Wir sind bunt und wir sind viele

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT). Manuela Häusler, Vorsitzende des Vereins Queer Ingolstadt, spricht mit espresso über Vorurteile, das Verbot der “Konversionstherapie” und ihr eigenes Coming Out.

Manuela Häusler

1. Vorsitzende Queer Ingolstadt e.V.
Manuela Häusler ist 29 Jahre alt, in Großmehring aufgewachsen und wohnt in Ingolstadt. Sie ist Erzieherin und Sozialpädagogin und arbeitet in einer städtischen Kita.

Manuela, du bist 1. Vorsitzende des Vereins Queer Ingolstadt. Wofür steht der Verein und welche Ziele habt ihr euch gesetzt?
Queer Ingolstadt e.V. setzt sich dafür ein, die Öffentlichkeit über die Lebensbedingungen queerer Menschen aufzuklären und Akzeptanz zu schaffen. Das Aufzeigen, dass – hingegen verbreiteter Meinungen – eine volle rechtliche Gleichstellung dieser Gruppen in Deutschland nicht gegeben ist und somit Diskriminierung für viele von uns alltäglich ist, ist ein weiteres großes Ziel des Vereins. 

Außerdem wollen wir Ansprechpartner für junge Menschen bei der Selbstfindung ihrer Sexualität sowie für jene, die Probleme mit ihrer sexuellen Orientierung haben und deren Angehörigen sein.

Wir wollen Community bilden und Initiativen vernetzen. Mit dem Verein wollen wir eine Stütze sein. Wir möchten die Message vermitteln „Ihr seid ganz normal“, viele stehen hinter und neben dir. Wir sind bunt und wir sind viele. Des Weiteren steht der Verein natürlich ebenso all denen mit offenen Armen gegenüber, denen ganz einfach Toleranz wichtig ist und die gerne unterstützen möchten.

Wie viele Mitglieder habt ihr aktuell?
Wir haben uns im Dezember 2019 aus dem Aktionsbündnis um den ersten Ingolstädter Christopher-Street-Day gegründet. Wir haben über 20 Gründungsmitglieder und seit kurzem ist es nun endlich – nach einigen Hürden – möglich, Mitglied im Queer Ingolstadt e.V. zu werden.

Auch im Internet seid ihr vertreten.
Unsere Homepage befindet sich noch im Aufbau. Am 17.5.2020 wird sie erstmals online gehen. Hier werden sich zunächst Informationen über den Verein finden. Geplante und vergangene Aktionen werden genauso präsent sein wie unser Mitgliedsantrag und Kontaktdaten. Außerdem ist langfristig geplant Infomaterial einzupflegen und über die Szene in Bayern zu informieren. Was ist geboten? Welche Bars gibt es und welche Events und CSDs finden statt? Es bleibt also spannend und es ist empfehlenswert die Neuerungen auf der Homepage regelmäßig zu überprüfen. Wir freuen uns auch hier um Vorschläge, Kritik und Beiträge, welche uns gerne zugesendet werden können.

I can't think straight - Momentaufnahme des 1. Ingolstädter CSDs

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT). Laut einer Mitte Mai veröffentlichten Studie leben in Deutschland fast die Hälfte der Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen ihre sexuelle Orientierung nicht offen aus. Mit welchen Vorurteilen/Problemen sehen sich Nicht-Heterosexuelle auch heute noch konfrontiert?
Erste Probleme lassen sich bereits im alltäglichen Sprachgebrauch finden. Worte wie Schwuchtel oder Kampflesbe begegnen in der Gesellschaft regelmäßig. Dies kann gerade Jüngere schwer treffen, da sie während ihrer Identitätsfindung in ihrer Identität abgewertet werden.

Viele haben aber auch Angst davor durch ihr Coming Out beispielsweise berufliche oder gesellschaftliche Nachteile zu erfahren. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass es auch in Ingolstadt, gerade in durch Männer dominierten Betrieben nach dem Outing häufig zu Mobbing, Ausgrenzung und weiteren Übergriffen kommt. Hierbei ist es egal, ob sich die Betroffenen als lesbisch, schwul, trans, etc. geoutet haben. Sprüche wie „Du musst einfach gscheid reiten lernen“ oder „Da hat wohl jemand zu viel mit Puppen gespielt“ gehören leider zur Tagesordnung.

