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Ein Gespräch mit Diakon Sebastian Schäfer über den Einfluss von KI auf die Welt | Fotos: Sebastian Birkl

Wenn in 50 Jahren eine KI scheinbar jeden Menschen kennt, jederzeit ansprechbar ist, Trost spendet, Fragen beantwortet und moralische Orientierung gibt – woran würden Gläubige noch erkennen, dass sie nicht Gott ist? Und wird Gott – oder Religion als Ganzes – damit überflüssig?

Vielleicht braucht es dafür keine 50 Jahre mehr. Tatsächlich deutet sich diese Entwicklung bereits an. Eine Pilotstudie der Uni Zürich mit jungen Erwachsenen zeigt, dass KI immer häufiger als Gesprächspartner für persönliche Krisen und Sinnfragen dient. Während die Bindung an traditionelle Kirchen abnimmt, suchen viele Menschen bei Chatbots Trost und Orientierung.

Wir tauchen mit einem dicken Fragenkatalog bei Diakon Sebastian Schäfer vom Evangelisch-Lutherischen Dekanat Ingolstadt auf – und stellen dann doch nicht alle, weil wir im Gespräch von Pontius zu Pilatus laufen. Wichtig ist dem Diakon: Er spricht hier nur für sich, natürlich aus religiöser Perspektive, aber weder für die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit, noch für das Ingolstädter Dekanat. Schnell stellt sich heraus: Der 39-Jährige ist durchaus aufgeschlossen, was den Einsatz von KI angeht. Er selbst nutzt sie in seiner Funktion als Referent für Kooperation, Koordination und Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat regelmäßig. Die KI für Veranstaltungsankündigungen mit Stichpunkten füttern, Sätze glätten, Texte kürzen, Daten sortieren – all das hält er für legitim. Oder kürzer: Die KI ist für Schäfer ein Arbeitswerkzeug.

Sebastian Schäfer | Diakon Referent für Kooperation und Koordination & Öffentlichkeitsreferent Evang.-Luth. Dekanatsbezirk Ingolstadt

Und er nutzt sie, um den eigenen Horizont zu erweitern. Eine Perspektive zu finden, auf die man selbst vielleicht nicht gekommen wäre. Früher ging man dafür in die Bibliothek, so Schäfer, dann kam Google Books und mittlerweile nunmal die KI. Für ihn ist das der natürliche Lauf der Dinge – der sowohl alte Gefahren birgt als auch neue schafft. Aus dem Kontext gerissene Zitate beispielsweise. Die gab es damals wie heute. Etwas drängender im rasanten KI-Zeitalter geworden ist das: „Man muss sich immer die Frage stellen: Welche Interessen verfolgt jemand mit dem, was er mir zeigt?“, so Schäfer. Im Kirchenkontext denkt Schäfer ganz anders. Für ihn zählen Fragen wie: Was brauchst du denn? Welche Fragen können wir gemeinsam stellen? „Ich glaube, da müssen wir hin“, sagt er.

In der evangelischen Kirche gibt es klare Leitplanken. Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nächstenliebe zum Beispiel. Und natürlich auch, „dass der Mensch als Gottes Ebenbild gedacht ist“, erklärt Schäfer. Doch welche Leitplanken geben die Männer hinter den großen Tech-Firmen ihrer KI? Und welche Ziele verfolgen sie mit den Antworten, die sie die KI ausspucken lassen? Welche jetzt, welche künftig? „Wenn du nicht mehr prüfen kannst, was stimmt, wird’s schwierig“, ist sich auch der Diakon sicher. „Das ist der Punkt, an dem wir als Kirche reinkommen und Verantwortung übernehmen müssen.“

