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Henker, Hexen, Folterkammer
Die dunkle Vergangenheit des Taschenturms
Gewaltsam werden ihr die Hände auf den Rücken gezwungen und mit grobem Strick fixiert. Der Henker wirft das Seil über den Balken, setzt an – Zug für Zug schießt ihr Körper nach oben. Ein dumpfer Laut, dann das Knacken ihrer Gelenke. Schreie, so durchdringend, dass sie selbst die dicken Mauern des Taschenturms überwinden, hallen hinaus auf die Straße. Die junge Frau verliert das Bewusstsein. Als sie erwacht, setzt der Henker erneut an. Panik flammt in ihr auf. „Halt!“, stößt sie hervor. „Ich gestehe… ich bin eine Hexe!“ Mit diesen Worten fällt das Urteil unausweichlich – die unschuldige Frau wird auf dem Scheiterhaufen enden.
Alles nur erfunden? Leider nicht. Den Ingolstädter Taschenturm umgibt eine sehr dunkle Vergangenheit. Eventuell ist er sogar das Gebäude mit der dunkelsten Vergangenheit der Stadtgeschichte? „Auf jeden Fall“, ist sich Stadtführerin Silvia Münzhuber sicher. Wer heute durch den Torbogen spaziert, wird kaum im Sinn haben, dass direkt darüber einmal eine Folterkammer lag. Etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt die dunkle Vergangenheit des Taschenturms. Als der Striegelturm am Holzmarkt aus allen Nähten platzt, wird der Taschenturm zum neuen Gefängnis der Stadt. Neun Zellen gibt es dort fortan. Ende des 16. Jahrhunderts beginnen in Ingolstadt die ersten Hexenprozesse – in den kommenden Jahrzehnten werden unschuldigen Frauen in der Folterkammer unvorstellbare Grausamkeiten angetan.
„Es gab drei Stufen der Folter“, erklärt Münzhuber. Zuerst wurden der vermeintlichen Hexe die Folterinstrumente nur gezeigt. Anschließend wurde erklärt, wie diese gleich eingesetzt werden würden. Erst in der dritten Stufe wurde dies schließlich auch getan. „Nach dreimaliger Folter ohne Geständnis galt man eigentlich als unschuldig und musste entlassen werden. Aber die Hexerei galt als Sonderverbrechen“, erklärt die Stadtführerin. Heißt: „Normale Regeln galten nicht, die Folter durfte beliebig oft wiederholt werden.“ Irgendwann führte die Folter also zwangsläufig zum Geständnis – außer man überlebte sie nicht.
Nicht jedem waren die Folterungen hart genug. Maximilian, Sohn von Herzog Wilhelm V. von Bayern, und absolut dem Hexenwahn verfallen, beschwerte sich bei seinem Vater über die lasche Vorgehensweise. Maximilian selbst nahm öfter an Verhören und Folterungen teil. So schrieb er seinem Vater, der Ingolstädter Rat hätte „nit viel Lust (dazu)“. Tatsächlich war es so, dass sich viele Räte von der Teilnahme entschuldigen ließen, erklärt Münzhuber. Man mag es ihnen nicht verübeln. Maximilian I. hat sogar seine eigene Frau der Hexenprobe unterzogen, da sie ihm keinen Sohn gebar.
Trotz aller Grausamkeiten: Ingolstadt kam bei den Hexenprozessen eine Sonderrolle zu. „Der Umstand, daß die Hexenverfolgungen in Ingolstadt verhältnismäßig glimpflich verliefen, war vor allem den Mitgliedern der juristischen Fakultät an der Hohen Schule zu verdanken, die sich zum Teil von Anfang an vehement gegen den Hexenglauben gewandt hatten“, schreibt dazu Edmund Hausfelder in einem Text über die Ingolstädter Hexenprozesse. „Beileibe nicht jede Frau, die in Ingolstadt wegen Hexerei angeklagt wurde, wurde auch verurteilt“, ergänzt Münzhuber. Im nahen erzkatholischen Eichstätt sah das schon ganz anders aus. „Hier wurde mit eisernem Besen gekehrt“, sagt die Stadtführerin.
