Wie wertvoll muss ich sein?

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Wie wertvoll muss ich sein?

 „Die Größe einer Nation misst sich daran, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt.“ „(..) dem Schwächsten die gleichen Chancen einräumt, wie dem Stärksten.“ Mahatma Gandhis Leitsätze prägen bis heute viele soziale und politische Debatten. Er betonte immer wieder, dass der wahre Wert einer Gesellschaft nicht an ihrem wirtschaftlichen oder militärischen Erfolg gemessen wird, sondern an ihrem sozialen Zusammenhalt und dem Schutz der Hilfsbedürftigen. Unserem Bundeskanzler Friedrich Merz dürfte es bei so viel Empathie die Rückenhaare aufstellen.

VON STEFANIE HERKER

Was den Menschen ausmacht, beschäftigte schon viele Denker. Die schönen Antworten liefern Philosophen, die dreckigen kommen aus der Wirtschaft. Die Wahrheit ist: In unserem Wirtschaftssystem, in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft, gilt heutzutage der als wertvoll, der viel leistet und viel konsumiert. Wer genügsam ist und entschleunigt lebt, der ist für die Wirtschaft schlicht uninteressanter. Wenn die einen wirtschaftlich gesehen weniger wertvoll sind, sind wir trotzdem alle gleich wertvoll? Braucht es zum Wertvollsein einen Grund? Wann fühlen wir uns als Individuum wertvoll? Und wer oder was hat überhaupt das Recht, unseren Wert zu bestimmen?

Vielleicht fehlen uns aktuell nur die guten Philosophen in der Politik. Ein bisschen mehr Markus Sokrates und weniger Söder. Die griechischen Philosophen waren eben noch echte Männer. Sokrates verstand den Menschen als ein Wesen, dessen Würde in der Seele gründet. Die Seele war für ihn wertvoller als körperliche Eigenschaften oder gesellschaftliche Leistungen.

Sokrates wandte sich gegen die Vorstellung, dass Reichtum, Macht oder gesellschaftliches Ansehen über den Wert eines Menschen entscheiden. Sein berühmter Satz „Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert“ verweist auf ein Menschenbild, in dem Selbsterkenntnis, Tugend und Weisheit wichtiger sind als äußerer Erfolg. Für Sokrates lag die Größe des Menschen nicht in seiner Perfektion, sondern in seiner Fähigkeit zur Reflexion und zur Suche nach dem Guten. Die Herrscher sollten sicherstellen, dass die Menschen ein „gutes Leben“ führten. Um zu wissen, was ein „gutes Leben“ ausmachte, brauche man intellektuelle Fähigkeiten, Wissen um Ethik und Moral – Werte, die damalige Philosophen auszeichneten.
Sokrates Kritik an den Mächtigen führte ihn in den Tod.

Sein Schüler Platon führte jedoch sein Erbe fort. Seiner Auffassung nach sollte nicht das Volk, nicht ein Herrscher, besser eine weise Elite philosophischer Gebildeter mehr Macht haben. Er gilt als Anfechter der athenischen Demokratie und auch anderer Herrschaftsformen. Auch 2026 kein unsinniger Gedanke, wenn man sich die politischen Entwicklungen vor Augen hält. Einer Elite aus ehrenhaften Weisen würde man die Führung im Sinne des Wohlergehens des Volkes gerne anvertrauen. Anstatt von alten Weißen, die im Sinne der Lobby und des Profits handeln.

Der Wert eines Menschen bemisst sich an der Zahl derer, die ihm zur Seite stehen, nicht an der Zahl derer, die ihm folgen.

Was ist von der Demokratie geblieben, wenn vom Volk Auserwählte nicht im Sinne des Volkes handeln, sondern im Sinne von Eliten? Weil diese scheinbar den „wertvolleren Teil“ des wirtschaftlichen Gefüges bilden. Genau das kritisierte im Wesentlichen auch Platon. Das Ziel des Menschen sei die „Eudaimonia“ (Glückseeligkeit), ein erfülltes und sinnvolles Leben – Aristoteles, Platons Schüler, stellte nicht die Leistung, sondern das gelingende Leben in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Diese Glückseeligkeit entstehe nicht durch Konkurrenz und Perfektion, sondern durch Gemeinschaft, Freundschaft, Gerechtigkeit und die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. Später betonten die Stoiker, insbesondere Epiktet und Mark Aurel, dass der Wert eines Menschen nicht von äußeren Umständen abhängt. Gesundheit, Schönheit, Status oder Erfolg seien vergänglich. Wirklich bedeutsam sei allein die Haltung, mit der ein Mensch seinem Leben begegnet. Damit schufen sie eine Vorstellung von menschlicher Würde, die unabhängig von körperlichen oder geistigen Voraussetzungen Bestand hat.

Diese antiken Gedanken stehen in bemerkenswertem Gegensatz zu einer Zeit, die zunehmend von Optimierung geprägt ist. Algorithmen bewerten Leistungen, digitale Systeme messen Produktivität, künstliche Intelligenz verspricht, Prozesse effizienter zu gestalten. Und wo Effizienz zum höchsten Maßstab der Zeit erklärt wird, entsteht auch die Versuchung, ebenso den Menschen noch mehr auf seine Leistungsfähigkeit zu reduzieren.

In diesem Sinne kommt den aktuellen Debatten über die Kürzung von Mitteln für Inklusion, Assistenz und soziale Teilhabe eine weit größere Bedeutung zu als nur Sparzwang. Tatsächlich berühren solche Entscheidungen eine grundlegende Frage: Welchen Platz haben Menschen in einer Gesellschaft, deren Leitbilder zunehmend von Optimierung und Wirtschaftlichkeit bestimmt werden? Wird Teilhabe als unverzichtbares Menschenrecht verstanden oder als Kostenfaktor, der sich rechtfertigen muss?

Menschen mit Behinderungen erinnern uns an eine Wahrheit, die bereits die antiken Philosophen kannten: Der Wert eines Menschen liegt eben nicht in seiner Nützlichkeit. Er liegt eben nicht in seiner Geschwindigkeit oder seiner Wirtschaftskraft. Er liegt schlicht in seiner Existenz als Mensch.

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