Gery, der Grenzgänger

Gerhard Liebchen tourte zu Fuß durch die Sahara | Fotos: privat

Glühende Hitze am Tag, eisige Kälte in der Nacht. Eigentlich eine lebensfeindliche Umgebung – und doch so voller Leben. Die Sahara ist ein Ort der Gegensätze. Gerhard Liebchen aus Lenting begab sich dorthin, wo sonst nur Nomaden umherwandern. Aber wieso?

„2020 herrschte bei mir große Aufbruchstimmung“, sagt Gerhard, den alle eigentlich nur Gery nennen. „Ich musste etwas Neues entdecken und erleben. Ich wollte mir selbst viel beweisen – meine Grenzen neu definieren.“ Ursprünglich war das Abenteuer für April 2020 geplant. Wir erinnern uns: Corona wütete. Erst 2 Jahre später war es dann endlich soweit, im April 2022. Sechs Wochen zuvor begann Gery – der auch so viel Sport treibt – seinen Körper im Fitnessstudio gezielt auf die Sahara vorzubereiten.

„Ich habe den Bewegungsapparat an den Stellen gestärkt, die besonders beansprucht werden. Sprich: Die Beine, speziell die Knie, sowie den Rücken und die Schultern wegen des Rucksacks“, erklärt er.

Der Eindruck täuscht: die meiste Zeit war Gery zu Fuß unterwegs

Dann ging es los. Erst einmal alleine nach Marokko, nach Marrakesch. Aufregung sei vor der Abreise natürlich da gewesen, meint der Lentinger. Zum einen, weil Corona einem bis zum letzten Tag einen Strich durch die Rechnung machen konnte, zum anderen, weil es eben kein „Pauschalurlaub nach Griechenland“ gewesen sei. „Du gehst in ein Land, wo die Leute deine Sprache nicht sprechen, wo du Gesetze, Gepflogenheiten und Kultur nicht kennst“, sagt er. Es dauerte auch nicht lange, bis er merkte, wie anders die Gepflogenheiten sind, zum Beispiel auf der Straße.

„Offiziell zwei Spuren, inoffiziell vier“, lacht der 28-Jährige. Rollerfahrer ausgenommen. Hupen gehört zum guten Ton. Und wenn der Taxifahrer einmal den Weg am Smartphone etwas länger nachschauen muss, kann es schon einmal vorkommen, dass er mitten auf der Straße anhält, „und teilt damit die Masse wild hupender Autos hinter sich wie Moses das Meer.“

Kein Abenteuer ohne Lagerfeuerstimmung

In Marrakesch ging es dann hinein in die Souks, eine Art „Downtown“. Ein „enges und dunkles Labyrinth“, wie Gery es beschreibt. Dort befand sich sein Hostel. Mit Google Maps kommt man hier nicht weit. Stattdessen muss man auf „Locals“, also Ortsansässige vertrauen, die einen in dieses dunkle Labyrinth führen. Das Hostel selbst: wunderschön. „Ein umgebauter alter Palast mit Pool. Von der Dachterrasse aus konnte man am Horizont das schneebedeckte Atlasgebirge sehen.“

Nach und nach stießen jetzt die anderen Gruppenmitglieder der Sahara-Tour dazu. Denn alleine ging Gery nicht durch die Wüste. Zwölf weitere Mitstreiter hatte er. Dazu drei Local Guides und zehn Dromedare. Eine geführte Abenteuertour des Anbieters „Wandermut“.

Auch ein verlassener alter Militärposten diente der Gruppe als Übernachtungsort

Bald darauf ging es für die Gruppe mit einem kleinen Touribus sieben Stunden lang durch das Atlasgebirge und schließlich an den Rand der Sahara. Serpentinen und Schlaglöcher inklusive. Erste Station: M’hamid, eine kleine Oasenstadt. Dort wurde sich erst einmal vom örtlichen Tuchhändler ein Chech gekauft, also eine Art Kopfbedeckung. „Sehr wichtig in der Wüste als Sonnenschutz“, sagt Gery. „Und er schützt Augen, Nase, Mund vor Sand. Wenn man ihn nass macht, kühlt er sehr gut und funktioniert als Klimaanlage.“ In M’hamid wurde die Gruppe herzlich von Kindern empfangen, die auf ihren kaputten Fahrrädern stolz ihre Tricks vorführten.

Von M’hamid aus ging es dann nochmal eine Stunde hinein in die Wüste. Das erste Lager wurde aufgeschlagen. Das Lager: ein großer Teppich. „Je nachdem, wie die Locals die Wüste bzgl. Schlangen und Skorpionen einschätzten, durften wir mit unseren Schlafsäcken auch auf dem Teppich unterm Wüsten- sternenhimmel schlafen.“ Eine Erfahrung, die der 28-Jährige nicht mehr vergessen wird. Kein Vergleich mit dem lichtverschmutzten Himmel über Europa. „Eigentlich sieht man alle paar Sekunden eine Sternschnuppe – und so viel mehr Sterne“, schwärmt er.

