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Was wollen wir uns leisten?
Die Stimme bricht, die Tränen steigen ihr in die Augen. Beate Diao steht an einem Freitagabend verloren auf der Bühne in der Harderbastei und blickt in die Menge. In diesen Tagen feiert sie mit ihrer Kunst- und Kulturbastei 20-jähriges Jubiläum. Eigentlich ein Grund zu strahlen, doch die Sparmaßnahmen der Stadt könnten das Aus für den Verein bedeuten. Was für Kinder und Jugendliche dadurch verloren ginge, wird an diesem Tag so sichtbar wie selten.
Es ist der 8. Mai. Ein Freitagabend in Ingolstadt. Die Harderbastei platzt aus allen Nähten. Die Sitzplätze: alle belegt. Daneben reihen sich weitere Zuschauer:innen. Ein Laufsteg zieht sich durch den Raum. Heute geht es um etwas. Nicht nur, weil es der Auftakt einer rund zwei Wochen dauernden Veranstaltungsreihe rund um das Jubiläum der Kunst- und Kulturbastei ist. Man will auch noch einmal deutlich machen, welcher Mehrwert hier für Kinder und Jugendliche seit vielen Jahren entsteht. Und man will: Das Ende der Kunst- und Kulturbastei abwenden.
Out of the Box lautet das Thema. Der Begriff stehe dafür, „manchmal Gewohntes über Bord zu werfen und Raum für neue Lösungsansätze zu schaffen“, wird Eileen Karl im Laufe des Abends erklären. Sie ist ehrenamtlich in der Kunst- und Kulturbastei tätig. Über 50 Kinder und junge Erwachsene aus dem offenen Jugendatelier und der Schneiderei der Kunst- und Kulturbastei sowie Schüler:innen des Reuchlin-Gymnasiums haben in den letzten Monaten Kostüme, Bilder, Skulpturen und Lichtobjekte aus Karton hergestellt, ergänzt Kiki Narracci. Auch sie arbeitet hier ehrenamtlich.
Der Abend jedoch beginnt mit Franz Wöhrl. Dem neugewählten zweiten Bürgermeister der Stadt. Auch für den Landwirt ist es in gewisser Weise ein Abend „out of the box“. Außerhalb seines gewohnten Umfelds. Die nächsten sechs Jahre kümmert er sich um die Bereiche Kultur und Bildung sowie Sport und Veranstaltungen. „Zum Teil Neuland“ und „eine Herausforderung“ wie er kurz vor seiner Wahl selbst zugab. Man wird ihn nun öfter auf solchen Veranstaltungen treffen.
„Die Kunst- und Kulturbastei ist in den vergangenen 20 Jahren zu einer wichtigen Anlaufstelle für viele Menschen geworden, die auf der Suche nach Kontakten und Gleichgesinnten sind und ein offenes, kreatives und soziales Miteinander schätzen“, erklärt Wöhrl bei der Jubiläumsfeier in der Harderbastei.
Diese Anlaufstelle könnte es bald nicht mehr geben. Denn Fakt ist auch: Die städtische Förderung wurde drastisch gekürzt – und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Bekam die Kunst- und Kulturbastei im Jahr 2023 noch 150.000 Euro vom Kulturreferat und 50.000 vom Jugendamt, wurde für 2026 die Unterstützung vom Jugendamt komplett gestrichen. Vom Kulturreferat kamen 2025 nur noch 90.000 Euro. Für 2026 steht eine weitere Kürzung um 40.000 Euro auf dann nur noch 50.000 Euro im Raum. Eine Nachfrage von espresso, wann diese Kürzung nun endgültig beschlossen werden soll, ließ das Kulturreferat bis dato unbeantwortet.
Insgesamt ergäbe sich damit eine Kürzung der Förderungen um 75 Prozent seit 2023. Beate Diao steht nun auf der Bühne. „Das bedeutet konkret, dass nicht mal eine Stelle übrigbleibt und die Kunst- und Kulturbastei nach 20 jahren…“ Hier bricht ihre Stimme, Tränen steigen ihr in die Augen. „…erfolgreicher Arbeit…“ Die Stimme bricht erneut. Der Satz will ihr einfach nicht über die Lippen kommen. Lauter Applaus brandet auf. „… so wie es im Augenblick aussieht, nicht mehr fortgeführt werden kann.“
Das Aus also für die Kunst- und Kulturbastei. Ein Projekt, das im Laufe des Abends von Bürgermeister Wöhrl, dem ehemaligen Kulturreferenten Gabriel Engert und Ulrike Meyer vom Bayerischen Landesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen überschwänglich gelobt wurde. „Für mich sind solche Institutionen kulturelle Kraftquellen der Stadt“, sagt etwa Engert. Er strengt den Vergleich mit einer Grundwasserquelle an. „Die sieht man auch nicht ständig, aber ohne Grundwasser kann man nicht leben und ohne solche Kraftquellen kann eine Stadt nicht existieren.“
Aber Lob allein reicht nicht. Auch politischer Wille ist nötig, um Kindern und Jugendlichen kulturelle Förderung zu ermöglichen. Aktuell funktioniert das nicht. Eine Kunst- und eine Medienpädagogin wurden in der Kunst- und Kulturbastei schon ausgestellt. Kunst- und Medienkurse für Kinder mussten daher gestrichen werden. Dabei hatte Diao andere – viel größere – Pläne. Der Umzug ins Haus D am Brückenkopf war geplant. Die Räumlichkeiten in der Bastei reichten nicht mehr.
