Zu Besuch bei Tilly & Lotte

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Zu Besuch bei Tilly & Lotte

Dieses Ölgemälde von Matthias Neuburger zeigt die befreundeten österreichischen Schauspielerinnen Lotte Lenya und Tilly Losch. Das Gemälde hängt groß in seiner Ingolstädter Altbauwohnung | Fotos: Stefanie Herker

Wie wohnt man, wenn man sich beruflich und privat ganz der kreativen Szene verschrieben hat? espresso-Chefredakteurin Stefanie Herker zu Besuch bei Matthias Neuburger.

Matthias Neuburger ist Musiker, Maler, Kunst- und Kulturliebhaber. In Ingolstadt kennt man ihn als Mitglied der Indie-Pop Band Slut und als Stellvertretenden Kulturamtsleiter sowie Leiter für Urbane Kultur im Kulturamt Ingolstadt. Er initiierte in Ingolstadt bereits große Projekte, die Wellen schlugen, wie etwa das Musiksozialprojekt Boomtown Rap. Bis auf seine Ausbildung als Heilpraktiker für Psychotherapie und Ayurveda-Therapist bezeichnet er sich selbst als Autodidakt in allen Bereichen. Er verschlingt Bücher und tobt sich aktuell mit der Öl-Malerei kreativ aus. Wir dürfen einen Blick in seine 80-Quadratmeter-Wohnung und in sein Atelier im Kap94 werfen. Und: Er verrät uns sogar noch ein kleines Geheimnis.

Die Dielen knarzen ein wenig auf dem Weg in Matthias Neuburgers Wohnung im zweiten Stock. Als sich die Tür öffnet, duftet es bereits angenehm nach Weihrauch. Räucherstäbchen. Ein kleiner Eingangsbereich führt zu Matthias‘ gemütlichem Wohnzimmer. Links der Türe wachen Tilly und Lotte in Öl. „Und das daneben ist die Heilige Corona“, erzählt Matthias. Die hat er im Corona-Lockdown zum Leben erweckt. „Die schaut so grimmig, weil ich die Zeit damals ganz schlimm fand“, erklärt er.

Die heilige Corona ist sauer

Matthias ist Leiter für Urbane Kultur in Ingolstadt. Der 47-Jährige hat bereits so einige Stationen hinter sich. „In meiner Jugend habe ich Bücher dem Schulunterricht vorgezogen“, erklärt er mit Blick auf sein raumhohes Bücherregal, das von Buddhistischer Psychotherapie über Herrmann Hesse bis hin zu Songtexten von Bob Dylan erzählt. Als Jugendlicher war sowieso kaum Zeit für Schule. Da war er erfolgreich mit der Band Slut unterwegs. Zusammen mit seinem älteren Bruder Chris und den Jungs René Arbeithuber, Gerd Rosenacker und Rainer Schaller: „Ich sprang manchmal direkt nach der Schule in den Tourbus“, lacht er. „Aber alles zu seiner Zeit, ich möchte keine 25 mehr sein“, stellt er klar.

Ein Blick ins Wohnzimmer

Mit 28 Jahren wurde er Vater. Zusammen mit seinem 18-jährigen Sohn lebt er nun in einer Männer-WG. Vom Rockstar zum Heiligen? Naja, nicht ganz. Aber gewissermaßen. Besonders angetan haben es dem Künstler nämlich Ikonenbilder. Unter Ikonen werden Kultus- und Heiligenbilder der Ostkirchen verstanden. In besonderer Weise die der orthodoxen Kirchen des byzantinischen Ritus. Die Ikonenbilder in seiner Wohnung hat er in traditioneller Handarbeit angefertigt, inklusive Eitempera, also Farbe auf Basis von Eigelb. „Das Werkstück aus Fichtenholz wird zuerst ausgehobelt, dann mit Kreide als Grundierung bedeckt, dann kommt die Farbe und das Blattgold zur Veredelung. „Dieses Ikonenhafte findet man in vielen meiner Werke wieder.“ Neben der Malerei spielt nach wie vor die Musik in Matthias´ Leben eine große Rolle. Aktuell lernt er Shakuhachi Flöte.

Ikonen haben es ihm angetan.

Er spielt außerdem Schlagzeug und Gitarre(n), drei davon lehnen hinter der Wohnzimmertüre. Er kramt seine Lieblingsschallplatten heraus: Saroos, eine Indieband, die in der Neuen Welt in Ingolstadt spielte, Wamono, Klänge der Shakuhachi Flöte, Bob Stanley and Pete Wiggs mit The Tears of Technology, Sonic Youth mit Daydream Nation und natürlich Slut, Alienation. Das war das letzte Album, an dem er als Schlagzeuger der Band beteiligt war. „Am allerliebsten höre ich Zuhause allerdings klassische Musik zur Entspannung.“ Sein Lieblingsplatz in seiner Wohnung? – „der rote, große Teppich vor meinem Bücherregal. Momentan lese ich Hey guten Morgen, wie geht es Dir von Martina Hefter.“

ATELIER IM KAP94 | Ein kreativer Raum, den er sich mit dem Künstler Daniel Lange teilt

Und was beschäftigt den durchaus Beschäftigten sonst so? „Marieluise Fleißer beschäftigt mich momentan sehr! Ich werkle gerade an einem großen Ölgemälde von ihr.“ Dieses steht im KAP94. Auffällig bei der Fleißer ist vor allem der Hintergrund, der Spekulationen zu lassen könnte. Neuburger verrät nur soviel: „Ich wünschte, Marieluise Fleißer würde in Ingolstadt mehr gewürdigt werden.“

Eine Frage haben wir da noch: Wie steht es eigentlich um eure Band Slut? „Von der kompletten Slut-Besetzung gibt es momentan nichts. René ist als A certain someone gerade solo unterwegs, aber mein Bruder Chris, Rainer und ich haben zu dritt ein neues Projekt am Start. Fünf neue Songs wollen wir bis zum Herbst der Öffentlichkeit vorstellen. Wir wollten mal etwas anderes machen. Ich finde, es klingt eher gar nicht nach Slut. Chris singt auf Deutsch und es geht in eine etwas andere Richtung.“

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