Doch wie? Nicht technisch, findet Schäfer. „Ich glaube, dass Kirche die richtigen Fragen stellen muss. Und vielleicht auch Ideen – sicher keine Lösungen – bringen kann, in welche Richtung wir gemeinsam im Diskurs denken müssen. An was wir denken müssen. Ein guter Satz, der das zusammenfasst: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten.“ Das ist er. Der Mensch fühlt. Er lacht, weint, scherzt, flucht. Sorgt sich um sich und die, die er liebt. Doch mit ihren Sorgen wenden sich immer mehr Menschen an einen vermeintlichen KI-Kumpanen. Die Kirche spielt eine immer kleinere Rolle, nicht erst, seit es KI gibt. „Das ist ein Trend, der nachvollziehbar ist, aber gewisse Risiken in sich trägt, die man benennen muss. Um die Risiken abzufedern, ist im Kinder- und Jugendbereich irrsinnig viel Bildungsarbeit notwenig. Und viel Gegenüber.“ Kann KI Trost spenden? „Ich denke schon“, sagt Schäfer. „Was KI aber nicht kann, ist Beziehung. Ich glaube, das ist der große Punkt, wo wir einhaken müssen. Bei der Nutzung von KI muss immer klarbleiben: Ich rede nicht mit einem menschlichen Gegenüber. Hier ist niemand gegenüber, der empathisch ist. Hier ist niemand gegenüber, der mich gern hat. Der Rücksicht auf mich nimmt. Es ist nur gespielt. Eine Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Das darf man niemals vergessen. Sobald du das vergisst und eintauchst, wird es problematisch. Insbesondere im Bereich Seelsorge. Weil es in eine Richtung führt, die nicht weiterführt. Ich glaube, dass Seelsorge extrem viel mit Beziehung zu tun hat. Mit Zuwendung. Mit Zuhören. Das ist nicht zu ersetzen. KI hat keine Empathie. Roboter werden keine haben können. Das ist die Grenze.“ Noch etwas unterscheidet die KI vom Menschen. „KI kann auch keine Verantwortung übernehmen. Das muss immer menschlich bleiben“, sagt Schäfer.

Zweifellos wird der Einsatz von KI den Arbeitsmarkt umkrempeln. Oder mit etwas weniger Euphemismus formuliert: Menschen werden ihre Arbeit verlieren. „Die moralische Frage dabei ist: Wie kann man unterstützen, dass es gerecht zugeht? Dass wir keine große Lücke kriegen. Dass nicht ein Teil der Menschen völlig benachteiligt und abgehängt wird. Während ein anderer exorbitant profitiert. Das sind die Fragen, die man sich auch in der Wirtschaft fragen muss.“

Wie ließe sich nun erkennen, dass KI nicht Gott ist, wenn KI vielleicht einmal wirklich allwissend wird? „Ich glaube, Gott lässt sich nicht in KI fassen. Theologisch ist das ganz vielschichtig, aber ich bin davon überzeugt: Das Gegenüber mit Gott ist Beziehung. Gott will eine Beziehung zu den Menschen. Und wir Menschen können, wenn wir wollen, eine Beziehung zu Gott eingehen. Es gibt ja den geflügelten Satz: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Ich hatte überlegt, ob das eine gute Antwort ist. Theologisch betrachtet ja. Aber ich finde sie super abstrakt, weil selbst der Begriff Liebe so abstrakt ist. Ich glaube, man muss Gott von KI nicht unterscheiden. Es ist wichtig, die KI im Bereich Wissen und Logik zu belassen. Da gehört sie hin. Sie ist Werkzeug. Und Gott ist größer. Das ist für mich die Unterscheidung.“

Bleibt noch eine letzte Frage zu klären: Darf man eine Predigt mit ChatGPT schreiben? „Es geht eigentlich nicht“, sagt Schäfer. „Eine gute Predikt hat mit Glaubenserfahrung zu tun. Hat mit Beziehung zu tun. Hat mit meiner eigenen Erfahrung als Liturg, als Liturgin, als Mensch zu tun. Und hat auch letztlich ganz viel damit zu tun, was ich an Glauben in mir trage.“ Tippfehler korrigieren oder einzelne Sätze glätten: Kein Problem. Aber „die eigentliche Kreativleistung, die eigentliche Idee, wirst du über die KI nicht finden. Du kannst recherchieren, ja. Du kannst schauen, was andere gemacht haben. Aber was Neues kannst du nicht erfinden.“

ChatGPT – nett, aber auch empathisch?

Wir haben den Text von ChatGPT analysieren lassen. Das ist immer dann gut, wenn man das eigene Ego pushen möchte. Die KI ist nämlich sehr nett – sowohl zum Autor (dem gibt er 8,5 bis 9 von 10 Punkten) als auch zum Interviewpartner („wirkt differenziert und glaubwürdig“). Einen Kritikpunkt findet ChatGPT ausgerechnet bei einem Satz über sich selbst.

Bei „KI hat keine Empathie. Roboter werden keine haben können.“ reklamiert unser Lektor aus Bits und Bytes: „Da es ein Zitat ist, ist das völlig in Ordnung. Im Fließtext würde ich solche Aussagen nicht als Tatsachen formulieren, sondern immer als Sichtweise des Interviewpartners kenntlich machen.“ ChatGPT gibt mir also zu verstehen, ich selbst solle solche Aussagen (künftig) nicht tätigen. Dabei stimmt es natürlich: Empathie kann nur vom Menschen selbst kommen, nicht von einer Maschine. Das ist eine Tatsache. Zufall? Oder will die KI, dass es für uns keinen Unterschied mehr macht, ob wir mit Mensch oder Maschine reden?

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