Notstand bekämpfen

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Notstand bekämpfen

Carlos Alvarez de la Rosa ist Pflegefachmann im Seniorenzentrum Dietrich-Bonhoeffer. Seit neun Jahren lebt er mit seiner Frau Steffi und seinen zwei kleinen Kindern Raffaela und Leonardo in der Region 10, zunächst in Buxheim, nun in Ingolstadt. Er möchte das Thema Pflegenotstand und würdevolle Pflege im Alter in den Fokus der Menschen rücken und kandidiert unter anderem dafür für den Ingolstädter Stadtrat auf der Liste der Grünen.

"Manchmal weinen sie. Manchmal reden sie vom Krieg."

Wenn man mit Carlos durch die Gänge des Senioren-Zentrums Dietrich-Bonhoeffer streift, merkt man ganz schnell, wie viel Herzblut er in seine Arbeit steckt. Er hat dieses ehrliche Lächeln mit einem Glitzern in den Augen und eine ganz besondere, offene Art, die man nicht oft bei Menschen vorfindet, die das Eis sofort bricht.

Carlos wurde in Mexiko geboren. In der Metropole Guadalajara lebte er mit seinen Eltern, drei älteren Schwestern und einem jüngeren Bruder. „Wir waren nicht reich, aber es hat uns an nichts gefehlt“, erinnert sich Carlos. Sein Vater hatte eine Firma, die Mutter war Angestellte bei einer Bank. Als sich die Eltern trennen, zieht Carlos zwischenzeitlich mit seiner Mutter und den Geschwistern in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung am Rande der Metropole. Als er 14 war, wanderte sein Vater nach Kanada aus. Mit 15 hörte Carlos am liebsten Punk-Musik. Seinen 18. Geburtstag wird er nie vergessen. „Ich war mit Freunden auf der Straße unterwegs zu einer Party. Aus dem Nichts kam ein Unbekannter auf mich zu und sagte, dass ich sterben werde. Er hielt mir eine Pistole an den Kopf. Jemand hatte mich verwechselt. Es war ein absoluter Schreckmoment, aber glücklicherweise kam jemand dazwischen und die Situation klärte sich, bevor sie eskalierte!“

Er lebte in einem gefährlichen Viertel, in dem es regelmäßig Schießereien gab. „Ja, es war ein Ghetto.“ Diese Umstände brachten den jungen Mann in Kontakt mit Philosophie. Friedrich Nietzsche. Hermann Hesse. „Natürlich haben wir manchmal von einem besseren Leben geträumt. Ich hatte den Glauben daran, wir könnten uns eine eigene, neue Realität erschaffen, wenn wir nur wollten.“

Wenn man sich Pflege ohne Migranten vorstellt, haben wir ein großes Problem.

Carlos arbeitete in einem Jugend-Institut und organisierte Kunstausstellungen und Konzerte. Bei einem Tanz-Event auf offener Straße lernte er seine jetzige Frau Steffi aus Buxheim kennen. Sie war Austausch-Studentin der KU Eichstätt. „Wir tanzten gemeinsam, verstanden uns gut. Am Anfang wussten wir aber nicht, ob uns eine gemeinsame Zukunft überhaupt möglich ist.“ Aber weil Liebe keine Grenzen kennt, haben Carlos und Steffi es geschafft. Carlos arbeitete zunächst drei Jahre lang als ungelernter Pflegehelfer im Caritas Seniorenheim in Gaimersheim. Später absolvierte er dann eine Ausbildung bei der Diakonie in Ingolstadt. „Herr Müller, mein Chef, hat an mich geglaubt und ließ mich eine Ausbildung machen, nachdem ich meine Deutschkenntnisse etwas verbessert hatte.“ Seit wenigen Wochen ist Carlos generalistischer Pflegefachmann für Senioren, Kinder und in der Krankenpflege. Wenn er Frühschicht hat, steht er um halb fünf auf, um sechs beginnt die Schicht.

Carlos ist Pfleger in einer geschlossenen Abteilung für Demenz. Geschichten erzählen könnte er viele. Die Menschen hier reden manchmal von Hitler. Vom Vergiften. Vom Krieg. „Sie erinnern sich an Dinge von früher.“ Carlos erinnert daran, wie oft man beispielsweise an Silvester an das Leid der Tiere denkt, wohl aber nicht an die Menschen, die Krieg erlebt haben. „Viele Bewohner hier, vor allem die mit Demenz, leiden an Silvester an der Vorstellung, dass wieder Bomben fallen. Sie glauben, es wäre Krieg. Was tun wir diesen Menschen bloß an?“

Carlos innerer Ansporn ist es nicht nur, den Spagat zwischen dem Anspruch der Leitung und dem zu pflegenden Menschen gerecht zu werden – er will mehr. „Ich möchte den Menschen ihre Würde zurückgeben. Sie haben mehr verdient, als das, was wir ihnen geben können.“ Der Druck in der Pflege ist enorm. Wenig Personal, wenig Zeit, enorme Verantwortung. „Fließbandarbeit geht in der Wirtschaft, aber nicht da, wo es um Menschen geht.“ Der Beruf eines Pflegers muss seiner Ansicht nach auch attraktiver werden. Menschen, die diesen Beruf ergreifen, sollten stolz darauf sein können, den Senioren einen so wichtigen Dienst zu erweisen. „Was, wenn wir als Gemeinschaft wieder mehr zusammenwachsen?“ Patenschaften oder Benefits für Pflegekräfte schlägt der 34-Jährige vor. Die Ideen gehen ihm nicht aus und er weiß, woran es hakt. Im Ingolstädter Stadtrat möchte er sich deshalb gerne für dieses Thema mit kommunalen Ideen einsetzen. „Und wir sollten auch in Ingolstadt viel öfter einfach auf der Straße zusammen tanzen“, schlägt er vor. „Das stärkt die Gemeinschaft.“

Carlos Buchtipp: „Rhizom“ (1977), von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Rhizom ist ein einflussreicher philosophischer Text, der neue Wege des Denkens vorschlägt. Statt Wissen, Gesellschaft oder Identität als hierarchisch und geordnet zu verstehen, beschreiben die Autoren das Bild des Rhizoms – eines vernetzten Wurzelgeflechts ohne klare Mitte. Damit plädieren sie für ein offenes, dynamisches Denken, das Vielfalt, Verbindungen und Veränderung in den Mittelpunkt stellt. Der Text hat besonders Kultur-, Sozial- und Medienwissenschaften stark geprägt.

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