Vom ganz Kleinen zum großen Ganzen

Der Tiny-Haus-Trend ist weiterhin ungebrochen. Doch an einem mangelt es: verfügbare Grundstücke. Es hilft das kleinste Tiny Haus nichts, wenn man es nirgendwo hinstellen kann. Petra Weigart hat das Grundstück, die Vision und den Willen. In Mailing will sie Tiny Living möglich machen. Im Interview wird klar, wie eng das Thema mit Stadtentwicklung und Raumnutzung verwoben ist. So kommen wir vom ganz Kleinen schnell zum großen Ganzen.


Eigentlich dreht sich im Leben von Petra Weigart vieles um Musik. Seit 2017 ist sie Mitinhaberin im Münchner Techno-Club Rote Sonne. Dort legt sie auch regelmäßig als Resident-DJ auf - in Coronazeiten zugegebenermaßen etwas unregelmäßiger. Eine andere große Leidenschaft in ihrem Leben gibt es aber auch noch: den Kampf gegen Leerstand. Dafür trat sie dem Common Ground Kollektiv bei.
Mit 18 zog sie von Mailing nach München. Jetzt ist sie 30 und besitzt im Ingolstädter Ortsteil ein Grundstück. Ein Grundstück, das nicht länger leerstehen soll. | Foto: Lorenz Urban (2wischendurch)

INTERVIEW

Petra, du bleibst weiterhin Münchnerin, dennoch zieht es dich ein bisschen zurück zu den Wurzeln. In Mailing sollen Tiny Häuser entstehen. Wie kam es dazu?
Ich habe mich während der Pandemie in München dem Common Ground Kollektiv angeschlossen und in dieser Zeit ein Grundstück von meinen Eltern geschenkt bekommen. Ich wollte nicht in München einen auf Leerstandsaktivistin machen und gleichzeitig in Ingolstadt selbst Leerstand produzieren – also kam der Entschluss, diesen Raum zu nutzen. Da ich nicht vorhabe, in absehbarer Zeit selbst dort hinzuziehen und auch kein klassisches Bauvorhaben umsetzen wollte, habe ich mir vorgenommen, diesen Freiraum als Experimentierraum zu nutzen, um einen Machbarkeitsbeweis für das Tiny Living zu erbringen.

Wie groß ist das Grundstück?
Es sind zwei nebeneinanderliegende Grundstücke mit insgesamt 1.000 m². Eines gehört mir, eines meiner Mama. Vier bis fünf Tiny Häuser könnten auf dieser Fläche gut funktionieren.

Ich will einen Machbarkeitsbeweis für das Tiny Living erbringen

Petra Weigart

Wie ist der aktuelle Stand dazu?
Wir stellen aktuell den Bauantrag. Das Thema ist ein bisschen tricky, ein Tiny Haus als solches ist nicht klassisch genehmigungsfähig. Wir versuchen also, eine möglichst umfangreiche Baugenehmigung zu bekommen, um dann innerhalb der rechtlichen Vorgaben einen möglichst großen Raum nutzen zu können. Den Raum werden wir dann als Experimentierfeld entwickeln – natürlich alles im Sinne der Stadtentwicklung.

Wo liegt die Schwierigkeit beim Thema Tiny Haus?
Einen Grund zu bekommen, der überhaupt bebaubar ist, wobei Tiny Häuser oft auch nicht unter die klassische Bebauung fallen, weil sie nicht immer fest mit dem Boden verankert sind. Das wäre bei meinem Projekt aber schon der Fall. Wir bauen echte Häuser, die allen genehmigungsspezifischen Themen gerechtwerden. Im Detail ist das aber noch nicht geplant. Es geht letztlich auch nicht darum, dass ich alles vorgebe. Es sollen die Vorstellungen von vielen Menschen einfließen, um es aus vielen Perspektiven interdisziplinärer aufzuarbeiten.

Die Tiny-Haus-Bewegung schwappte von den USA nach Deutschland herüber und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. So wirklich klar definiert ist nicht, was als Tiny Haus zählt, in der Regel sind es aber Wohnflächen von 15 – 45 m². Der prominenteste Tiny-Haus-Bewohner dürfte hierzulande Peter Lustig sein. Wer kennt seinen blauen Bauwagen nicht?

Immer öfter geben Kommunen kleine Flächen – auf denen kein „normales“ Haus mehr passt – für Tiny Häuser frei.
Ja, bei der Suche nach „Sonderflächen“ machen, denke ich, schon viele Kommunen etwas. Kleine Häuser auf kleinen Grundstücken, das macht natürlich Sinn. Viele haben glaube ich die Traumvorstellung, mit einem Tiny Haus am Rande eines Naturschutzgebietes oder so zu leben, wo man natürlich rechtliche Hemnisse hat. Aber grundsätzlich finde ich, dass es ermöglicht werden sollte, auf ganz normalen bebaubaren Grundstücken auch Tiny Häuser festzupflanzen.

In der Regel werden dabei die Flächen nicht versiegelt, du kannst also theoretisch in einigen Jahren immer noch bauen, wenn du das Tiny-Haus-Projekt beendest. Viele Menschen haben glaube ich Angst, sich in so ein Wagnis zu stürzen, weil es noch unüblich ist. Ich finde, dass wir einfach viel mehr dieser Projekte starten müssen, um die Machbarkeit zu beweisen und diese Form des Wohnens in das Baurecht zu integrieren.