„Wir waren voller Aufbruchstimmung“, sagt Diao. Über Bundesfördermittel sei ein Großteil der Einrichtung bereits finanziert gewesen. Nun stehen sie „bis heute originalverpackt“ herum. „Zusammen mit den Jugendlichen haben wir gebrauchte Möbel abgeschliffen und lackiert. Dann kam die Nachricht über die wegbrechenden Gewerbesteuereinnahmen von Audi und plötzlich ging nichts mehr voran – im Gegenteil. Zuerst wurden die freiwilligen Leistungen gekürzt, besonders bei Kultur, Sport und sozialen Einrichtungen. Also genau in den Bereichen, die eine Stadtgesellschaft zusammenhalten, Gemeinschaft stärken und demokratisches Zusammenleben fördern.“
Natürlich muss jeder in finanziell schwierigen Zeiten einen Beitrag leisten, das sieht Diao genauso. Aber: „Der Anspruch war zu sparen, ohne funktionierende und mit viel ehrenamtlichem Engagement aufgebaute Strukturen zu zerstören. Die Realität sah anders aus“, sagt sie. Besonders spürbar wird das in der Bastei.
Seit Gründung der Kunst- und Kulturbastei (übrigens zuerst in der Garage von Beate Diao mit Unterstützung von Eltern und Schwestern) wurden zahlreiche Projekte, Kurse und Aktionen mit Kindern und Jugendlichen organisiert und veranstaltet. Neben Kursen und Workshops für Kinder und Jugendliche in den Abteilungen Bildende Kunst und Schneiderei, brachte das Projekt auch die Stromlos Bigband (feiert 10-Jähriges), die Stromlos Combo, den PopIN Chor und zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen hervor.
„Kinder und Jugendliche dürfen nicht immer die Leitragenden unserer wirtschaftlichen Krisen sein. Welche Auswirkungen das langfristig hat, haben wir nach der Coronapandemie deutlich gesehen“, warnt Diao.
Kinder und Jugendliche bräuchten Räume, in denen sie sich „selbstbestimmt und konsumfrei treffen können“, fordert sie. Räume, in denen sie sich austauschen können, in denen sie wachsen und sich weiterentwickeln können – und auch mal scheitern dürfen. Vielleicht ist es auch wichtig zu erwähnen: Die Kunst- und Kulturbastei ist kein reines Spaßprojekt. Hier finden junge Menschen tatsächlich auch einen Karriereweg. Sei es in der Musik oder in Modedesign. Auch auf akademischem Level. Die Vergangenheit hat das immer wieder gezeigt.
Eine Stadt braucht auch ein Jugendangebot für kreative Köpfe
60 bis 80 Sportvereine gäbe es in Ingolstadt, sagt Diao. Auch hier werde mit viel ehrenamtlichem Engagement gearbeitet. „Aber es gibt auch viele Kinder und Jugendliche, die sich lieber kreativ beschäftigen und ausdrücken möchten. Und da sieht es mit den Angeboten schon sehr viel schlechter aus“, erklärt die Künstlerin. „Gerade in herausfordernden Zeiten brauchen wir dringend kreative Köpfe – und die muss man auch fördern. Je weniger analoge Räume es für Kinder und Jugendliche gibt, umso mehr drängt man sie in die digitalen Räume.“ Mit all ihren negativen Seiten.
Kulturelle Bildung und Förderung für Kinder und Jugendliche ist wichtig. Sie brauchen einen Raum, um sich kreativ entfalten zu können. Um selbst etwas erschaffen zu können. All das stimmt. Aber es klingt, so einfach heruntergeschrieben, auch sehr nüchtern. Und wird man damit dem gerecht, was all das auf emotionaler Ebene bedeutet? Daher eine Beobachtung von espresso an diesem Freitagabend. Junge Frau, hochgewachsen, schreitet mit eigens geschneidertem Kostüm mit langen Schritten auf dem Laufsteg. Die Modenschau war das Herzstück des Abends. Der Blick: Geübt. Wie man ihn von Topmodels kennt. Die Anspannung ist groß. Man merkt: Dieser Abend ist wichtig für sie. Etwa 15 Minuten später. Die Modenschau ist vorbei. Die Models stehen neben dem Laufsteg. espresso beobachtet. Plötzlich fällt alle Anspannung aus diesem Gesicht. Wird ersetzt von einem großen Strahlen. Wir blicken nach links auf die andere Seite des Raums und sehen eine ebenso strahlende Frau – wir nehmen an: die Mutter – die mit ihren Fingern Herzchen formt. Das ist es, was Projekte wie die Kunst- und Kulturbastei ausmachen. Kulturelle Förderung gibt mehr als Kulturverständnis. Sie gibt Selbstvertrauen. Fördert die Selbstbestimmtheit. Sie stärkt den Geist. Sie gibt etwas Unbeschreibliches, wovon junge Menschen ihr ganzes Leben lang zehren können. Lassen wir das sterben?
Beate Diao gibt ihre Kunst- und Kulturbastei (noch) nicht auf. Das wird in ihrem flammenden Schlussappell deutlich. Doch eine Frage bleibt: Wie viel ist all das dem neugewählten Stadtrat wert?
Was die Kunst- und Kulturbastei zum Jubiläum noch zu bieten hat, finden Sie hier.
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