Kümmer dich um deinen Geist

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Kümmer dich um deinen Geist

Fotos: Stefanie Herker

Ein Gespräch mit Krisenmeisterin Lea Betz über innere Rauchmelder, Scham und neue Wege.

Lea Betz ist von Beruf Psychologische Beraterin, Ernährungs- und Gesundheitsberaterin in Ingolstadt. Psychologische Berater:innen arbeiten mit klinisch gesunden Menschen in verschiedenen Bereichen zum Zwecke der Persönlichkeitsentwicklung, Problemlösung, Verbesserung der Beziehungsfähigkeit und dem Erhalt der seelischen Gesundheit. Leas Schwerpunkte haben sich anhand ihrer eigenen Vorgeschichte ergeben: Energiemangel, Darmprobleme und Stressoptimierung. Sie sagt über sich selbst: „Durch innere Arbeit bin ich so sehr gewachsen, das zeigt sich jetzt in allen Lebensbereichen bei mir.“ Lea gibt Online-Coachings und Workshops. Zu ihren Klienten zählen überwiegend „feinfühlige Frauen“, aber auch vereinzelt Männer. Aktuell absolviert sie zusätzlich eine Ausbildung zur Heilpraktikerin.

Was war der Moment in deinem eigenen Leben, an dem du gemerkt hast: Mein Nervensystem braucht etwas anderes als reine Disziplin oder Durchhalten?
Der Wendepunkt kam, als ich merkte, dass ich zwar alles „richtig“ machte, aber innerlich immer leerer wurde. Ich funktionierte, ich war diszipliniert, ich hielt durch… aber die berufliche Erfüllung hat gefehlt. Ich hatte ständig das Gefühl, gegen eine innere Wand zu rennen. Mein Körper hat mir irgendwann deutlicher gezeigt als jede Stimme in meinem Kopf, dass dieser Weg nicht meiner ist. Und genau das war der Moment, in dem ich verstanden habe: Ich brauche keinen stärkeren Willen, ich brauche einen anderen Umgang mit mir. Zu sehen, dass ich einen neuen Weg einschlagen MUSS, war schmerzhaft, aber gleichzeitig befreiend. Und ihn wirklich zu gehen, hat unglaublich viel Mut gebraucht. Aber genau dadurch bin ich heute in der Arbeit angekommen, die sich für mich richtig anfühlt und die ich selbst gebraucht hätte, als ich noch im Funktionsmodus gefangen war.

Wie würdest du jemandem erklären, was ein dysreguliertes Nervensystem ist?
Es ist wie ein innerer Rauchmelder, der ständig auf Anschlag läuft, selbst wenn eigentlich nichts Brenzliges passiert. Man ist schnell gestresst, schnell müde, schnell überfordert. Es fehlt die innere Bremse, die sagt: Alles gut, du bist sicher.

Welche ersten Signale übersieht man im Alltag am häufigsten?
Dieses subtile „Ich kann grad nicht mehr“, das man wegdrückt. Ständige Anspannung im Bauch, schlechter Schlaf, dünnere Nerven als sonst. Viele nennen das „normal“ – ist es aber nicht.

Jetzt ist sie happy: Lea Betz kündigte ihren Job in einem großen Konzern und folgte ihrem Herzen. Während eines zweijährigen Auslandsaufenthaltes hat sie sich als Psychologische Beraterin selbstständig gemacht.

Was bedeutet „innere Stabilität“ für dich – und woran merkt man, dass man sie langsam aufbaut?
Für mich heißt das, dass ich nicht von jeder Kleinigkeit umgeworfen werde. Man merkt es daran, dass man sich wieder klarer fühlt, Grenzen setzen kann und sich selbst ernst nimmt. Alles wird irgendwie ruhiger – auch wenn das Leben nicht automatisch leichter ist.

Warum reagieren gerade sensible Frauen so stark auf Stress, Zyklusverschiebungen oder Belastungen im Kinderwunsch?
Weil ihr Nervensystem feiner eingestellt ist. Sie spüren schneller, wenn etwas nicht passt. Und hormonelle Prozesse verstärken das Ganze noch – der Körper reagiert einfach intensiver auf alles, was emotional mitschwingt.

Kommen auch Männer zu dir?
Es sind knapp 90 Prozent Frauen, aber ich hatte auch schon einige Männer als Klienten.