Sind die Zeiten der Einfamilienhäuser mit Garten auf dem Land vorbei? Oder anderes gefragt: Kann man sich das noch leisten? Nicht finanziell, sondern gesellschaftlich.
Sowohl persönlich als auch gesellschaftlich würde ich sagen: bedingt. Natürlich ergibt es z.B. bei einem Einsiedlerhof Sinn, ein Einfamilienhaus zu haben. Aber in urbanen Gebieten müssen wir uns schon überlegen, wieviel Raum jede einzelne Person einnimmt und wie viel Fläche jede einzelne Person versiegelt. Wie ich es mitbekommen habe, hat Ingolstadt festgestellt, dass eigentlich keine weiteren Flächen mehr im Stadtgebiet versiegelt werden dürften und theoretisch mehr nach oben gebaut werden müsste. Die Alternative ist eben, klein zu bauen, ohne zu versiegeln. Es ist eine gute Ergänzung.

Wir müssen mehr darüber nachdenken, in welchen Zeiträumen welche Gebäude von wem genutzt werden und möglichst viele Menschen und Belange miteinander kombinieren

Petra Weigart

Du bist wie erwähnt im Münchner Kollektiv Common Ground. Worum geht es dabei?
Wir sind ein interdisziplinäres Kollektiv, das sich mit Freiräumen, Leerständen und Zwischennutzungen auseinandersetzt. Wir haben über die letzten Jahre einige Zwischennutzungen mitkoordiniert und konnten einige Leerstände aktivieren – manchmal für kurze Zeit, manchmal auch länger. Bei uns kommen verschiedene Weltsichten mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen zusammen. Wir bieten für Menschen, die Raum suchen und keinen haben – vor allem im soziokulturellen Bereich – eine Anlaufstelle.

Junge Künstler*innen können sich in der frühen Schaffensphase zusätzlich zu den hohen Mieten nicht auch noch eine Ateliermiete leisten. Um das ein bisschen aufzufangen, setzen wir uns mit städtischen und staatlichen Flächen als auch privatwirtschaftlichem Leerstand auseinander. Die Mietkosten sollten dabei möglichst null sein. Das funktioniert mit vielen Immobilienfirmen auch ganz gut, weil ihnen klar ist, dass es nichts bringt, jahrelangen Leerstand zu erzeugen und es der Stadt- und Quartiersentwicklung dient, soziokulturelle oder künstlerische Disziplinen in verschiedenen Orten in der Stadt zu verankern und damit jedes Viertel attraktiver und „lebenswerter“ zu machen.

Hast du konkrete Beispiele?
In einer ehemaligen Berufsschule konnten wir den Raum für ein halbes Jahr unterschiedlichen Gruppen verfügbar machen, von der Schüler*innenvertretung über Fridays For Future bis hin zu einer Kerzenzieherei und Atelier- und Studioräumen. Aktuell arbeiten wir an einer weiteren Aktivierung eines Leerstands, der dieses Jahr noch abgerissen wird. Die Immobilienfirma stellt uns den Raum für einen symbolischen Euro Miete zur Verfügung.

Geht man durch Ingolstadt, läuft man auch schnell an Leerständen vorbei. Immer mal wieder finden diese für Kunstaktionen Verwendung, aber ein dauerhaftes Konzept ist das nicht. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie die Innenstadt der Zukunft aussehen wird?
Der Kaufhauswahn und Überfluss der letzten Jahrzehnte lässt jetzt seine Lücken, die wir ganz dringend wieder füllen müssen! Aber nicht mit materiellem Konsum, denn der funktioniert in der Innenstadt offensichtlich nur noch begrenzt. Wir sollten uns immateriellem Konsum zuwenden, seien es Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Konzerte, Ausstellungen oder Galerien. Es muss einfach viel interdisziplinärer gedacht werden, wenn wir uns überlegen, wie wir unsere Innenstädte künftig beleben wollen. Nur durch Einkaufen funktioniert es nicht.

Es gibt große Kinokomplexe, in die man nur noch geht, um Filme zu sehen und in Konzerthallen nur noch, um Konzerte zu hören. Das müssen wir aufbrechen und verschiedene Diszplinen nebeneinander – bestenfalls in gleichen Gebäuden – verorten, um Begegnungsorte zu schaffen, die attrakiv sind.

Der Kaufhauswahn und Überfluss der letzten Jahrzehnte lässt jetzt seine Lücken, die wir ganz dringend wieder füllen müssen!

Petra Weigart

Wie bist du überhaupt auf das Thema Stadtentwicklung und Raumnutzung gekommen?
Mit dem Thema Stadtentwicklung beschäftige ich mich seit der Pandemie, mit der Raumnutzung aber definitiv schon länger, weil ich als Clubbetreiberin gemerkt habe, dass wir zwar am Donnerstag ein Konzert haben und am Freitag und Samstag den normalen Clubbetrieb, aber von Sonntag bis Donnerstag stehen einfach die meisten „Vergnügungsstätten“ leer. Ich finde das untragbar. Es sind sehr attraktive Flächen. Man kann dort laut sein, was in der Stadt ein sehr hohes Gut ist. Ich fand immer wichtig, dass dieser temporäre Leerstand für Sozio- und Subkultur genutzt wird. Sei es als Probenraum, als Flohmarkt mit Fundsachen aus dem Club oder als Plenarraum für Gruppen. Einfach zu realisieren, dass Betriebe auf Flächen sitzen, die sie nicht voll ausnutzen, ist schon wichtig.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Bürobegäude, die nur von 9 to 5 bespielt werden und die restliche Nacht leerstehen. Ich glaube, wir müssen mehr darüber nachdenken, in welchen Zeiträumen welche Gebäude von wem genutzt werden und möglichst viele Menschen und Belange miteinander kombinieren. Natürlich könnte man nachts in einem Bürogebäude ein Tonstudio betreiben, da störe ich ja keinen.

Petra, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch.

Interesse an Tiny-Projekten? Vernetzt euch gerne mit Petra Weigart über Instagram @p_t2_ oder Facebook.

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