Sieger der Herzen

Interview Sabine Kaczynski | Fotos: Kaczynski, privat

Trotz der Niederlage im Kampf um die Deutsche Meisterschaft wird ERC-Goalie Jonas Stettmer zum Matchwinner

ERC-Goalie Jonas Stettmer erlebte in der Finalserie um den Deutschen Meistertitel die wohl verrückteste Zeit in seiner bisherigen Eishockeykarriere. Völlig überraschend ins eiskalte Wasser geworfen, schlug nach den Ausfällen der beiden Stammtorhüter Michael Garteig und Kevin Reich die Stunde des Youngsters. Für das espresso Magazin lässt der Publikumsliebling die Spiele noch einmal lebendig werden.

Jonas, erstmal herzlichen Glückwunsch zu deinen unglaublichen Auftritten in der Finalserie. Wie hast du die Situation nach dem Sieg in Spiel drei in München erlebt?
Ich hatte nur wenig Zeit, das Ganze zu verarbeiten, weil es ja am Freitag direkt wieder weiter ging. Es war schon sehr viel, was da nach der Partie auf mich zukam – aber die vielen sehr netten Kommentare haben mich unheimlich gefreut. Lange genießen konnte ich sie allerdings nicht, denn wir haben sofort den Fokus auf Spiel vier gelegt.

Ihr habt nach dem Spiel einen Tag frei bekommen – wie hast du den verbracht?
Da gibt es nichts Weltbewegendes zu erzählen. Physio, Recovery, Spazierengehen, Essen kochen – mehr war da nicht (lacht).

Blicken wir mal zurück: Wann, wie und von wem hast du erfahren, dass du das dritte Finalmatch bestreiten wirst?
Direkt nach dem Pre-Game-Skate in Ingolstadt. Nach Gesprächen mit Kevin hat mir mein Torwarttrainer Varian Kirst kurz und schmerzlos gesagt: Du spielst, du stehst heute im Tor!

Wie war deine Reaktion auf diese Entscheidung?
Erstaunlicherweise war ich sehr gelassen, ich bin nicht in Panik geraten, sondern habe mir einfach keine großen Gedanken darüber gemacht.

Du hattest danach noch einige Stunden Zeit bis zum Spielbeginn – warst du da nicht schrecklich nervös?
Ich habe versucht, es auszublenden und gar nicht daran zu denken, der Kopf fing erst in München an zu rattern. Dann habe ich erst realisiert, dass das kein Spaß mehr ist, sondern es wirklich los geht.

Geht man anders als sonst in so ein wichtiges Spiel?
Ich glaube, es wäre der größte Fehler gewesen, anders als sonst ins Match zu gehen. Letztlich ist Eishockey eben Eishockey – und genauso simpel muss man es sehen. Ich bin ja schon seit Jahren beim Training der Profis dabei, das hat auch geholfen. Natürlich war es eine Riesen-Aufgabe, die ich aber versucht habe, so ruhig und entspannt wie möglich anzugehen.

Mit dir als Goalie waren im Vorfeld viele von einem Münchener Sweep überzeugt. Du hast ihnen eiskalt das Gegenteil bewiesen. Wie hast du es geschafft, auch im Spiel so unglaublich cool zu agieren?
Ich kann sehr gut mit Druck umgehen und den Spaß an einer solchen Aufgabe in den Vordergrund stellen. Ich habe die Herausforderung angenommen und es mir nicht gefallen lassen, auch das zehnte Spiel in Folge gegen den EHC München zu verlieren, sondern wollte unbedingt gewinnen. Ohnehin pushen mich solche Aussagen eher und ich will dann erst recht siegen.

Hast du dir ein Erinnerungsstück mitgenommen?
Auch wenn es wahrscheinlich nicht erlaubt ist, habe ich mir tatsächlich den Spielpuck geklaut. Der ist noch in meiner Tasche und bekommt bald einen Ehrenplatz (lacht).

Du wurdest nach dem Spiel von den Fans mit Sprechchören gefeiert. Wie hat sich das angefühlt?
Da fiel ein Riesen-Druck von mir ab und es ist einfach das Schönste der Welt, wenn die Fans deinen Namen rufen. Ich kenne kein besseres Gefühl.

Wie hast du die Heimfahrt im Bus erlebt?
Ich war echt ziemlich kaputt – trotzdem habe ich versucht, jede Nachricht, die ich über WhatsApp und Instagram bekommen habe, zu beantworten. Das war meine Hauptbeschäftigung während der Fahrt zurück (lacht).

Auch im vierten Finalspiel, das ihr zuhause leider verloren habt, hast du das Tor der Panther gehütet – wieder eine Überraschung?
Diesmal stand die Entscheidung schon einen Tag vor dem Spiel fest, sie kam also nicht mehr so kurzfristig wie in der letzten Partie.

Wie bitter ist es, eine defensive sehr starke Leistung – du als Goalie eingeschlossen – abzuliefern und gleichzeitig mit ansehen zu müssen, dass die Stürmer vorne nicht treffen?
Ein bisschen frustrierend war das schon. Man versucht, sein Tor sauber zu halten, dann passiert ein Fehler und leider schlägt der Puck bei uns ein. Manchmal fehlt einfach das Quäntchen Glück – und dann reicht es eben nicht zum Sieg.

