte liegt der Brocken. Von der Geografie abgesehen, hat er aber auch historisch eine zentrale Bedeutung. Um das Jahr Tausend herum, also im Hochmittelalter, bezogen die Kaiser und die anderen Großen des Reichs hier ihr Silber. Jeder wollte seinen Anteil, deshalb war der Harz auch früher schon unter verschiedene Herrschaften geteilt. Besonders wichtig Goslar, aber es gab auch sonst etliche ertragreiche Minen. Also wurden entsprechend zahllose Burgen errichtet, um diesen montanen Reichtum zu schützen.
Das ist der Grund, warum von dort so viele alte Adelsgeschlechter stammen, die Nachfahren jener Ritter in Diensten des Reiches. Später wurde der Harz ein Zentrum der technischen Innovationen des Bergbaus, wo zum ersten Mal im großen Maßstab Maschinenarbeit eingesetzt wurde, angetrieben vor allem vom Wasser. Die gesellschaftliche Klasse der Bergleute ist der Urstamm der Industriearbeiter. Unser Nationaldichter Goethe erlebte dort den Beginn des zukünftigen Zeitalters, aber er bereiste den Harz auch deshalb so intensiv, weil er hier über geologische Erkenntnisse gleichsam in die Vergangenheit unseres Planeten blicken konnte. Sein erstaunlicher Aufsatz „Über den Granit“ beschreibt von einer aus dem Harz stammenden Gesteinsanalyse ausgehend, die urzeitlichen Ozeane, und dass es damals tropisch zuging. Viel später befand sich im thüringischen Südharz die wichtigste Fabrik der Wunderwaffen, mit denen die Nazis den Zweiten Weltkrieg und die Amerikaner später den Wettlauf zum Mond gewinnen wollten. Der westlichste Außenposten des Warschauer Pakts mit einer großen russischen Garnison war auf dem Brocken und von enormer geostrategischer Bedeutung.
Heute können wir beobachten, wie sich die Natur nach der vom Klimawandel getriebenen
Borkenkäferkatastrophe vor einem Jahrzehnt langsam wieder erholt und sich den Harz zurückholt. „Nichts ist beständig als der Wandel“, mit diesem Gedanken von Ludwig Börne begann Heine damals seine Harzreise. An der Wahrheit dieser Aussage hat sich bis heute nichts geändert.
In Ihrem Buch schreiben Sie „Stephen Graham nannte das Wandern eine Lehre des Lebens – und ich verstehe das jetzt.“ Was hat Sie das Wandern gelehrt? Und hat Sie jetzt die Wanderlust gepackt? Nächstes Ziel?
Das Wandern macht einen bescheiden. Man freut sich über kleinste Nettigkeiten von den Leuten, die man trifft. Gleichzeitig macht es einen frei. Der materielle Besitz, um den man sich kümmern muss, schrumpft von Etappe zu Etappe. Man hat nur einen Rucksack, der immer leichter wird, das ist sehr wohltuend. Ich würde jederzeit wieder eine Wanderung machen. Ein Freund hat mich eingeladen, ihn in seiner neuen Wohnung in Genua zu besuchen. Vielleicht ist das der nächste Ausgangspunkt, mal sehen.
Unser Magazin dreht sich dieses Mal um das Thema Heiraten. Das Schloss Wernigerode und ihre Begegnungen mit jungen Brautpaaren spielen in Ihrem Buch eine Rolle. Was waren Ihre Gedanken und welche Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen einer Ehe und einer Wanderung herstellen?
Wie bei einer Wanderung endet auch in der Ehe niemals die Notwendigkeit, den Moment zu leben und ernst zu nehmen. So schön die Hochzeit war, im Alltag muss man lernen, miteinander zu leben, sich um einander zu bemühen und niemals aufhören, sich für den anderen zu interessieren. Dann kann man auch durch schwierige Zeiten gemeinsam gelangen.
Sie schreiben davon, jeder Braut gratuliert und ihr gesagt zu haben, wie wunderschön sie aussieht. Sind es oft diese kleinen Gesten, die unser Leben verklären? Welche kleinen Momente haben Ihre Reise nachhaltig bereichert und wann hat Sie zuletzt ein Kompliment berührt?
Man tut sich selber ja einen Gefallen, wenn man versucht, liebenswürdig zu agieren. Das ist nicht immer leicht, aber wenn man sich etwas Mühe gibt, kann man es sich angewöhnen. Auf meiner Wanderung habe ich mich sehr oft über die netten Hotel-Mitarbeiter gefreut, die man aller Orten im Harz antrifft, auch in den kleinsten Dörfern. Man kriegt mit, wie hart sie wegen des allgemein verbreiteten Personalmangels arbeiten, da ist es gerade toll, wie freundlich sie sind. Am meisten freue ich mich aber immer über Komplimente, die von unseren Kindern kommen, denn die sind gnadenlos ehrlich.
Heinrich Heine gilt als „letzter Dichter der Romantik“ und zugleich als Wegbereiter des kritischen Realismus sowie des Vormärz. Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich als Ratschlag für eine gelingende Ehe mit auf den Weg geben? Mehr Romantik oder doch eher Realismus?
Ich würde ihm einen Gedanken des persischen Mystikers Rumi empfehlen: „Achte gut auf diesen Tag, denn er allein ist das Leben. Das Gestern ist nichts als ein Traum, das Morgen nur eine Vision, das Heute jedoch, recht gelebt, macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.“
Im Harz spiegelt sich unser Land – er ist poetischer Märchenort und Brennpunkt der Klimakrise, offenbart historischen Reichtum, Strukturwandel und Armut, war geteilt zwischen Ost und West. Jener Streifen, der einst die Grenze war, ist heute als «Grünes Band» einer der erfreulichsten Krafträume der Natur. Kopetzky stößt auf Erinnerungsorte unseres Landes, von Hexentanzplätzen am mythenumwobenen Brocken bis zu legendären Abhörstationen. Und entdeckt seine riesigen Potentiale. Er macht berührend menschliche Erfahrungen, sieht aber auch die Realität einer verunsicherten Gesellschaft, in der das «Deutschtum» neue Blüten treibt. Mit dem Echolot des geschichtsbewussten Autors und der Offenheit des Wanderers erkundet Kopetzky nicht nur das so unbekannte eigene Land,sondern auch jenes Lebensgefühl, für das der Harz seit Heines Zeiten steht, eines Sehnsuchtsortes der Freiheit und der seelischen Erneuerung.
Steffen Kopetzky
Die Harzreise
Eine Deutschlanderkundung
208 Seiten
€ 23,00 (D)
ISBN: 978-3-7371-0152-3
Erschienen am 17.4.2026
Auch als E-Book erhältlich:
ISBN: 978-3-644-01324-7

