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Vinyl, Baby!
Wie die Schallplatte wieder nach Ingolstadt kam
Stellen Sie sich vor, es gäbe in Ingolstadt einen Ort, der alle Sinne bedient. Ein Ort, an dem immer Musik spielt, alle willkommen sind, Vinyl greifbar ist, Retro erlebbar, Liebe spürbar, die Augen glitzern und der espresso schmeckt. In der Schäffbräustraße gibt es so einen Ort.
VON STEFANIE HERKER
„Jede Großstadt braucht einen Plattenladen“, sagt Baba Pann. „Ich wollte der Stadt schon lange so etwas geben!“ Das ist eine Ansage. Während über Leerstände und mangelnde Vielfalt in der Stadt gejammert wird, hat der 42-Jährige vor knapp drei Jahren einfach gemacht, was er ohnehin liebt: Musik als Treffpunkt. Baba Records – angelehnt an Wah Wah Records Barcelona – ist ein Platz der Begegnung. „Jeder lebt so in seiner Bubble vor sich hin, schaut beim Laufen durch die Stadt auf sein Handy. Ich finde es ganz wichtig, dass es noch Orte gibt, an denen man sich trifft, miteinander redet, gute Musik genießt.“





Vinyl ist wieder gefragt. Das hat auch Baba erkannt. Und zwar nicht nur bei Nostalgikern, sondern auch bei Leuten, die Spotify im Schlaf bedienen können. Warum? Weil Vinyl etwas kann, was Streaming nie schafft: Es macht Musik greifbar. Ein Album ist nicht nur ein Klick, sondern ein Objekt, ein Ritual – Platte rausziehen, vorsichtig auflegen, die Nadel senken, dieses Knistern, bevor der erste Ton erklingt.
In Babas Plattenladen zu stöbern, fühlt sich ein bisschen an wie eine Schatzsuche. Man blättert durch die schweren Cover, mal glänzend, mal abgenutzt, und jeder Griff kann ein kleiner Glücksfund sein: ein seltenes Erstpressungsschätzchen, ein Cover so wild, dass man es einfach mitnehmen muss, oder ein Song, der längst vergessen war und plötzlich wieder ins Herz springt. Es riecht nach Vinylstaub und Geschichte. Was noch? Vinyl ist langsam in einer schnellen Welt. „Es zwingt uns, hinzuhören, statt weiterzuwischen“, weiß der DJ. Die Magie gehört zum Geschäft.
Die Größe des Ladens war für Baba perfekt und die Vermieter waren vom Konzept auch sofort begeistert. „Ich habe lange gesucht“, gibt Baba zu. Die Fassade mit der massiven Holztür – Nostalgie pur. Dass auch Kinder willkommen sind, sieht man schon am Eingang, der von zwei Hüpftieren und einem Bobbycar markiert wird. Baba hat den Laden selbst konzipiert und eingerichtet. Aus einem Mix aus Flohmarkt-Möbeln, Vintage-Stücken und Holz vom Baumarkt wurde seine Vision Wirklichkeit.
„Ich suche nicht, ich finde!“
Seine Kaffeetheke war ursprünglich mal ein Apothekenschrank – aus der Harderstraße. Neben Vinyl-Sammlungen und Platten – schon zum kleinen Preis – findet man hier Relikte wie alte Schallplattenspieler, Kassetten, Poster und Bücher. Der Laden könnte direkt aus Berlin importiert sein. Kein Zufall, denn der geborene Münchner, der im Alter von zwei Jahren nach Ingolstadt kam, lebte zwischenzeitlich zehn Jahre in der Hauptstadt. Aber: sein Herz schlägt für Ingolstadt.



„Ich liebe Ingolstadt“,
sagt er mit einer inneren Überzeugung. Der Plattenladen ist nur eines seiner leidenschaftlichen Projekte in Ingolstadt. Er ist Werbetechniker von Beruf. Am Wochenende steht er an den Turntables als DJ. Früher im Maki. Jetzt mal hier und da in Ingolstadt. Am liebsten legt er Hip Hop, Funk und Soul auf. Wenn er selbst eine Platte wäre, dann wohl eine Mischung aus Miles Davis, Al Green, Wu-Tang, The Clash, Talking Heads and Black Sabbath. So vielfältig wie er selbst, ist auch seine Kundschaft. „Sie kommen aus allen Ländern: Amerika, Italien, England, Schweden, Polen..“. Wie kommt’s? „Nerds gibt’s überall“, scherzt Baba. „Musikliebhaber, die als Touristen oder arbeitstechnisch in einer Großstadt unterwegs sind, schauen einfach, ob es dort einen Plattenladen gibt.“ Baba ist selbst leidenschaftlicher Sammler. Und: er ist Optimist. Er findet, viel mehr Leute sollten sich einfach trauen, einen Laden zu eröffnen.
„Wir sind da, um die Stadt zu gestalten. Jeder Einzelne kann etwas tun.“
Auf vierzehnseitige Fördergeldanträge hat er verzichtet. „Ich finde in Sachen Bürokratie wird es einem unnötig schwer gemacht.“ Etwas schade findet Baba es schon, dass es an kleinen Läden in Ingolstadt fehlt. Neben ihm ist der kleine Fahrradladen Fahrenhaid angesiedelt. Ebenfalls klein, aber fein. Mit Herz und Seele. Viele Läden kämpfen aktuell ums Überleben, müssen noch dazu Coronahilfen zurückzahlen. Doch Babas Motivation ist es, Riesen wie Primark, H&M oder anderen Ketten nicht das Feld – sein Ingolstadt – zu überlassen. „Wenn man sieht, was die Leute an Primark-Tüten durch die Stadt schleppen, wird einem schon ein bisschen schwindelig.“ Er unterstützt da lieber regionale Shops und findet inhabergeführte Läden wie reflections am Rathausplatz oder glore – mit fairer Fashion – in der Theresienstraße gut. Baba Records soll klein und schnuckelig bleiben. Hin und wieder mal ein kleines Konzert im überdachten Hinterhof nebenan, gemütliche Musik-Sessions unter Musikliebhabern oder einfach nur Kaffeespezialitäten genießen und einen kleinen Plausch führen.

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