Der Berg hat ihn wieder

Eine plötzliche Erkrankung setzte Michael Füchsles Karriere als Profikletterer 2005 ein jähes Ende. Die Ärzte erklärten den Schrobenhausener damals zum Pflegefall. Wider aller Erwartungen kämpfte er sich zurück ins Leben – und an den Felsen.

Viele Jahre lang kannte Michael Füchsle nur eine Richtung: steil nach oben. Schon als Kind wusste er, dass er eines Tages das Klettern zum Beruf machen würde. Bei Wandertouren mit seinen Eltern in den Alpen war er fasziniert von den Kletterern, die damals noch ohne den Komfort heutiger Sicherungssysteme in den Felsen
hingen. Sie kamen ihm vor wie echte Superhelden und er wünschte sich nichts sehnlicher als einer von ihnen zu sein. Von seinem Taschengeld kaufte er sich die ersten Haken und unternahm zusammen mit seinem Vater die ersten Kletterversuche am Kletterfelsen in Konstein.

Als er mit 14 Jahren die Schule beendete, wollte er seinen Kindheitstraum von einer Profikletterer-Karriere in die Tat umsetzen. Seine Eltern unterstützten ihn bei seinem Vorhaben unter einer Bedingung: Würde er innerhalb eines Jahres kein Geld verdienen, müsste er eine Ausbildung beginnen. “Hätte ich es damals nicht geschafft, wäre ich heute wahrscheinlich Gas-Wasser-Installateur oder etwas ähnlich Bodenständiges”, erzählt Michael. Aber er kämpfte für seinen Traum, schrieb einen Wanderführer für Konstein, mit dem er tatsächlich sein erstes eigenes Geld verdiente. Gleichzeitig kletterte er fleißig weiter, scheute keine Herausforderung und so wurden mit der Zeit immer mehr Sponsoren auf ihn aufmerksam.

Nichts mehr wie früher

Michael lebte seinen Traum, bis eines Tages eine Diagnose sein Leben auf den Kopf stellte: “Colitis Ulcerosa”, eine Darmentzündung, deren genaue Ursache bis heute unbekannt ist. Seitdem muss er täglich Cortison zu sich nehmen. Trotz der Erkrankung kletterte er jahrelang weiter, machte sich einen Namen in der Szene, bis sein  gesundheitlicher Zustand sich 2003 drastisch verschlechterte. Die Cortison-Dosis musste verdoppelt werden. Eines Nachts im September 2005 wurde er plötzlich von so starken Schmerzen heimgesucht, dass er um sein Leben bangte. Seine damalige Lebensgefährtin fuhr ihn sofort zu seinem Hausarzt. Fatalerweise diagnostizierte dieser jedoch nur Blähungen bei seinem Patienten und schickte ihn wieder nach Hause. Ein Fehler, der Michael fast das Leben gekostet hätte. Glücklicherweise blieb seine Freundin über Nacht bei ihm. Denn schon wenig später erlitt er einen Darmdurchbruch und musste notoperiert werden. Die Ärzte entfernten Teile seines Darms und setzten einen künstlichen Darmausgang. Als Folge der Operation landete Michael im Koma, erst nach 16 Tagen erlangte er das Bewusstsein zurück. Er war vom Hals abwärts gelähmt. “Komischerweise war ich ganz relaxt, als ich aufgewacht bin”, erzählt Michael. Es dauerte eine Weile, bis er seine neue Lebenssituation begriffen hatte. “Man musste mich Füttern und Waschen wie ein kleines Kind.” Die Ärzte machten wenig Hoffnung. Sie erklärten den Eltern, dass ihr Sohn wahrscheinlich ein Pflegefall werden würde. Dass er je wieder gehen oder gar klettern können würde, davon hat damals niemand zu träumen gewagt. Mit einem Mal brach Michaels Welt in sich zusammen.

Obwohl er durch intensive Reha-Maßnahmen allmählich die Lähmungen ablegen konnte, fiel Michael in ein tiefes Loch. Seine damalige Lebensgefährtin trennte sich von ihm, viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab. Jahrelang war er bettlägrig und wollte das Haus nicht mehr verlassen. Er fand keinen Antrieb, beraubt von seinem Lebenselixier konnte er sich für nichts mehr begeistern. Der Fernseher und der Alkohol wurden zu seinen ständigen Begleitern. Es war vor allem die Scham, die ihn nicht mehr vor die Tür gehen ließ. Er schämte sich für seinen künstlichen Darmausgang.

Die Kehrtwende

“Hätte ich dann nicht meine heutige Freundin kennengelernt, wäre es für mich anders ausgegangen”, erzählt Michael. Er lernte Marion über ein soziales Netzwerk kennen, mit ihr konnte er über alles reden, sogar über seinen künstlichen Darmausgang. Seine Behinderung war kein Problem für sie. Marion sorgte für den nötigen Funken Lebenskraft, den Michael gebraucht hatte, um sich aus seiner Resignation zu befreien. Er kämpfte sich zurück, nahm wieder am öffentlichen Leben teil. Bei einer Wanderung im Bayerischen Wald kamen sie eines Tages an einer Kletterwand vorbei. Michael hatte eigentlich schon mit dem Klettern abgeschlossen, doch Marion drängte ihn dazu, es doch noch einmal zu probieren. Als Michael das erste Mal seit vielen Jahren wieder die Hand an den Felsen legte, kamen sofort die Erinnerungen zurück an die Zeit, als alles noch gut war. Michael tastete sich langsam wieder ans Klettern heran. Viele Bewegungsabläufe musste er neu lernen, Muskeln neu aufbauen, sein Selbsvertrauen zurückerlangen. Das Klettern entwickelte sich schnell wieder zu seiner Lieblingsbeschäftigung.

2015, nach fast 15 Jahren Wettkampfpause, nahm er an seinem ersten Wettkampf für Kletterer mit Handicap teil. Der gute 5. Platz motivierte ihn, weiterzutrainieren. Seitdem nimmt er wieder regelmäßig an Wettkämpfen in der ganzen Welt teil. Für 2020 hat er ein Buch geplant, in dem er seine Lebensgeschichte erzählt. Sein altes Leben hat Michael Füchsle zwar nicht zurückbekommen, zu groß sind die Einschränkungen. Aber er hat seine große Leidenschaft wiedergefunden und damit auch sein persönliches Glück.

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