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Hüterinnen des Lichts
Was die Bibel fordert, die Politik vergisst und ehrenamtliche jeden Tag erfüllen
Es gibt Erzählungen, die sich gegen jede Verharmlosung wehren. Man kann sie in Krippen legen, mit Goldfolie umwickeln, in Lieder verwandeln und doch leuchtet in ihnen eine Wahrheit, die sich nicht zähmen lässt.
VON STEFANIE HERKER
Die Weihnachtsgeschichte ist eine solche Wahrheit. Sie beginnt mit zwei Worten, die wie Schatten durch die Zeiten wandern:
„Kein Raum.“ (Lukas 2,7)
Damals waren es Gasthäuser und deren Wirte, die keinen Platz schaffen wollten. Heute ist es ein Grenzzaun, ein Formular, eine Quote, ein kalter Satz in einer Bürgerversammlung mit kalten Stimmen.
„Kein Raum“ – das ist die globalisierte Version der verschlossenen Herberge. Es heißt jetzt:
„Unsere Kapazitäten sind am Limit.“
„Wir können nicht jeden aufnehmen.“
„Wir müssen realistisch bleiben.“
Doch die alte Geschichte widerspricht dieser Kälte. Sie erzählt, dass ein winziger Platz – in einer Krippe, im letzten Winkel eines Stalls – genügt, um eine Welt zu verändern.
„Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh.“ (Matthäus 2,13)
So spricht der Engel zu Josef. Die Flucht nach Ägypten ist biblische Migration. Ungeschönt und existenziell. Heute würde es heißen: „Bitte reichen Sie die erforderlichen Dokumente nach.“ Die Heilige Familie wäre ein Fall für ein Dublin-Verfahren. Maria würde Interviews geben müssen, um zu beweisen, dass ihre Angst ausreichend begründet ist, dass sie politisch verfolgt werden. Und das Kind – das Christkind – wäre womöglich eine Nummer in einer Statistik, in einem System, in dem Schutz hinter Zuständigkeiten verschwindet.
„Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25, 35)
Ein Satz, der wie ein Prüfstein durch die Jahrhunderte rollt. Er ist kompromisslos, aber politisch heute fast unzumutbar. Denn seine moderne Übersetzung wäre:
„Ich war fremd und du hast nicht zuerst meine Herkunft geprüft.“
„Ich war fremd und du hast nicht gefragt, was ich koste.“
„Ich war fremd und du hast das Menschliche vor meine Nützlichkeit gestellt.“
Jesus markiert hier, ohne Poesie und ohne Ausrede, das Zentrum jeder moralischen Ordnung: Den Umgang mit dem Fremden. Als hätte er gewusst, was auf uns zukommen würde oder aber was die Menschen immer beschäftigen wird. Die eigene Gier.
„Es war ein Samariter, der hatte Erbarmen.“ (Lukas 10,33)
Die Parabel vom barmherzigen Samariter erzählt von einem Mann, der anhält, wo andere weitergehen. Heute würde er anders heißen. Er wäre „Gutbürger“, „Idealist“, „Moralapostel“ – oder schlimmer: „realitätsfern“. Doch im Kern bedeutet das Gleichnis: Menschlichkeit ist immer unökonomisch und machmal unbequem.
All diese Sätze: Kein Raum, Flieh, Nehmt auf, Habt Erbarmen – sie schweben über unserer Gegenwart wie die Sterne über dem Stall. Und sie richten sich nicht an die Regierungen allein. Sie richten sich an uns. Exemplarisch für die vielen Ehrenamtlichen der Region 10, die sich Nächstenliebe nicht auf eine Parteiflagge schreiben, sondern danach handeln, haben wir uns mit drei Frauen unterhalten, die für ihr Ehrenamt leben.
Helga Inderwies, 88
Sie bleibt, wenn es unbequem wird. Sie trägt viele Jahre Hospizarbeit, Kriseninterventionsdienst und Demenzhilfe auf ihrem Rücken. Noch immer engagiert sie sich im Bereich Inklusion, Behinderung und Pflege. Eine Frau, die nicht jeden Sonntag die Kirchenbank drückt, wie sie selbst sagt, sondern aus reiner Dankbarkeit für das eigene Leben Taten der Nächstenliebe sprechen lässt.
Tanja Eifertinger, 48
Tanja sortiert nicht nur Kleider, sie ordnet Leben, verteilt Würde. Sie ist eine Art Sankt Martin unserer Zeit. Nur schöner.
Claudia Koark, 76
Claudia tut etwas, das heute fast radikal wirkt: Sie öffnet ihre Tür für Fremde. Sie macht ihr Wohnzimmer zur modernen Herberge. Nicht aus Pflicht, sondern aus einem Impuls, der älter ist als jede Politik: Sie betrachtet den Fremden zuerst als Mensch. Ihre Philosophie: „Kein Mensch ist illegal.“
Claudias Arbeit ist die Übersetzung eines uralten Satzes aus der Weihnachtsgeschichte:
„Und sie fanden endlich einen Platz.“
In einer Zeit, in der politische Stimmen laut von „Begrenzung“, „Kontrolle“ und „Ordnung“ sprechen, erinnern diese Frauen – und die vielen anderen Ehrenamtlichen der Region 10 – an eine Wahrheit, die jenseits aller Programme liegt:
Menschlichkeit entsteht immer dort, wo einer sagt: Ich gebe etwas, obwohl ich nichts dafür bekomme. Oder, wie Kurt Cobain es formulierte – und damit unwissentlich ein modernes Evangelium schrieb:
„Alle, die den Ehrgeiz haben, zu erschaffen statt wegzunehmen, verdienen Respekt.“ (Kurt Cobain)
Diese Frauen erschaffen. Und mit ihnen all jene, die in der Region 10 und natürlich auch auf der ganzen Welt Tag für Tag das tun, wovon wir leben: Ihr haltet die Welt warm. Ihr seid die offenen Türen in einer Zeit voller geschlossener Herbergen. Ihr seid die Hüterinnen und Hüter des Lichts. Und ohne euch wäre Weihnachten nur ein Datum, aber keine Botschaft mehr.

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