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Von der ehelichen Pflicht und zeitlosen Sehnsucht des Menschen
Ich erinnere mich noch ein wenig an meine Urgroßmutter. Jahrgang 1899. Zwei Weltkriege hat sie erlebt – die Mondlandung hielt sie für ausgemachten Unsinn. Wenn eines von uns Kindern nackt durchs Haus flitzte, kam zuverlässig der Kommentar: „Sei ned so unkeusch!“ Ich war vier, als sie starb. Es war eine andere Zeit, die sie prägte.
VON STEFANIE HERKER
Ob auf ihrem Nachttisch ein kleines Büchlein mit dem Titel „Die eheliche Pflicht“ lag, verfasst 1879 von einem gewissen Dr. Karl Weißbrodt, weiß ich nicht. Probleme mit der Fortpflanzung hatte sie und Uropa jedenfalls nicht. Ein gutes Dutzend Kinder haben sie hervorgebracht. Rechnerisch war Uroma etwa zwanzig Jahre ihres Lebens schwanger. Ein Lebensentwurf, der heute selbst ambitionierte Familienplaner schwindelig machen dürfte.
Dr. Weißbrodt hatte Großes vor. Sein Buch wollte nichts weniger als Ordnung ins vermeintliche Chaos des Liebeslebens von damals bringen. Drei Teile strukturieren das Werk: die „Heiligkeit des Ehebettes“, das „richtige Verhalten im Ehebette“ und „Ehe-Unglück, dessen Ursachen und Heilmitteln“. Was folgt, ist eine Mischung aus Hausordnung, moralischem Regelwerk und Gesundheitsratgeber auf NIUS-Niveau. Das Ganze garniert mit biblischen Belegen. Fortpflanzung, so lernt man, ist kein spontaner Akt, sondern ein Vorgang von geradezu uhrwerkhafter Präzision. Man konnte verdammt viel falsch machen, wenn man meinte, man könnte sich auf seinen Urinstinkt oder sowas verlassen.
Das Aussterben der Indianerstämme wird hauptsächlich dem frühen Heiraten zugeschrieben
- laut dem Buch "Die eheliche Pflicht" aus dem Jahr 1879
Man muss dem Autor zugutehalten: Aufklärung war damals Mangelware. Ein solches Buch war fast schon ein Tabubruch. Und doch fragt man sich, wie es die Menschheit bis dahin überhaupt geschafft hat. Ganz ohne Betriebsanleitung, ohne „elastische Matratzen von Pferdehaar“, die laut Weißbrodt „viel besser als weiche Federbetten“ geeignet seien. Selbst in der elegantesten Höhle dürfte dieses Ausstattungsdetail gefehlt haben. Die Realität um 1880 war dann vielleicht doch eher ein Bett im Kornfeld oder der Strohhaufen im hintersten Eck der Scheune, jedenfalls vor der Ehe.
Im Zentrum des Lebens stand diese schon allein deswegen, weil ohne sie offiziell nix laufen durfte. Vor der Ehe sollte man erst gar nicht an elastische Matratzen aus Pferdehaar denken. Und vor allem galt es, sich gewissenhaft zu prüfen. Nicht in Bezug auf Liebe. Wer in den „heiligen Stand“ trete, ohne sich zuvor über seinen körperlichen Zustand informiert zu haben, handle „höchst strafwürdig“ vor Gott. Ins Heute übersetzt: „Willst du mich heiraten?“ – „Sorry, ich muss vorher noch meine EKG-Werte checken lassen.“ Wer zudem durch „Selbstbefleckung“ oder ein „durstiges Studentenleben“ vorbelastet war, sollte die Hochzeit „besser auf nach dem 30. Lebensjahr verschieben“. Heute verschiebt man sie eher, um das Studentenleben noch ein wenig auszudehnen.
Vom zu frühen Heiraten wird ohnehin abgeraten. Gefahr: Genozid. „Das Aussterben der Indianerstämme wird hauptsächlich dem frühen Heiraten zugeschrieben“ – eine der wohl kuriosesten Thesen, die fast zusammenhangslos im Buch schwebt und erst recht nicht wissenschaftlich belegt werden kann.
Die Verheiratung junger Mädchen mit alten Wüstlingen ist ein widerlicher, verdammenswerter Menschenfleischhandel, da es sich von Seiten der Braut in allen Fällen nur um das liebe Geld handeln kann.
