Zweite Blüte

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Zweite Blüte

Landschaftsarchitekt Paul Melia | Fotos: Stefanie Herker

PAUL MELIA GESTALTET LANDSCHAFTEN UND LEINWÄNDE

An Paul Melia kommt man in Ingolstadt eigentlich nicht vorbei. Vielleicht kennt nicht jeder sein Gesicht, wohl aber seine Handschrift. Als Landschaftsarchitekt bei der GWG Ingolstadt ebnet Melia seit Jahren Wege für andere. Ziemlich buchstäblich. Er entscheidet, wo Menschen laufen, wie Kinder spielen und wie sie fallen.

VON STEFANIE HERKER

Spielplätze, Außenanlagen, Übergänge. Alles soll funktionieren, möglichst unauffällig, angepasst an das Landschaftsbild. Gute Landschaftsarchitektur merkt man oft erst, wenn sie fehlt oder übertrieben ist. „Sie soll sich schlicht einfügen“, erklärt er. Sein eigenes Leben dagegen ist weniger durchgeplant.

"Mein Ziel war es anfangs, einen Witz auf Deutsch erzählen zu können, um gemeinsam mit den Leuten zu lachen. Es wird hier zu wenig gelacht, finde ich."

Paul ist Engländer, kommt aus Halifax. Und auch wenn er seit Jahrzehnten in Ingolstadt lebt – Halifax bleibt immer seine heimliche Heimat. So ein Ort verschwindet nicht, er legt sich eher wie eine zweite Haut unter alles andere. 1989 kommt er für ein Praktikum nach Deutschland. Später bleibt er schließlich.
„Das Ausland war für mich wie eine neue Geburt“, sagt er über Deutschland. Klingt groß, meint aber etwas sehr Konkretes: „Sprachbarrieren und eine doch etwas andere Kultur hier.“ Vielleicht erklärt das auch dieses T-Shirt mit der Aufschrift „Migrant“, das er immer noch häufig trägt. Kein Statement, eher eine Zustandsbeschreibung. Ein Gefühl.

Der gebürtige Engländer lebt hier mit seiner zweiten Frau Moni und seinen zwei Söhnen im Alter von fünf und sechs Jahren. Aus erster Ehe hat er bereits einen erwachsenen Sohn. „Ein Vorteil vom Papa-Werden im Alter ist, dass man viel gelassener ist“, sagt er. Moni ist 40, Geographin und ebenfalls als Landschaftsarchitektin tätig. Als sie sich kennenlernen, arbeitet sie mit ihm bei der GWG. Sie sehen sich täglich im Job. Zwei, die beruflich Karten lesen und Höhenlinien verstehen, die auf Augenhöhe und gleicher Wellenlänge sind – beruflich und privat.

Paul Melia geht zum Malen in den Keller. Bilder von ihm hängen aktuell im Schwedenschimmel in der Münchnerstraße, Ingolstadt.

Mit einer mehr als netten Geste legt Moni wohl den Grundstein für ihre Beziehung. Sie überlässt Paul ihre Wohnung, weil sie für drei Monate nach Südamerika geht und er gerade auf Wohnungssuche ist. Dabei sind die beiden eher Freunde, die sich ursprünglich sogar gegenseitig zu verkuppeln versuchten. Er soll für sie einen jungen Surfer auftreiben, sie für ihn jemanden in seiner Altersgruppe. „Aufgrund des Altersunterschiedes dachte anfangs niemand an eine Beziehung“, sagt der 61-Jährige, der seine zweite Blüte nun viel mehr genießen kann als seine erste. „Man war damals so lange zusammen wegen des Kindes.“ Seine erste Beziehung meint er. „Das ist jetzt ganz anders. Ich genieße die Zeit mit meiner Familie sehr.“

Schöne Familie, erfüllende Arbeit, abwechslungsreicher Alltag – und trotzdem – gibt Paul zu, ist er ein bisschen wie jemand, der den Ausgang noch nicht ganz findet. Manchmal kann er sein Glück schlicht nicht annehmen. Seine Lebenszeit in Halifax schwingt dabei mit. Er vermisst seine alte Heimat und seine Eltern, das verheimlicht er nicht. „Ich würde mir wünschen, dass ich meine Eltern öfter sehe. Und dass die Menschen hier öfter Spaß haben, lachen. Im Alltag, im Allgemeinen. Manchmal kommt mir hier vieles ernster vor, als es sein muss.“

Wenn alles zu viel wird, geht er in den Keller. „If I get lost, I draw“, erklärt er. Dann verschwindet er in seine heiligen Räume. Sein Atelier. Reset auf kleiner Fläche. Bunte Farben, keine Regeln.

Glück ist für den Künstler kein fertiger Zustand, sondern eher so etwas wie eine Baustelle. Fast fertig gepflastert, wieder aufgerissen.

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