Volksfest Ingolstadt startet am Freitag
Von Freitag, 22. Mai, bis Sonntag, 31. Mai, öffnen sich die Pforten des Pfingstvolksfestes, das heuer bereits zum 80. Mal stattfindet. Den Beginn läuten um 17.30 Uhr die „Schanzer Musikanten“ mit einem Standkonzert vor dem Herrnbräu-Festzelt der Familie Lanzl ein. Dort wird Oberbürgermeister Dr. Michael Kern um 18 Uhr das Pfingstvolksfest mit dem traditionellen Fassanstich offiziell eröffnen.

Zweite Blüte
An Paul Melia kommt man in Ingolstadt eigentlich nicht vorbei. Vielleicht kennt nicht jeder sein Gesicht, wohl aber seine Handschrift. Als Landschaftsarchitekt bei der GWG Ingolstadt ebnet Melia seit Jahren Wege für andere. Ziemlich buchstäblich. Er entscheidet, wo Menschen laufen, wie Kinder spielen und wie sie fallen.

Von der ehelichen Pflicht und zeitlosen Sehnsucht des Menschen
Ich erinnere mich noch ein wenig an meine Urgroßmutter. Jahrgang 1899. Zwei Weltkriege hat sie erlebt – die Mondlandung hielt sie für ausgemachten Unsinn. Wenn eines von uns Kindern nackt durchs Haus flitzte, kam zuverlässig der Kommentar: „Sei ned so unkeusch!“ Ich war vier, als sie starb. Es war eine andere Zeit, die sie prägte.

Was wollen wir uns leisten?
Die Stimme bricht, die Tränen steigen ihr in die Augen. Beate Diao steht an einem Freitagabend verloren auf der Bühne in der Harderbastei und blickt in die Menge. In diesen Tagen feiert sie mit ihrer Kunst- und Kulturbastei 20-jähriges Jubiläum. Eigentlich ein Grund zu strahlen, doch die Sparmaßnahmen der Stadt könnten das Aus für den Verein bedeuten. Was für Kinder und Jugendliche dadurch verloren ginge, wird an diesem Tag so sichtbar wie selten.

Keine Überraschung: De Lapuente wird 3. Bürgermeister
Ein weiterer Meilenstein der Absprachen zwischen CSU, SPD und Grünen für die neue Wahlperiode ging heute reibungslos über die Bühne. Christian De Lapuente wurde zum Dritten Bürgermeister der Stadt Ingolstadt gewählt.

Fotogalerie: Halbmarathon Ingolstadt 2026
Bei der Jubiläumsausgabe des Ingolstädter Halbmarathons gingen bei bestem Wetter tausende Läuferinnen und Läufer an den Start. Cornelia Griesche verteidigte ihren Titel aus dem Vorjahr, bei den Männern siegte Chris Göltl. Doppelsieg für den MTV Ingolstadt.