Überliefert ist etwa der Hexenprozess der Katharina Nickhlin. Die Hofschneiderin flieht von Eichstätt nach Ingolstadt, um der Verfolgung durch den Fürstbischof von Eichstätt zu entgehen. Doch der lange Arm des gnadenlosen Bischofs Johann Christoph von Westerstetten reichte bis nach Ingolstadt. Nickhlin wird 1630 in Ingolstadt gefasst und als Hexe verbrannt. „Als besonderer Gnadenakt erdrosselt sie der Henker vor der Verbrennung“, heißt es in Barbara Leiningers Buch Zeit der Frauen. „Damals war man von der Existenz der Hexen überzeugt“, sagt Münzhuber. Man flüchtete sich in den Aberglauben, um Schicksalsschläge erklärbar zu machen. „Aus heutiger Zeit mutet das natürlich grotesk an. Aber man brauchte Antworten. Warum verendet das Vieh? Warum wird das Kind krank? Warum verdirbt die Ernte?“ Da kam ein Sündenbock gerade recht. „Es war damit aber natürlich auch sehr einfach, sich einer unliebsamen Nachbarin zu entledigen.“ Ein Systemfehler, der das Ganze noch zusätzlich befeuert haben dürfte: „Denunzianten bekamen eine Belohnung“, so Münzhuber. Unter Folter mussten die Frauen preisgeben, „wen sie am Hexensabbat am Blocksberg noch alles getroffen hätten“, sagt sie. Das führte zu weiteren Anklagen. „Auch die Kinder wurden befragt. Man legte ihnen vieles in den Mund, damit sie die eigene Mutter bezichtigten.“
Im Mittelpunkt aller Grausamkeiten stand der Henker. Aber sein Arbeitsalltag bestand lange nicht nur aus Folter und Hinrichtungen. „Er hatte sehr viele Aufgaben. Als sogenannter Abdecker verwertete er tote Tierkörper, außerdem reinigte er – von Hand – die Schutter. Den Dreck verkaufte er an die Bauern als Dünger für deren Felder.“ Und, schon ein bisschen lustig: „Er hatte die Aufsicht über die Prostitution.“ Der Henker als Zuhälter. All das hatte für den Henker allerdings einen Preis. Er war ein Ausgestoßener, von den Bürgern wurde er gemieden. „Berührte man ihn, galt man als infiziert und wurde aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen“, erklärt Münzhuber. Selbst der Pfarrer verweigerte ihm die Hostie. Nur des Nachts schlich man sich zu seiner Wohnung und erbat sich so manchen Heiltrank. „Das Blut eines Geköpften galt es Heilmittel gegen Epilepsie.“ Auch die Redewedung „Ich drück‘ dir die Daumen“, kommt aus dieser Zeit. „Hoch im Kurs standen die Fingerknöchelchen eines Gehenkten, als Glücksbringer. Am teuersten war der Daumen. Man steckte ihn in den Geldbeutel und drückte ihn dort von Zeit zu Zeit. Er sollte Glück bringen und vor Dieben schützen.“
Gewohnt hat der Henker übrigens nicht im Taschenturm, der Henkersknecht hingegen schon. „Der Henker wohnte ein Stück die Straße runter, neben der alten Anatomie, weswegen die Straße lange Zeit Scharfrichtersgasse hieß. Die mieseste Wohngegend der damaligen Zeit“, so Münzhuber, die für die Führung „Gsündigt, Gstraft, Gricht“ regelmäßig selbst in das Gewand des Henkers schlüpft. „Es war sicher schrecklich, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Die Leitfigur für meinen Henker war der Boandlkramer aus Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben. Der Boandlkramer ist ein bisschen leutselig, er würde gerne dazugehören und heischt um Anerkennung. So habe ich mich in den Charakter hineingefühlt.“ Trotz aller Grausamkeiten, bei den Führungen geht es übrigens mitunter durchaus heiter zu. Galgenhumor sozusagen.