Auch in Sportvereinen fällt ein Outing oft schwer. Ein Fußballer hat in den Augen vieler nicht schwul zu sein. So hält man lieber mit dem Outing zurück als Gefahr zu laufen ausgeschlossen zu werden.

Es ist also noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, um solche Situationen im Keim zu ersticken.

Blickt man nun auf Regenbogenfamilien, welche das Coming Out bereits durchlaufen haben, zeigen sich auch hier noch einige Probleme. Als Beispiel sei genannt, dass selbst wenn ein Kind geplant in einer homosexuellen Beziehung (über Kinderwunschkliniken oder privaten Spenden) zur Welt kommt, es nicht wie Kinder in heterosexuellen Partnerschaften von Beginn an zwei rechtliche Elternteile hat. In heterosexuellen Ehen wird der Ehemann automatisch als Vater in die Geburtsurkunde eingetragen, egal ob leiblicher Elternteil oder nicht. Der Ehemann ist auch während der Schwangerschaft dazu berechtigt Entscheidungen über das ungeborene Baby zu treffen, wenn die Mutter dies nicht mehr kann.

Regenbogenfamilien müssen hierfür erst einen nervenaufreibenden Weg der Stiefkindadoption auf sich nehmen, indem geprüft wird ob das Paar in der Lage ist das Kind zu erziehen.

Bis dahin hat das Kind nur einen rechtlichen Elternteil. Passiert diesem nun etwas hat der andere keinerlei Rechte am Kind. Dies ist mehr als diskriminierend und wohl nicht im Sinne des Kindeswohls.

Du selbst bist lesbisch. Welche Erfahrungen hast du bei deinem “Coming Out” gemacht? Wie alt warst du damals?
Ich war bei meinem Outing 22. Rückwirkend gesehen war ich damit relativ spät dran, da ich im Nachhinein betrachtet immer mehr Interesse an Frauen gezeigt hatte als an Männern. Das war mir selbst nur lange nicht klar. 

Und dann wurde es mir von einen auf den anderen Moment, im Gespräch mit einer Freundin, bewusst.

Ich denke allerdings, dass dieser Teil des Coming-Outs bei vielen der Schwierigste ist. Das sogenannte “innere Outing”, dieses selbst herausfinden und auch annehmen, dass man anders tickt als die Norm.

Das äußere Coming Out hat nie ein Ende, mit jedem Menschen, den man näher kennenlernt, jeder der nach dem Partner fragt, jedes Formular, bei dem man seinen Partner angeben muss, stellt einen wieder vor ein Outing. Ich muss gewiss sagen, dass ich relativ wenig negative Erfahrungen gemacht habe, mal bei der Besichtigung einer Wohnung, mal abends beim Weggehen, oft versteckt hinter dem Pc im Internet. Im Großen und Ganzen sind unsere Mitbürger*innen allerdings sehr aufgeschlossen und wertschätzend.

Wie beurteilst du die Unterstützung der hiesigen LGBT*QI-Community durch die Stadt Ingolstadt? Welche Angebote gibt es?
Wir sind in regem Austausch mit der städtischen Gleichstellungsstelle. 

Die Unterstützung von dieser Seite ist sehr groß und man merkt auch, dass unsere Belange ernst genommen werden. Hinsichtlich der neuen Stadtspitze erhoffen wir uns und freuen uns auf eine gute, effektive Zusammenarbeit. 

Ein großer Schritt war es, dass dieses Jahr der Eingang des Rathauses erstmals von bunten Flaggen geziert wird.

Hinsichtlich der Angebote für Menschen, die der LGBT*QI-Gesellschaft angehören ist es in Ingolstadt allerdings noch sehr mau gesät.