"Es ist ein Mythos, dass man sich erst um seine geistige Gesundheit kümmern muss, wenn man bereits krank ist."

Welche körperlichen Symptome erzählen oft eine psychische Geschichte, die wir erst später erkennen?
Viele körperliche Symptome sind eigentlich Botschaften, die wir lange überhört haben. Ein Reizdarm zum Beispiel erzählt oft von jahrelanger Anspannung, von „zu viel“ im Leben, von Grenzen, die wir nie gelernt haben, zu setzen. Zyklusstörungen zeigen manchmal, dass der Körper seit Monaten versucht, mit Belastungen klarzukommen, die emotional nie ausgesprochen wurden. Erschöpfung ist nicht einfach „zu wenig Schlaf“, sondern oft ein stiller Schrei danach, endlich gesehen zu werden. Viele Frauen glauben, ihr Körper sei ihr Feind. In Wahrheit ist er der Einzige, der von Anfang an versucht hat, die Wahrheit auszusprechen.

Gibt es ein Thema, über das Frauen bei dir am häufigsten zum ersten Mal offen sprechen?
Ja, darüber, wie alleine sie sich fühlen mit all dem, was in ihnen passiert. Viele sagen mir irgendwann: „Ich habe das noch nie jemandem erzählt.“ Es geht oft um Scham. Scham darüber, nicht so stark zu sein wie andere. Scham darüber, sensibel zu sein. Scham über ihren Körper, der scheinbar „nicht mitspielt“ – beim Kinderwunsch, beim Zyklus, bei Verdauung und Energie. Und oft ist es das erste Mal, dass sie erleben: Hier muss ich nichts verstecken. Hier ist Platz für alles. Dieser Moment, in dem jemand spürt, dass ihre Wahrheit nicht zu viel ist, der verändert etwas im ganzen System.

Wie entscheidest du, welcher Zugang für welche Frau der richtige ist?
Ich höre gut zu. Jede Frau bringt ihre eigene Geschichte, ihren Körper und ihre Geschwindigkeit mit. Manchmal ist ein Gespräch alles, was es braucht. Und manchmal zeigt der Körper so klar, dass wir ihn unbedingt mit einbeziehen sollten.

Welche Rolle spielt der Körper bei psychologischen Themen?
Eine viel größere, als wir glauben. Der Körper speichert Stress, alte Erfahrungen, ungelöste Anspannung. Wenn wir ihn ignorieren, arbeiten wir nur mit der halben Realität.

Was unterscheidet eine regulierte von einer dysregulierten Körperwahrnehmung?
In einem regulierten Zustand spürt man sich klar, ohne Alarm. Man kann Grenzen wahrnehmen und Signale einordnen. Dysreguliert fühlt es sich chaotisch an: zu viel, zu schnell, zu laut – oder gar nichts mehr.

Gibt es eine Veränderung, die dich bei deinen Klientinnen immer wieder berührt?
Wenn sie plötzlich merken, dass sie nicht kaputt sind, sondern einfach überlastet waren. Dieser Moment, in dem sich Scham in Verständnis und Selbstmitgefühl verwandelt, berührt mich jedes Mal.

Wie sieht ein typischer „Aha-Moment“ in deiner Arbeit aus?
Wenn jemand erkennt: „Ich muss nicht mehr gegen meinen Körper arbeiten.“ Diese Erkenntnis verändert fast alles – den Umgang mit Stress, mit dem eigenen Zyklus, mit Beschwerden und mit sich selbst.

Welche kleinen Rituale oder Routinen haben die größte Wirkung?
Langsamer werden. Regelmäßig atmen, bewusst essen, Pausen ernst nehmen. Es sind oft die unscheinbaren Dinge, die dem Nervensystem zeigen: Du bist sicher.

Was hältst du von Social-Media-Trends rund um Nervensystemhacks?
Einige sind hilfreich, viele aber zu oberflächlich. Ein dysreguliertes Nervensystem lässt sich nicht „weg-hacken“. Es braucht Zeit, Verständnis und echte Verbindung – nicht nur schnelle Tricks.

