Gewöhnlicher Beruf, ungewöhnliches Leben

Postboten – und das ist jetzt die rein subjektive Einschätzung unseres Redakteurs – strahlen immer eine besondere Art innerer Ausgeglichenheit aus. Auch Richard Neugebauer besitzt diese Ausstrahlung – und obwohl er seit rund eineinhalb Jahren in Pension ist, hat er sie bis heute nicht verloren. Jetzt könnte man natürlich die Frage mit der Henne und dem Ei stellen: Gehen Menschen mit einer gewissen inneren Ruhe gerne zur Post – oder eignen sie sich diese Ruhe im Laufe der Jahre dort an? In 52 Berufsjahren (kein anderer Beamter hat bei der Post so lange gearbeitet) hätte der 68-Jährige allemal die Zeit dazu gehabt. Abschließend lässt sich das wohl kaum klären, nur eines gilt für Richard Neugebauer ganz gewiss: er war Postbote aus Leidenschaft. Eigentlich wäre er es immer noch gerne.

Richard Neugebauer

DER RADELNDE POSTLER
Als "Radelnder Postbote" machte sich der gebürtige Zandter Richard Neugebauer einen Namen. Seit Anfang der 90er reiht er eine spektakuläre Aktion an die nächste. Ob quer durch Russland (6.430 km in 36 Tagen) oder Europa (7.930 km in 23 Tagen): auf dem Drahtesel macht ihm so schnell keiner was vor. Rund 1,5 Stunden war er in den heiligen Hallen der espresso-Redaktion zu Besuch und gab Einblick in sein, im wahrsten Sinne des Wortes, bewegtes Leben.

Der Glücklichmacher

Was macht dieser Beruf für ihn aus? Ganz einfach: er freut sich, wenn er andere glücklich machen kann. Wenn er handgeschriebene Briefe zustellt (Neugebauer: “Das machen meist nur noch junge Mädchen.”). Wenn er einem Abonnenten seine Zeitschrift bringt. Wenn er den Menschen Päckchen an Weihnachten überreicht. Kurzum: Neugebauer sieht sich als Überbringer guter Nachrichten und guter Gefühle. So hoch schätzt er das geschriebene Wort, dass er an seinem Geburtstag und an Weihnachten eines nicht macht: ans Telefon gehen. “Wenn ich für jemanden wichtig bin, dann soll er mir ein paar Zeilen schreiben. Zum Hörer zu greifen und ein paar Knöpfe zu drücken, das geht gar nicht. Es muss noch Persönlichkeit dabei sein. Briefe schreiben ist etwas Schönes.”

Neugebauer ist schon ein wenig der Typ fürs Extreme – trotz (oder wegen?) der inneren Ruhe, die er eigentlich ausstrahlt. Einen Namen hat sich der gebürtige Zandter durch das Radeln gemacht – und zwar nicht nur ein bisschen Radeln, sondern so richtig. Den Beginn machte er 1992 mit einer 36-tägigen und 6.430 Kilometer langen Tour durch Russland – entlang der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok. Diese und viele andere Touren (etwa knapp 8.000 Kilometer durch Europa anlässlich der Europawahl oder eine 1.530 km lange Umrundung Bayerns) hält er auf seiner Webseite radelnder-postbote.de fest. Zur Russland-Tour kam es, weil die Beziehung mit seiner damaligen Freundin auseinanderging. Die Enttäuschung war groß, etwas Neues musste her. Manche gehen dann zum Friseur und lassen sich einen neuen Haarschnitt verpassen oder die Haare färben. Neugebauer suchte die Herausforderung auf dem Rad in Russland. Extrem eben. Geübt war er durch das Postaustragen auf dem Rad ohnehin, als Fußballer war er körperlich fit genug. Dennoch trainierte er natürlich im Vorfeld ordentlich.

Vor kurzem war Richard Neugebauer wieder in der Tagespresse vertreten: Für eine Benefiz-Aktion spielte er 24 Stunden Golf (Foto: Wiesinger)

Der Spion

Wenn er über Russland berichtet, hat er 28 Jahre später noch immer ein Leuchten in den Augen. “Ich stellte fest, dass ich ein Land bereist hatte, das wunderschön ist und abwechlungsreich. Nie hatte ich eine solche Gastfreundschaft erlebt, wie in diesem Land, das für viele immer noch ein fremdes ist”, schrieb Neugebauer einmal als Fazit in einem Reisebericht. Sein Bruder und zwei Dolmetscher begleiteten ihn damals (im Auto, nicht per Rad). Der Grund für seine Tour war ohnehin ein sehr nobler: Völkerverständigung. Und da die Welt nun einmal nicht hinter Russland endet, ging es für Neugebauer anschließend noch per Schiff nach Japan. In Yokohama angekommen begrüßte ihn der deutsche Kulturattaché und lud ihn für den nächsten Tag zum Essen ein. Dort eröffnete ihm der Attaché den eigentlichen Grund für seine Einladung. Von der Bundesregierung habe er eine Nachricht bekommen, ob es sich bei dem deutschen Radler nicht möglicherweise um einen Spion handeln könnte, lacht Neugebauer beim Erzählen. Spion ist er keiner, daher kann er auch so freizügig über seine Erlebnisse berichten.

