From Coast to Coast

Auf den Start der Reise an der Westküste in St. Bees freuen sich (v.l.): Franz und Nicola Spitzauer mit Petra und Christian Hohenleitner aus Wolnzach. | Text: Sabine Kaczynski | Fotos: privat

Nicola & Franz Spitzauer wanderten in 16 Tagen rund 320 Kilometer quer durch England.

Die Idee eines Fernwanderweg-Urlaubs spukte schon länger in den Köpfen von Nicola und Franz Spitzauer herum. Im Mai war es dann endlich soweit: Gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar machten sie sich auf zum Coast to Coast Walk, der einmal quer durch den Norden Englands führt – von St. Bees im Westen bis nach Robin Hood’s Bay im Osten.

Deutsche trifft man kaum auf dieser Strecke, schon eher Australier und Neuseeländer, wie der Ex-FCI-Geschäftsführer erzählt, der jetzt Audi Events und Services leitet. „16 Tage, 192 Meilen und 11.000 Höhenmeter – das klang nach Spaziergang. Aber wir wurden eines Besseren belehrt“, schmunzelt der 57-Jährige, der inzwischen, ordentlich Respekt vor solchen Routen hat.

Denn die komplette Wanderung war ein ziemliches Abenteuer, die Wege sind teilweise nicht befestigt, eine richtige Ausschilderung des Walks gibt es nicht: „Wir erlebten auf der Strecke durch die Hochmoore einen Wettersturz, die Bäche schwollen an und wir wussten nicht genau, wo man hinmuss“, schildert Spitzauer die heikle Situation, die durch Teamwork gelöst wurde.

Denn die Vier hatten sich für diesen Wegabschnitt mit einem australischen und einem kanadischen Pärchen zusammengetan: „Es war schön zu sehen, wie sich plötzlich ein Gruppenzusammenhalt entwickelte und man das Problem gemeinsam meisterte“, erinnert sich der Ingolstädter, der schließlich wie die ganze Truppe nicht nur vom Regen, sondern auch vom Bachlauf, der irgendwie durchschritten werden musste, patschnass wurde und dementsprechend vor allem hochwertiges und wasserdichtes Schuhwerk empfiehlt. 

DAS SABATICAL IST SCHON BEWILLIGT!

Knorrige Bäume und Englands weite Landschaften wirken in Schwarz-Weiß besonders imposant

Auch von weiteren Challenges wie Bullen auf zu kreuzenden Wiesen, einer zu überquerenden vierspurigen Schnellstraße oder Bahnübergängen mit der Anweisung: „Stop – Look – Listen!“ ließen sich die Vier nicht abschrecken.

Denn trotz solcher Widrigkeiten sei der Weg sensationell, man sehe über Stunden nur Natur und keine Menschenseele, schwärmt der Geschäftsführer – aber: „Man hat auch über weite Strecken kein Netz. Die Notrufnummern, die man unterwegs bekommt, helfen dann auch nicht weiter, sollte tatsächlich etwas passieren“, so Spitzauer angesichts einiger Passagen, bei denen man durchaus „etwas alpine Erfahrung benötigt“, wie er betont.

„Es gibt Klettersteige, die jemand mit Höhenangst sicher nicht bewältigen kann“, beschreibt der 57-Jährige die Herausforderungen, zumal „die Strecke ja alternativlos ist, wenn man einmal losgelaufen ist“, so der Ingolstädter, der froh ist, dass die vier Wanderer die Bed-and-Breakfast-Stationen vorgebucht hatten.

„Spontan hätten wir keine Unterkunft gefunden. Nach zwei Jahren Corona waren alle Zimmer belegt, zudem feierte die Queen ihr 70-jähriges Thronjubiläum“, erläutert Spitzauer, der während der Tour mit seiner Gruppe eine tägliche Routine entwickelte: „8 Uhr Frühstück, Lunchpaket einpacken, denn unterwegs gibt es keine Möglichkeit zur Einkehr. Route und Wetter checken und um halb 9 Abmarsch. Dann wanderten wir eine Strecke von 14 bis 30 km in fünf bis sieben Stunden und spätestens um 21 Uhr fielen wir müde ins Bett“, beschreibt der 57-Jährige und gibt lachend zu, dass zudem hin und wieder „zusätzlich eine Ibu 600 gegen den Muskelkater“ vor dem Aufbruch eingeworfen wurde.

„Aber es wird mit jeder Etappe besser. Die ersten Tage waren unglaublich anstrengend, aber man gewöhnt sich schnell an die Belastung, findet seinen Rhythmus und die Kondition nimmt zu“, so der Ingolstädter, der den Abschnitt im Westen durch den Lake District mit instabilem Wetter, viel Regen, Bergen und Mooren als am schwierigsten und herausforderndsten bezeichnet: „Ich bin froh, dass wir diese Etappe gleich zu Beginn der Tour hinter uns gebracht haben“, grinst der 57-Jährige.

MIT EINEM STEINWURF ENDET DIE REISE

Und was waren die Highlights? „Besonders schön war die Strecke entlang der Klippen, aber auch die Weite des Landes sowie die alten Städte mit ihren Steinmauern und Brücken haben mich beeindruckt. Zudem sind die Menschen unglaublich sympathisch und offenherzig“, berichtet Spitzauer, der beim abendlichen Pubbesuch viele andere Wanderer kennengelernt und mit ihnen über Themen von Fußball bis Boris Johnson geplaudert hat.

Am allerschönsten war für ihn jedoch der traditionelle Abschluss des Coast to Coast Walks: Man muss in St. Bees einen Stein mitnehmen und an der Ostküste in die Nordsee werfen. „Dieses Ritual war der Höhepunkt dieser Reise, denn wir wussten: Jetzt haben wir es geschafft“, sagt Franz Spitzauer, der noch nicht sicher ist, welches Reiseprojekt er mit seiner Frau Nicola als nächstes angehen wird. Eines ist aber sicher: „Das Sabbatical ist schon bewilligt!“

Weitere Eindrücke von der Reise

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