Beruhigend wirkt das Büchlein hingegen auf alle Brautleute, die mit miesen Charaktereigenschaften ausgestattet sind: „Der Segen einer Gott wohlgefälligen ehelichen Liebe kann viele Schäden des Charakters mildern und heilen (…).“ Ein erstaunlich optimistisches Menschenbild – zumindest, solange man unter 37 war. Danach wurde es unerquicklich: „Mädchen über 36 Jahre“ sollten vom Heiraten lieber absehen. Immerhin war damals eine Geburt mit lebensbedrohlichen Folgen verbunden, bei Frauen im fortgeschrittenen Alter traten eher Komplikationen auf. Auch „ein vertrockneter alter Junggeselle“ sollte sich nicht mehr „zum Narren machen“. „(…) ein in Sünden grau gewordener Wüstling“ nehme sich höchstens eine Frau, „um eine Krankenwärterin zu haben“.
Im Ehebett selbst herrscht strikte Reglementierung. Wann, wie oft, in welcher Verfassung und nach welcher Mahlzeit – alles ist normiert. Spontaneität hat ungefähr so viel Platz wie ein Dessert nach dem Abendessen. Besonders verpönt: der Beischlaf im Zustand kulinarischer Seligkeit. „Schlemmereien mit einer im Taumel vollzogenen ehelichen Umarmung zu beschließen“, sei eine „Versündigung an Gott und der Menschenwürde“. Wer so etwas tue, dem sei „nicht zu raten und nicht zu helfen“.
Selbst Abweichungen von der Norm werden sorgfältig eingehegt. Dass junge Eheleute gelegentlich tagsüber und außerhalb des Ehebettes ihren Neigungen nachgehen, sei „nichts weiter Bedenkliches“ – sofern es die Ausnahme bleibe und die Frau danach ausreichend Ruhe bekomme. Letzteres allerdings weniger aus Fürsorge als aus Gründen der Befruchtungseffizienz.
Auch die „richtige“ Körperhaltung wird erläutert. Während Tiere sich abgewandt begegnen, sollen Menschen einander zugewandt sein – mit „Angesicht und Brust“. Alles andere könne beim „Weib“ Widerwillen hervorrufen. Ein Arzt, so heißt es, könne mit den richtigen Anweisungen Abhilfe bei „Gejammer“ schaffen – und siehe da, nach ärtzlicher Hilfe empfinde die Frau plötzlich „volle Befriedigung“. Der Schaden sei geheilt.
Die Machtverhältnisse im Ehebett sind klar geregelt. Der Mann entscheidet, wann und wie oft der Beischlaf stattfindet – biblisch und medizinisch begründet. Frauen, so Weißbrodt, könnten den Akt deutlich häufiger ohne gesundheitliche Schäden vollziehen. Männer hingegen drohten bei Übermaß allerlei Leiden: von allgemeiner Schwäche bis zur „Rückenmarksschwindsucht“. Folgerichtig wird Frauen geraten, den Mann nicht zu reizen, sich ihm aber willig hinzugeben, wenn er es wünsche. Ein Satz, der in seiner Konsequenz deutlich macht, wie sehr sich rechtliche und gesellschaftliche Normen seitdem verändert haben – auch wenn es lange gedauert hat und nicht immer konsequent sein mag. Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland strafbar. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte damals gegen die Selbstbestimmung von Frauen gestimmt. Während wir also über vermeintliche „Rückenmarksschwindsucht“ als mögliches Übel bei „falschem Vollzug des Beischlafs“ schmunzeln, sollten wir uns gleichzeitig an die Nase fassen, weil wir in Sachen Liebe, Selbstbestimmung und Moral als Gesellschaft immer genug zu lernen haben.
Im Schlusswort erklärt Weißbrodt, er habe die Ehe „christlich und ärztlich beleuchten“ wollen. Herausgekommen ist ein Regelwerk, das ein zutiefst menschliches Geschehen – Nähe, Begehren, Intimität – in ein System aus Vorschriften, Warnungen und Zuständigkeiten presst. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert dieser alten Ratgeberliteratur: Sie verrät weniger über die „richtige“ Art zu lieben als über die große, zeitlose Sehnsucht des Menschen, alles einzuordnen, in Schubladen zu stecken und kontrollieren zu wollen. Wir sind in dieser Hinsicht die wohl kompliziertesten Tiere, die sich bisher auf diesem Planeten mehr oder weniger erfolgreich vermehrten.

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