Doch der Radelnde Postbote muss auf dem Rad nicht zwangsläufig Kilometer zurücklegen. Gleich mehrmals absolvierte er einen 24-stündigen Unterwasserradelmarathon. Gerne würde ich wissen, was anstrengender ist: einmal quer durch Russland oder 24 Stunden unter Wasser auf der Stelle treten? “Kann man das vergleichen”, höre ich als Gegenfrage. “Vermutlich nicht, ich frage aber trotzdem”, antworte ich. Eine Antwort erhalte ich keine, aber die Geschichte ist trotzdem amüsant. Eine Agentur aus Hamburg kam auf Neugebauer zu und organsierte eine Pressekonferenz gemeinsam mit Rennradweltmeister Rudi Altig, bei der Neugebauer seine Unterwasseraktion vorstellen durfte. Nicht lange nach der Pressekonferenz erhielt er einen Anruf der Agentur, man hätte nun ein passendes Becken vom ZDF organisiert. Eben dieses Becken ging aber zum Schrecken aller beim Transport kaputt. “Uns fällt schon was ein”, erklärte die Agentur.

Sado-Maso-Hilfsaktion

In Hamburg angekommen, sah Neugebauer dann schon das fast schon winzige Becken mit Spinningrad auf dem Rathausplatz stehen. “Was ist denn das?”, fragte er etwas verwundert. “Ja, Herr Neugebauer, wir haben da noch etwas aufgetrieben – aus dem Sado-Maso-Studio”, hörte er damals als Antwort und lacht bei der Erinnerung. Damit aber nicht genug, der Sponsor fand es auch noch eine gute Idee, volle Bierdosen ins Becken zu werfen, die dann werbewirksam um Neugebauer herum schwammen. Aber auch damit nicht genug, während der ersten Etappe von rund zwei Stunden kam er immer stärker ins Schwitzen. “Mir ist es immer schlechter gegangen”, sagt er. Nach zwei Stunden schließlich stieg er ab (kurze Pausen waren erlaubt) und hing über dem Beckenrad. “Ich kann nicht mehr. Ich bin fix und fertig”, sagte er zu seinem Physiotherapeuten Peter Weigl, der ihn drei Jahrzehnte bei seinen Aktionen begleitete. “Wie bitte, zwei Stunden und du kannst nicht mehr?! Schau mal die Leute an!”, entgegnete dieser entsetzt. Schließlich stellte man fest, dass das Wasser mit Tauchsiedern auf eine Temperatur von 36 Grad Celsius aufgeheizt war – irgendwer wollte wohl verhindern, dass dem Unterwasserradler kalt werden würde. Problem erkannt, Gefahr gebannt. Anschließend zog Neugebauer bei verträglicheren 18 Grad Wassertemperatur die Aktion durch. Alle seinen Geschichten kann er noch erzählen, als wären sie gestern passiert.

24 Stunden strampeln – ob über oder unter Wasser – ist für den Radelnden Postboten übrigens überhaupt kein Problem. “Das ist für mich keine Herausforderung”, sagt er. Selbst bei 72 Stunden am Stück müsse er keinen Schlaf nachholen.

Kürzlich war Richard Neugebauer wieder in der Tagespresse vertreten: 24 Stunden spielte er Golf für eine Charity-Aktion. Ob es für einen Weltrekord reicht, wird gerade geprüft. Drei ganz offizielle Einträge im Guinessbuch hat er schon:

  • Spinning-Rekord (April 1997)
    632 Kilometer in 24 Stunden für einen behinderten Mitmenschen
  • Kegel-Rekord (Mai 1998)
    19.023 Holz bei 3.470 Schub in 24 Stunden für den Tierschutzverein Ingolstadt
  • Tennis-Rekord (Juli 1999)
    24 Stunden Tennis ohne Pause gegen stündlich wechselnde Gegner für Hochwassergeschädigte in Ingolstadt

Und nun?

Radeln, Kegeln, Tennis: kommt noch das dazu? Neugebauer verneint. Irgendwann muss auch mal gut sein. Obwohl er es schon gut findet, wenn er in seinem Alter quasi als “Role Model” für andere in seinem Alter herhalten kann. Rund 65.000 Euro strampelte Neugebauer im Laufe der Jahre ein. Viele Charity-Aktionen unterstützte er damit.

Aber eines ist da dann doch noch. Zu seinem 70. Geburstag möchte er noch einmal dorthin zurück, wo alles angefangen hat: nach Russland. Aber nicht etwa im Sommer, sondern im Winter. Denn Russland im Sommer mit dem Rad zu durchqueren, das wäre ja laut Neugebauer keine Herausforderung mehr. Er bleibt sich treu. Er ist ein extremer Typ – auch wenn er das von sich selbst vermutlich niemals behaupten würde.

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