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Den Süden fest im Blick: (Noch)Oberbürgermeister Christian Scharpf | Foto: Sebastian Birkl

Die Katze ist aus dem Sack: Oberbürgermeister Christian Scharpf will sein Amt vorzeitig aufgeben, um zurück nach München wechseln zu können. Es kommentiert espresso-Redakteur Sebastian Birkl.

Kommentar von espresso-Redakteur Sebastian Birkl

Als Christian Scharpf etwa zur Hälfte seiner Amtszeit als Ingolstädter Oberbürgermeister ein klares Bekenntnis zu einem Wiederantritt bei der Kommunalwahl 2026 vermissen ließ, kam das durchaus überraschend. Erst vor wenigen Wochen lichtete sich der Nebel. In der Münchner Presse war zu lesen: Scharpf könnte neuer Münchner Wirtschaftsreferent und damit einhergehend neuer Wiesn-Chef werden. Das Problem: Scharpf müsste sein Amt als Ingolstädter Oberbürgermeister vorzeitig niederlegen, um zurück in die Landeshauptstadt wechseln zu können. Gewählt für sechs Jahre, im Amt für fünf.

Mit dem heutigen Tag steht fest: er macht genau das. Seine Amtszeit als Ingolstadts Oberbürgermeister endet vorzeitig zum 28.02.2025. Zwar muss Scharpf im Oktober 2024 noch offiziell zum Münchner Wirtschaftsreferenten gewählt werden, das ist aber reine Formsache.

Um die Entscheidung Scharpfs zu bewerten, muss man sie trennen. Persönlich und politisch. Persönlich kann man Christian Scharpf nicht viel vorwerfen. espresso sprach ihn im März dieses Jahres auf die Kommunalwahl 2026 an. Schnell war klar: So spricht niemand, der plant, noch einmal kandidieren zu wollen. Scharpf argumentierte mit der schwierigen familiären Situation: Ehefrau und Kinder in München, er die meiste Zeit in Ingolstadt (auch wenn so mancher gerne das Gegenteil behauptete). Einmal mehr wird deutlich: Scharpf ist ein Familienmensch, der seine Kinder gerne um sich hat. Jetzt gibt es Karriere-Männer, die werden sich erst darüber bewusst, dass sie ihre Kinder nicht haben aufwachsen sehen, wenn diese längst erwachsen sind – und bereuen dann. Scharpf wird das nicht passieren.

In seiner langen Erklärung argumentiert Scharpf wenig verwunderlich genau so. Als „Karrieresprungbrett“ will er seine Entscheidung nicht verstanden wissen.

Natürlich hätte auch die Familie nach Ingolstadt ziehen können. Nur sind Scharpfs Ehefrau als Oberärztin und die gemeinsamen vier Kinder nicht weniger in München verwurzelt. Dass Scharpf also in den sauren Apfel beißt – die vorzeitige Aufgabe des OB-Amts wird sicherlich den einen oder anderen Kratzer hinterlassen – muss man ihm anrechnen. Und auch, dass hier nicht das klassische Rollenbild gelebt wird, in dem Frau und Kinder dem Mann zu folgen haben.

Dass Scharpfs Weggang ausschließlich private Gründe hat, wird der Wahrheit aber sicherlich auch nicht gerecht. So hätte man argumentieren können, wenn Scharpf bis zum Schluss geblieben wäre – und sich dann gegen eine erneute Kandidatur entschieden hätte. Scharpf hat in München Aufstiegschancen – auch wenn das auf den ersten Blick mit dem Wechsel von einem Oberbürgermeister zu einem Referenten nicht so aussieht. Für Scharpf in seiner neuen Position winkt einmal das Amt das Münchner Oberbürgermeisters. So liest es sich zumindest in der Münchner Presse. Zur OB-Wahl im März 2026 tritt Dieter Reiter (SPD) erneut an, 2032 könnte Scharpf dann als Nachfolger soweit in Position gebracht worden sein. Viel Spekulation, aber im Bereich des Möglichen. Aber auch das geht durch die Münchner Presse: Reiter, bei einer Wiederwahl fast 68, könnte bereits zur Halbzeit an Scharpf übergeben.

Hier ist man schon mittendrin in der politischen Seite von Scharpfs Entscheidung. Politisch betrachtet hinterlässt sie vor allem eines: verbrannte Erde. Schwer vorstellbar, dass die CSU der SPD den „Politicus interruptus“ nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag aufs Butterbrot schmieren wird. Aber viel wichtiger: Zahlreiche Scharpf-Wähler dürften schwer enttäuscht sein. Vor allem diejenigen, die ihn vor allem deswegen wählten, um der sehr langen und nicht ganz skandalfreien CSU-Rathauszeit ein Ende zu setzen. Aber auch gefestigte SPD-Wähler und Parteigenossen werden das vorzeitige Amtsende mindestens kritisch betrachten. Und ob man sich bei der SPD einen Gefallen getan hat, so lange gegen Scharpfs „München-Image“ angekämpft zu haben, um ihn dann verfrüht in einem großen Knall wieder genau dorthin ziehen zu lassen? Eines ist klar: Der neue OB-Kandidat der SPD wird viel Vertrauen zurückgewinnen müssen.

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