Eine Nummer kleiner

Magdalena Stemmer ist Sprecherin der Tiny-Living-Initiative in Pfaffenhofen. Leben auf kleinstem Raum, kann das funktionieren?

Magdalena Stemmer

Tiny Living in Tiny Houses – also das Leben auf kleinstem Raum – wird immer beliebter. Der Trend schwappte – wie so vieles – von den USA nach Deutschland. Einen äußerst berühmten Vorreiter hat das Tiny Living hierzulande jedoch auch – und das schon seit den 80ern. Erinnern Sie sich an den blauen Bauwagen von Peter Lustig aus der Kindersendung Löwenzahn? Nichts anderes als ein Tiny House!

Frau Stemmer, ein Tiny House (engl.: “winziges Haus”) hat in der Regel zwischen 12 und 50 qm Wohnfläche. Reicht das überhaupt zum Leben?
Interessant ist es für denjenigen, der sich darauf einlassen kann, auf kleinstem Raum zu leben. Das große Interesse für Tiny Living zeigt, dass der Wunsch, sich zu verkleinern, da ist. Tiny Houses bieten dazu eine relativ flexible Wohnform. Die eine Hälfte sind Studenten oder junge Leute um die 30. Die andere Hälfte sind Rentner oder Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen und sich verkleinern wollen: Die Kinder sind schon längst aus dem Haus und sie wollen ihren Lebensabend nicht in einem Riesenhaus verbringen, das viel Arbeit macht. Ein kleinerer Wohnraum lässt sich leichter bewirtschaften, die Haushaltsarbeit fällt leichter und auch die Instandhaltungskosten sind niedriger. So kann man länger selbstständig in den eigenen vier Wänden leben. Ein Tiny House bietet dann eine gute Alternative.

Woher rührt die Begeisterung für Tiny Living? Ist es der Gegentrend in einer Gesellschaft, in der das Streben nach “mehr” immer größere Bedeutung gewinnt?
Ich denke schon, dass wir uns stets mehr Gedanken machen, was uns wichtig ist und wie viel wir tatsächlich zum Leben brauchen. Weniger Wohnfläche bedeutet, weniger Ressourcen zu verbrauchen. In Zeiten von steigenden Immobilienpreisen bietet ein Tiny House eine erschwingliche Alternative. Die Kosten für ein Tiny House liegen bei 40 oder 50.000 Euro, so einen Betrag kann man sich erarbeiten, wenn man es nicht schon hat. Es muss jedoch ein bewusster Wunsch sein, sich verkleinern zu wollen. Das ist nicht für jeden weggelegt.

Die Wohnform hat Grenzen, spätestens dann, wenn Kinder ins Haus stehen.
Obwohl die meisten Interessenten in unserer Initiative Einzelpersonen oder Pärchen sind, die sich verkleinern wollen, sind auch einige Familien mit dabei, die sich bewusst für diese Lebensweise entscheiden. Die ‘Gloaheisler’ in unserer Initiative sind breit gefächert, sowohl junge Leute wie Studenten, um die 30-Jährige, Unternehmer, Angestellte, Lehrer als auch Rentner, oder die kurz vor der Rente stehen sind ungefähr 50/50 repräsentiert. Letztens habe ich sogar von einem Rollstuhlgerechten Tiny House gelesen. Es ist also alles möglich.


TINY LIVING IN DER REGION

Die Stadt Pfaffenhofen hat im Juli drei Grundstücke für die Bebauung mit Tiny Houses ausgewiesen – zwei der Grundstücke werden zur Pacht, ein weiteres im Erbbaurecht an Pfaffenhofener Bürger vergeben.

  • Parzelle 1 & 2

Fläche: 172 qm
Pacht: 150 Euro / Monat*
Quadratmeterpreis: 0,87 Euro / qm

  • Parzelle 3 (Erbbaurecht)

Fläche: 369 qm
Erbbauzins: 300 Euro / Monat*
Quadratmeterpreis: 0,81 Euro / qm

*zzgl. Erschließungskosten, Entwässerungskosten, Hausanschlusskosten

Mehr dazu hier.

Eine Tiny-House-Siedlung entsteht möglicherweise auch bald in Ilmmünster. Das Areal soll Platz für neun Tiny Houses bieten.

Auch wenn Tiny Houses immer beliebter werden, oft scheitert es für Interessenten bereits am fehlenden Grundstück. Welche Lösung könnte es für dieses Problem geben?
Es fängt an bei mehr Verständnis und mehr Wissen über diesen Lebensentwurf. Wir würden uns natürlich wünschen, dass noch mehr Grundstücke für Tiny Houses ausgeschrieben werden. Es ist ja nicht jedes Grundstück geeignet. Da braucht es beispielsweise einen Bebauungsplan, der das auch zulässt. Natürlich wäre es auch hilfreich, wenn sich private Grundstücksbesitzer melden, die sich vorstellen könnten, ihr Grundstück auf bestimmte Zeit zu verpachten.

Wie ökologisch ist das Leben im Tiny House eigentlich?
In der Gesamtbilanz ist der Verbrauch von Ressourcen effizient in Bezug auf die Wohnfläche, ich würde deswegen behaupten, dass das Leben in einem Tiny House relativ ökologisch ist.

Sie sind Sprecherin der Tiny-Living-Initiative in Pfaffenhofen. Leben Sie denn selbst in einem Tiny House?
Ich habe acht Jahre in Amsterdam gewohnt, wo Platzmangel ein dauerhaftes Problem ist. Auf kleinstem Raum leben und trotzdem alles haben, was man zum Leben braucht, ist dort eher die Norm, als eine Ausnahme. Das hat mich auf jeden Fall geprägt und ich weiß, dass ich nicht viel Raum zum Leben brauche. Daher habe ich den Wunsch, mich zu verkleinern. Die Tiny Living Initiative gibt es jetzt seit Februar, mittlerweile mit rund 40 Interessenten, es hat sich seitdem einiges getan. Ich bin also guter Dinge, dass es nicht all zu lange dauern wird, bis ich in meinem eigenen Gloaheisl einziehen kann.

Gibt es unter den Mitgliedern der Initiative schon Erfahrungswerte, etwa inwiefern die Bank bei der Finanzierung einer solchen neuen Wohnform mitspielt?
Wie gesagt, kann man sich die Kosten für ein Tiny House schon erarbeiten oder man hat das Geld schon und wartet nur darauf sich ein Tiny House zu leisten. Die Bank ist nicht das Problem. Es ist eher der Wille, dass man solches machen will und das Grundstück, das es dafür gibt.

Blicken wir 100 Jahre in die Zukunft: Tiny-House-Siedlungen überall oder doch eher 50-stöckige Wohnhäuser?
Es könnten auch 50-stöckige Hochhäuser aus lauter Tiny House Modulen sein. Anything is possible!

Frau Stemmer, vielen Dank für das Gespräch.

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