Selbst in den Gaststätten saß der Henker alleine in der Ecke. In Ingolstadt weiß man sogar wo: im auch jetzt noch als Kneipe existierenden Englwirt. „Dort saß er alleine auf einem dreibeinigen Schemel, was den Galgen symbolisieren sollte. Der Krug war angekettet, damit niemand anderes daraus trank“, erklärt Münzhuber. Da man den Henker nicht berührte und ihm demzufolge auch nicht die Hand gab, wurde zur Begrüßung dreimal auf den Tisch geklopft. „Ein Brauch, der sich bis heute in Gaststätten mitgetragen hat“, erklärt die Stadtführerin.
Bereits im frühen Jugendalter begann die 6-jährige Ausbildungszeit des Henkers. Der Berufsweg war damals Familiensache. Der älteste Sohn musste Henker werden, ob er wollte oder nicht. Auch durfte nur in andere Henkersfamilien hineingeheiratet werden. Nach der Ausbildung ging es vier Jahre auf Wanderschaft. Im Anschluss folgte die Meisterprüfung. Das Meisterstück: einen Kopf mit einem einzigen Hieb abzuschlagen.
Wenn der zum Tode verurteilte über die Maßen leiden musste, kam es schonmal vor, dass sich der Volkszorn auf den Henker richtete. „Für Ingolstadt ist überliefert, dass man den Henker 14 Tage ins eigene Gefängnis sperrte – zum Schutz vor der aufgebrachten Menge“, so Münzhuber. In anderen Städten kam es gar vor, dass der Henker für seine schlechte Arbeit gelyncht wurde. Zum Glück hat sich eine solche Arbeitsbewertung nicht durchgesetzt, da wäre heutzutage so manche Abteilung ziemlich ausgedünnt.
Termine für Stadtführungen 2026
21.06. & 09.08. | Tatort Ingolstadt:
Der Mordfall Prantner mit Silvia Münzhuber, Ute Lottes, Christine Kern
31.05. & 12.07. | Gsündigt, Gstraft, Gricht: Das Rechtssystem im Mittelalter mit Silvia Münzhuber, Ute Lottes
26.07. und 06.09. | Hier stinkt’s gewaltig: Von Gerbern, Henkern, Seuchen mit Ute Lottes
Stadtführungen auch für Geburtstage o.Ä. buchbar: stadtfuehrung-ingolstadt.de
Der Henker war übrigens auch dafür verantwortlich, dass der Gefolterte nach der ganzen Pein eigenständig zur Hinrichtungsstätte gehen konnte. Ganz nach dem Motto: Zamgricht, hergricht, hi’gricht. Der letzte Ingolstädter Henker, Johann Ritzer, starb 1838. Er ist auf dem Westfriedhof bestattet. „Aus den Henkersdynastien gingen sehr viele Apotheker und Ärzte hervor“, so Münzhuber. Auch Ritzers Sohn wurde Pharmazeut.
Auf einer gesellschaftlich ähnlich niedrigen Stufe wie der Henker standen übrigens Schäfer, erklärt sie. Diesen sagte man, nun ja…, aus Ermangelung an Frauen auf der Wanderschaft ein amouröses Verhältnis zu ihren Tieren nach. „Ob das so stattgefunden hat, ist wieder was anderes“, lacht Münzhuber. Seit knapp 20 Jahren führt sie Einheimische und Touristen durch die Stadt. Sie macht es mit Leidenschaft, das spürt man. Wie lange noch? „So lange die Füße mich tragen“, antwortet sie mit einem Lachen.

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