Danach folgte Spiel 5 – wieder in München. Einerseits hatte RedBull den ersten Matchball, andererseits habt ihr das bisher einzige Spiel der Serie eben in München gewonnen. Was hattet ihr vor?
Da gibt es nur einen Matchplan: Alles in dieses Do-or-Die-Spiel reinschmeißen und den Pflichtsieg holen!

Leider hat es in einem erneut wahnsinnig engen Spiel nicht mit dem Titel geklappt: Wie lautet dein Fazit zum Entscheidungsmatch und zur ganzen Finalserie?
Wir haben heute einfach zu wenig Tore geschossen. Trotzdem war es für mich eine großartige Erfahrung, im Finale auf dem Eis zu stehen, auch wenn es letztlich ein Finale mit einem schmerzhaften Ende war.

Lass uns ein bisschen über dich persönlich sprechen: Du kommst aus einer echten Eishockeyfamilie, dein älterer Bruder spielt derzeit bei EHC Straubing in der Bezirksliga – deine Kindheit und Jugend bestand wahrscheinlich nur aus Hockey, oder?
Ja, von klein auf. Damals hat mich Mike Bales mit aufs Eis und in seinen Keller, wo Tore aufgestellt waren, zum Hockeyspielen genommen. Schule, Lernen und dann sofort raus auf die Straße und mit einem Haufen Leute einfach nur Streethockey spielen – so sah mein Alltag aus. Der Sport hat mein Leben schon dominiert.

Du bist mit 14 Jahren von zuhause ausgezogen und hast vier Jahre im NLZ-Internat gelebt – ist das nicht ein harter Schritt für einen Teenager?
Ich würde diese Entscheidung niemals bereuen, aber es war schon eine Umstellung, ganz allein klarzukommen und die Schule selbstständig zu organisieren. Natürlich sind immer Betreuer greifbar, aber man muss schon sehr schnell eigenständig werden und vieles dem Sport unterordnen. Gerade aus der aktuellen Sicht ist es aber keine Frage, dass sich dieser Schritt zu tausend Prozent gelohnt hat.

Ein anderer Beruf wäre demnach für dich gar nicht in Frage gekommen?
Zum Glück war schon sehr frühzeitig klar, dass ich Eishockey als meine Berufung sehen durfte. Auch wenn ich mal mit Jobs beim Zoll oder der Bundeswehr geliebäugelt habe, war das eigentlich nie eine wirkliche Option. Ich habe einfach den besten Arbeitgeber, den man sich vorstellen kann (lacht).

Goalies haben ja gerne ganz besondere Masken: Wer hat deine gestaltet und was ist darauf zu sehen?
Auf meinem Helm sind die beiden Teams, für die ich spiele, abgebildet – also der ERC Ingolstadt und die Ravensburg Towerstars. Zudem sieht man auf der Rückseite die bayerische Landesflagge – das war mir ganz wichtig – und die Geburtsdaten meiner Eltern und meines Bruders. Gestaltet wird sie von meinem Designer Nemo, der selber Torwart ist, nach meinen Ideen.

Du hast beim ERC seit Jahren die Möglichkeit, mit den besten Torhüter-Duos der DEL zu trainieren. Was kann ein junger Goalie von Cracks wie Timo Pielmeier und Jochen Reimer bzw. Michael Garteig und Kevin Reich lernen?
Man nimmt eigentlich von jedem Torwarttrainer und jedem Goalie-Kollegen etwas mit, schaut sich von jedem etwas ab und formt sich am Ende des Tages über alle Leute, die man kennt oder die einem Tipps gegeben haben, sein eigenes Torwartbild. Dass ich seit Jahren solche Goalie-Größen um mich hatte, ist natürlich super, denn ich liebe es, mich mit den Besten zu battlen.

Stimmt es, dass du neben deiner Goalie-Karriere auch dabei bist, die Torwarttrainerlizenz zu erwerben?
Noch habe ich nicht damit angefangen, aber es gehört definitiv zu meinen Zukunftsplänen. Ich habe auch in Ravensburg gemeinsam mit meinem Goalie-Kollegen Jonas Langmann in verschiedenen Nachwuchsteams Torwarttraining abgehalten, das macht mir großen Spaß. Zwar habe ich noch keine Lizenz, aber dieses Ziel verfolge ich weiterhin.

Du bist beim ERC des Öfteren bei Aktionen wie dem Urmel-Abzeichen der allerkleinsten Eishockey-Kids mit dabei – macht dir die Arbeit mit dem Nachwuchs Spaß?
Ja, auf jeden Fall. Ich gebe sehr gerne mein Wissen, das mir dankenswerterweise von vielen Leute vermittelt wurde, weiter und freue mich, wenn ich bei der Arbeit mit den Kindern deren Freude und Emotionen für das Eishockey weiter entfachen kann.

Jonas, vielen Dank für das Gespräch.

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