Für Beratungsangebote müssen beispielsweise weite Wege in andere Großstädte auf sich genommen werden. Uns ist es wichtig konstruktiv mit der Stadt dort Beratungsangebote zu anzuregen, wo sie besonders gebraucht werden, beispielsweise in Schulen, Anker- oder Familienzentren. In Ingolstadt finden sich erfreulicherweise immer mehr „nicht städtische“ Gruppen, welche zum Austausch dienen – so zum Beispiel der queere Rainbow Stammtisch oder die Jugendgruppe NotINrange. Auch eine Szene-Bar, das Rainbow No2, hat letztes Jahr wieder seine Tore geöffnet.

Hissen der Regenbogenflagge am Rathaus: Manuela Häusler im Interview mit tv.ingolstadt

Der Bundestag beschloss im Mai ein Verbot der “Konversionsbehandlung” bei Minderjährigen. Kritikern geht das Verbot nicht weit genug, sie fordern ein höheres Schutzalter. Wie ist dein Standpunkt zum Verbot?
Zuallererst finde ich es erschreckend, dass es im Jahre 2020 in einem Land wie Deutschland noch notwendig ist, zu verbieten, Homosexuelle mit dubiosen Therapien „umzupolen“. 

Homosexualität ist keine Krankheit und somit auch nicht behandlungsbedürftig. 

Die Konversionstherapie richtet seine Angebote besonders an Heranwachsende und Jugendliche – man befindet sich in einer sehr sensiblen Phase, in der man seine eigene Sexualität kennenlernt. Ich möchte mir nicht vorstellen, was das mit den Heranwachsenden macht. Das Verbot ist meiner Meinung nach längst überfällig gewesen. Und ich pflichte Kritikern hier bei. 

Es sollte nicht nur bei Minderjährigen und bei Personen, bei Personen deren Einstimmung auf Täuschung, Zwang oder fehlender Aufklärung beruht, sondern generell verboten sein in Deutschland Konversionstherapien durchzuführen.

Allein schon die Begrifflichkeit „Therapie“ ist eine Farce, da diese eine Krankheit suggeriert. Solange es in Deutschland noch erlaubt ist solche Dinge zu praktizieren, kann für Mitglieder der LGBT*QI-Gesellschaft kein gleichberechtigtes, normales Leben einkehren.

Der CSD steht im Corona-Jahr auf wackligen Beinen. Wie sehen eure derzeitigen Planungen aus und wann wird es eine Entscheidung geben?
Zunächst haben wir unseren CSD ziemlich früh schon in den September verschoben. Leider ist es nach wie vor recht ungewiss ob eine Veranstaltung in der Größenordnung des CSDs im Herbst schon stattfinden kann. Zumal wir mit einem größeren Ansturm rechnen müssten, da die Städte in der Umgebung ihren Christopher-Street-Day weitestgehend abgesagt oder ins Internet verlegt haben.

Wir planen derzeit mehrere kleine Aktionen, die mit den Corona Richtlinien konform gehen. Wir möchten niemanden gefährden, dennoch unsere Aufgabe der Aufklärung wahrnehmen.

Als erste Aktion haben wir am 16.5.2020 am Ingolstädter Wochenmarkt anlässlich des IDAHOBIT bunte Behelfsmasken mit Regenbögen an die Bevölkerung verteilt. Weiterhin ist im Gespräch eine Publikation mit verschiedenen queeren Themen an die Haushalte zu verteilen, hierfür sind wir allerdings noch auf Spenden angewiesen.

Weiterhin könnten wir uns, unter Einhaltung der Leitlinien des Infektionsschutzes, auch ein queeres Picknick oder einzelne Mahnwachen anstelle einer Demonstration vorstellen.

Welche Aktionen wir aber tatsächlich realisieren, werden wir gemeinsam mit der Community in einer Orgateamsitzung via Internet besprechen. Der CSD 2019 wurde von einer breiten Community organisiert und deshalb werden auch die Entscheidungen 2020 in dieser großen Runde getroffen werden. Mit Ideen oder Anregungen kann man sich gerne jederzeit an info@queer-ingolstadt.de wenden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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