It's a dog's life: Hundedame Mimi stieß im Laufe der Tour zur Gruppe - und wurde zur treuen Wegbegleiterin

12 Tage dauerte die Tour durch die Wüste. Insgesamt wanderte die Gruppe knapp 200 Kilometer, sowohl in der Steinwüste als auch in der Sandwüste. 40 Grad bei Tag, in der Nacht auch mal nur 3 Grad. So kalt wird es in der Sahara aber nur in der Sandwüste. In der Steinwüste ist es bei Temperaturen von 15-20 Grad nachts angenehmer.

Sisyphos lässt grüßen

Apropos Steine: für Gery die größte Schwierigkeit der Wüstentour. „Du machst 12 Tage keinen Schritt auf ebenem Boden, das beansprucht Knie und Sprunggelenke massiv.“ Die Steine: groß wie Tennisbälle. In der Sandwüste hingegen eine andere Herausforderung: eine Düne drei Meter hinauf, und drei Meter wieder hinab. Und wieder hinauf, und wieder hinab. Ein bisschen wie Sisyphos. Ganz zu schweigen davon, dass man im Sand natürlich immer wieder einsinkt und jeder Schritt damit anstrengender wird.
Wer jetzt aber glaubt, in der Wüste gäbe es nur Sand und Steine: falsch gedacht.

„Ich habe nicht damit gerechnet, auf so viel Leben zu stoßen“, sagt auch Gery. Esel, Dromedare, Gazellen, wilde Hunde und Skorpione gab es zu sehen. „In den Oasen – die wirklich aussehen wie in den Tausendundeine Nacht Geschichten – ist es dann nochmal um einiges krasser. Blühende Pflanzen, Dattelpalmen… ja, sogar ganze Seen gibt es. Und viele Frösche. Sehr überraschend, dafür umso schöner.“ Steinzeitliche Überreste wie Pfeilspitzen und Fossilien findet man auch überall.

1001 Nacht: eine Oase mitten in der Sahara

Auf Tiktok gibt es übrigens Videoclips des Abenteuers (@wandermut).

@wandermut Grüne Abwechslung in der Gelben Wüste🏜🦂 #sahara ♬ Cornfield Chase – Dorian Marko

Rohes Huhn in der Sahara? Kein Problem

Verpflegung und Ausrüstung schleppten zum Großteil die Dromedare. Das Essen… reichhaltig – und manchmal „gut abgehangen“, lacht Gery. Soll heißen: rohes Hühnchen wurde einfach mehrere Tage in der – logischerweise ungekühlten – Satteltasche der Dromedare transportiert. Für hiesige Verhältnisse undenkbar. Dort: Standard. „Man merkte schon, dass die Guides über uns verwöhnte Europäer lachen“, schmunzelt er. Aber es wurde auch alles so lange geköchelt, bis die größte Gefahr wohl gebannt war.

Und sonst: Brot wurde – im Sand – selbst gebacken. Zum Frühstück oft Omelette, auch Couscous, Reis, Eintopf, Erdnüsse und Datteln standen auf dem Speiseplan – und natürlich Pfefferminztee. An Oasen und Wasserlöchern wurden die Wasservorräte aufgefüllt. Desinfiziert wurde das Wasser mit speziellen Chlortropfen.

Ein ausgetrocknetes Flussbett

Was also bleibt nach unglaublichen Strapazen – aber auch herrlichen Erlebnissen und Eindrücken? „Das, was wir Europäer als Unzufriedenheit kennen, sind absolute Luxusprobleme“, sagt Gery. „Die Leute hatten dort, abgesehen von einer Lehmhütte, ein paar Ziegen und vielleicht noch einem Brunnen absolut nichts. Aber ich habe dennoch nie einen Europäer so glücklich gesehen wie die Leute dort sind.“ Man sieht „alles etwas lockerer, nicht so verbissen wie wir Deutschen.“ Die Menschen dort sind offen, herzlich. Man verstand sich – auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen.

Was man als Europäer auch nicht kennt: „Die Stille. Keine Autos, keine Flugzeuge, kein Industrielärm, kein Rauschen im Hintergrund. Es ist einfach nur still. Ich habe lange gebraucht, um mich wieder an die hiesigen Verhältnisse zu gewöhnen.“

Gerhard Liebchen (28) wohnt in Lenting

Würde er eine derartige Abenteuertour erneut machen? Da muss er nicht lange überlegen. Ein mögliches Ziel hat er auch schon vor Augen: auf Pferden durch die Mongolei. Dann ist vielleicht sogar Gerys Freundin Ipek mit dabei. Espresso lauscht auch dieser Geschichte gern. Werden Sie es wagen? Wir werden sehen.

Übrigens: der Handyempfang mitten in der Wüste war besser als in Lenting, lacht Gery. Das abschließend als Hinweis an alle, die für den Mobilfunkausbau in Deutschland verantwortlich sind.

WEITERE EINDRÜCKE AUS DER SAHARA

Mehr Fotos und kurze Reiseberichte findet ihr auf Gerys Instagram-Account @scapeandfight

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