Was sollte jede Frau wissen, bevor sie sich in den Selbstoptimierungsstrudel stürzt?
Dass Heilung nicht damit beginnt, sich selbst zu reparieren, sondern damit aufhört, sich ständig verbessern zu wollen. Selbst- optimierung vermittelt Frauen oft, sie müssten anders sein, um wertvoll zu sein. Aber der wahre Wendepunkt passiert, wenn man versteht: Ich bin nicht kaputt, ich bin erschöpft, überlastet oder verletzt. Bevor man sich optimiert, sollte man sich erst einmal selbst zuhören. Viele Frauen versuchen, das Chaos in sich zu kontrollieren, bevor sie überhaupt verstanden haben, woher es kommt. Der wichtigste Schritt ist nicht „besser werden“, sondern ehrlicher werden. Und das verändert am Ende mehr als jede Routine.

Wenn dein Nervensystem sprechen könnte – was würde es dir heute sagen?
Ich glaube, es würde sagen: „Danke, dass du mich nicht mehr überhörst.“ Früher habe ich seine Signale als störend empfunden. Heute weiß ich, dass es mich immer nur schützen wollte. Mein Nervensystem würde mir wahrscheinlich auch sagen: „Du musst nicht stark sein, um sicher zu sein. Du darfst weich bleiben.“
Und vielleicht auch: „Du bist angekommen. Bleib bei dir.“

Mikronährstoffe, die bei Stress und innerer Unruhe helfen können:

  • Magnesium
    Am besten Glycinat oder L-Threonat. Magnesium entspannt Muskeln und Nervensystem – perfekt, wenn alles ein bisschen „zu viel“ ist und der Körper nicht abschalten kann.
  • L-Theanin
    Ich nenne es gerne „entspannte Konzentration“. Es macht ruhig, aber gleichzeitig klar im Kopf – ideal bei Grübeln oder wenn der Fokus fehlt.
  • Omega-3
    Tut dem Gehirn unglaublich gut. Viele merken damit bessere Stimmung, weniger innere Unruhe und klarere Gedanken.
  • Ashwagandha
    Ein schönes Adaptogen, das dein Stresslevel runterholen kann. Hilft vor allem, wenn die Unruhe eher „stressgetrieben“ ist – Herzrasen, viele Gedanken, schlechter Schlaf.
  • B-Vitamine
    Wichtig für Stimmung, Energie und Nerven. Wenn hier ein Mangel vorliegt, macht sich das oft in Reizbarkeit, Nervosität oder emotionaler Instabilität bemerkbar.
  • Glycin
    Sanfte Unterstützung fürs Einschlafen, gegen nächtliches Aufwachen und für mehr Ruhe am Abend.

Wichtig: Nährstoffe können unterstützen, aber sie ersetzen keine innere Arbeit. Ein reguliertes Nervensystem entsteht durch eine Mischung aus mentaler, emotionaler und körperlicher Balance – nicht durch ein einzelnes Produkt.

Welche Geschichte möchtest du Frauen weitergeben, die gerade in einer Krise stecken?
Ich möchte ihnen sagen: Eine Krise bedeutet nicht, dass du gescheitert bist. Sie bedeutet, dass etwas in dir nach Veränderung ruft. Ich weiß, wie es sich anfühlen kann, wenn der eigene Körper „nicht mehr funktioniert“ und dieses Gefühl, den eigenen Körper nicht mehr zu verstehen. Aber ich weiß auch, dass genau dort oft der Neubeginn liegt. Nicht der, den man sich ausgesucht hätte, sondern der, der einen ehrlich macht. Eine Krise reißt Masken weg, die man nie freiwillig abgelegt hätte und genau dadurch entsteht Raum für das, was wirklich deins ist. Ich wünsche jeder Frau, dass sie irgendwann sagen kann: Diese Zeit hat mich zwar gebrochen, aber nur an den Stellen, die nicht mehr zu mir gehört haben.

Was bedeutet Heilung für dich persönlich – jenseits aller Fachbegriffe?
Für mich bedeutet Heilung, dass man heimkommt – zu sich selbst, zu seinem Körper, zu seiner Wahrheit. Heilung hat für mich nichts mit Perfektion zu tun, sondern damit, wieder eine Beziehung zu sich aufzubauen, die ehrlich ist. Es ist der Moment, in dem man merkt: Ich muss nichts mehr verstecken. Ich darf fühlen, was ich fühle. Ich darf langsam werden. Heilung ist für mich kein Ziel, sondern ein Weg, auf dem man beginnt, sich selbst nicht mehr zu verlassen und genau daraus entsteht die Kraft, die man so lange im Außen gesucht hat.

Lea auf Instagram: @feelgoodwithlea
Lea im Web: www.leabetz.de

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